Narrative Expositionstherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Narrative Expositionstherapie (NET) ist eine psychotherapeutische Behandlungsmethode für Überlebende lebensbedrohender, komplexer traumatisierender Ereignisse.
Die NET fußt auf der Erkenntnis, dass die traumatisierenden Erlebnisse in zwei unterschiedlichen Gedächtnissystemen gespeichert werden, dem assoziativen Gedächtnis, in dem alle dem Ereignis zugehörigen Sinneswahrnehmungen und Gefühle registriert werden, und dem autobiografischen Gedächtnis, in dem der zeitliche Ablauf festgehalten ist. Das Ziel der NET besteht darin, die bei traumatisierenden Ereignissen nicht mehr funktionierende Verknüpfung zwischen den beiden Gedächtnissystemen wiederherzustellen.
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Was ist die Narrative Expositionstherapie?
Die Narrative Expositionstherapie beinhaltet eine psychotherapeutische Behandlungsmethode, bei der zwei unterschiedliche Therapieverfahren miteinander kombiniert werden. Es handelt sich dabei um eine Verknüpfung zwischen der „Testimony Therapie“ (TT) und der Exposition.
Die Testimony Therapie basiert darauf, dass die nur bruchstückhaft erinnerten traumatisierenden Erlebnisse in einen Zusammenhang gestellt und in mehreren Sitzungen zu stimmigen Ereignissen ergänzt werden. Der Patient wird durch die Exposition innerhalb der Narrativen Expositionstherapie immer wieder mit den schmerzlichen und belastenden Ereignissen konfrontiert. Hierdurch soll erreicht werden, dass wieder eine Verbindung und Zuordnung zwischen dem assoziativen und dem autobiografischen Gedächtnis hergestellt wird.
Im assoziativen Gedächtnis werden multisensorische Wahrnehmungen wie Gerüche, Geräusche, visuelle Eindrücke, Geschmack sowie die mit den Eindrücken verbundenen Emotionen abgespeichert, die im Zusammenhang mit den traumatisierenden Ereignissen stehen. Das autobiografische Gedächtnis dient der „Aufzeichnung“ und Zuordnung der chronologischen Abläufe und der geografischen Verortung der Einzelereignisse. Durch Überflutung mit Stresshormonen findet bei traumatisierenden Ereignissen eine Desintegration der beiden Gedächtnissysteme statt, so dass die Ereignisse häufig chronologisch und sogar räumlich fehlerhaft erinnert werden.
Die Stresshormone sorgen für eine einseitige Ausrichtung des Körpers auf Flucht oder Angriff und auf kurzzeitige muskuläre Höchstleistungen und auf ein möglichst geringes Blutungsrisiko bei Verletzungen. Gleichzeitig aktivieren die Stresshormone die Amygdala, was das assoziative Gedächtnis stärkt, und blockieren den Hippocampus, in dem die zugehörigen biografischen Daten gespeichert werden. Während der einzelnen therapeutischen Behandlungen soll die Verknüpfung zwischen den beiden Gedächtnissystemen für bestimmte Ereignisse wiederhergestellt werden.
Von anderen traumafokussierten Verfahren unterscheidet sich die NET vor allem durch ihren Gegenstand. Viele Behandlungsansätze arbeiten an einem einzelnen, besonders belastenden Ereignis, dem sogenannten Indexereignis. Die NET wurde dagegen für Menschen entwickelt, bei denen sich eine Vielzahl schwerer Ereignisse über Jahre aneinandergereiht hat und bei denen sich gar nicht sinnvoll ein einzelnes herausgreifen ließe – etwa nach Krieg, Verfolgung, Flucht oder anhaltender organisierter Gewalt. Bearbeitet wird deshalb nicht ein Ereignis, sondern die Lebensgeschichte als Ganzes, in ihrer zeitlichen Abfolge.
Vor der ersten Erzählung steht eine Klärungsphase. Erhoben wird, welche Beschwerden bestehen, seit wann sie bestehen und wie sie den Alltag einschränken, und es wird besprochen, was in der Behandlung geschehen wird. Dieser Teil wird nicht als Vorgeplänkel behandelt, sondern gehört zum Verfahren: Wer versteht, warum Erinnerungsbilder unwillkürlich hereinbrechen, warum Geräusche oder Gerüche sie auslösen können und wozu das wiederholte Erzählen dienen soll, kann sich anders auf die anstrengenden Sitzungen einlassen. Erst danach beginnt die Arbeit an der Lebensgeschichte.
