Klientenzentrierte Psychotherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Unter der klientenzentrierten Psychotherapie wird eine Gesprächspsychotherapie verstanden. Sie geht aus der humanistischen Psychologie hervor.
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Was ist die Klientenzentrierte Psychotherapie?
In der Medizin trägt die klientenzentrierte Psychotherapie auch die Bezeichnungen Gesprächspsychotherapie (GT), personenzentrierte Psychotherapie oder non-direktive Psychotherapie. Gemeint ist damit eine Psychotherapie, in der Gespräche das zentrale Behandlungsverfahren bilden.
Als Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie gilt der amerikanische Psychotherapeut und Psychologe Carl R. Rogers (1902-1987). Rogers zählte zu den wichtigsten Akteuren der humanistischen Psychologie. Zu den bekanntesten deutschen Vertretern der klientenzentrierten Psychotherapie gehören Reinhard Tausch (1921-2013) sowie seine Frau Anne-Marie Tausch (1925-1983). Carl R. Rogers war zwischen 1940 und 1963 an mehreren US-Universitäten als Professor für Psychologie tätig. In dieser Zeit rief er auch die klientenzentrierte Psychotherapie ins Leben, die in den 1960er Jahren durch Reinhard Tausch nach Deutschland gelangte.
Funktion, Wirkung & Ziele
Durch die klientenzentrierte Psychotherapie soll der Mensch seine ursprüngliche Fähigkeit, sich selbst zu verwirklichen, wieder zurückerhalten. Dabei müssen die Rahmenbedingungen der Gesprächstherapie das Gegenteil zu den Zuständen bilden, die die Fehlanpassung verursacht haben. Daher gilt der Klient als Fachkraft für seine eigene Person.
Zu den wichtigsten Eckpfeilern für den Erfolg der klientenzentrierten Psychotherapie gehören drei grundsätzliche Elemente in der Beziehung zwischen Therapeut und Klienten. Dabei handelt es sich um bedingungslose positive Wertschätzung, Empathie und Kongruenz.
Bedingungslose positive Wertschätzung bedeutet, dass der Therapeut sowohl seinem Klienten an sich als auch dessen Eigenheiten und Problemen gegenüber absolut positiv eingestellt ist. Dabei deckt sich die bedingungslose positive Wertschätzung mit der klientenzentrierten Grundannahme über die positive Natur des Menschen. So soll die vorbehaltlose Annahme der Dinge, die der Klient ausdrückt, diesen ermutigen und ihm Solidarität signalisieren.
Durch die Empathie ist der Therapeut in der Lage, den Klienten zu verstehen und sich in dessen Probleme einzufühlen. Dabei erleichtert die Empathie die Kommunikation. Bei der Empathie im Rahmen der Gesprächspsychotherapie lässt sich zwischen mehreren unterschiedlichen Formen unterscheiden. Dazu gehören die Empathie zur Konkretisierung des Gesprächs, das Wiederholen der mitgeteilten Informationen, die Empathie in Verbindung mit dem Selbstkonzept sowie den handlungsprägenden Erlebnissen des Klienten.
Kongruenz bedeutet die Wahrhaftigkeit und Echtheit der Haltung des Therapeuten gegenüber dem Klienten. Dabei gibt sich der Therapeut seinem Klienten auch als Person und nicht nur in seiner Rolle als Therapeut zu erkennen. Des Weiteren setzt Carl R. Rogers noch drei weitere wichtige Faktoren zu einer erfolgreichen Beziehung zwischen Therapeut und Klient fest. So sollte zwischen beiden ein psychologischer Kontakt herrschen, sich der Klient in Inkongruenz befinden und er das Behandlungsangebot der Grundhaltungen wahrnehmen können. Nach Rogers lassen sich nur durch das Erfüllen dieser sechs Bedingungen psychotherapeutische Veränderungen erreichen.
Zur Anwendung kommt die klientenzentrierte Psychotherapie als Einzeltherapie, Gruppentherapie oder Paartherapie. Die Gesprächsinhalte werden vom Klienten festgelegt. Der Therapeut geht dann auf die jeweiligen Inhalte ein und unterstützt den Klienten bei der Erforschung seiner selbst. Außerdem gibt er Anregungen, bei denen es sich aber nicht um Ratschläge handelt. Der Therapeut ist bemüht, sich in den Klienten hineinzuversetzen und ihm Wärme zu vermitteln. Wichtig ist zudem Aufrichtigkeit. Nicht selten werden auch Elemente von anderen Behandlungsmethoden in die Gesprächstherapie integriert. So beschränkt sich die klientenzentrierte Psychotherapie nicht immer nur auf Gespräche.
