Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) nach der deutschen Psychoanalytikerin Luise Reddemann ist in erster Linie für die Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen konzipiert.
Die Grundlage bilden psychoanalytische Konzepte. Die PITT hat sich seit 1985 als ein Verfahren herausgebildet, bei dem die Therapeuten eine begleitende Rolle einnehmen, in der vor allem die Fähigkeiten des Patienten zur Selbstakzeptanz, Selbstberuhigung und Selbsttröstung entwickelt und gefördert werden sollen.
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Was ist die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie?
Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) ist eine tiefenpsychologisch-psychodynamische Kurzzeitpsychotherapie.
Es ist ein Verfahren, das heute im deutschsprachigen Raum häufig bei Patienten mit komplexen posttraumatischen Störungsbildern in der stationären Behandlung eingesetzt wird. Die PITT hat sich aus den praxisbezogenen Bedürfnissen heraus entwickelt und ist von anderen Verfahren beeinflusst. Psychotherapeutischen Verfahren konnten somit traumaadaptierte Anwendungsmöglichkeiten an die Hand gegeben werden. Zentrales Anliegen der PITT ist es vor allem, die Selbstregulation der Patienten zu verbessern.
Wie die meisten Traumatherapien folgt die PITT einem Aufbau in drei Schritten, der auf den französischen Arzt und Psychologen Pierre Janet zurückgeht: zuerst die Stabilisierung, dann die Auseinandersetzung mit dem belastenden Ereignis, schließlich Trauer, Integration und Neuorientierung. Innerhalb dieses Rahmens legt die PITT das Gewicht deutlich auf den ersten Schritt. Sie geht davon aus, dass Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen zunächst verlässliche Möglichkeiten brauchen, sich selbst zu beruhigen, bevor Erinnerungen überhaupt bearbeitet werden können.
Der Begriff der komplexen Traumafolgestörung meint dabei etwas anderes als die Folge eines einzelnen Ereignisses. Gemeint sind Belastungen, die früh begonnen haben, über lange Zeit anhielten und von Menschen ausgingen, auf die das Kind angewiesen war – etwa anhaltende Gewalt, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch. Die Folgen betreffen deshalb nicht nur das Erinnern, sondern die Steuerung von Gefühlen, das Selbstbild und die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen. Häufig bestehen zugleich weitere Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, selbstverletzendes Verhalten oder eine Abhängigkeitserkrankung.
Von Verfahren, die früh und gezielt mit der Erinnerung arbeiten, unterscheidet sich die PITT durch diese Schwerpunktsetzung; zu ihnen zählen die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und die narrative Expositionstherapie. Ein Gegensatz ist das nicht: Auch diese Verfahren beginnen mit Aufklärung und Stabilisierung, und auch die PITT sieht die Bearbeitung des Traumas ausdrücklich vor. Der Unterschied liegt im Gewicht, das die einzelnen Phasen erhalten, und in den Mitteln – die PITT arbeitet überwiegend mit inneren Bildern statt mit dem wiederholten Erzählen des Geschehens.
Ein zweiter Bezugspunkt sind die Ansätze, die von verschiedenen inneren Anteilen einer Person ausgehen. Die PITT übernimmt diese Sichtweise, wenn sie vom inneren Kind und von verletzten Anteilen spricht: Was im Alltag stört, wird nicht als Fehler verstanden, sondern als eine Überlebensstrategie, die einmal sinnvoll war und nur nicht mehr zur gegenwärtigen Lage passt. Diese Haltung prägt den Ton des Verfahrens – es geht weniger darum, Symptome abzustellen, als darum, ihnen ihren ursprünglichen Sinn zurückzugeben.
Der Name des Verfahrens benennt seine drei Bestandteile. Psychodynamisch verweist auf die Herkunft aus der Psychoanalyse: Beschwerden werden als Ergebnis innerer Kräfte verstanden, die einander widerstreiten, und die Beziehung zwischen Patient und Therapeut wird als Teil der Behandlung aufgefasst und nicht als bloßer Rahmen. Imaginativ bezeichnet das Arbeitsmittel, nämlich das absichtsvolle Hervorbringen innerer Bilder, mit denen sich Zustände verändern lassen, die sprachlich schwer zugänglich sind. Traumatherapie schließlich grenzt das Anwendungsgebiet ein.
