Spieltherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Für ein Kind stellt das Spielen eine entscheidende Rolle in seiner Entwicklung dar. Über Spiele wird es gefordert und gefördert, weshalb seit 1920 die Spieltherapie als Heilungsansatz bei verschiedenen Erkrankungen genutzt und weiterentwickelt wurde. Je nach Art der Therapie werden bestimmte Bereiche angesprochen.
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Was ist die Spieltherapie?
Die Spieltherapie ist ein Verfahren der Kinderpsychotherapie, das aus der Psychoanalyse hervorgegangen ist. Entwickelt wurde es im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts von der Psychoanalytikerin Hermine Hug-Hellmuth. In den darauffolgenden Jahren wurde es von verschiedenen Personen übernommen und weiterentwickelt. Neben dem psychoanalytischen Ursprung haben sich dabei weitere Richtungen herausgebildet, vor allem die personenzentrierte Spieltherapie nach Virginia Axline und verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Formen. Die Entwicklung des Kindes wird im Rahmen unterschiedlicher Spiele als Therapiemaßnahme zur Heilung angeregt.
Dabei folgen die Patienten ganz natürlich dem angeborenen Spieltrieb, der zu ihrer Entwicklung beiträgt und der Ausbildung unterschiedlicher Charaktereigenschaften dient. Zudem fördert er das Lernverhalten. Kinder lernen über das Spielen sich selbst und ihre Umwelt kennen und regen ihr Gehirn an. So wird das Gedächtnis des Kindes gefördert und Kinder lernen, sich auszudrücken. Schwierigkeiten im Kindesalter, die nicht von den Eltern gemeistert werden können, können zu psychischen Problemen führen.
Oftmals sind Eltern nicht in der Lage, diese Probleme alleine zu bewältigen. Hierbei kann die Spieltherapie helfen, indem auch die Erziehungsberechtigten die besondere Ausdrucksweise ihres Kindes erlernen. Zudem kann der Therapeut im Spiel feststellen, ob eine längere Therapie vonnöten ist. Für Kinder bis zum Teenageralter ist die Spieltherapie die Methode der Wahl, sich auch nonverbal auszudrücken und sich mit Gedanken auseinanderzusetzen, die sie sonst nicht aussprechen.
Die Richtungen, die sich aus dem psychoanalytischen Ursprung entwickelt haben, unterscheiden sich vor allem darin, wie stark der Therapeut das Geschehen lenkt. In der Nachfolge von Hermine Hug-Hellmuth arbeiteten Melanie Klein und Anna Freud das Spiel zu einem eigenständigen Zugang aus: Was ein Erwachsener in der Psychoanalyse erzählt, stellt ein Kind im Spiel dar. Virginia Axline übertrug in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Grundhaltung der klientenzentrierten Gesprächstherapie auf die Arbeit mit Kindern. Ihr Ansatz gilt als nichtdirektiv: Das Kind bestimmt, was gespielt wird, der Therapeut begleitet, benennt Gefühle und bewertet nicht. Verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Formen gehen umgekehrt vor und bauen gezielt Übungssituationen auf, in denen ein Kind neue Verhaltensweisen ausprobieren und einüben kann. In der Praxis werden diese Zugänge häufig kombiniert, weil sich nicht jedes Kind und nicht jedes Anliegen mit demselben Vorgehen erreichen lässt.
Wichtig für das Verständnis ist die berufsrechtliche Einordnung. Die Spieltherapie ist in Deutschland kein eigenständiges, von den Krankenkassen als Richtlinienverfahren anerkanntes Behandlungsverfahren. Spieltherapeutische Vorgehensweisen kommen vielmehr innerhalb der anerkannten Verfahren der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie zum Einsatz, also vor allem innerhalb der Verhaltenstherapie sowie der tiefenpsychologisch fundierten und der analytischen Psychotherapie. Wer eine Behandlung sucht, findet die entsprechende Qualifikation daher unter der Berufsbezeichnung des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder beim Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Daneben wird mit Spielangeboten auch außerhalb der Psychotherapie gearbeitet, etwa in der Heilpädagogik, in der Ergotherapie, in der Frühförderung und in der Betreuung von Kindern im Krankenhaus. Die Übergänge sind fließend, die Zielsetzungen jedoch verschieden: Nicht jedes therapeutisch begleitete Spiel ist eine Psychotherapie.
