Psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei der psycholinguistischen Analyse kindlicher Sprechstörungen bittet der Logopäde das Kind um die Benennung von insgesamt 99 Items, die er jeweils phonetisch transkribiert und auf Band aufzeichnet.
Die aufgezeichneten Daten analysiert der Tester mithilfe seiner Tabellen psycholinguistisch und ermittelt auf diese Weise den Sprechstatus des Kindes, wobei er etwaige Störungen in eine der vier Untergruppen von Barbara Dodds Sprechstörungsklassifikation einordnet. Auf diese Weise kann er differenziert eine geeignete Sprachtherapie für das Kind festlegen und die Erfolge dieser Therapie durch eine abermalige Anwendung des Testverfahrens dokumentieren.
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Was ist die psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen?
Die psycholinguistische Analyse kindlicher Sprechstörungen, kurz auch PLAKSS, ist ein sprachwissenschaftlich entwickeltes Testverfahren, das auf Basis des Deutschen den Sprechstatus von Kindern ermitteln soll.
Das Kind benennt im Laufe des Tests verschiedene Items, die den sprachlichen Charakteristika des Deutschen entsprechen. Bei der Benennung wird das Kind aufgenommen. Die Auswertung der Bänder dient der Diagnostizierung oder der Therapieverlaufskontrolle bei Sprechstörungen. 2002 entwickelte Annette Fox-Boyer das Verfahren auf Basis eines Klassifikationsmodells von Barbara Dodd, das zur Einschätzung der physiologischen Sprachentwicklung dient.
Der theoretische Hintergrund des Tests umfasst eine Studie an einjährigen und monolingual deutschsprachigen Kindern, deren Sprachentwicklungsstand in sechsmonatigen Abständen über einen Zeitraum von sechs Jahren dokumentiert wurde. In Kombination dazu greift das Verfahren auf eine zweite Studie zur Sprechstörungsklassifikation zurück, die sich an Barbara Dodd orientiert. Dodds Klassifikation revolutionierte in den 90ern die bisherige Behandlung von Sprechstörungen, da solche bislang rein artikulatorisch erklärt wurden.
Erst seit jüngster Zeit gehen auch phonologische Theorien, so zum Beispiel die „Generative Phonologie“, in die Betrachtung der kindlichen Aussprachstörung mit ein. Inzwischen gehören phonologisch ausgerichtete Verfahren zum Standard der logopädischen Diagnostik und Therapie. Sogar die sprachwissenschaftlichen Bereiche der Kognition oder Psycholinguistik beschäftigen sich heute mit Sprechstörungen. Dodds Modell war dabei eines der ersten psycholinguistischen Modelle und geht von einer ursächlichen Störebene bei der Sprachverarbeitung aus, die mithilfe der PLAKSS eingeschätzt werden kann.
Der Test setzt eine Unterscheidung voraus, die im Alltag oft verwischt: die zwischen Sprech- und Sprachstörung. Eine Sprechstörung betrifft die Lautbildung, also das, was hörbar hervorgebracht wird. Von einer Sprachstörung spricht man dagegen, wenn Wortschatz, Grammatik oder Sprachverständnis betroffen sind. Die PLAKSS erfasst ausschließlich den ersten Bereich; für die übrigen Bereiche stehen andere Verfahren zur Verfügung.
Innerhalb der Aussprachestörungen trennt die Fachwelt seit Dodds Arbeiten zwei Ebenen. Die phonetische Ebene betrifft die Bildung eines Lautes: Das Kind kann ihn motorisch nicht korrekt herstellen und bildet ihn deshalb immer auf dieselbe Weise falsch – das bekannteste Beispiel ist das Lispeln, bei dem die Zunge beim S-Laut zu weit vorn liegt. Die phonologische Ebene betrifft dagegen das Regelsystem: Das Kind kann den Laut an sich bilden, setzt ihn im Wort aber nicht oder an falscher Stelle ein. Diese Unterscheidung hat unmittelbare Folgen für die Behandlung, denn im ersten Fall wird an der Bewegung geübt, im zweiten am Unterscheiden und Ordnen von Lauten.