Die Verbindung dieser drei Elemente ist der eigentliche Beitrag des Verfahrens. Die klassische psychoanalytische Behandlung setzt darauf, Verdrängtes bewusst zu machen; bei schwer traumatisierten Menschen kann genau das überfordern, weil die Abwehr hier eine schützende Aufgabe erfüllt. Die PITT löst diesen Widerspruch, indem sie die Abspaltung zunächst als Leistung anerkennt und erst dann daran arbeitet, wenn tragfähige Möglichkeiten zur Selbstberuhigung zur Verfügung stehen. Damit ist sie ein Beispiel dafür, wie ein tiefenpsychologisches Verfahren an eine bestimmte Patientengruppe angepasst wurde, statt sie an das Verfahren anzupassen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Da diese mit sehr starken Gefühlen verbunden sind, werden sie oft abgespalten (Dissoziation). Auf diese Weise soll das eigene Ich vor einer Überforderung durch zu viele negative Gefühle geschützt werden. Das Trauma wird dabei allerdings nicht aufgelöst. Die PITT kann das eigene Sicherheitsgefühl und die psychische Stabilität verbessern. Die Patienten sollen befähigt werden, auftretende Affekte besser zu kontrollieren und zu integrieren, statt weitere Spaltungen hervorzurufen. Somit können weitere Retraumatisierungen vermieden werden. Bei einem Großteil der persönlichkeitsgestörten Patienten geht es um ein Beziehungstrauma.
Dies bedeutet mehr als ein traumatisches Ereignis. Vielmehr handelt es sich zumeist um eine gestörte Beziehung zu zentralen bedeutenden Personen im Umfeld des Patienten über einen langen Zeitraum. Beziehungsmuster aus früheren Zeiten werden in aktuellen Beziehungen wiedererlebt. Besonders traumatisierende Bindungserfahrungen führen häufig zu gestörten Selbstregulationsmechanismen. Es entstehen Abwehrmechanismen gegen bestimmte Gefühle, was wiederum die Wahrnehmung der Umwelt und die Selbstwahrnehmung beeinflusst. Eigene Wünsche und Sehnsüchte werden dabei unterdrückt. Heutzutage geht man davon aus, dass auch unsichere oder desorganisierte Bindungsstile später noch zu einer sicheren Bindung entwickelt werden können.
Hierzu bedarf es einer vertrauensvollen und stärkenden therapeutischen Beziehung sowie der Förderung der selbstregulativen Kräfte des Patienten. Der Therapeut begleitet diesen Prozess und übernimmt die Rolle des Regieassistenten. Die Patienten sollen aktiv daran mitarbeiten, ihre verborgenen Kräfte wiederzuentdecken. Bei der PITT sollen die Ich-stärkenden Ansätze der eigentlichen Traumarbeit vorangestellt werden. Die Abspaltung bestimmter Gefühle des traumatisierten Patienten wird als stabilisierender Faktor genutzt. Dem Patienten soll mittels Imagination, also der Vorstellungskraft, vermittelt werden, dass das abgespaltene Gefühl hilfreich und nützlich ist und er wieder mit diesem in Kontakt kommen sollte.
Die abgespaltenen Teile werden in der Therapie inneres Kind genannt, das auch als kindlicher oder verletzter Anteil des Patienten bezeichnet wird. Diese Anteile erfordern, wie es auch bei einem wirklichen Kind der Fall ist, Geborgenheit, Schutz, Aufmerksamkeit und Unterstützung. Nur so können sie sich zu gesunden Anteilen entwickeln und es ist möglich, sich in imaginativen Übungen bewusst von diesen zu distanzieren. Die Imagination ist dazu geeignet, Geist und Gefühle miteinander zu verbinden und auch den Körper in der therapeutischen Arbeit zu berücksichtigen, ohne dass dieser berührt werden muss. Dabei wird auf achtsames Wahrnehmen und Erkennen der körperlichen Bedürfnisse Wert gelegt.
Dies hilft dem Patienten dabei, sich auf heilsamere Gefühle und Vorstellungen einzulassen. Diese Phase der Therapie wird auch Stabilisierungsphase oder Ich-Stärkung genannt. Erst im Anschluss hieran folgt die Phase der eigentlichen Konfrontation mit dem Trauma, in der dieses bearbeitet wird. Der Patient soll dabei aus einer sicheren Entfernung heraus agieren. Hierzu stellt er sich z. B. vor, das Geschehen aus der Luft oder als Kinobesucher auf einer Leinwand zu betrachten. Auf diese Weise ist es möglich, dem Trauma zu begegnen, ohne von den belastenden Gefühlen überwältigt zu werden.
