Aachener Aphasie-Test
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Aachener Aphasie-Test (AAT) ist ein Diagnoseverfahren zur Erkennung und Einordnung von erworbenen, also nicht angeborenen Sprachstörungen, sogenannten Aphasien. Der Test überprüft die Sprachfähigkeit eines Patienten in mehreren Bereichen und ermöglicht so eine zuverlässige Beschreibung der Art der aphasischen Störung.
Was ist der Aachener Aphasie-Test?
Erworbene Sprachstörungen sind häufig die Folge einer Erkrankung der dominanten Gehirnhälfte, zum Beispiel durch Verletzungen, Tumore, Hirnblutungen, Entzündungen oder einen Schlaganfall. Je nach Art der zugrundeliegenden Erkrankung zeigen die Patienten unterschiedlich starke Störungen in verschiedenen Bereichen der Sprache.
Daher werden mit Hilfe des Aachener Aphasie-Tests nicht nur das Nachsprechen, das Sprachverständnis und das Benennen von Dingen untersucht, sondern auch mögliche Auffälligkeiten beim Lesen und Schreiben. Er ist sowohl für eine einmalige Durchführung als auch für die wiederholte Anwendung zur Kontrolle eines Krankheits- oder Therapieverlaufs geeignet.
Funktion, Wirkung & Ziele
Inzwischen wurde der AAT jedoch auch ins Italienische und Niederländische übersetzt. An Entsprechungen im Englischen und Französischen wurde gearbeitet. Der Testablauf ist immer identisch und in sechs Teile gegliedert, in denen die Sprachfähigkeiten der Testperson in unterschiedlichen Bereichen untersucht werden. Im ersten Testabschnitt wird der Patient während eines zehnminütigen Interviews mit persönlichen Fragen zu Familie, Beruf, Interessen und Gesundheit hinsichtlich seiner Spontansprache, also seiner gesprochenen Alltagssprache, analysiert.
Besonderes Augenmerk wird hierbei sowohl auf das Kommunikationsverhalten im Gespräch mit dem Interviewer als auch auf die Struktur und den Sinngehalt des Gesprochenen gelegt. Aber auch Aussprache, Automatismen, Betonung und Sprachmelodie fließen in die Analyse mit ein. Bei dem darauf folgenden Token-Test wird der Patient aufgefordert, aus mehreren Gegenständen einzelne vorgegebene Dinge auszuwählen. Durch diese ersten zwei Teilabschnitte des AAT werden relativ sicher vorhandene Aphasien festgestellt, ohne dass diese jedoch näher klassifiziert werden können.
Die Testabschnitte drei bis sechs ermöglichen sodann eine genauere Einordnung der Art der aphasischen Störung. So überprüft der dritte Teil des Aachener Aphasie-Tests die Fähigkeit des Befragten, einzelne Laute sowie einfache und schwierigere Wörter und Sätze nachzusprechen, während der vierte das Vorlesen und Schreiben von vorgesprochenen Wörtern und Wortteilen erfordert. Im fünften Abschnitt muss die Testperson Objekte, Farben oder Handlungen anhand von Zeichnungen korrekt benennen. Der sechste Testteil schließlich dient der Analyse des Sprachverständnisses, das sowohl auditiv als auch schriftlich geprüft wird: Der Befragte wählt aus mehreren unterschiedlichen Abbildungen diejenige aus, die seiner Meinung nach am besten zu einem vorgelesenen oder schriftlich vorgelegten Wort oder Satz passt.
Im Verlauf des Tests steigt die Schwierigkeitsstufe der einzelnen Aufgaben kontinuierlich. Die Antworten werden anhand eines festgelegten Punktesystems bewertet; für die Auswertung stehen zusätzlich computergestützte Verfahren zur Verfügung. Mit Hilfe der so gewonnenen Testergebnisse lassen sich zuverlässige Aussagen über das Vorhandensein einer eventuellen Aphasie machen und ihr Schweregrad bestimmen. Darüber hinaus wird eine Einordnung der vorliegenden Symptome entsprechend den vier unterschiedlichen Aphasieformen Global, Broca, Wernicke und Amnestisch ermöglicht. Auch Sonderformen der Aphasie wie Transkortikale Aphasien und Leitungsaphasien können so erkannt werden.
Ebenfalls wird eine Abgrenzung zu anderen sprachlichen Störungen ermöglicht, die irrtümlich als Aphasie eingestuft wurden. Der Aachener Aphasie-Test ist ein standardisiertes und geprüftes Testverfahren, das wesentlich zur Diagnosestellung beitragen kann und oft übersehene Aphasien bei Hirntumorpatienten aufdeckt. Auch das Erkennen einer Agraphie oder Alexie wird durch die Durchführung des Tests ermöglicht.
