Konditionierung

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Der Begriff Konditionierung stammt aus dem Bereich der Psychologie. Man unterscheidet hier die klassische Konditionierung und die instrumentelle oder operante Konditionierung.

Konditionierung findet in erster Linie beim Lernen und der Erziehung Anwendung. Kritiker empfinden die Betrachtungsweise der Konditionierung als zu einseitig, weil zu viele andere Formen des Lernens dabei außer Acht gelassen werden oder sogar gefährlich, wenn Lernen in Dressur ausartet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Konditionierung?

Der Begriff der Konditionierung stammt aus der Lernpsychologie. Grundsätzlich handelt es sich dabei darum, bestimmte Reaktionen durch bestimmte Reize zu erreichen.

Unterschieden werden dabei die klassische Konditionierung und die instrumentelle beziehungsweise operante Konditionierung. Bei der klassischen Konditionierung wird ein zunächst neutraler Reiz wiederholt mit einem Reiz gekoppelt, der von sich aus eine bestimmte Reaktion auslöst; nach einiger Zeit löst dann bereits der zuvor neutrale Reiz die körperliche Reaktion oder Verhaltensreaktion aus. Das erste Beispiel dieser klassischen Konditionierung waren die Pawlowschen Hunde. Iwan Petrowitsch Pawlow entdeckte diese Reaktionen zufällig und verfeinerte diese Beobachtung dann durch ein Experiment, indem er vor der Verabreichung von Futter an seine Laborhunde immer dasselbe akustische Signal ertönen ließ. In der populären Darstellung ist dieses Signal eine Glocke; in Pawlows Versuchsprotokollen finden sich dagegen vor allem ein Metronom, daneben Summer, Stimmgabeln und Lichtreize.

Er erreichte damit bei seinen Versuchshunden, dass bei diesen schon vor dem Verabreichen des Futters ein Speichelfluss einsetzte. Die instrumentelle oder operante Konditionierung geht immer von einem bereits vorhandenen Grundverhalten aus, das spontan auftritt. Durch Belohnung oder Bestrafung – in der Lernpsychologie Verstärkung und Bestrafung genannt – ist es möglich, ein Verhalten durch Verstärkung zu erhöhen oder durch Bestrafung zu verringern.

Funktion, Wirkung & Ziele

Die klassische Konditionierung kann zwar gezielt im Experiment eingesetzt werden, ist aber in dieser Form für das Lernen in Schule und Erziehung weniger bedeutsam als die operante Konditionierung. Sie dient dort vor allem als Erklärungsmodell für zuvor nicht verstandene Verhaltensweisen.

Nützlich sind diese Erkenntnisse vielmehr häufig bei der Aufklärung psychosomatischer Beschwerden. So kann es unbewusst in angsteinflößenden Situationen durch das Vorhandensein eines zufällig auch gerade anwesenden Reizes, um ein Beispiel zu nennen, zu allergischen Reaktionen kommen. Bei der Behandlung so einer Allergie kann es hilfreich sein zu ermitteln, wann diese Reaktion erstmalig aufgetreten ist und so den Zusammenhang herauszufinden. Durch gezielte Gegenkonditionierung können derartige psychosomatische Erkrankungen dann oft gelindert werden.

Bei der operanten beziehungsweise instrumentellen Konditionierung ist das anders. Diese Form der Konditionierung findet heute sehr häufig Anwendung. Es liegt immer ein bestimmtes Verhalten zugrunde, das durch die Konditionierung verändert werden soll. Positive Verstärker werden auch als Belohnung bezeichnet; Konsequenzen, die ein Verhalten verringern, als Bestrafung. Es kommt darauf an, was mit der Konditionierung erreicht werden soll, ob es besser ist, mit Verstärkung oder mit Bestrafung zu arbeiten. In der heutigen Lernpsychologie geht man davon aus, dass vor allem positive Verstärker bewirken können, bestimmte Stärken beim Lernen so zu beeinflussen, dass sie ausgebaut und vermehrt gezeigt werden. Wer gelobt wird, gibt sich Mühe, um noch mehr Lob zu erhalten.

