Pyle-Syndrom

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das Pyle-Syndrom ist eine Skelettdysplasie, die insbesondere die Metaphysen der langen Röhrenknochen betrifft. Ursache ist eine autosomal-rezessiv vererbte Veränderung im Gen SFRP4. Viele der Patienten haben zeitlebens nur geringe Beschwerden und benötigen in diesem Fall keine weiterführende Behandlung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Pyle-Syndrom?

Pyle Syndrom
Die Anomalien betreffen vor allem die langen Röhrenknochen und reichen an diesen Knochen bis in die Diaphyse hinein.
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Bei Skelettdysplasien liegt eine angeborene Störung des Knochen- und Knorpelgewebes vor. Eine Gruppe der Skelettdysplasien bilden die metaphysären Dysplasien. Dabei handelt es sich um angeborene Störungen, die insbesondere das Gewebe der Metaphyse betreffen, also den Abschnitt der Röhrenknochen zwischen Schaft und Epiphyse. Das Pyle-Syndrom ist eine metaphysäre Skelettdysplasie, bei der die Metaphysen der langen Röhrenknochen Auftreibungen zeigen.

Erstmals beschrieben wurde die seltene Erberkrankung im Jahr 1931. Der US-amerikanische Orthopäde Edwin Pyle gilt als Erstbeschreiber der metaphysären Dysplasie. Die Häufigkeit der Erkrankung wird mit deutlich weniger als einem Fall auf 1.000.000 Menschen angegeben. Seit der Erstbeschreibung durch Pyle wurden nur etwa 30 Fälle dokumentiert.

Aus diesem Grund ist das Pyle-Syndrom bislang nicht abschließend erforscht. Da viele Patienten kaum Symptome zeigen, handelt es sich bei den Diagnosen oft um einen Zufallsbefund. Die Dunkelziffer der Erkrankung liegt wegen der Asymptomatik vermutlich weit höher als die angegebene Verbreitungshäufigkeit.

Ursachen

Das Pyle-Syndrom wird mit familiären Häufungen assoziiert. Eine Fallstudie aus dem Jahr 1960 spricht für eine genetische Basis des Syndroms und für die Erblichkeit der Skelettdysplasie. Bakwin und Krida dokumentierten bereits im Jahr 1937 einen Fall betroffener Geschwister.

Einen ähnlichen Fall beschrieben Hermel im Jahr 1953 und Feld im Jahr 1955. Komins dokumentierte 1954 einen besonders aussagekräftigen, familiären Fall des Pyle-Syndroms, der neben einem gemischtgeschlechtlichen Geschwisterpaar die Mutter und den Onkel mütterlicherseits betraf. Beighton berichtete 1987 derweil von 20 Fällen, in denen die Eltern sieben Mal keinerlei Auffälligkeiten zeigten.

Auf Basis dieser Fallberichte hat sich die Wissenschaft für das Pyle-Syndrom mittlerweile auf eine autosomal-rezessive Vererbung geeinigt. Lange konnte das ursächliche Gen allerdings nicht näher bestimmt werden. Nach heutigem Kenntnisstand ist die Ursache bekannt: Im Jahr 2016 wiesen Forscher bei Betroffenen Veränderungen im Gen SFRP4 nach, und zwar auf beiden Chromosomen. Das Gen enthält den Bauplan für ein Eiweiß, das den Knochenumbau steuert. Fällt es aus, wird die äußere, feste Schicht der Röhrenknochen dünner, während sich die Metaphysen verbreitern.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten des Pyle-Syndroms leiden häufig an einer Achsabweichung zwischen Ober- und Unterschenkel, die einer Fehlstellung der Knie gleichkommt. Der Kopf der Patienten ist in den meisten Fällen nicht von skelettalen Fehlbildungen betroffen. Nur in Einzelfällen liegt eine leichte Hyperostose des Schädels im Sinne einer Verdickung der Schädelknochen vor.

In vielen Fällen zeigen sich Streckhemmungen im Bereich der Ellenbogen. Im Bereich der Schlüsselbeine und Rippen zeigen sich charakteristischerweise außerdem Auftreibungen. Die Metaphysen der Betroffenen sind oft verbreitert. Die Anomalien der Knochen begünstigen abnormal häufige Frakturen.