Ohne das Hinzuziehen weiterer Untersuchungen und Testverfahren sowie einer gründlichen Anamnese sind die Ergebnisse des AAT allein jedoch nicht für eine Diagnosestellung geeignet. Weitergehende Testverfahren bei einer akuten Aphasie sind beispielsweise der Aachener Aphasie-Bedside-Test und die Aphasie-Check-List.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Es kann beim Befragten jedoch im Verlauf des Tests zu Unsicherheiten hinsichtlich der eigenen kognitiven Fähigkeiten kommen, wenn das Beantworten der Fragen Schwierigkeiten bereitet. Das Erkennen von Normabweichungen in der eigenen Sprache oder Wahrnehmung kann den Patienten stark beunruhigen und erfordert Einfühlungsvermögen und Erfahrung auf Seiten des Interviewers. Der Test sollte daher nur durch psychologisch oder sprachtherapeutisch geschultes Personal durchgeführt werden, um eine Überforderung des Patienten zu vermeiden und eventuelle emotionale Nachwirkungen zu erkennen.
Ebenso ist auf eine entsprechend eingerichtete Testumgebung zu achten. Für Patienten mit schwerwiegenden oder akuten Krankheitsbildern kann die Durchführung des Aachener Aphasie-Tests mitunter sehr anstrengend sein. Hierauf sollte der Interviewer hinweisen und sich vergewissern, dass eine entsprechende Nachsorge zur Verfügung steht. Die Testergebnisse müssen immer in Verbindung mit weiteren geeigneten Diagnoseverfahren ausgewertet werden, um vorliegende Sprachstörungen beurteilen zu können und ihre Ursachen zu finden.
Erst dann kann eine angemessene Therapie in die Wege geleitet werden. Der Testaufbau folgt einem standardisierten Ablauf und darf weder in der Reihenfolge der Fragen noch im Gesamtumfang verändert werden, da dies zu verfälschten Ergebnissen und so zum Übersehen oder falschen Klassifizieren einer Aphasie führen kann. Die Durchführung von Teilabschnitten des AAT ist allerdings für logopädisch-therapeutische Zwecke möglich.
Entstehung und Verbreitung
Der Aachener Aphasie-Test wurde an der Neurologischen Klinik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen entwickelt und in den 1980er Jahren veröffentlicht. Erarbeitet wurde er von einer Arbeitsgruppe um Walter Huber, Klaus Poeck, Dorothea Weniger und Klaus Willmes, in der neurologische und sprachwissenschaftliche Sachkenntnis zusammenkamen. Aus dem Ort seiner Entstehung leitet sich der Name ab.
Vor dem AAT stützte sich die Einordnung einer Aphasie im deutschen Sprachraum überwiegend auf die klinische Beurteilung des Untersuchers. Diese hing von dessen Erfahrung ab, ließ sich zwischen verschiedenen Untersuchern schwer vergleichen und war für die Beurteilung eines Verlaufs wenig geeignet, weil kein gemeinsamer Maßstab vorlag. Der AAT sollte die Beschreibung einer Aphasie auf eine einheitliche und in Zahlenwerten ausdrückbare Grundlage stellen. Er hat sich seither als das im deutschen Sprachraum am weitesten verbreitete Verfahren der Aphasiediagnostik durchgesetzt und dient auch als Messinstrument in Untersuchungen zur Wirksamkeit von Sprachtherapien.
Was ein standardisiertes Testverfahren ausmacht
Dass der AAT als standardisiert bezeichnet wird, meint mehr, als dass alle Patienten dieselben Aufgaben erhalten. Gemeint sind drei Anforderungen, die an ein psychologisches Testverfahren gestellt werden. Die erste ist die Objektivität: Durchführung, Auswertung und Deutung sollen so festgelegt sein, dass das Ergebnis nicht davon abhängt, wer den Test abnimmt. Deshalb sind Wortlaut der Aufgaben, Reihenfolge, zulässige Hilfestellungen und die Vergabe der Punkte im Testmanual vorgeschrieben. Die zweite ist die Zuverlässigkeit, also die Frage, wie genau der Test misst und wie stark ein Ergebnis schwanken kann, ohne dass sich der Zustand des Patienten verändert hat. Die dritte ist die Gültigkeit: ob der Test tatsächlich das erfasst, was er zu erfassen vorgibt.