Ein Beispiel wäre, ein Pferd, das in einer Freiheitsdressur bestimmte Kunststücke zeigen soll, immer danach mit einem Leckerli oder mit Streicheleinheiten zu belohnen. Mit der Zeit wird es dann diese Verhaltensweisen so sicher zeigen, dass es in einer Show vor Publikum zuverlässig vorgeführt werden kann. Das gleiche Pferd könnte in früheren Zeiten dazu geneigt haben, beim Hufeauskratzen zu treten. Für dieses Verhalten wird es dann nicht gelobt, sondern bestraft, beispielsweise durch einen Klaps, ein unfreundliches Nein oder einfach, indem es nach dem Hufeauskratzen kein Leckerli bekommt. Gibt es die Hufe ohne zu treten, bekommt es aber ein Leckerli.

Das Pferd wird vermutlich mit der Zeit aufhören, beim Hufeauskratzen zu treten, und zwar weil es sowohl beim nicht erwünschten Verhalten mit Bestrafung als auch beim erwünschten Verhalten mit positiver Verstärkung konfrontiert worden ist. Es wird heute viel darüber diskutiert, speziell in der Schule gegenüber Kindern mehr mit Belohnung als mit Bestrafung zu arbeiten. Früher wurde mehr bestraft, heute wird mehr gelobt, um die Kinder zur Mitarbeit im Unterricht zu bewegen.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Kritik in Bezug auf die Konditionierung wird in erster Linie deshalb geübt, weil viele andere Aspekte beim Lernen dabei außer Acht gelassen werden. Dazu gehören das natürliche Neugierverhalten der meisten Lebewesen und auch des Menschen sowie das Lernen am Modell, also das Nachahmen von beobachtetem Verhalten anderer sozial lebender Tiere oder anderer Menschen.

Andere Kritikpunkte sind, dass durch Konditionierung auch Verhaltensweisen antrainiert werden können, die schädlich sind, zum Beispiel, indem unerwünschtes negatives Verhalten gelobt wird. Es ist möglich, so einen Hund zu einem gefährlichen Beißer zu erziehen. Das Beispiel guter und schlechter Zensuren in der Schule als Belohnung und Bestrafung kann als Erklärungsmodell herangezogen werden, um zu verdeutlichen, wo auch heute noch die Probleme der Konditionierung liegen. Erlebt ein Kind von Anfang an, dass es für seine gezeigten Leistungen immer gute Zensuren erhält, fühlt es sich schon in der Schule bestätigt und wird sich noch mehr Mühe geben.

Zu Hause erhält das Kind dafür zusätzliches Lob von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern und fühlt sich weiterhin bestätigt. Es ist anzunehmen, dass sich so ein Kind auch weiterhin zu einem guten Schüler entwickeln wird. Anders ein Kind, das schon zu Beginn der Schulzeit überwiegend schlechte Zensuren erhält. Es empfindet das als Strafe, zu Hause die Enttäuschung der Eltern als zusätzliche Strafe und kann so unter Umständen die Lust am Lernen ganz verlieren und sich der Schule mehr oder weniger verweigern.

Die Grundbegriffe der klassischen Konditionierung

Um zu verstehen, was bei der klassischen Konditionierung geschieht, unterscheidet die Lernpsychologie vier Begriffe. Ein unbedingter Reiz löst von sich aus, ohne jedes Lernen, eine Reaktion aus — bei Pawlows Hunden das Futter. Die dadurch ausgelöste Speichelbildung heißt entsprechend unbedingte Reaktion. Ein neutraler Reiz ist ein Reiz, der diese Reaktion zunächst nicht hervorruft, etwa der Ton des Metronoms. Wird er wiederholt kurz vor dem unbedingten Reiz dargeboten, wird er zum bedingten Reiz: Er allein löst nun die Reaktion aus, die dann als bedingte Reaktion bezeichnet wird.

Entscheidend ist dabei nicht die bloße Häufigkeit, sondern die zeitliche Nähe und vor allem die Verlässlichkeit, mit der der eine Reiz den anderen ankündigt. Ein Signal, das ebenso oft ohne Folgen bleibt, wird kaum gelernt. Aus diesem Grund wird die klassische Konditionierung heute weniger als mechanische Kopplung, sondern eher als das Erlernen einer Vorhersage beschrieben.

Der russische Physiologe Iwan Petrowitsch Pawlow stieß auf das Phänomen bei Untersuchungen zur Verdauung, für die er den Nobelpreis erhielt; die bekannten Speichelversuche waren ursprünglich ein Nebenbefund. Übertragen auf den Menschen wurde das Prinzip Anfang der 1920er Jahre durch den Psychologen John B. Watson, der zeigte, dass sich auch Angst auf einen zuvor harmlosen Reiz übertragen lässt. Dieses Experiment an einem Kleinkind gilt heute als ethisch nicht vertretbar, war für die Entwicklung der Verhaltenstherapie aber prägend.