Funktion, Wirkung & Ziele
Genutzt wird die Spieltherapie, wenn Kinder beispielsweise an einer Entwicklungsverzögerung oder -verlangsamung leiden. Dazu kommen häufig emotionale und psychosomatische Probleme. Diese zeigen sich in ängstlichem, aggressivem oder häufig schüchternem Verhalten. Die Kinder wirken unruhig, zappelig oder verweigern sich gänzlich. Emotionaler Stress kann zu chronischen Bauch- und Kopfschmerzen führen, für die sich in der Regel keinerlei körperliche Ursachen finden lassen. Je nach Alter koten oder nässen betroffene Kinder sich wieder ein, obwohl sie aus dem Alter längst heraus sind. Außerdem wird die Spieltherapie bei sozialen Schwierigkeiten genutzt. Betroffene spielen selten, haben meist wenig Freunde und Schwierigkeiten, andere Kinder anzusprechen. Sie wissen nicht, wie sie sich anderen gegenüber verhalten sollen und haben oftmals Probleme, sich an Regeln zu halten. In der Schule können sie Außenseiter sein und zu Hause kommt es beispielsweise zu starken Rivalitäten mit Geschwistern.
Die Gründe für emotionale Probleme können vielfältig sein. Häufig sind schwierige häusliche Situationen dafür verantwortlich. Dazu gehören Trennungen oder Scheidungen der Eltern sowie Umzüge oder Verluste, die das Kind verarbeiten muss. Ist das Kind selbst krank oder eine nahestehende Person, bedeutet dies starken Stress, der zu Apathie oder Aggression führen kann. Außerhalb des Elternhauses kann auch Mobbing und Gewalt in der Schule der Grund für Verhaltensauffälligkeiten sein.
Um diese Dinge nicht nur herauszufinden, sondern auch Lösungsansätze zu finden, werden in der Therapie verschiedene Arten des Spiels genutzt. Dazu gehören verschiedene Arten des Funktionsspiels, welches bei Säuglingen und Kleinkindern genutzt wird. Hierbei werden durch Wiederholungen von Handlungsabläufen neue Fähigkeiten erworben. Eine andere Möglichkeit ist das so genannte Symbolspiel, bei dem Gegenstände stellvertretend für andere Dinge stehen und Handlungen nur so getan werden, als ob. Auch die Aufgabe der Nachahmung der Eltern ist möglich, bei der fiktive Handlungen nachgespielt werden müssen. Daneben lernt das Kind im Konstruktionsspiel, sich selbst zu organisieren, durch Scheitern zu lernen und zu experimentieren. Zudem erlernt es über Rollenspiele soziale Verhaltensweisen.
Dies erfolgt in aller Regel über Doktor- oder Vater-Mutter-Kind-Spiele, bei denen das Kind in eine der Rollen schlüpft. Dies ist eine Möglichkeit, positive und negative Erfahrungen zu verarbeiten und dem Therapeuten Anhaltspunkte für Schwierigkeiten zu geben. Bei Regelspielen erlernen Kinder, sich an Abmachungen zu halten. Zudem sollen sie mit Frustration umzugehen lernen und ein Verständnis für richtig und falsch entwickeln. Die Voraussetzung für das Regelspiel ist die Fähigkeit, sich entsprechend verbal oder nonverbal auszudrücken. Die meisten dieser Ansätze werden auch von Heilpädagogen und Heilerziehungspflegern eingesetzt.
Ebenso wichtig wie die Auswahl des Spiels ist das Verhalten des Therapeuten während des Spiels. Er greift wenig ein, sondern beobachtet, benennt, was er sieht, und spricht aus, welches Gefühl er hinter einer Handlung vermutet. Ein Kind, das die Puppenfamilie beim Streit zeigt, hört dann keine Bewertung, sondern eine Beschreibung. Diese Zurückhaltung hat einen Grund: Wird das Spiel gelobt, getadelt oder in eine Richtung gedrängt, verliert es genau die Eigenschaft, um derentwillen es eingesetzt wird. Grenzen setzt der Therapeut dennoch, und zwar dort, wo sich das Kind, er selbst oder die Einrichtung gefährdet sähe. Diese wenigen Regeln werden ruhig und ohne Vorwurf benannt und gehören zum Verfahren, weil ein verlässlicher Rahmen die Voraussetzung dafür ist, dass ein Kind sich überhaupt öffnet.