Studien zufolge ließ sich die Wirksamkeit der klientenzentrierten Psychotherapie belegen. Den Untersuchungen zufolge bessern sich unter Einzel- wie unter Gruppenbehandlung häufig das Selbsterleben, die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Wohlbefinden.
Zur Anwendung gelangt die Gesprächspsychotherapie zur Behandlung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen oder beim Wunsch des Klienten nach Selbstverwirklichung. Die klientenzentrierte Psychotherapie eignet sich sowohl für erwachsene Menschen als auch für Jugendliche. Zu den Richtlinienverfahren, für die die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland eine ambulante Psychotherapie bezahlen, zählt die Gesprächspsychotherapie allerdings nicht. Die Gesprächstherapie wird in der Regel einmal in der Woche durchgeführt; eine Sitzung dauert wie in den übrigen Psychotherapieverfahren üblicherweise eine therapeutische Stunde von 50 Minuten.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Ob bei der Gesprächspsychotherapie Risiken oder Gegenanzeigen vorliegen, lässt sich nicht genau sagen. So gibt es bislang keine zuverlässigen Studien zu diesem Thema. Trotz zahlreicher Untersuchungen zur Wirksamkeit sind mögliche unerwünschte Wirkungen nur wenig erforscht. In manchen Fällen wird davor gewarnt, dass bestimmte Behandlungsziele wie Flexibilität und permanente Veränderungsbereitschaft bei manchen Klienten Verunsicherungen hervorrufen könnten.
Aus ethischer Sicht gilt die klientenzentrierte Psychotherapie als unbedenklich, weil sie humanen Grundsätzen nicht widerspricht; über mögliche unerwünschte Wirkungen der Behandlung sagt das nichts aus. Außerdem weist die Gesprächspsychotherapie aufgrund ihrer klientenzentrierten Haltung große Achtung vor den Patienten sowie deren Selbstreflexionen auf. Darüber hinaus soll der Klient die Fähigkeit zu mehr Selbstbestimmung erlangen.
Mögliche Risiken der Gesprächstherapie liegen vor allem in der Persönlichkeit von Therapeut und Klient. So wird es der Klient nicht zu Fortschritten bringen, wenn er nicht offen für Veränderungen ist. Der Therapeut muss hingegen konsequent authentisch und empathisch reagieren, um die Behandlung nicht zum Scheitern zu bringen.
Selbstkonzept, Inkongruenz und Aktualisierungstendenz
Hinter der klientenzentrierten Arbeit steht ein geschlossenes theoretisches Gebäude, das Rogers über Jahrzehnte ausgearbeitet hat. Sein Kern ist die Annahme einer Aktualisierungstendenz: Jeder Mensch trage eine Neigung in sich, seine Möglichkeiten zu entfalten und sich zu erhalten, ähnlich wie eine Pflanze zum Licht wächst. Diese Tendenz muss nach dem Konzept nicht erzeugt werden – sie ist bereits vorhanden und braucht lediglich Bedingungen, unter denen sie wieder wirksam werden kann.
Ein zweiter Grundbegriff ist das Selbstkonzept, also das Bild, das ein Mensch von sich selbst hat. Es entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in der Auseinandersetzung mit Bezugspersonen. Wird Zuwendung an Bedingungen geknüpft – geliebt wird, wer leistet, wer sich fügt, wer keine Ansprüche stellt –, dann übernimmt der Heranwachsende diese Bedingungen als eigene Maßstäbe. Erfahrungen, die dazu nicht passen, werden dann verzerrt wahrgenommen oder gar nicht erst zugelassen. Wer gelernt hat, dass Ärger unerwünscht ist, bemerkt seinen eigenen Ärger unter Umständen nicht mehr.
Aus dieser Abspaltung ergibt sich der dritte Begriff, die Inkongruenz: eine Kluft zwischen dem, was ein Mensch tatsächlich erlebt, und dem, was er von sich zulässt. Diese Kluft erzeugt nach dem Konzept eine anhaltende Spannung, die sich als Angst, als körperliche Beschwerde oder als Störung des Verhaltens bemerkbar machen kann. Ziel der Behandlung ist entsprechend nicht die Beseitigung eines einzelnen Symptoms, sondern eine größere Übereinstimmung zwischen Erleben und Selbstbild.
