Applied Behavior Analysis
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Applied Behavior Analysis ist die englische Bezeichnung für Angewandte Verhaltensanalyse. Darunter wird ein Psychotherapieverfahren verstanden, das zur Behandlung von autistischen Störungen dient.
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Was ist die Applied Behavior Analysis?
Applied Behavior Analysis (ABA) steht für Angewandte Verhaltensanalyse. Gemeint ist damit eine Therapiemethode zur Behandlung von Autismus-Spektrum-Störungen. Dabei kommen wissenschaftliche Verhaltensgrundregeln zur Anwendung, um erwünschte Fähigkeiten und Verhaltensweisen des Patienten zu stärken und dessen Probleme, die durch den Autismus entstehen, zu verringern.
Die Grundlagen für die Applied Behavior Analysis legte u. a. der amerikanische Psychologe B. F. Skinner (1904-1990). Die erste Anwendung bei Kindern, die unter Autismus litten, erfolgte jedoch durch Ivar Lovaas zu Beginn der 60er Jahre. Bei Forschungen an der University of California in Los Angeles fand der Psychologe heraus, dass eine intensive Verhaltenstherapie autistischen Kindern zugute kam. Lovaas versuchte mit seiner Therapie, den Autisten ein Umfeld zu ermöglichen, welches das Lernen förderte. In den 80er Jahren brachte er ein Buch über die Wirksamkeit der Behandlung heraus.
Ebenfalls in den 80er Jahren wurde von mehreren Psychologen ein Konzept entwickelt, das sich mit dem Unterrichten von autistischen Kindern auf der Grundlage von B. F. Skinner befasste und das auf der Theorie des Verbal Behavior (sprachliches Verhalten) basierte. Im Laufe der Zeit steigerten sie die Effizienz der angewandten Verhaltensanalyse. Das Verfahren trägt in der heutigen Zeit die Bezeichnung ABA mit Verbal Behavior (ABA/VB). Auf diese Weise wurde auch der Begriff Lovaas-Therapie durch Applied Behavior Analysis ersetzt.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die Applied Behavior Analysis stuft den Menschen quasi als unbeschriebenes Blatt Papier ein, das sich mit Inhalten füllen lässt. Das problematische Verhalten von Autisten soll mithilfe des Verfahrens begrenzt und sogar gelöscht werden, sodass der Patient neue Inhalte erhält, die gewünscht sind. Von den Befürwortern der ABA-Therapie wird dieses Verfahren als „löschen“ oder „formatieren“ bezeichnet.
Die ABA-Therapie beginnt mit dem schrittweisen Unterrichten von messbaren Verhaltensweisen. Das bedeutet, dass Verhaltensweisen, die von autistischen Kindern nur schwer zu erlernen sind, in zahlreiche kleine Abschnitte zerlegt werden. Auf diese Weise werden sie ihnen Schritt für Schritt vermittelt, sodass sie schließlich kommunikative und soziale Fähigkeiten erlernen.
In der Anfangsphase der Applied Behavior Analysis wird der Unterricht in 1:1-Situationen abgehalten. Dadurch lässt sich die Förderung genau auf das einzelne Kind abstimmen. Dabei werden zunächst Hilfestellungen gewährt, um die Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Später bleiben die Hilfestellungen dann aus. Um die neu erlernten Fähigkeiten und Verhaltensweisen zu festigen, gelangen verschiedene verstärkende Konsequenzen zum Einsatz. Welche dies sind, hängt individuell vom jeweiligen Kind ab. Dabei kann es sich zum Beispiel um primäre Verstärker wie Snacks, Aktivitäten wie Ballspielen, Radfahren, Schwimmen, Trampolinspringen oder Schaukeln sowie Dinge wie Videos, Computer, Musik oder Bücher handeln. Daher ist es von Bedeutung, herauszufinden, auf welche Verstärker das Kind anspricht. Wichtig ist zudem, dass das Kind Spaß am Lernen hat und schließlich dazu motiviert wird, aus eigenem Antrieb Neues zu lernen.
Außerdem soll das Kind in unterschiedlichen Situationen lernen. So können Lernsituationen in den eigenen vier Wänden wie im Kinderzimmer, im Bad oder in der Küche entstehen, aber auch im Garten, auf dem Spielplatz oder im Supermarkt. Die Fähigkeiten werden generalisiert, damit sie für das Kind von funktioneller Bedeutung sind. Erst wenn das Kind in der Lage ist, die Fähigkeiten mit verschiedenen Materialien und Menschen wiederholt anzuwenden, profitiert es wirklich von dem Erlernten.