Der Raum selbst ist Teil des Vorgehens. Er bleibt möglichst gleich eingerichtet, damit ein Kind von Sitzung zu Sitzung wiederfindet, womit es zuletzt gearbeitet hat. Zur Ausstattung gehören meist Puppen und Figuren, Tiere, Fahrzeuge, Bau- und Konstruktionsmaterial, Knete, Mal- und Bastelzeug, Verkleidungen sowie Gesellschaftsspiele mit klaren Regeln. Verbreitet ist außerdem das Arbeiten mit einem Sandkasten, in dem ein Kind mit kleinen Figuren Szenen aufbaut. Die Auswahl ist bewusst so getroffen, dass sowohl gestaltendes als auch zerstörendes Spiel möglich ist, denn beides gehört zum Ausdruck. Wichtig ist weniger die Menge des Materials als seine Überschaubarkeit; ein überfülltes Zimmer lenkt ab, statt zu Ausdruck einzuladen.
Die Eltern oder anderen Bezugspersonen werden regelmäßig einbezogen. Neben den Sitzungen mit dem Kind finden Gespräche statt, in denen die Beobachtungen besprochen werden, ohne dass der Therapeut ausplaudert, was das Kind ihm anvertraut hat. Häufig geht es darum, den Blick auf ein Verhalten zu verändern, das zu Hause nur als Störung erlebt wird, und Wege zu finden, wie die Familie im Alltag anders reagieren kann. Bei Bedarf wird nach Absprache auch mit dem Kindergarten, der Schule oder dem behandelnden Kinderarzt zusammengearbeitet. Ist eine familiäre Belastung der wesentliche Anteil des Problems, kann eine Familientherapie oder eine Erziehungsberatung sinnvoller sein als eine Einzelbehandlung des Kindes, das dann stellvertretend als der Kranke gälte.
Bevor eine Behandlung beginnt, steht eine Diagnostik. Dazu gehören ein ausführliches Gespräch mit den Bezugspersonen, die Beobachtung des Kindes im freien Spiel, je nach Fragestellung Fragebögen sowie Angaben aus Kindergarten oder Schule. Ebenso gehört die Abklärung körperlicher Ursachen dazu: Bei Einnässen, anhaltenden Schmerzen, plötzlichem Leistungsabfall oder Auffälligkeiten der Sprachentwicklung ist zunächst eine ärztliche Untersuchung angezeigt, und bei einer Sprachentwicklungsstörung oder beim Stottern ist die Logopädie zuständig. Erst wenn geklärt ist, was vorliegt, lässt sich entscheiden, ob eine Spieltherapie das passende Vorgehen ist, ob ein anderes Verfahren besser geeignet erscheint oder ob eine Beratung der Eltern bereits ausreicht.
Besonderheiten
Dies hilft bei einer natürlichen Entwicklung des Kindes und bietet die Möglichkeit der Entfaltung. Merkmale der Spieltherapie sind beispielsweise die Desensibilisierung durch Wiederholungsspiele, das Vergessen der Zeit und die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Das Selbstwertgefühl wird gestärkt und das Spiel dient als Ventil für angestaute Gefühle. Außerdem lernen Kinder so, sich zu artikulieren und sich in Sprache zu äußern. Dadurch können Probleme besser behandelt und gelöst werden.
Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass Kinder eine Behandlung fast nie selbst in Auftrag geben. Angemeldet werden sie von den Eltern, oft angestoßen durch Kindergarten, Schule oder Kinderarzt. Der Behandlungsauftrag stammt also von Erwachsenen, während die Arbeit mit dem Kind geschieht. Daraus folgt für die Spieltherapie eine doppelte Aufgabe: Sie muss dem Kind Vertrauen und einen geschützten Bereich bieten und zugleich den Erwachsenen verständlich machen, was geschieht. Auch der Zeitpunkt hängt an den Erwachsenen. Kinder benennen Belastungen selten als solche; sie zeigen sie in Verhalten, Schlaf, Appetit oder im Umgang mit Gleichaltrigen. Verhaltensänderungen, die über Wochen anhalten und im Alltag zu Leid führen, sind daher ein Anlass, Rat zu suchen, auch wenn sich kein einzelnes Ereignis benennen lässt.