Eine Erweiterung ist die Konditionierung höherer Ordnung: Ein bereits gelernter bedingter Reiz kann seinerseits einen weiteren neutralen Reiz „aufladen“, sodass Verknüpfungsketten entstehen, die vom ursprünglichen Auslöser weit entfernt liegen. Auf diese Weise erklärt die Lernpsychologie, weshalb sich Reaktionen im Lauf der Zeit an Reize heften können, die mit dem ersten Erlebnis nichts mehr zu tun haben.

Löschung, Generalisierung und Unterscheidung

Eine einmal gelernte Verknüpfung bleibt nicht zwangsläufig bestehen. Bleibt der bedingte Reiz wiederholt ohne den unbedingten — ertönt das Metronom also mehrfach ohne Futter —, schwächt sich die Reaktion ab. Dieser Vorgang heißt Löschung oder Extinktion. Die alte Verknüpfung wird dabei jedoch nicht gelöscht, sondern durch eine neue Erfahrung überlagert; nach einer Pause kann die Reaktion unvermittelt wieder auftreten, was als Spontanerholung bezeichnet wird. Für die Behandlung von Ängsten ist gerade dieser Punkt bedeutsam.

Zwei weitere Erscheinungen erklären, warum gelerntes Verhalten manchmal ausufert und manchmal genau umrissen bleibt. Bei der Reizgeneralisierung lösen auch Reize, die dem gelernten Signal nur ähneln, die Reaktion aus — wer nach einem Zwischenfall Angst vor einem bestimmten Hund entwickelt hat, reagiert womöglich auf alle Hunde. Bei der Reizunterscheidung lernt der Organismus umgekehrt, zwischen ähnlichen Reizen zu trennen, weil nur einer von ihnen tatsächlich etwas ankündigt. Beide Vorgänge lassen sich im Alltag ebenso beobachten wie im Labor.

Die vier Grundformen der operanten Konditionierung

Bei der operanten Konditionierung entscheidet die Konsequenz darüber, ob ein Verhalten künftig häufiger oder seltener auftritt. Daraus ergeben sich vier Grundformen, die in der Alltagssprache regelmäßig durcheinandergeraten.

Von positiver Verstärkung spricht man, wenn auf ein Verhalten etwas Angenehmes folgt — Lob, Aufmerksamkeit, ein Leckerbissen — und das Verhalten dadurch häufiger wird. Bei der negativen Verstärkung wird ein Verhalten ebenfalls häufiger, aber aus einem anderen Grund: Es beendet einen unangenehmen Zustand oder verhindert ihn. Das Wort „negativ“ bezeichnet hier also den Wegfall eines unangenehmen Reizes und nicht etwa eine Strafe; auch die negative Verstärkung erhöht die Auftretenshäufigkeit. Wer eine gefürchtete Situation meidet und damit seine Anspannung sofort verringert, lernt auf genau diesem Weg — ein Mechanismus, der bei Angststörungen und Zwangsstörungen eine zentrale Rolle spielt.

Dem stehen zwei Formen der Bestrafung gegenüber, die ein Verhalten verringern: das Hinzufügen von etwas Unangenehmem und der Entzug von etwas Angenehmem. Bleibt eine Konsequenz ganz aus, tritt auch hier Löschung ein und das Verhalten nimmt allmählich ab. Bestrafung gilt in der Lernpsychologie als das ungünstigere Mittel: Sie unterdrückt zwar Verhalten, vermittelt aber nicht, welches Verhalten stattdessen erwünscht ist, und kann Vermeidung sowie Angst vor der bestrafenden Person nach sich ziehen.

Beschrieben wurde dieses Prinzip zuerst von dem Psychologen Edward L. Thorndike, der in Versuchen mit Katzen feststellte, dass erfolgreiche Handlungen häufiger wiederholt werden. Systematisch untersucht und benannt hat es der Psychologe Burrhus Frederic Skinner, auf den auch die Versuchsanordnung mit einem Hebel und einer Futterausgabe zurückgeht.