Daraus folgt auch die Rolle, die der Therapeut einnimmt. Er versteht sich nicht als Fachmann für die Inhalte des Lebens seines Gegenübers, sondern für den Gesprächsprozess. Deshalb die Bezeichnung non-direktiv: Die Richtung gibt der Klient vor. Bewusst gewählt ist auch das Wort Klient. Rogers vermied den Ausdruck Patient, weil dieser ein Gefälle zwischen einem wissenden Behandler und einem erduldenden Kranken nahelegt – ein Gefälle, das dem Ansatz gerade widerspricht.
Wie eine Sitzung abläuft
Vor Beginn der eigentlichen Behandlung stehen ein oder mehrere Vorgespräche. Darin schildert der Klient sein Anliegen, der Therapeut erläutert seine Arbeitsweise, und beide prüfen, ob sie zusammenarbeiten wollen. Zur Aufklärung gehört auch der Hinweis, dass der Klient die Themen bestimmt und dass er keine fertigen Lösungen erwarten sollte. Für alles Gesprochene gilt die berufliche Schweigepflicht.
Die Sitzungen selbst haben keine feste Tagesordnung. Der Klient beginnt mit dem, was ihn gerade beschäftigt; der Therapeut folgt ihm darin. Sein wichtigstes Arbeitsmittel ist das aufmerksame Zuhören und das Zurückspiegeln dessen, was er verstanden hat – und zwar nicht nur des Sachinhalts, sondern vor allem des Gefühls, das mitschwingt. In der deutschsprachigen Fachsprache hat sich dafür der von der Schule um Reinhard Tausch geprägte Ausdruck Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte eingebürgert. Trifft die Rückmeldung zu, kann der Klient sein Erleben genauer wahrnehmen; trifft sie nicht zu, korrigiert er sie, und auch das bringt ihn seinem Erleben näher.
Ebenso kennzeichnend ist, was in dieser Behandlungsform nicht geschieht. Der Therapeut deutet nicht, er erklärt dem Klienten also nicht dessen unbewusste Beweggründe. Er bewertet nicht, er erteilt keine Ratschläge, er gibt keine Übungsaufgaben für die Zeit zwischen den Stunden auf und arbeitet nicht mit einem im Voraus festgelegten Programm. Anregungen sind möglich, sie treten aber nicht an die Stelle der eigenen Entscheidung des Klienten.
Rogers hat den therapeutischen Verlauf als eine allmähliche Bewegung beschrieben: weg von starren, allgemeinen und auf die Vergangenheit oder auf andere Menschen bezogenen Aussagen, hin zu einem unmittelbaren, im Augenblick zugelassenen Erleben, über das der Klient auch sprechen kann. Ein solcher Verlauf lässt sich nicht erzwingen, und er verläuft nicht bei allen gleich schnell. Über das Ende der Behandlung wird gemeinsam entschieden, wobei dem Klienten auch hier ein großes Gewicht zukommt.
Anwendungsbereiche und Weiterentwicklungen
Die klientenzentrierte Haltung hat weit über die Heilkunde hinaus gewirkt. Sie prägt bis heute die Ausbildung in der Beratung, in der Seelsorge, in der Supervision, in der Sozialen Arbeit und in Teilen der Pädagogik; auch die Gesprächsführung in Medizin und Pflege greift auf sie zurück. Rogers selbst wandte sich in seinen späteren Jahren Gruppen und der Vermittlung in gesellschaftlichen Konflikten zu. Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Ein personzentriert geführtes Beratungsgespräch ist noch keine Psychotherapie, auch wenn es sich derselben Haltung bedient.
Innerhalb der Psychotherapie sind aus dem Ansatz mehrere Zweige hervorgegangen. Für Kinder wurde eine personzentrierte Spieltherapie entwickelt, die auf Virginia Axline zurückgeht und das Spiel an die Stelle des Gesprächs setzt. Aus dem unmittelbaren Umfeld von Rogers stammt das von Eugene T. Gendlin ausgearbeitete Focusing, bei dem die Aufmerksamkeit auf körperlich spürbare, zunächst noch unklare Empfindungen gerichtet wird. Später sind stärker prozessorientierte und emotionsbezogene Weiterentwicklungen hinzugekommen, die die zurückhaltende Grundhaltung beibehalten, dem Therapeuten aber ein aktiveres Vorgehen erlauben.
