Strabologie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Strabologie untersucht alle Arten und Auswirkungen des Schielens, einer Fehlstellung beider Augen zueinander, die aus Störungen des Gleichgewichts der Augenmuskeln resultiert. Sie ist eine Spezialdisziplin der Augenheilkunde und umfasst Prävention, Diagnose sowie Therapie der Schielerkrankungen. Ausgeübt wird sie in Augenkliniken und den meisten Augenarztpraxen.
Neben Augenärztinnen und Augenärzten sind in der Strabologie vor allem Orthoptistinnen und Orthoptisten tätig. Dieser eigenständige Gesundheitsfachberuf führt einen großen Teil der Untersuchungen durch und begleitet die nicht operative Behandlung häufig über Jahre; die entsprechende Abteilung einer Klinik oder Praxis wird umgangssprachlich Sehschule genannt. Zum Gegenstand des Faches gehören über die sichtbare Augenfehlstellung hinaus auch Störungen der Augenbewegung und des beidäugigen Sehens, die von außen zunächst gar nicht auffallen.
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Was ist die Strabologie?
Beim Schielen (Strabismus) stimmen die Blicklinien der Augen bei der Fixation eines bestimmten Objekts zeitweilig oder auf Dauer nicht überein. Diese Fehlstellungen können in ihrer Schwere und Form sehr vielfältig sein, sind jedoch mit unterschiedlichen optischen Methoden genau bestimmbar.
Der sogenannte Schielwinkel gibt detaillierte Auskunft über das Ausmaß einer solchen Erkrankung. In schweren Fällen geht sie mit massiven funktionellen Sehbehinderungen einher und ist sodann erheblich mehr als nur ein ästhetisches oder kosmetisches Problem. Schätzungsweise vier Prozent der Menschen in Deutschland sind vom Strabismus betroffen. In vielen Fällen wird das Schielen vererbt, jedoch kann es auch durch gesundheitliche Ursachen sowie auch Unfälle erworben werden. Einige Formen sind nicht krankhaft, sondern weichen lediglich von einem Normalzustand ab.
Bei einer Esophorie weicht das Auge nach innen ab, bei einer Exophorie nach außen. Hyperphorie bedeutet ein nach oben abweichendes Auge. Die Endung -phorie steht dabei für ein verstecktes Schielen, das erst hervortritt, wenn das beidäugige Sehen aufgehoben wird; für die ständig sichtbaren Abweichungen stehen die Begriffe Esotropie, Exotropie und Hypertropie. Je früher das Schielen bei Kindern behandelt wird, desto besser kann die Sehbehinderung ausgeglichen werden. Nicht selten wird Strabismus vor allem bei kleinen Kindern unterschätzt. Oftmals sind die Erfolgsaussichten einer Behandlung, die erst im schulfähigen Alter beginnt, schon erheblich eingeschränkt. Aus dem Schielen entsteht zumeist einseitig ausgeprägte Sehschwäche. Auch erhebliche Störungen des dreidimensionalen Sehens sind in der Regel anzutreffen. Um eine Schielsehschwäche wirksam zu beseitigen, ist in vielen Fällen eine Operation notwendig. Dabei werden die Blicklinien der betroffenen Augen korrigiert.
Meistens findet diese Stellungskorrektur an den Augenmuskeln statt. Das schielende Auge wird wieder gerade ausgerichtet. Dies geschieht entweder durch Verkürzen oder durch Verlängern der Stränge am Augapfel. Ebenso ist es möglich, den Ansatzpunkt dieser Stränge zu verlagern. Bei Kindern erfolgt der Eingriff unter Vollnarkose, ist jedoch in der Regel mit geringen Risiken behaftet. Korrigiert werden bei ihnen oft die äußeren Augenmuskeln. Postoperativ sind weitere Behandlungen der Sehschwäche, auch im räumlichen Bereich, notwendig. Meist kann die Operation auch das Tragen einer Brille nicht überflüssig machen. Der Eingriff erfordert bei Kindern in der Regel einen kurzen Krankenhausaufenthalt mit ein bis zwei Übernachtungen; eine ambulante Durchführung ist im Einzelfall möglich.