Das Alter setzt dem Verfahren einen natürlichen Rahmen. Bei sehr kleinen Kindern steht das Spiel mit einfachen Handlungsabläufen im Vordergrund, und ein großer Teil der Arbeit findet über die Bezugspersonen statt. Im Vorschul- und Grundschulalter entfaltet die Spieltherapie ihre eigentliche Stärke, weil das Symbolspiel dann ausgereift ist und ein Kind Erlebtes darin darstellen kann, ohne es benennen zu müssen. Mit dem Übergang ins Jugendalter verliert das freie Spiel an Bedeutung; an seine Stelle treten Gespräch, gestalterische Verfahren und übende Ansätze, wie sie auch in der Erwachsenenbehandlung verwendet werden. Der Übergang verläuft nicht bei allen Kindern gleich, sodass sich das Vorgehen weniger am Lebensalter als am Entwicklungsstand orientiert.
Grenzen hat das Verfahren dort, wo eine Belastung fortbesteht oder wo mehr erforderlich ist als eine Einzelbehandlung. Solange ein Kind Gewalt oder Vernachlässigung ausgesetzt bleibt, kann keine Therapie das ausgleichen; hier stehen der Schutz des Kindes und die Einbeziehung der zuständigen Stellen an erster Stelle. Bei schweren Störungsbildern, bei Selbstverletzung oder bei einer Gefährdung des Kindes ist eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung erforderlich, und die Behandlung kann eine stationäre oder teilstationäre Form annehmen. Auch bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen wie dem Autismus oder bei einer ADHS ist die Spieltherapie kein Ersatz für die dort etablierten Vorgehensweisen, sondern allenfalls ein Teil eines umfassenderen Behandlungsplans.
Wie wirksam das Verfahren ist, lässt sich schwerer beantworten, als es zunächst scheint. Unter dem Begriff Spieltherapie werden sehr unterschiedliche Vorgehensweisen zusammengefasst, die von der streng nichtdirektiven Begleitung bis zum gezielten Verhaltensaufbau reichen; Aussagen über die eine Spieltherapie sind daher kaum möglich. Hinzu kommt, dass sich der Erfolg einer Kinderbehandlung nicht an einem einzelnen Messwert festmachen lässt, sondern an Verhalten zu Hause, in der Schule und unter Gleichaltrigen, das von vielen weiteren Einflüssen abhängt. Als praktischer Maßstab dient deshalb meist, ob die zu Beginn gemeinsam vereinbarten Ziele erreicht werden. Sinnvoll ist, diese Ziele bereits am Anfang konkret zu benennen und in vereinbarten Abständen zu überprüfen, statt eine Behandlung unbefristet weiterlaufen zu lassen.
Zum Abschluss der Therapie gehört ein eigener Umgang. Ein Kind hat über längere Zeit eine verlässliche Beziehung erlebt, und das Ende wird vorbereitet und nicht überraschend gesetzt. Üblich sind eine angekündigte Schlussphase, in der die Abstände größer werden, ein gemeinsamer Rückblick auf das, was sich verändert hat, und die Möglichkeit, sich bei erneutem Bedarf wieder zu melden. Übernommen werden die Kosten einer Psychotherapie für Kinder und Jugendliche von den Krankenkassen, wenn die Behandlung durch eine dafür zugelassene Person erbracht wird und die Voraussetzungen der Psychotherapie-Richtlinie erfüllt sind. Angebote außerhalb dieses Rahmens, etwa spielpädagogische oder heilpädagogische Leistungen, werden anders finanziert; wer eine Behandlung sucht, sollte diesen Punkt vorab klären.
Quellen
- Remschmidt, H., Becker, K. (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
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- Schneider, S., Margraf, J. (Hrsg.): Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter.
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- Zimmer, R., Tieste, K., Zimmer, H.: Handbuch Psychomotorik.
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- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
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