Ein zentraler Begriff der Auswertung ist der phonologische Prozess. Damit sind regelhafte Vereinfachungen gemeint, mit denen Kinder schwierige Wörter an ihre Möglichkeiten anpassen. Verbreitet sind das Ersetzen hinterer Laute durch vordere, das Ersetzen von Reibelauten durch Verschlusslaute, das Weglassen unbetonter Silben oder das Vereinfachen von Konsonantenhäufungen. Solche Prozesse sind in bestimmten Altersabschnitten völlig normal und verschwinden von selbst. Diagnostisch bedeutsam werden sie erst, wenn sie über den üblichen Zeitraum hinaus bestehen bleiben oder wenn Muster auftreten, die in der Sprachentwicklung gar nicht vorgesehen sind.
Vor diesem Hintergrund lassen sich die vier Untergruppen des Klassifikationsmodells gut nachvollziehen. Die Artikulationsstörung meint die gleichbleibend fehlerhafte Bildung einzelner Laute. Eine verzögerte phonologische Entwicklung liegt vor, wenn das Kind Prozesse verwendet, die für jüngere Kinder typisch sind. Bei der konsequenten phonologischen Störung treten Muster auf, die in der normalen Entwicklung nicht vorkommen, die das Kind aber regelhaft anwendet. Und eine inkonsequente phonologische Störung liegt vor, wenn dasselbe Wort bei mehrfacher Nennung unterschiedlich ausgesprochen wird.
Was den Test psycholinguistisch macht, ist das Modell, das hinter ihm steht. Die Sprachverarbeitung wird darin als Kette von Schritten verstanden: Ein Wort wird gehört und lautlich analysiert, mit einem gespeicherten Lautmuster verglichen, mit einer Bedeutung verknüpft, für die Äußerung wieder in eine Lautfolge übersetzt und schließlich in Bewegungen der Sprechwerkzeuge umgesetzt. Eine Aussprachestörung kann an jeder dieser Stellen ihren Ursprung haben – bei der Aufnahme, bei der Speicherung, beim Abruf oder erst bei der Ausführung.
Diese Sichtweise hat die logopädische Arbeit verändert. Wer eine Störung allein an der Bewegung festmacht, übt zwangsläufig an der Bewegung. Wer dagegen fragt, an welcher Stelle der Verarbeitungskette es hakt, kann eine Behandlung wählen, die dort ansetzt: Ein Kind, das einen Laut motorisch bilden kann, ihn aber nicht von einem anderen unterscheidet, braucht keine Artikulationsübung, sondern eine Arbeit am Unterscheiden. Genau diese Zuordnung soll die Auswertung leisten.
Aus dem Modell erklärt sich auch der Aufbau des Tests. Die Auswahl der Wörter deckt die Laute des Deutschen in verschiedenen Positionen ab – am Wortanfang, im Wortinneren und am Wortende – und berücksichtigt unterschiedlich schwierige Silbenformen, weil ein Kind denselben Laut je nach Umgebung unterschiedlich sicher bildet. Die Wiederholung derselben Wörter im zweiten Testteil prüft schließlich, ob die Aussprache stabil bleibt; sie ist der eigentliche Zugang zur Frage nach der Konsequenz.
Funktion, Wirkung & Ziele
Insgesamt umfasst der Test zwei Teile: einen Bildbenennungstest mit 99 Items und die Protokollierung, Darstellung und Auswertung dieses Tests durch den Logopäden. Welche der insgesamt zwölf zur Verfügung stehenden Bögen der Tester letztlich zur Auswertung verwendet, bleibt ihm selbst überlassen.
Vor Beginn des Tests bittet der Logopäde die Testperson, jedes der 99 Items auf dem Haupttestmaterial einzeln zu bezeichnen. Wenn das Kind eines der Bilder nicht erkennen kann, darf der Logopäde mit einem Lückentext bei der Bilderkennung helfen. Die einzelnen Benennungen durch das Kind transkribiert der Tester phonetisch und zeichnet den Test zusätzlich auf Band auf, um linguistische Analysen wie phonologische Prozessanalysen durchführen zu können.
Auf die Benennung der 99 Items folgt ein zweiter Testdurchlauf, der sogenannte 25-Wörter-Test. Die darin enthaltenen Items entstammen allesamt dem Bilderbenennungstest und ermöglichen dem Tester, die Konsequenz oder auch Inkonsequenz der bisher ermittelten phonologischen Daten zu überprüfen. Dieselben 25 Items werden während der Untersuchung noch zweimal benannt, wobei der Tester die Ergebnisse in eine der Tabellen einträgt. Neben der Konsequenzprüfung ermöglicht der 25-Wörter-Test bei Bedarf außerdem das Screening.