Bewegt werden die Augäpfel von je sechs äußeren Augenmuskeln, vier geraden und zwei schrägen. Sie greifen von verschiedenen Seiten am Augapfel an und arbeiten paarweise gegeneinander, sodass beide Augen ein Blickziel gemeinsam ansteuern. Gesteuert werden sie über drei Hirnnerven: den Nervus oculomotorius, den Nervus trochlearis und den Nervus abducens. Fällt einer dieser Nerven ganz oder teilweise aus, kann das betroffene Auge der Blickbewegung nicht mehr folgen. Daraus entsteht das Lähmungsschielen, dessen Abweichung je nach Blickrichtung unterschiedlich groß ausfällt – anders als beim Begleitschielen, bei dem der Winkel in allen Richtungen annähernd gleich bleibt.
Das beidäugige Sehen ist keine angeborene Fertigkeit, sondern entwickelt sich in den ersten Lebensjahren. Beide Augen liefern wegen ihres Abstands leicht verschiedene Bilder; erst das Gehirn verschmilzt sie zu einem einzigen Seheindruck und gewinnt aus dem Unterschied die räumliche Tiefe. Diese Verschmelzung setzt voraus, dass beide Augen dasselbe fixieren und beide ein ausreichend scharfes Bild liefern. Weicht ein Auge dauerhaft ab, fällt die Grundlage dieses Zusammenspiels weg, und zwar in einer Lebensphase, in der sich die zuständigen Verschaltungen im Gehirn überhaupt erst ausbilden. Darin liegt der Grund, weshalb dasselbe Schielen beim Kleinkind ungleich schwerer wiegt als beim Erwachsenen.
Der Schielwinkel wird in der Krankenakte meist in Grad festgehalten, seltener in Prismendioptrien. Weil er sich im Verlauf ändern kann und weil erst der Vergleich mehrerer Messungen zeigt, ob eine Behandlung greift, gehört zu jeder strabologischen Betreuung eine über Jahre fortgeschriebene Dokumentation. Ein einzelner Messwert sagt für sich genommen wenig aus.
Eine eigene Rolle spielt der Mikrostrabismus, eine so kleine Abweichung, dass sie weder den Eltern noch dem Kind auffällt. Gerade weil das Auge äußerlich gerade zu stehen scheint, bleibt er oft lange unbemerkt und verursacht dennoch eine Amblyopie des abweichenden Auges. Umgekehrt gibt es den Pseudostrabismus: Bei Säuglingen und Kleinkindern lässt eine breite Nasenwurzel oder eine ausgeprägte Lidfalte am inneren Augenwinkel die Augen schielend erscheinen, obwohl die Blicklinien übereinstimmen. Beides ist nur durch eine Untersuchung auseinanderzuhalten, nicht durch das bloße Betrachten des Gesichts.
Behandlungen & Therapien
Die Augenhintergrundreflexe geben ebenfalls Aufschluss über sich möglicherweise entwickelndes Schielen. Außer den apparativen Methoden in der Augenarztpraxis bilden sogenannte Frei-Raum-Untersuchungen eine wichtige Grundlage der Diagnostizierung des Schielens. In der natürlichen Umgebung lassen sich die Fähigkeiten des Patienten, Objekte und Lichtquellen richtig wahrnehmen zu können, oft am besten beurteilen. Außerdem muss die Stellung der Augen immer in den Kategorien Ferne und Nähe untersucht werden. Eines der häufigsten Untersuchungsverfahren, der Abdecktest (Covertest), findet gleichfalls im freien Raum statt.
Hier werden mittels einer Prismenleiste und verschiedener Farbfilter eventuelle Schielabweichungen in der Nähe und der Ferne bestimmt. Dem dient auch das sogenannte Maddox-Kreuz, das mit einem Fixierlicht ausgestattet ist und eine Untersuchung über die Distanz von fünf Metern erlaubt. Den zahlreich verwendeten Gerätschaften im freien Raum ist die Voraussetzung gemein, horizontale, vertikale und rotatorische Abweichungen des Blickwinkels der Augen messen zu können. Für eine umfassende Diagnose des Schielwinkels sind Messungen in mehreren, in der Regel neun standardisierten Blickrichtungen notwendig.
Die beiden Untersuchungen, die bereits beim Säugling möglich sind, tragen in der Fachsprache eigene Namen: Die Beurteilung der Hornhautreflexe mit der Taschenlampe heißt Hirschberg-Test, die Beurteilung der Augenhintergrundreflexe im durchfallenden Licht Brückner-Test. Beide kommen ohne Mitarbeit des Kindes aus und verlangen von ihm nichts weiter, als für einen Moment in Richtung der Lampe zu blicken.