Ein weiterer wichtiger Punkt der Applied Behavior Analysis sind Verhaltensanalysen. Dabei analysiert der Therapeut Variablen, die unangemessenes Verhalten des Kindes fördern, wie Wutanfälle, Schreien, Aggressionen und Weglaufen. Ziel ist eine Veränderung der aufrechterhaltenen Faktoren sowie das Aufzeigen von angemessenen Alternativen. Dabei lernt das Kind, wie es seine Wünsche angemessen, also durch Sprache oder Gestiken, ausdrückt.
In Deutschland fand die Applied Behavior Analysis längere Zeit nur wenig Beachtung. Erst in den letzten Jahren wurde dem Therapieverfahren mehr Aufmerksamkeit zuteil. So wird auch hierzulande ABA mittlerweile als theoretische Grundlage zur Behandlung von Autismus herangezogen, bleibt als Verfahren aber umstritten.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die Kritiker der ABA-Therapie geben zu bedenken, dass ein durch Konditionierung eingeübtes Verhalten nicht auf eigener Einsicht beruhe und der Erfolg deshalb fragwürdig sei. So müssten die Autisten zum Beispiel unerwünschte Berührungen aushalten. Damit setze sich die Applied Behavior Analysis über die Autonomie eines behinderten Menschen hinweg. Auch Blickkontakt ist für viele autistische Menschen sehr anstrengend und mitunter sogar mit Schmerzen verbunden. Der Druck, der auf die Kinder durch die ABA-Therapie entsteht, habe oft zur Folge, dass sie anfälliger auf Missbrauchssituationen reagieren und ihnen nicht selten hilflos ausgeliefert sind. So lerne der Autist im Rahmen der Therapie, dass sein Nein nicht von Bedeutung sei.
Geschichte & Entwicklung
Am Anfang steht eine Grundannahme der Lerntheorie: Verhalten wird durch seine Folgen geformt. Folgt einer Handlung etwas Angenehmes oder fällt etwas Unangenehmes weg, so tritt sie künftig häufiger auf; bleibt die Folge dauerhaft aus, wird sie seltener. B. F. Skinner beschrieb diesen Zusammenhang zunächst in der Grundlagenforschung und nannte ihn operante Konditionierung. Ab den 1950er Jahren wurde versucht, ihn auf den Menschen zu übertragen, zunächst in psychiatrischen Kliniken und in Schulen.
Ende der 1960er Jahre legten drei amerikanische Verhaltensanalytiker in einem viel beachteten Aufsatz fest, was eine angewandte Verhaltensanalyse von der reinen Grundlagenforschung unterscheiden soll. Sie muss an einem Verhalten ansetzen, das für die Betroffenen und ihr Umfeld tatsächlich von Bedeutung ist; sie muss dieses Verhalten beobachtbar beschreiben, statt es zu deuten; sie muss nachweisen, dass die Veränderung auf die Maßnahme zurückgeht und nicht auf etwas anderes; sie muss so genau beschrieben sein, dass andere sie wiederholen können; sie muss sich auf eine einheitliche theoretische Grundlage beziehen; sie muss eine Veränderung bewirken, die im Alltag spürbar ist; und diese Veränderung muss über die Übungssituation hinaus Bestand haben. Diese Kriterien werden im Fach bis heute herangezogen, wenn beurteilt wird, ob ein Programm den Namen zu Recht trägt.
Die frühen Behandlungsprogramme für autistische Kinder arbeiteten nicht nur mit Belohnung. Um selbstverletzendes und als gefährlich eingestuftes Verhalten zu unterbinden, wurden auch unangenehme Reize eingesetzt, in Einzelfällen bis hin zu körperlicher Bestrafung. Im Lauf der 1980er und 1990er Jahre wurden solche Vorgehensweisen im Fach zunehmend abgelehnt und durch Konzepte ersetzt, die ausschließlich mit Verstärkung und mit der Veränderung der auslösenden Bedingungen arbeiten. Ein Teil der Kritik, die dem Verfahren bis heute entgegengebracht wird, bezieht sich auf diese frühe Phase, ein anderer auf Ziele und Haltung heutiger Programme.
Parallel dazu entstanden Formen, die den Unterricht aus der Übungssituation in den Alltag verlagern und Lernanlässe im Spiel des Kindes aufgreifen. Sie werden heute meist mit den strukturierten Formen kombiniert.