Dazu kommt die Normierung. Die Werte eines einzelnen Patienten sagen für sich genommen wenig aus; ihre Bedeutung erhalten sie erst im Vergleich mit den Werten einer Gruppe von Menschen, an denen das Verfahren erprobt wurde. Aus diesem Grund darf am Ablauf nichts verändert werden: Jede Abweichung nimmt dem Ergebnis die Vergleichsgrundlage, weil es dann nicht mehr unter denselben Bedingungen zustande gekommen ist wie die Werte, an denen es gemessen wird.
Der Token Test
Der zweite Teil des AAT geht auf ein eigenständiges Verfahren zurück, das in den 1960er Jahren in Italien entwickelt und später in den Test übernommen wurde. Verwendet werden Plättchen – englisch tokens – in zwei Formen, zwei Größen und mehreren Farben. Die Anweisungen an den Patienten steigen dabei in ihrer Komplexität an: Am Anfang stehen einfache Aufforderungen wie das Zeigen auf einen roten Kreis, am Ende Anweisungen, die mehrere Merkmale und mehrere Handlungsschritte miteinander verbinden.
Der Reiz dieses Aufbaus liegt darin, dass die sprachliche Anforderung wächst, während die inhaltliche Anforderung gering bleibt: Farben und Formen sind jedem geläufig, wer die Anweisung nicht ausführt, scheitert also an ihrem Verständnis und nicht am Gegenstand. Dadurch reagiert der Token Test auch auf leichte Aphasien, die im Gespräch kaum auffallen. Umgekehrt zeigt er nicht an, um welche Form der Aphasie es sich handelt; im AAT dient er deshalb vor allem der Bestimmung des Schweregrades.
Von den Rohwerten zum Aphasieprofil
Für jeden Untertest wird zunächst ein Rohwert gebildet, also eine Punktsumme aus den richtig gelösten Aufgaben. Da die Untertests unterschiedlich viele Aufgaben enthalten, sind diese Summen untereinander nicht vergleichbar. Sie werden deshalb in Werte umgerechnet, die den Vergleich mit der Normierungsgruppe herstellen. Erst dadurch entsteht das, was in der Praxis als Aphasieprofil bezeichnet wird: eine Übersicht, die auf einen Blick zeigt, welche sprachlichen Leistungen vergleichsweise gut erhalten und welche besonders betroffen sind.
Die Spontansprache wird abweichend beurteilt, weil sie sich nicht in richtige und falsche Antworten zerlegen lässt. Der Untersucher schätzt das aufgezeichnete Interview auf mehreren Skalen ein, die verschiedene Ebenen der Sprache betreffen: das Kommunikationsverhalten, Aussprache und Sprachmelodie, den Gebrauch automatisierter Redewendungen, die inhaltliche Angemessenheit der Wörter, die Lautstruktur und den Satzbau.
Für die wiederholte Anwendung ist eine weitere Größe wichtig. Jede Messung schwankt, und nicht jeder Unterschied zwischen zwei Untersuchungen bedeutet eine Veränderung des Zustands. Das Testmanual gibt deshalb an, wie groß ein Unterschied ausfallen muss, damit er nicht mehr durch die Messungenauigkeit erklärbar ist. Kleinere Abweichungen gelten nicht als Besserung oder Verschlechterung – eine Vorsichtsregel, die verhindern soll, dass eine Therapie aufgrund zufälliger Schwankungen für erfolgreich oder erfolglos gehalten wird.
Die Aphasieformen, die der Test unterscheidet
Die globale Aphasie ist die schwerste Form. Alle sprachlichen Leistungen sind erheblich betroffen; die Sprachproduktion beschränkt sich häufig auf wenige Silben oder auf immer wiederkehrende Äußerungen, sogenannte Sprachautomatismen, und auch das Verstehen ist stark eingeschränkt.
Bei der Broca-Aphasie ist die Sprache nicht flüssig. Das Sprechen wirkt mühsam und stockend, die Sätze sind verkürzt, Endungen und kleine Funktionswörter fallen weg; diese Erscheinung wird als Agrammatismus bezeichnet. Das Sprachverständnis ist im Vergleich dazu besser erhalten, und die Betroffenen bemerken ihre Fehler meist selbst, was für sie sehr belastend sein kann.
Die Wernicke-Aphasie zeigt das umgekehrte Bild. Gesprochen wird flüssig, oft sogar überreichlich, aber die Äußerungen enthalten vertauschte Laute und verwechselte Wörter; in schweren Fällen entsteht ein kaum noch verständlicher Wortsalat. Das Sprachverständnis ist deutlich gestört, und die Betroffenen nehmen ihre Fehler häufig selbst nicht wahr.