Der Abdecktest kennt mehrere Ausführungen, die Verschiedenes zeigen. Deckt der Untersucher ein Auge ab und beobachtet das andere, tritt eine ständig vorhandene Abweichung als Einstellbewegung hervor. Wird die Abdeckung dagegen im Wechsel von einem Auge zum anderen geführt, ist das beidäugige Sehen für die Dauer der Untersuchung aufgehoben; dann zeigt sich zusätzlich der latente Anteil der Abweichung, den der Betroffene im Alltag selbst ausgleicht. Legt der Untersucher Prismen vor das Auge, bis die Einstellbewegung ausbleibt, lässt sich der Winkel nicht nur feststellen, sondern beziffern.
Neben den Untersuchungen im freien Raum stehen Geräte zur Verfügung, die beiden Augen getrennte Bilder anbieten und dadurch kontrollierte Bedingungen schaffen; dazu zählen das Synoptometer und das Phasendifferenzhaploskop. Die standardisierten Blickrichtungen werden häufig an einer Tangententafel nach Harms geprüft, an der der Patient nacheinander in jede Richtung blickt und die Abweichung jeweils gesondert abgelesen wird. Erst dieses Muster über alle Richtungen hinweg trennt ein Begleitschielen von einem Lähmungsschielen, bei dem der Winkel in der Wirkrichtung des betroffenen Muskels deutlich zunimmt.
Zur strabologischen Untersuchung gehört außerdem die Bestimmung der Fehlsichtigkeit. Bei Kindern geschieht das nach dem Eintropfen eines Mittels, das die Naheinstellung des Auges vorübergehend ausschaltet, weil ein Kind seine Weitsichtigkeit sonst durch eigene Anstrengung überdeckt und der Messwert zu niedrig ausfällt. Der Zusammenhang ist für die Behandlung entscheidend: Eine unbemerkte Weitsichtigkeit zwingt das Kind zu dauernder Naheinstellung, und diese zieht die Augen nach innen. Ebenso wird geprüft, ob und wie gut beide Augen zusammenarbeiten; dafür dienen unter anderem Stereotests, bei denen ein räumlicher Eindruck nur zustande kommt, wenn beide Bilder verarbeitet werden.
Wie die Untersuchung im Einzelnen abläuft, hängt stark vom Alter ab. Beim Säugling stützt sie sich fast ausschließlich auf Beobachtung: darauf, ob er eine Lichtquelle fixiert, ob er ihr mit den Augen folgt und ob er das Abdecken des einen Auges anders hinnimmt als das des anderen. Im Kindergartenalter kommen Sehschärfeprüfungen mit Bildern oder Symbolen hinzu, später die Tafeln mit Zahlen und Buchstaben. Beim Erwachsenen steht dagegen seine eigene Angabe im Vordergrund, wo er ein zweites Bild wahrnimmt und in welcher Blickrichtung der Abstand zwischen beiden am größten wird – eine Auskunft, die ein Kleinkind nicht geben kann und die einen erheblichen Teil der Diagnostik trägt. Die Untersuchung eines schielenden Erwachsenen ist deshalb in mancher Hinsicht einfacher als die eines schielenden Kindes, während es sich bei den Aussichten der Behandlung genau umgekehrt verhält.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Das Begleitschielen (Strabismus concomitans), welches schon im Babyalter auftreten kann, und das Lähmungsschielen (Strabismus paralyticus) erfordern jedoch medizinisches Eingreifen. Paralytisches Schielen ist oft Folge einer Entzündung oder Verletzung, die zur Lähmung der Augenmuskeln führt. Vor allem bei einem erst später erworbenen Schielen kommt es in vielen Fällen zu Doppelbildern. Dann ist die Parallelstellung der Augen so weit gestört, dass die beiden Seheindrücke nicht mehr zu einem Bild verschmelzen. Beim frühkindlichen Schielen wehrt sich das Gehirn dagegen, indem es das Bild des schielenden Auges unterdrückt; Doppelbilder bleiben dadurch meist aus, das weniger benutzte Auge wird jedoch sehschwach. Deshalb ist das frühe Behandeln des Strabismus im Kindesalter so wichtig.