Ablauf einer Behandlung
Am Beginn steht eine ausführliche Erhebung des Ist-Standes. Dazu gehören die Beobachtung des Kindes in Alltagssituationen, ausführliche Gespräche mit den Eltern und Erhebungsbögen zu Sprache, Spiel, Selbstständigkeit und sozialem Verhalten. Aus dem Ergebnis werden Ziele abgeleitet und in beobachtbare Einzelschritte übersetzt, damit später überprüfbar ist, ob sie erreicht wurden.
Ein Kernstück ist die funktionale Verhaltensanalyse. Für ein belastendes Verhalten wird festgehalten, was ihm unmittelbar vorausging, wie es genau aussah und was ihm folgte. Die leitende Frage ist dabei nicht, wie das Verhalten zu benennen ist, sondern wozu es dient: ob es Aufmerksamkeit verschafft, den Zugang zu einem Gegenstand herstellt, aus einer Anforderung herausführt oder der Selbstberuhigung dient. Erst aus dieser Zuordnung ergibt sich, welche andere Handlung dem Kind denselben Zweck erfüllen kann – etwa eine Möglichkeit, verständlich um eine Pause zu bitten, statt den Tisch zu verlassen.
Für das Vermitteln neuer Fähigkeiten stehen zwei Formen nebeneinander. Beim Einzeldurchgangsverfahren wird eine Aufgabe in einer klar gegliederten Übungssituation angeboten, meist am Tisch, mit deutlicher Aufforderung, Hilfestellung und unmittelbarer Rückmeldung. Beim Lernen in der natürlichen Umgebung greift der Behandelnde Gelegenheiten auf, die sich im Spiel oder im Tagesablauf ohnehin ergeben, und knüpft die Übung daran an. Die erste Form gilt als geeignet, um überhaupt einen Anfang zu schaffen; die zweite soll dafür sorgen, dass das Gelernte außerhalb der Übungssituation verfügbar bleibt.
Kennzeichnend für das Verfahren ist die fortlaufende Aufzeichnung. Bei jedem Durchgang wird vermerkt, ob das Kind die Aufgabe allein, mit welcher Hilfestellung oder gar nicht bewältigt hat. Diese Aufzeichnungen werden in regelmäßigen Abständen ausgewertet; stagniert eine Zielgröße, wird das Vorgehen geändert. Darin unterscheidet sich die Applied Behavior Analysis von Ansätzen, die den Verlauf erst im Rückblick beurteilen.
Die Anleitung der Eltern und weiterer Bezugspersonen gehört fest zum Vorgehen, weil ein großer Teil der Lerngelegenheiten außerhalb der Therapiestunden liegt. Über den sinnvollen Umfang der Förderung wird fachlich gestritten; er wird im Einzelfall festgelegt und richtet sich nach Alter, Belastbarkeit und Lebenssituation des Kindes.
Wer die Therapie anbietet
In den Vereinigten Staaten hat sich für die angewandte Verhaltensanalyse ein eigenes Berufsbild herausgebildet. Eine unabhängige Stelle vergibt dort eine Zertifizierung als Verhaltensanalytiker, die einen einschlägigen Hochschulabschluss, festgelegte Lehrinhalte, eine angeleitete praktische Ausbildung und eine Prüfung voraussetzt und regelmäßig erneuert werden muss.
Im deutschsprachigen Raum gibt es nichts Vergleichbares. Weder „Verhaltensanalytiker“ noch „Autismustherapeut“ sind geschützte Berufsbezeichnungen. Angeboten wird die Applied Behavior Analysis von Autismus-Therapiezentren, von Psychologen, Pädagogen und Heilpädagogen mit einer Zusatzausbildung sowie von freien Anbietern; die Ausbildungswege sind uneinheitlich und in ihrem Umfang sehr verschieden. In der Fachliteratur wird deshalb regelmäßig auf die Bedeutung nachweisbarer Qualifikation, regelmäßiger Supervision und nachvollziehbar dokumentierter Ziele hingewiesen.
Der Behandlung geht eine Diagnostik voraus, die nicht von den Therapieanbietern selbst geleistet wird. Sie erfolgt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in kinderärztlichen Spezialambulanzen oder in sozialpädiatrischen Einrichtungen. Auch die Finanzierung folgt eigenen Wegen: Autismustherapien werden in Deutschland häufig nicht als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung, sondern über die Eingliederungshilfe finanziert, und die Bewilligung erfolgt im Einzelfall auf Antrag. Einheitlich geregelt ist das nicht.