Nach Abschluss des Tests erstellt der Logopäde mithilfe seiner Aufzeichnungen eine psycholinguistische Analyse und ordnet die dabei eventuell entdeckte Sprechstörung in eine der vier Untergruppen ein, die Dodd in ihrem Klassifikationsmodell zur Sprechstörung nennt. So lässt sich die Diagnose einer Artikulationsstörung, einer verzögerten phonologischen Entwicklung, einer konsequenten phonologischen Störung oder einer inkonsequenten Störung der Phonologie stellen, was die Auswahl einer geeigneten Therapieform ermöglicht.
Für das Kind ist der Test eine Spielsituation. Es sitzt am Tisch, bekommt das Bildmaterial vorgelegt und benennt, was es sieht; die Bezugsperson kann auf Wunsch dabei sein. Eine Vorbereitung ist nicht nötig, und richtige oder falsche Antworten im schulischen Sinn gibt es nicht – der Logopäde korrigiert während der Aufnahme nicht, weil er gerade die unbeeinflusste Aussprache erfassen will. Die Aufzeichnung dient dazu, die Äußerungen später in Ruhe abzuhören und die Transkription zu überprüfen; sie unterliegt dem Datenschutz und wird nur mit Einverständnis der Eltern angefertigt.
Die Transkription erfolgt in der Lautschrift des Internationalen Phonetischen Alphabets, ergänzt um Zusatzzeichen für Abweichungen, die sich mit den Grundzeichen nicht abbilden lassen. Dieser Schritt ist der anspruchsvollste des ganzen Verfahrens und setzt Übung voraus: Ob ein Laut als ersetzt, als ausgelassen oder nur als undeutlich gebildet gewertet wird, entscheidet über die spätere Einordnung. Aus der Transkription werden anschließend die verwendeten Prozesse ausgezählt, mit den Angaben zur altersüblichen Entwicklung verglichen und in den Auswertungsbögen zusammengeführt.
Für sich allein steht die PLAKSS dabei nie. Vor oder neben ihr stehen ein ausführliches Anamnesegespräch mit den Eltern, die Beobachtung der Spontansprache, die Prüfung von Mundmotorik und Mundschluss sowie Verfahren zum Sprachverständnis und zum Wortschatz. Zwingend gehört eine Überprüfung des Gehörs dazu: Eine unerkannte Hörstörung – etwa durch wiederkehrende Ergüsse im Mittelohr – ist eine häufige und gut behandelbare Ursache von Aussprachestörungen. Diese Abklärung übernimmt die Pädaudiologie. Auch organische Besonderheiten im Mund- und Rachenraum und Auffälligkeiten der allgemeinen Entwicklung werden geprüft, bevor eine Sprechstörung als solche behandelt wird.
Der Zugang zur logopädischen Behandlung führt in Deutschland über eine ärztliche Verordnung; ausgestellt wird sie von der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, vom Hausarzt oder von einem Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde oder für Phoniatrie und Pädaudiologie. Die Diagnostik ist der erste Teil der verordneten Behandlung; die Kosten übernehmen bei bestehender Indikation die Krankenkassen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Anders als noch mit der PLAKSS steht mit der PLAKSS II erstmals auch dem österreichischen und schweizerischen Raum eine Variante des Tests zur Verfügung. Beliebt ist der Test vor allem wegen seiner Kinderfreundlichkeit und relativ schnellen Durchführbarkeit. Insgesamt dauert das Verfahren in der Regel unter 30 Minuten. Wenn das Kind nicht zur Mitarbeit gewillt ist, kann sich dieser Zeitraum allerdings auch ausdehnen. In Extremfällen lassen sich weder PLAKSS noch PLAKSS II durchführen, weil das Kind keinerlei Antwort geben möchte.
Wenn das Verfahren im Zuge einer Ersteinschätzung durchgeführt wird, schließt sich daran bei Befunden in der Regel eine spezielle Sprachtherapie an. Da der Test eine differenziertere Einschätzung der Störung ermöglicht als rein artikulatorisch ausgerichtete Verfahren, kann der Logopäde im Anschluss an den Test die erfolgversprechendste Therapiemethode umso besser auswählen. An die Diagnose einer Artikulationsstörung würde sich klassischerweise zum Beispiel eine Lauttherapieform anschließen.
Bei einer verzögerten phonologischen Entwicklung könnte der Logopäde zu einer Förderung der phonologischen Bewusstheit mit Reimerkennung und Reimproduktion raten. Eine konsequente phonologische Störung ließe sich dagegen mit einer Minimalpaartherapie behandeln und eine inkonsequente phonologische Störung könnte über eine Kern-Vokabular-Therapie behandelt werden.