Lange galt das Pyle-Syndrom als eine Erkrankung, bei der die Betroffenen abgesehen von den skelettalen Dysplasien bester Gesundheit sind. Nach heutigem Kenntnisstand ist die Knochenbrüchigkeit jedoch kein Randbefund: Weil die äußere, tragende Schicht der Röhrenknochen dünner ausgebildet ist, brechen die Knochen leichter als bei Gesunden. Wie stark sich das auswirkt, ist allerdings von Fall zu Fall verschieden, und ein Teil der Betroffenen bleibt zeitlebens weitgehend beschwerdefrei. Berichtet werden außerdem Zahnfehlstellungen und Verkrümmungen der Wirbelsäule. Einengungen der Foramina im Bereich des Schädels wurden dagegen in keinem einzigen Fall beobachtet; anders als bei anderen Knochenerkrankungen sind Schädigungen der Hirnnerven daher nicht zu erwarten. Viele Patienten haben nur geringe Beschwerden, sodass die Diagnose häufig über einen Zufallsbefund gestellt wird.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des Pyle-Syndroms wird über bildgebende Verfahren gestellt. Im Röntgenbild zeigen sich wegweisende Veränderungen wie eine Erlenmeyerkolben-artige Auftreibung, die einer Verbreiterung der Metaphysen ohne Becherung entspricht. Die Anomalien betreffen vor allem die langen Röhrenknochen und reichen an diesen Knochen bis in die Diaphyse hinein.

An den kurzen Röhrenknochen sind die Veränderungen weniger deutlich. Von diesen Kriterien abgesehen kann eine Platyspondylie im Sinne einer Abflachung der Wirbelkörper für das Pyle-Syndrom sprechen. Das Syndrom ist differentialdiagnostisch von anderen Erkrankungen abzugrenzen, in deren Rahmen eine Erlenmeyer-Deformität auftreten kann, so zum Beispiel vom autosomal-dominant vererbten Typ Braun-Tinschert der Metaphysären Dysplasie. Die Vererbungsform ist hierbei ein Abgrenzungskriterium. Seit das ursächliche Gen bekannt ist, lässt sich die Diagnose zusätzlich durch eine molekulargenetische Untersuchung des SFRP4-Gens sichern.

Komplikationen

In den meisten Fällen kommt es beim Pyle-Syndrom zu einer Fehlstellung der Knie. Diese Fehlstellung führt damit auch zu Bewegungseinschränkungen und damit zu Schwierigkeiten und Komplikationen im Alltag des Betroffenen. In einigen Fällen sind die Patienten damit auch auf die Hilfe anderer Menschen im Alltag angewiesen. Auch am Schädel kann es dabei zu einer Verdickung der Knochen kommen.

Die Beweglichkeit ist häufig eingeschränkt; vor allem die Ellenbogen lassen sich oft nicht mehr vollständig strecken. Die Beschwerden treten in der Regel allerdings in einer sehr leichten Form auf, sodass der Alltag der meisten Patienten von der Erkrankung nicht eingeschränkt wird. Eine Behandlung des Pyle-Syndroms ist aus diesem Grund nicht in jedem Fall notwendig. In der Regel muss allerdings eine Arthrose verhindert werden, damit es nicht zu weiteren Beschwerden kommt.

Vor allem bei Kindern soll eine möglichst komplikationsfreie Entwicklung durch regelmäßige orthopädische Kontrollen unterstützt werden. In schwerwiegenden Fällen sind die Betroffenen auf den Einsatz von Prothesen angewiesen. Schwerwiegende Komplikationen sind dabei selten und es kommt meistens zu einem positiven Krankheitsverlauf; wie bei jedem Gelenkersatz sind jedoch Wundinfektionen, Blutgerinnsel oder eine Lockerung der Prothese möglich. Hinzu kommt die erhöhte Bruchgefahr der Knochen, die bei Stürzen und bei Eingriffen zu berücksichtigen ist. Die Lebenserwartung der Betroffenen wird durch das Pyle-Syndrom nicht beeinflusst.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Da es beim Pyle-Syndrom nicht zu einer Selbstheilung kommt und die Beschwerden den Alltag des Betroffenen erschweren können, sollte bei den ersten Anzeichen des Syndroms ein Arzt aufgesucht werden. Da es sich um eine genetisch bedingte Erkrankung handelt, kann diese auch nicht vollständig oder ursächlich therapiert werden. Dem Betroffenen steht daher nur eine rein symptomatische Behandlung zur Verfügung.

Der Arzt ist beim Pyle-Syndrom dann aufzusuchen, wenn der Betroffene an Bewegungseinschränkungen oder an Streckhemmungen leidet, welche den Alltag deutlich erschweren können. Die Knochen weisen deutliche Anomalien auf, sodass gewöhnliche Bewegungen im Einzelfall eingeschränkt sein können. In den meisten Fällen wird das Pyle-Syndrom allerdings nur durch eine Routineuntersuchung diagnostiziert, sodass eine frühe Untersuchung meist nicht stattfindet. Sind Beeinträchtigungen vorhanden, erfolgt die Behandlung des Syndroms mit Hilfe verschiedener Operationen, die wie jeder Eingriff mit Risiken verbunden sind.

Ein Anlass, nicht bis zum nächsten Termin zu warten, ist ein Verdacht auf einen Knochenbruch. Weil die tragende Außenschicht der Knochen beim Pyle-Syndrom dünner ist, können Brüche schon bei geringen Anlässen entstehen. Anhaltende Schmerzen nach einem Sturz, eine sichtbare Fehlstellung oder die Unfähigkeit, ein Bein zu belasten, gehören umgehend ärztlich untersucht.