Eine Operation kann somit in der Regel vermieden werden. Der Arzt verordnet zum Beispiel eine geeignete Brille und individuelles Augentraining. Darüber hinaus ist die konservative Methode der Okklusionstherapie unverändert weit verbreitet, bei der das besser sehende Auge stundenweise mit einem Pflaster abgeklebt wird. Das sehschwächere Auge wird auf diese Weise wirksam geschult, sich dem stärkeren langsam anzugleichen. Gelingt dieses Vorhaben, haben die Kinder oftmals bis zum zwölften Lebensjahr ihre Sehschwäche überwunden und brauchen sich keiner Augenoperation zu unterziehen. Entscheidend ist dabei das Zeitfenster: Weil sich das Sehen vor allem in den ersten Lebensjahren entwickelt, lässt sich eine Amblyopie umso besser ausgleichen, je früher die Okklusion beginnt; mit zunehmendem Alter des Kindes nehmen die Erfolgsaussichten deutlich ab.
Ist der operative Eingriff gegen das frühkindliche Innenschielen an den Augenmuskeln doch notwendig, können die Augen des Kindes zwar oft wieder annähernd in die gleiche Richtung blicken, jedoch bleiben nicht selten längerfristige Mängel beim dreidimensionalen Sehen zurück.
Der Eingriff selbst setzt an den äußeren Augenmuskeln an, nicht am Sehnerv und nicht im Inneren des Auges. Der Operateur eröffnet die Bindehaut, legt den betreffenden Muskel frei und schwächt oder verstärkt dessen Zug: Beim Rücklagern wird der Ansatz des Muskels nach hinten versetzt, wodurch sein Zug nachlässt; beim Verkürzen oder Falten wird er verstärkt. Der Augapfel bleibt dabei die ganze Zeit in der Augenhöhle – die verbreitete Vorstellung, das Auge werde herausgenommen, trifft nicht zu. Wie weit verlagert wird, richtet sich nach dem zuvor gemessenen Winkel. Wie genau sich das Ergebnis daraus vorhersagen lässt, hat allerdings Grenzen, sodass ein zweiter Eingriff nicht selten ist.
In ausgewählten Fällen, etwa bei einer noch frischen Augenmuskellähmung, kann statt einer Operation Botulinumtoxin in einen Augenmuskel eingebracht werden. Seine Wirkung lässt nach einigen Wochen wieder nach und überbrückt damit die Zeit, in der sich der Befund von selbst noch verändert.
Neben und vor der Operation steht eine Reihe nicht operativer Mittel. Bei der Form des Innenschielens, die von einer Weitsichtigkeit unterhalten wird, kann bereits die passende Brille den Schielwinkel verringern oder ganz aufheben, solange sie beständig getragen wird. Bleiben Doppelbilder bestehen, lassen sie sich durch Prismen im Brillenglas oder durch aufgeklebte Prismenfolien zusammenführen; das ist besonders bei einem im Erwachsenenalter erworbenen Schielen ein gangbarer Weg, der ohne Eingriff auskommt.
Zur Behandlung der Sehschwäche steht neben der Okklusion mit dem Pflaster die Penalisation zur Verfügung. Dabei wird das führende Auge nicht abgedeckt, sondern optisch benachteiligt, sodass das schwächere Auge die Führung übernimmt. Welches Vorgehen gewählt wird, hängt vom Alter des Kindes, vom Ausmaß der Sehschwäche und nicht zuletzt davon ab, was sich im Alltag durchhalten lässt, denn beide Verfahren wirken nur, solange sie tatsächlich angewandt werden.
Für die Operation gilt unabhängig von der gewählten Technik dieselbe Einschränkung: Sie stellt die Augen gerade, sie stellt kein Sehvermögen her. Die Behandlung einer Schielsehschwäche läuft deshalb nach der Operation weiter, und die regelmäßige Kontrolle von Sehschärfe, Schielwinkel und Zusammenarbeit beider Augen begleitet betroffene Kinder in aller Regel bis zum Ende des Wachstums.
Quellen
- Steffen, H., Kaufmann, H. (Hrsg.): Strabismus.
ISBN: 9783132413306
- Abegg, M., Dysli, M.: Strabismus.
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- Lang, G. K., Lang, S. J. (Hrsg.): Augenheilkunde.
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- Pfeiffer, N., Cursiefen, C., Holz, F. G., et al. (Hrsg.): Die Augenheilkunde.
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- Kampik, A., Grehn, F., Messmer, E., et al. (Hrsg.): Facharztprüfung Augenheilkunde.
ISBN: 9783132438002