Die Zielgruppe hat sich seit der Entwicklung des Verfahrens erweitert. Angewendet wird die NET heute nicht nur in Kriegs- und Katastrophengebieten, sondern auch in spezialisierten Einrichtungen in Deutschland, etwa in der Behandlung von Geflüchteten und von Menschen, die Folter überlebt haben. Ebenso kommt sie bei Personen infrage, die über lange Zeiträume wiederholter Gewalt ausgesetzt waren, ohne dass sich ein einzelnes Ereignis herausheben ließe. Die Behandlung findet in der Regel ambulant statt und ist von vornherein auf einen überschaubaren, im Voraus besprochenen Rahmen angelegt.
Zu Beginn der Behandlung steht üblicherweise eine Übersicht über das bisherige Leben. Klassischerweise wird dafür ein Seil ausgelegt, das die Lebensspanne darstellt; darauf werden belastende Ereignisse durch Steine und schöne, tragende Erlebnisse durch Blumen markiert. Diese sogenannte Lebenslinie erfüllt mehrere Zwecke zugleich: Sie verschafft dem Patienten und dem Therapeuten einen Überblick, sie legt die Reihenfolge fest, in der die einzelnen Abschnitte später durchgegangen werden, und sie macht von Anfang an sichtbar, dass zu diesem Leben nicht nur die Steine gehören. Gerade Letzteres hat einen eigenen Wert, weil bei schwerer Traumatisierung häufig auch die guten Erinnerungen schwer zugänglich geworden sind.
Die eigentliche Arbeit folgt anschließend der Zeitachse. Begonnen wird bei den frühen Erinnerungen, und die Erzählung wird Abschnitt für Abschnitt bis in die Gegenwart geführt. Der Therapeut hört dabei nicht nur zu, sondern schreibt mit. Was in einer Sitzung entstanden ist, wird zu Beginn der folgenden Sitzung vorgelesen, vom Patienten überprüft, korrigiert und ergänzt. Auf diese Weise wächst über den Verlauf der Behandlung eine zusammenhängende, schriftliche Lebensgeschichte, die der Patient am Ende ausgehändigt bekommt.
Diese Niederschrift ist mehr als ein Nebenprodukt. In der Tradition der Testimony Therapie, aus der die NET diesen Bestandteil übernommen hat, ist sie zugleich ein Zeugnis: Das Erlittene ist damit festgehalten, benannt und bezeugt, und es liegt nicht mehr allein als bruchstückhafte Erinnerung im Kopf des Betroffenen. Mit seinem Einverständnis kann der Text auch außerhalb der Therapie verwendet werden, etwa zur Dokumentation erlittenen Unrechts. Ohne diese Zustimmung geschieht das nicht; die Niederschrift gehört dem Patienten.
Ein praktischer Grund für die Verbreitung der NET in Krisenregionen liegt in ihrem klar festgelegten Ablauf. Weil das Vorgehen strukturiert ist, lässt es sich vergleichsweise gut vermitteln und auch unter einfachen äußeren Bedingungen anwenden. Die Behandlung ist zudem in Zusammenarbeit mit Dolmetschern durchführbar, was in der Arbeit mit Geflüchteten regelmäßig erforderlich ist.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die Therapie soll die einzelnen Patienten in die Lage versetzen, die mehrfach traumatisierenden Ereignisse so abrufen zu können, dass nicht immer wieder aufs Neue die im assoziativen Gedächtnis abgespeicherten Emotionen durchlebt werden müssen. Die NET wurde für Akutsituationen entwickelt, in denen keine Zeit für lange währende, aufwändige psychotherapeutische Behandlungen zur Verfügung stand. Das heißt, dass es sich ursprünglich um eine typische Krisen- und Katastropheninterventionstherapie handelte. Ein wesentlicher Punkt, auf den sich die NET abstützt, ist die Erfahrung, dass die mit höchsten Emotionen empfundenen „heißen“ Erlebnisinhalte bei traumatisierenden, tief beeindruckenden Vorgängen (hot spots) die Verknüpfung zu den rationalen, „kalten“ Erlebnisinhalten verlieren.