Abgrenzung zu anderen Angeboten bei Autismus
Die Applied Behavior Analysis ist kein einzelnes Programm, sondern ein methodischer Rahmen. Sehr unterschiedliche Angebote berufen sich auf sie, und der Name allein sagt daher wenig darüber aus, wie in einer bestimmten Einrichtung gearbeitet wird.
Ein anderer Ansatz ist unter dem Kürzel TEACCH bekannt geworden. Er setzt weniger beim einzelnen Verhalten an als bei der Umgebung: Räume, Abläufe und Aufgaben werden so gestaltet und bildlich dargestellt, dass sie ohne Sprache verständlich sind. Damit soll die Umgebung an den autistischen Menschen angepasst werden, während die Verhaltensanalyse vorrangig Fertigkeiten des Menschen selbst aufbaut. In der Praxis werden Elemente beider Richtungen häufig gemeinsam eingesetzt.
Daneben stehen Verfahren, die einzelne Bereiche abdecken: die Logopädie bei Störungen von Sprache und Sprechen, die Ergotherapie bei Handlungsplanung, Feinmotorik und Wahrnehmungsverarbeitung, heilpädagogische Angebote und die Frühförderung für jüngere Kinder. Für Menschen, die nicht oder kaum sprechen, kommen Formen der unterstützten Kommunikation in Betracht, etwa Bildkarten oder sprachausgebende Geräte; sie werden häufig innerhalb verhaltensanalytisch angelegter Programme eingeführt. Medikamente behandeln den Autismus selbst nicht; sie kommen allenfalls bei Begleitbeschwerden wie ausgeprägter Unruhe, Schlafstörungen oder Angstzuständen in Betracht.
Kritik & Fachdebatte
Die Auseinandersetzung um die Applied Behavior Analysis dreht sich weniger um einzelne Techniken als um die Frage, welche Ziele gesetzt werden und wer sie setzt.
Menschen aus dem Autismus-Spektrum, die sich öffentlich zu Wort melden, wenden ein, dass ein erheblicher Teil der üblichen Therapieziele auf Anpassung an die Erwartungen der Umgebung hinauslaufe: Blickkontakt halten, ruhig sitzen, sich wiederholende Selbstberuhigungsbewegungen unterlassen. Gerade diese Bewegungen erfüllten aber eine Aufgabe, und ihre Unterdrückung entziehe dem Betroffenen ein Mittel, mit Reizüberflutung umzugehen. Auch das dauerhafte Verbergen autistischer Merkmale wird als Belastung beschrieben, die sich später in Erschöpfung und seelischen Beschwerden äußern könne.
Befürworter halten dem entgegen, dass heutige Programme ohne unangenehme Reize arbeiten, dass Ziele gemeinsam mit der Familie und, soweit möglich, mit dem Kind selbst festgelegt werden und dass es dabei um Fertigkeiten gehe, die überhaupt erst Teilhabe eröffnen: sich verständlich machen zu können, sich selbst zu versorgen, Selbstverletzung zu vermeiden. Sie verweisen darauf, dass die Alternative für viele Familien nicht in einem anderen Verfahren bestehe, sondern in gar keiner Förderung.
Uneinigkeit besteht auch über die Beleglage. In Übersichtsarbeiten wird wiederholt auf methodische Schwächen der vorliegenden Untersuchungen hingewiesen, etwa auf kleine Teilnehmerzahlen, fehlende Vergleichsgruppen und darauf, dass Ergebnisse über längere Zeiträume nur selten erhoben werden. Umstritten ist überdies, woran ein Erfolg überhaupt zu messen ist: an der Zahl erlernter Fertigkeiten, an der Selbstständigkeit im Alltag oder am Befinden des Betroffenen. Solange dieser Maßstab nicht geklärt ist, lassen sich die Ergebnisse verschiedener Programme nur eingeschränkt miteinander vergleichen.
Quellen
- Cooper, J. O., Heron, T. E., Heward, W. L.: Applied Behavior Analysis, Global Edition.
ISBN: 9781292324630
- Bernard-Opitz, V.: Kinder und Jugendliche im Autismus-Spektrum.
ISBN: 9783170463721
- Bernard-Opitz, V.: Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störungen.
ISBN: 9783170365148
- Bernard-Opitz, V., Häußler, A.: Kinder mit Autismus fördern.
ISBN: 9783170413931
- Kitzerow-Cleven, J., Schuwerk, T.: Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes- und Jugendalter.
ISBN: 9783170423596