Die amnestische Aphasie ist die leichteste der vier Formen. Im Vordergrund stehen Wortfindungsstörungen: Das gesuchte Wort steht nicht zur Verfügung und wird umschrieben. Satzbau und Sprachverständnis bleiben weitgehend erhalten, so dass eine Verständigung meist gelingt.
Daneben kennt der Test Sonderformen. Bei der Leitungsaphasie ist vor allem das Nachsprechen betroffen, während Spontansprache und Verständnis vergleichsweise gut sind; bei den transkortikalen Aphasien fällt umgekehrt auf, dass das Nachsprechen auffällig gut gelingt. Diese Einteilung ist ein Ordnungsraster und kein Naturgesetz: In der Praxis kommen Mischbilder vor, und besonders in den ersten Wochen nach dem Ereignis kann sich das Bild noch erheblich verändern.
Abgrenzung zu anderen Sprach- und Sprechstörungen
Eine Aphasie ist eine Störung der Sprache selbst, die nach abgeschlossenem Spracherwerb auftritt. Davon zu unterscheiden sind mehrere Störungsbilder, die ihr ähneln können.
Die Dysarthrie betrifft nicht die Sprache, sondern das Sprechen: Aussprache, Stimme, Sprechatmung und Sprechmelodie sind gestört, weil die Steuerung der Sprechmuskulatur beeinträchtigt ist, während Wortwahl, Satzbau und Verständnis unversehrt bleiben. Sie tritt unter anderem bei Parkinson, bei Multipler Sklerose und nach bestimmten Schlaganfällen auf. Bei der Sprechapraxie ist die Planung der Sprechbewegungen gestört; kennzeichnend sind Suchbewegungen und Fehler, die bei Wiederholung desselben Wortes verschieden ausfallen.
Eine Sprachentwicklungsstörung ist keine Aphasie, weil die Sprache dort nie vollständig erworben wurde – ein Grund dafür, dass der AAT erst ab dem Jugendalter eingesetzt wird. Sprachliche Auffälligkeiten bei einer Demenz entwickeln sich langsam und treten gemeinsam mit Gedächtnis- und Orientierungsstörungen auf, während eine Aphasie in aller Regel plötzlich einsetzt. Auch eine unerkannte Schwerhörigkeit kann Verständnisleistungen verschlechtern und dadurch eine Sprachstörung vortäuschen; eine Prüfung des Hörvermögens gehört deshalb zur Abklärung. Schließlich können in der Akutphase Bewusstseins- und Aufmerksamkeitsstörungen die sprachliche Leistung so beeinträchtigen, dass eine ausführliche Testung noch keine verwertbaren Ergebnisse liefert.
Der Test im Verlauf der Behandlung
In den ersten Wochen und Monaten nach einem Schlaganfall bildet sich eine Aphasie häufig von selbst teilweise zurück. Diese Rückbildung fällt mit der Zeit ab, in der auch eine Sprachtherapie beginnt, so dass sich beides im Einzelfall nicht sauber trennen lässt. Umso wichtiger sind wiederholte Messungen mit demselben Verfahren: Sie zeigen, welche sprachlichen Bereiche sich verändert haben und welche stehen bleiben.
Aus dem Profil leitet sich die Ausrichtung der Behandlung ab. Sie wird von der Logopädie und der klinischen Linguistik getragen und findet in der Akutklinik, in Einrichtungen der Rehabilitation und in der ambulanten Sprachtherapie statt. Zur Behandlung gehört auch die Beratung der Angehörigen, denen erklärt wird, wie eine Verständigung mit dem Betroffenen gelingen kann – etwa durch kurze Sätze, durch Geduld beim Warten auf eine Antwort und dadurch, dass Gesten, Bilder und Schrift mitverwendet werden. Über die Behandlung hinaus werden Testergebnisse auch bei der Beurteilung der Erwerbsfähigkeit und bei der Frage herangezogen, ob jemand in der Lage ist, seine Angelegenheiten selbst zu regeln; dabei ist von Bedeutung, dass eine Aphasie die Sprache betrifft und nicht ohne Weiteres auf einen Verlust der geistigen Fähigkeiten schließen lässt.
Quellen
- Schneider, B., Wehmeyer, M., Grötzbach, H.: Aphasie.
ISBN: 9783662628355
- Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Kompendium der akademischen Sprachtherapie und Logopädie.
ISBN: 9783170292963
- Franke, U.: Arbeitsbuch Aphasie.
ISBN: 9783437253072
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606759
- Wallesch, C.-W., Kulke, H.: Schädel-Hirn-Trauma.
ISBN: 9783170320239