Als wichtigstes Zwischenziel der NET wird angestrebt, den Patienten in die Lage zu versetzen, die traumatisierenden Ereignisse in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen, und die ursprünglich vorhandene logische Verknüpfung zwischen dem assoziativen und dem autobiografischen Gedächtnis, das die Ereignisse zeitlich und räumlich verortet, wiederherzustellen. Um das Ziel zu erreichen, wird die gesamte Lebensgeschichte des Patienten aus der Distanz, also aus der „Ex-position“, einschließlich der positiven Erlebnisse und einschließlich der emotionalen Empfindungen immer wieder aufgerollt, bis das Erlebte sowohl im assoziativen wie auch im autobiografischen Gedächtnis widerspruchslos miteinander verknüpft ist.
Der Patient ist jetzt in der Lage, auch die traumatisierenden Ereignisse aus der zeitlichen und räumlichen Distanz anzusprechen. Im Laufe der Therapie kommt es deshalb zu einer Gesamtschau des eigenen Lebens des Patienten. Der Betroffene kann sein eigenes Lebensmuster und seine Zusammenhänge erkennen und akzeptieren. Mittlerweile liegen positive, empirische Daten über die Wirksamkeit der Narrativen Expositionstherapie vor, die dazu ermutigt haben, die Therapie so anzupassen, dass sie auch bei traumatisierten Kindern anwendbar ist. Aus der NET wurde damit KIDNET, die kindgerechte Form der NET, entwickelt. Kinder können sich dabei nicht nur verbal, sondern auch in Form von Zeichnen und Nachspielen von Szenen, also nonverbal ausdrücken.
Wie die Exposition im Einzelnen abläuft, folgt einem festen Muster. Der Patient erzählt das jeweilige Ereignis in der Ich-Form und der Gegenwart des Erlebens, also nicht als knappen Bericht, sondern in Einzelheiten. An den besonders belastenden Stellen, den hot spots, verlangsamt der Therapeut bewusst und fragt nach: nach dem, was zu sehen, zu hören und zu riechen war, nach Körperempfindungen, nach Gedanken und Gefühlen in genau diesem Moment. Zugleich stellt er immer wieder den Bezug zur Gegenwart her und macht deutlich, dass all dies erinnert und nicht erlebt wird, hier, in diesem Raum, an diesem Tag. Genau in dieser Doppelbewegung liegt nach dem Konzept des Verfahrens der Wirkmechanismus: Die heiße Erinnerung wird mit einem Ort und einer Zeit versehen und dadurch in die Lebensgeschichte eingeordnet.
Die Anspannung steigt dabei zunächst an. Nach dem Konzept der NET nimmt sie ab, wenn dasselbe Ereignis wiederholt und ohne Ausweichen durchgegangen wird, bis es erzählbar geworden ist. Ziel ist ausdrücklich nicht das Vergessen. Die Erinnerung bleibt bestehen, soll aber die Eigenschaft verlieren, unwillkürlich und ohne Bezug zur Gegenwart hereinzubrechen. Was am Ende steht, ist im günstigen Fall eine Geschichte, die der Betroffene erzählen kann, wenn er will, und die ihn nicht erzählt, wenn er es nicht will.
Neben KIDNET ist mit FORNET eine weitere Anpassung entstanden. Sie richtet sich an Menschen, die selbst schwere Gewalt ausgeübt haben und zugleich traumatisiert sind, und bezieht die Gewalttaten ausdrücklich in die Lebenslinie mit ein. Die NET steht damit nicht für sich allein, sondern gehört zu einer Gruppe traumafokussierter Verfahren, die unter anderem aus der Verhaltenstherapie hervorgegangen sind. Welches davon im Einzelfall infrage kommt, wird in der Traumatherapie gemeinsam mit dem Patienten entschieden und hängt von der Art der Belastung, den Lebensumständen und den Vorerfahrungen mit Psychotherapie ab.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Insofern sind bei der NET keine medikamentösen Nebenwirkungen zu erwarten. Die wiederholte Konfrontation mit den belastenden Erinnerungen kann jedoch vorübergehend zu stärkerer Anspannung, Schlafstörungen oder aufdringlichen Erinnerungsbildern führen; solche Reaktionen gehören zum Verfahren und klingen im Therapieverlauf in der Regel wieder ab. Allerdings erhebt die Therapie nicht den Anspruch einer völligen Heilung. Eine völlige Heilung von einer starken Traumatisierung kann in der Regel nur in einem lebenslangen Prozess erfolgen, der immer wieder mit Rückschlägen verbunden ist. Das bedeutet, dass das Risiko besteht, die Therapieziele nicht vollständig zu erreichen.