In der dritten Phase der Integration geht es schließlich darum, sich den Stress hervorrufenden Gefühlen wie Scham oder Schuld zu stellen, sich dabei selbst zu verzeihen und mit diesen Frieden zu schließen. Auch hier wird wieder mit Imaginationen, Bildern und Ritualen gearbeitet. Später soll der Patient die gelernten Übungen selbstständig anwenden und dies idealerweise wieder zu einer erfüllten Teilnahme am Leben führen.
Die Methoden der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie finden in der Psychotraumatologie bei posttraumatischer Belastungsstörung, komplexer posttraumatischer Belastungsstörung und bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung Anwendung und können mit verschiedenen anderen Therapieformen kombiniert werden. Die PITT wurde speziell für kurze Behandlungsdauern entwickelt, z. B. für die stationäre Behandlung in Krankenhäusern. Der Kinder- und Jugendlichentherapeut Andreas Krüger passte die PITT für die Behandlung traumatisierter Kinder und Jugendlicher an (PITT-KID).
In der Stabilisierungsphase greift die PITT auf eine Reihe von Übungen zurück, die zum festen Bestand des Verfahrens gehören. Bekannt ist vor allem der innere sichere Ort: Der Patient entwickelt in seiner Vorstellung einen Ort, an dem ihm nichts geschehen kann, und übt, ihn willentlich aufzusuchen. Bei der Tresorübung werden belastende Erinnerungen und Gefühle in einem vorgestellten Behältnis verwahrt, das nur der Patient selbst öffnen kann – nicht, um sie loszuwerden, sondern um zu erfahren, dass sich der Zeitpunkt der Auseinandersetzung wählen lässt. Weitere Übungen führen hilfreiche innere Gestalten ein, arbeiten mit Bildern aus der Natur oder verbinden die Vorstellung mit der Achtsamkeit für den eigenen Körper, etwa für Atem und Haltung.
Die Übungen werden in der Sitzung eingeführt und ausdrücklich zwischen den Terminen weitergeübt; viele Patienten halten ihre Erfahrungen schriftlich fest. Wichtig ist dabei, dass jede Übung angepasst wird: Ein Bild, das für den einen beruhigend wirkt, kann bei einem anderen mit dem Erlebten verknüpft sein. Deshalb wird nach jeder Übung besprochen, wie sie gewirkt hat, und sie wird gegebenenfalls verändert oder durch eine andere ersetzt.
Die Bearbeitung des Traumas beginnt erst, wenn diese Fähigkeiten verlässlich zur Verfügung stehen und auch die äußeren Umstände es zulassen. Besteht weiterhin Kontakt zu einer gewalttätigen Person, ist die Wohnsituation ungeklärt oder steht ein Gerichtsverfahren bevor, wird die Konfrontation verschoben. Die Beobachtertechnik erlaubt es, den Abstand jederzeit zu vergrößern, das Bild anzuhalten oder die Übung abzubrechen. Die Steuerung liegt beim Patienten; bei Menschen, die Ohnmacht erlebt haben, ist gerade das ein wesentlicher Teil der Wirkung.
Angewandt wird die PITT ambulant wie stationär, im Einzel- und im Gruppensetting. In Kliniken wird sie häufig mit Körper-, Kunst- und Ergotherapie sowie mit Entspannungsübungen kombiniert. Durchgeführt wird sie von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten sowie von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die eine entsprechende Weiterbildung absolviert haben. Ein eigenständiges Richtlinienverfahren ist die PITT nicht; sie versteht sich als Vorgehensweise innerhalb der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, die als solche von den gesetzlichen Krankenkassen getragen wird.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Beschrieben wird ein solcher Nutzen vor allem bei chronisch traumatisierten Patienten. Angesichts der geringen Zahl an Studien ist die Wirksamkeit der PITT und deren spezifische Heilanzeige in der Behandlung schwer traumatisierter Patienten bislang jedoch nur unzureichend empirisch belegt. Nichtsdestotrotz hat sich dieses Therapieverfahren in der Praxis bewährt. Die Besonderheiten der PITT liegen in der Ressourcenstärkung, im hohen Stellenwert der therapeutischen Beziehung sowie in der individuellen Behandlungsplanung und Behandlungsdurchführung. Systematische Untersuchungen zu Risiken und Nebenwirkungen der PITT liegen bislang nicht vor. Wie bei jeder Traumatherapie können belastende Erinnerungen und Gefühle vorübergehend stärker hervortreten, weshalb die Konfrontation mit dem Trauma erst nach einer ausreichenden Stabilisierung erfolgt.