Behandlung & Therapie

In den meisten Fällen leiden Patienten mit dem Pyle-Syndrom nicht weiter unter ihren Anomalien. Solange die Veränderungen der Metaphysen keinerlei Symptome hervorrufen, ist eine weiterführende Therapie nicht erforderlich. Erst wenn sich erste Beeinträchtigungen zeigen, ist die therapeutische Intervention indiziert. Da die Fehlstellungen der Knie im Verlauf Arthrose begünstigen können, findet bei einer signifikanten Fehlstellung idealerweise noch vor Wachstumsabschluss eine Epiphyseodese statt.

Bei diesem Verfahren werden die Wachstumsfugen der Knochen einseitig geschlossen, sodass durch das Restwachstum der anderen Seite ein Ausgleich der Fehlstellung erfolgen kann. Nach dem Wachstumsabschluss kann die Korrektur der Fehlstellung durch Umstellungsosteotomien über den Gelenkknorren am Oberschenkelknochen stattfinden und entspricht dann dem operativen Verfahren einer suprakondylären Femur-Osteotomie.

Eine andere Herangehensweise bietet sich mit der Intervention unterhalb des Schienbeinplateaus, die einer hohen Tibiakopf-Osteotomie entspricht. Falls die Fehlstellung bereits zu einer Arthrose geführt hat, wird keine Korrektur vorgenommen, sondern eine Kniegelenksprothese eingesetzt.

Auch an den Ellenbogen kann eine orthopädische Korrektur erforderlich sein, falls sich durch eine Streckhemmung starke Beeinträchtigungen im Alltag der Patienten zeigen. Da viele Betroffene aber zeitlebens nur geringe Beschwerden haben, werden Eingriffe tatsächlich nur in Einzelfällen erforderlich.


Vorbeugung

Das Pyle-Syndrom ist angeboren, weshalb zur Vorbeugung der Erkrankung selbst keinerlei Maßnahmen bereitstehen. Weil das Syndrom autosomal-rezessiv vererbt wird, erkranken die Kinder eines Betroffenen nur dann, wenn auch der andere Elternteil die Anlage trägt; in aller Regel geben Betroffene lediglich die Anlage weiter, ohne dass ihre Kinder erkranken. Eine humangenetische Beratung kann dieses Risiko für die eigene Familie einordnen. Die Entscheidung über eigene Kinder liegt allein bei den Betroffenen. Vorbeugen lässt sich hingegen den Folgen: Regelmäßige orthopädische Kontrollen, ein gelenkschonendes Verhalten und das Vermeiden von Übergewicht können einer Arthrose des Knies entgegenwirken.

Nachsorge

Gegenstand der Nachsorge beim Pyle-Syndrom ist das Weiterführen der therapeutischen Behandlungen und Maßnahmen. Die Nachsorgebehandlungen zielen in der Regel darauf ab, die Beweglichkeit des Bewegungsapparates der Betroffenen zu erhalten. In vielen Fällen ist dabei die Streckung der Ellenbogen eingeschränkt.

In diesen leichten Krankheitsfällen sind engmaschige ärztliche Untersuchungen oft nicht notwendig. Denn im Alltag des Betroffenen sind meist keine größeren Schwierigkeiten zu erwarten. Grundsätzlich sind aber solche Maßnahmen zu treffen, die einer Arthrose im Knie (schleichender Verschleiß des Knorpels im Kniegelenk) vorbeugen. Helfen können hier eine fettarme und ausgewogene Ernährung sowie ein gelenkschonendes Verhalten des Betroffenen. Auch ist Übergewicht zu vermeiden.

Bei vom Pyle-Syndrom betroffenen Kindern soll die Nachsorge eine möglichst komplikationsfreie Entwicklung des Bewegungsapparates unterstützen. Um eine Verschlimmerung der Fehlstellung des Knies rechtzeitig behandeln zu können, sind regelmäßig (mindestens halbjährlich) klinisch oder ambulant Röntgenaufnahmen vorzunehmen und durch Fachärzte entsprechend auszuwerten.

Trotz ärztlicher Überwachung kann das Pyle-Syndrom dennoch zu schweren Bewegungseinschränkungen führen. In Einzelfällen sind mitunter für das Erhalten der Beweglichkeit auch Prothesen einzusetzen. Die Nachsorge fokussiert sich dann auf den Umgang mit der Erkrankung und den Prothesen im Alltag. Grundsätzlich aber gilt, dass das Pyle-Syndrom die Lebenserwartung der Betroffenen nicht reduziert.

Quellen

  • Wiedemann, H.-R., Kunze, J.: Wiedemanns Atlas klinischer Syndrome.
    ISBN: 9783794526574
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
    ISBN: 9783132416871
  • Hefti, F.: Kinderorthopädie in der Praxis.
    ISBN: 9783642449949
  • Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
    ISBN: 9783662561461
  • Niethard, F. U., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie.
    ISBN: 9783132443150

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