Die genannten Therapieformen unterscheiden sich vor allem in ihrem Ansatzpunkt. Bei der Lauttherapie wird ein Laut zunächst einzeln angebahnt und dann schrittweise in Silben, Wörter, Sätze und schließlich in die Spontansprache übertragen. Die Minimalpaartherapie arbeitet mit Wortpaaren, die sich nur in einem Laut unterscheiden, sodass das Kind erfährt, dass dieser eine Unterschied die Bedeutung verändert. Die Kern-Vokabular-Therapie übt eine kleine Auswahl häufig gebrauchter Wörter so lange, bis sie gleichbleibend ausgesprochen werden. Und die Förderung der phonologischen Bewusstheit – Reimen, Silbenklatschen, Anlaute heraushören – zielt auf die Fähigkeit, Sprache in ihre Bestandteile zu zerlegen; sie ist zugleich eine wichtige Voraussetzung für das spätere Lesen- und Schreibenlernen.
Die Grenzen des Verfahrens liegen vor allem in seiner Bindung an das Deutsche. Die Vergleichswerte stammen von einsprachig deutschsprachigen Kindern, und die ausgewählten Wörter bilden die Lautstruktur des Deutschen ab. Wächst ein Kind mehrsprachig auf, lassen sich seine Aussprachemuster mit diesen Werten nur eingeschränkt beurteilen: Was wie eine Störung aussieht, kann der regelhafte Einfluss der anderen Sprache sein. Für diese Kinder sind ergänzende Verfahren und, wo möglich, eine Einschätzung in der Erstsprache erforderlich. Ähnliches gilt für ausgeprägte regionale Aussprachegewohnheiten, die der Auswerter kennen und von einer Störung trennen muss.
Auch das Alter setzt Grenzen. Sehr junge Kinder halten die Aufmerksamkeit für einen vollständigen Durchgang oft nicht durch, und bei älteren Kindern liefert ein Benennungstest allein kein vollständiges Bild mehr, weil sich Auffälligkeiten dann eher in längeren Äußerungen und beim Lesen und Schreiben zeigen. Der Test erfasst zudem ausschließlich die Aussprache einzelner Wörter. Ob die Verständlichkeit im zusammenhängenden Sprechen ebenso gut ist, ob der Redefluss stockt, wie es beim Stottern der Fall ist, oder ob eine Sprachentwicklungsstörung im weiteren Sinn vorliegt, muss mit anderen Mitteln geprüft werden.
Ein letzter Punkt betrifft die Auswertung selbst. Weil die Einordnung auf der Transkription beruht, hängt sie auch von der Erfahrung des Untersuchers ab; verschiedene Auswerter können in Einzelfällen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Deshalb wird die Aufzeichnung aufbewahrt, deshalb sind mehrere Auswertungsbögen vorgesehen, und deshalb gilt das Testergebnis nicht als abschließende Diagnose, sondern als ein Baustein neben Anamnese, Beobachtung und Verlaufsbeurteilung.
Zu bedenken ist zuletzt, dass jeder Testdurchgang eine Momentaufnahme ist. Müdigkeit, Scheu vor einer fremden Person oder ein Infekt der oberen Atemwege können das Ergebnis beeinflussen, weshalb ein auffälliger Befund in solchen Fällen zu einem späteren Zeitpunkt überprüft wird. Wird der Test zur Verlaufskontrolle wiederholt, kommt hinzu, dass dem Kind das Material inzwischen vertraut ist; ein Teil der Verbesserung kann auf diese Vertrautheit zurückgehen und nicht auf die Therapie. Beurteilt wird der Fortschritt deshalb nicht am Testergebnis allein, sondern ebenso an der Verständlichkeit im Alltag, wie sie Eltern, Kindergarten und Schule beschreiben.
Quellen
- Kannengieser, S.: Sprachentwicklungsstörungen.
ISBN: 9783437483554
- Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Kompendium der akademischen Sprachtherapie und Logopädie.
ISBN: 9783170292970
- Ziegler, W., Staiger, A., Schölderle, T., Vogel, M.: Dysarthrie bei Erwachsenen und Kindern.
ISBN: 9783132446878
- Eichel, H. W.: HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie für Sprachtherapeuten.
ISBN: 9783437444470
- Wendler, J., Seidner, W., Eysholdt, U. (Hrsg.): Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783131022950