Von den anderen großen Verfahren unterscheidet sich die Gesprächspsychotherapie deutlich. Gegenüber der kognitiven Verhaltenstherapie fehlt ihr das planmäßige Üben und Umformen von Gedanken und Verhaltensweisen; gegenüber der Psychoanalyse fehlt die Deutung des Unbewussten und die Arbeit an der Übertragung; gegenüber der interpersonellen Psychotherapie fehlt die Festlegung auf einen vorab vereinbarten Schwerpunkt. Was sie den anderen voraushat, ist die Konsequenz, mit der sie die Beziehung zwischen Therapeut und Klient selbst als das wirksame Element betrachtet.
Bemerkenswert an Rogers' Bedingungen ist, dass er sie nicht als Merkmale seiner eigenen Schule verstand, sondern als Voraussetzungen, die für jede Form von Psychotherapie gelten sollten. Damit hat er eine Diskussion angestoßen, die bis heute anhält: die Frage, wie viel der Wirkung einer Psychotherapie auf das jeweilige Verfahren entfällt und wie viel auf Elemente, die allen Verfahren gemeinsam sind – auf die tragfähige Arbeitsbeziehung, auf die Erwartung einer Besserung und auf die Person des Behandelnden. Wertschätzung, Einfühlung und Echtheit werden deshalb heute auch dort gelehrt, wo nach ganz anderen Konzepten gearbeitet wird.
Auch die Berufsbezeichnungen sollte man auseinanderhalten. Rogers war Psychologe, nicht Arzt. Wer heute in Deutschland eigenverantwortlich Psychotherapie ausübt, braucht eine Approbation als Psychotherapeut; ein abgeschlossenes Studium der Psychologie allein genügt dafür nicht. Medikamente kann weder ein Psychologe noch ein psychologischer Psychotherapeut verordnen – das bleibt Ärztinnen und Ärzten vorbehalten, etwa einem Psychiater.
Ausbildung, Kostenfrage und Grenzen
Ausgebildet wird in der Gesprächspsychotherapie an Instituten der Fachgesellschaften, in einer mehrjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung mit Theorie, eigener Selbsterfahrung und Behandlungen unter Anleitung. Daneben gibt es kürzere Weiterbildungen in personzentrierter Gesprächsführung für Berufe, in denen beraten, aber nicht behandelt wird.
Die Kostenfrage ist für Interessierte der praktisch wichtigste Punkt. Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat die Gesprächspsychotherapie für den Erwachsenenbereich als wissenschaftlich anerkannt beurteilt; in die Psychotherapie-Richtlinie, die bestimmt, was die gesetzlichen Krankenkassen ambulant bezahlen, wurde sie dennoch nicht aufgenommen. Wer sie ambulant in Anspruch nehmen möchte, muss die Kosten daher in der Regel selbst tragen oder mit einem privaten Kostenträger klären. In Kliniken, in psychosomatischen Abteilungen und in Rehabilitationseinrichtungen begegnet sie Patienten dagegen durchaus, weil dort das Gesamtkonzept der Behandlung abgerechnet wird und nicht das einzelne Verfahren.
Nicht für jede Lage ist der Ansatz der richtige. Bei akuter Selbstgefährdung, bei akuten psychotischen Zuständen oder bei einer Abhängigkeitserkrankung, die den Alltag beherrscht, ist zunächst eine andere, meist ärztlich geführte Behandlung nötig. Auch Menschen, die eine klare Anleitung suchen oder die sich mit dem Sprechen über eigene Gefühle sehr schwertun, kommen mit dem Verfahren mitunter nicht zurecht; das ist kein Versagen, sondern eine Frage der Passung. Wie bei jeder Psychotherapie lässt sich ein Erfolg nicht zusichern, und wie lange die Behandlung dauert, hängt vom Anliegen und vom Verlauf ab.
Quellen
- Rogers, C. R.: Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie.
ISBN: 9783596421756
- Senf, W., Broda, M., Voos, D., Neher, M. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
ISBN: 9783132420793
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432673
- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
ISBN: 9783662618134
- Ermann, M.: Psychotherapie und Psychosomatik.
ISBN: 9783170368002