Verstärkerpläne und der Aufbau von Verhalten

Ob und wie dauerhaft ein Verhalten gelernt wird, hängt auch davon ab, wie regelmäßig die Konsequenz erfolgt. Wird jedes Mal verstärkt, entsteht das neue Verhalten rasch, verschwindet aber ebenso rasch wieder, sobald die Verstärkung ausbleibt. Wird dagegen nur gelegentlich und unvorhersehbar verstärkt, dauert das Lernen länger, das Verhalten hält sich anschließend jedoch hartnäckig. Dieser Zusammenhang erklärt unter anderem, warum sich Verhalten am Glücksspielautomaten so schwer wieder abgewöhnen lässt, und warum gut gemeintes gelegentliches Nachgeben unerwünschtes Verhalten festigt.

Für den Aufbau ganz neuer Verhaltensweisen wird das Formen genutzt: Zunächst wird jede Annäherung an das Ziel verstärkt, danach werden die Anforderungen schrittweise erhöht. Verkettung setzt einzelne Schritte zu längeren Abläufen zusammen. Ergänzend werden Hilfestellungen gegeben, die im Verlauf immer weiter zurückgenommen werden, damit das Verhalten am Ende ohne sie gezeigt wird.

Anwendung in Therapie und Alltag

In der Verhaltenstherapie sind beide Formen der Konditionierung Grundlage mehrerer Verfahren. Die Konfrontationstherapie beruht auf dem Gedanken der Löschung: Wer sich der gefürchteten Situation stellt, statt sie zu meiden, macht die Erfahrung, dass die Angst von selbst nachlässt. Die Systematische Desensibilisierung verbindet dies mit Entspannung. Bei Zwangsstörungen zielt die Behandlung darauf, das entlastende Ritual zu unterlassen, weil gerade seine sofortige Wirkung den Zwang aufrechterhält.

Auf verstärkungsgestützten Verfahren beruhen ferner Münzsysteme, bei denen erwünschtes Verhalten mit sammelbaren Punkten belohnt wird, die später eingetauscht werden können; eingesetzt werden sie unter anderem bei Kindern mit ADHS und in stationären Behandlungsprogrammen. Auch die apparative Behandlung des Bettnässens mit einem Wecksignal ist ein Lernverfahren. In der Suchtbehandlung wird die klassische Konditionierung herangezogen, um zu erklären, warum bestimmte Orte, Gerüche oder Situationen noch lange nach dem Entzug ein starkes Verlangen auslösen können.

Außerhalb der Medizin findet sich das Prinzip in der Tierausbildung, wo mit einem Signalgeräusch gearbeitet wird, das zuvor mit Futter gekoppelt wurde, und in der Werbung, die ein Produkt mit angenehmen Bildern verknüpft. Auch die alltägliche Erziehung folgt weitgehend diesen Regeln, ohne dass die Beteiligten sie benennen würden.

Grenzen und Weiterentwicklung des Konzepts

Die Konditionierung erklärt nicht jedes Lernen. Der Psychologe Albert Bandura zeigte, dass Verhalten auch durch bloßes Beobachten anderer erworben wird, ohne dass es selbst ausgeführt und verstärkt werden müsste. Ebenso wenig lassen sich Einsicht, Sprache und planvolles Problemlösen auf Reiz und Konsequenz zurückführen. Seit der kognitiven Wende in der Psychologie gelten Erwartungen und Bewertungen als Teil des Lerngeschehens; die heutige Kognitive Verhaltenstherapie verbindet beides.

Hinzu kommt, dass nicht alles gleich gut konditionierbar ist. Ekel vor einer Speise, die einmal mit Übelkeit einherging, wird bereits nach einem einzigen Erlebnis und selbst bei großem zeitlichem Abstand gelernt, während andere Verknüpfungen viele Wiederholungen brauchen. Auch treten Phobien vor Tieren und Höhen weit häufiger auf als vor gefährlicheren, aber stammesgeschichtlich jungen Dingen. Beides spricht dafür, dass Lebewesen für bestimmte Verknüpfungen biologisch vorbereitet sind — eine Einschränkung, die den frühen Anspruch, jedes Verhalten sei beliebig formbar, deutlich begrenzt.

Quellen

  • Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
    ISBN: 9783662618134
  • Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie.
    ISBN: 9783662549117
  • Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual - Erwachsene.
    ISBN: 9783662622971
  • Siegler, R., Saffran, J., Gershoff, E., et al.: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter.
    ISBN: 9783662627716
  • Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132432673

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