Der wichtigste Punkt, an dem eine Traumatherapie schaden kann, ist eine zu früh begonnene Auseinandersetzung mit dem Ereignis. Werden Erinnerungen aufgerufen, bevor der Patient sie aushalten und wieder beenden kann, drohen eine Zunahme von Albträumen und sich aufdrängenden Bildern, eine verstärkte Abspaltung oder ein Rückfall in alte Bewältigungsmuster. Gerade um dies zu vermeiden, ist die PITT so aufgebaut, wie sie aufgebaut ist. Aus demselben Grund gilt: Bei akuter Selbstgefährdung, bei einer akuten Psychose oder bei einer unbehandelten Abhängigkeitserkrankung stehen zunächst andere Maßnahmen im Vordergrund.
Auch die Arbeit mit inneren Bildern ist nicht in jedem Fall unproblematisch. Manche Patienten können sich kaum etwas bildlich vorstellen, andere geraten über ein Bild unversehens in eine Erinnerung hinein. Deshalb wird in kleinen Schritten vorgegangen, deshalb wird das Ergebnis jeder Übung besprochen, und deshalb werden Übungen, die nicht helfen, ersetzt statt wiederholt. Ein Verfahren, das mit der Vorstellungskraft arbeitet, ersetzt zudem keine ärztliche Behandlung begleitender Erkrankungen.
Ein weiterer Gesichtspunkt betrifft die Erinnerung selbst. Erinnerungen sind kein unverändertes Abbild des Geschehenen; sie werden bei jedem Abruf neu zusammengesetzt und lassen sich durch Erwartungen beeinflussen. Traumatherapeutische Verfahren zielen deshalb nicht darauf, verschüttete Ereignisse zu rekonstruieren, sondern darauf, den Umgang mit dem Erinnerten zu verändern. Vorgehensweisen, die dem Patienten nahelegen, was ihm widerfahren sein könnte, gelten als Kunstfehler.
Schließlich stellt die Arbeit mit schwer traumatisierten Menschen Anforderungen an die Behandelnden selbst. Regelmäßige Supervision, ein klar begrenzter Rahmen und die Aufmerksamkeit für die eigene Belastung gehören deshalb zum Verfahren dazu. Sie sind kein Beiwerk, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die therapeutische Beziehung, auf die die PITT so viel Gewicht legt, über die gesamte Behandlung hinweg tragfähig bleibt.
Dass die Wirksamkeit der PITT bislang nur wenig untersucht ist, hat auch methodische Gründe. Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen bilden eine sehr uneinheitliche Gruppe, tragen häufig mehrere Diagnosen und werden über lange Zeiträume behandelt, oft mit mehreren Verfahren zugleich. Vergleichsgruppen lassen sich unter diesen Bedingungen nur schwer bilden, Behandlungsabbrüche sind häufig, und was genau gewirkt hat, ist im Nachhinein kaum zu trennen. Fehlende Belege sind deshalb nicht mit einem Beleg für Unwirksamkeit gleichzusetzen – sie bedeuten zunächst, dass die Frage offen ist. Für Patienten heißt das vor allem, sich das geplante Vorgehen erläutern zu lassen und nach den Erfahrungen und der Weiterbildung des Behandelnden zu fragen.
Quellen
- Seidler, G. H., Freyberger, H. J., Glaesmer, H., et al. (Hrsg.): Handbuch der Psychotraumatologie.
ISBN: 9783608962581
- Augsburger, M., Maercker, A.: Posttraumatische Belastungsstörungen.
ISBN: 9783170472860
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
ISBN: 9783662549100
- Senf, W., Broda, M., Voos, D. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
ISBN: 9783132420793
- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
ISBN: 9783662618134