Auch wenn die Therapie ihre gesteckten Ziele nicht vollständig erreicht, weil sich die Traumatisierung als gravierender und komplexer erweist als ursprünglich angenommen, kann sie dem Patienten dazu verhelfen, die schlimmsten Folgen der am meisten belastenden Traumata zu überwinden. Die NET kann in diesen Fällen als Startpunkt für einen individuellen Heilungsprozess angesehen werden. Ein Problem kann auch darin bestehen, dass der Patient nicht in der Lage oder nicht willens ist, die Therapie zu seinem eigenen Nutzen nach bestem Vermögen zu unterstützen.
Die Anforderungen an die Behandelnden sind entsprechend hoch. Die NET setzt eine Ausbildung im Verfahren und eine regelmäßige Supervision voraus. Wird die Konfrontation ohne die zugehörige Struktur durchgeführt, kann sie belasten, ohne zu der angestrebten Einordnung zu führen. Ebenso wichtig ist die Klärung des Zeitpunkts: Bei akuter Suizidalität, bei einer akuten psychotischen Erkrankung oder bei einer schweren, unbehandelten Abhängigkeitserkrankung wird der Beginn einer traumafokussierten Behandlung üblicherweise verschoben, bis diese Zustände versorgt sind.
Während der Sitzungen kann es dazu kommen, dass ein Patient den Bezug zur Gegenwart verliert und die Erinnerung erlebt, statt sie zu erzählen. Der geschulte Therapeut erkennt solche Zustände und führt den Patienten zurück in den Raum, in die Gegenwart und in den Kontakt – etwa über Ansprache, über den Blick durch den Raum oder über den festen Boden unter den Füßen. Anschließend wird langsamer weitergearbeitet. Das Tempo bestimmt dabei der Patient; eine Vollständigkeit der Erinnerung um jeden Preis wird nicht angestrebt.
Grenzen setzen schließlich die äußeren Lebensumstände. Bei anhaltender realer Bedrohung, ungeklärtem Aufenthaltsstatus oder fehlender Unterkunft sind die Möglichkeiten einer Behandlung begrenzt, weil die Gegenwart, in die das Erlebte eingeordnet werden soll, selbst nicht sicher ist. Eine Therapie ersetzt keine Sicherheit. Wird mit Dolmetschern gearbeitet, sollten diese für die Aufgabe geschult und zur Verschwiegenheit verpflichtet sein und möglichst über die gesamte Behandlung dieselben bleiben; auch für sie ist das Gehörte belastend. Gleiches gilt für die Behandelnden selbst, für die die wiederholte Auseinandersetzung mit schweren Gewalterfahrungen eine eigene Belastung darstellt – ein weiterer Grund für die Bedeutung von Supervision und kollegialem Austausch. Ist die Posttraumatische Belastungsstörung von weiteren Erkrankungen begleitet, was häufig der Fall ist, wird die NET in einen umfassenderen Behandlungsplan eingebettet.
Auch die Planung des Ablaufs gehört zur Sicherheit des Verfahrens. Weil die Belastung zwischen zwei Sitzungen vorübergehend zunehmen kann, werden die Termine nicht beliebig weit auseinandergelegt, und es wird vorab besprochen, an wen sich der Patient wenden kann, wenn es ihm in dieser Zeit schlechter geht. Aus demselben Grund wird der Beginn einer Behandlung ungern kurz vor einer längeren Unterbrechung gelegt, etwa vor einem Urlaub des Therapeuten oder vor einem anstehenden Ortswechsel des Patienten. Nach dem Abschluss folgt üblicherweise ein Nachgespräch, in dem der Verlauf und der weitere Bedarf besprochen werden.
Quellen
- Schauer, M., Neuner, F., Elbert, T.: Narrative exposure therapy (NET) for survivors of traumatic stress.
ISBN: 9780889375956
- Augsburger, M., Maercker, A.: Posttraumatische Belastungsstörungen.
ISBN: 9783170472860
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
ISBN: 9783801732172
- Jäncke, L.: Lehrbuch kognitive Neurowissenschaften.
ISBN: 9783456863467
