Familientherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Wenn die Kommunikation in der Familie nicht mehr stimmt und Konflikte sich häufen, kann eine Familientherapie sinnvoll sein. Ob Probleme in der Erziehung eines Kindes oder ein Konflikt zwischen den Elternteilen den Stress zu Hause auslösen. Ein erfahrener Therapeut kann die Spirale der Enttäuschungen aufdröseln und gemeinsam mit der Familie nach Lösungsmöglichkeiten suchen.
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Was ist die Familientherapie?
Die Familie wird aufgrund der gemeinsamen Lebenssituation und -geschichte von Familientherapeuten als soziales System betrachtet und steht im Zentrum der psychologischen Intervention.
Familientherapie ist ein psychologisches Verfahren, um Probleme zwischen einzelnen Mitgliedern einer Familie aufzudecken und zu lösen. Gibt es bei einzelnen Familienmitgliedern Erkrankungen aufgrund spannungsreicher Beziehungen innerhalb der Familie, dient die Familientherapie auch der Heilung dieser psychisch bedingten Beschwerden. In den Sitzungen strebt der Therapeut positive Veränderungen im Verhalten zwischen den Mitgliedern an. Dabei wird ihnen verständlich gemacht, dass das System Familie nur funktionieren kann, wenn jeder Verständnis und Respekt für den anderen aufbringt. Diese Akzeptanz der anderen Mitglieder sollte sich auch auf kommunikativer Ebene widerspiegeln.
Funktion, Wirkung & Ziele
Familientherapeuten gehen davon aus, dass etwa die Heilung eines essgestörten Kindes unter Einbeziehung der Eltern in die Therapie effektiver verläuft und die betroffene Person seltener rückfällig wird. Doch auch bei Kindern mit einer AD(H)S-Symptomatik (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder solchen, die anderweitig als schwierig wahrgenommen werden, kann eine Therapie die Lösung sein. Das Gleiche gilt für depressive Zustände eines Familienangehörigen oder für Abhängigkeits- oder Gewalterfahrungen. Aber auch bei einer Trennung der Eltern kann eine Aufarbeitung für die Familie hilfreich bei der Bewältigung des Konflikts sein.
Oft leidet auch die gesamte Familie unter den Konflikten, die scheinbar allein die Partner betreffen. Bei Untreue oder zugrundeliegenden Missverständnissen zwischen den Elternteilen kann eine Familientherapie also ebenfalls zum Erfolg führen. Doch wie funktioniert die Familientherapie? Welche Methoden wendet der Therapeut an, um seine Ziele zu erreichen? Ein Familientherapeut begreift die Familie als System, bei dem die Wechselwirkungen zwischen den Familienmitgliedern von großer Bedeutung sind. An diesen Wechselwirkungen setzt er an. Er nähert sich in Gesprächen mit den Mitgliedern an den Kern der zugrundeliegenden Problematik an und weist auf problematische Verhaltensweisen hin.
Er gibt Anregungen und hilft der Familie dabei, Lösungswege in Form von alternativen Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Das Ziel ist es, soziale Konflikte aufzuarbeiten und zu überwinden. Dadurch soll sich die Kommunikation sowohl in der Partnerschaft als auch in der Familie verbessern. Dabei gilt es Strategien zu entwickeln, mit denen tägliche Stresssituationen besser bewältigt werden können. Die Therapie zielt darauf ab, dass die beteiligten Personen fehlerhafte Verhaltensweisen einsehen.
Das bedeutet, dass die Therapieteilnehmer sich selbstkritisch betrachten und gegebenenfalls bestimmte negative Verhaltensweisen ablegen müssen, die das Familienleben belasten. In der Familientherapie werden drei Methoden unterschieden. Die psychoanalytische, die humanistische und die systemische Therapie. Bei der psychoanalytischen Methode gehen Forscher davon aus, dass psychische Erkrankungen durch problematische familiäre Beziehungen zustande kommen, die auch aus früheren Generationen stammen können. So analysiert der Therapeut die Interaktionen zwischen den Familienmitgliedern und die Abwehrstrukturen der einzelnen Familienmitglieder.
Bei der humanistischen Therapiemethode steht das Erleben der Betroffenen im Hier und Jetzt im Vordergrund der Behandlung. Es wird dabei mit der sogenannten Familienaufstellung gearbeitet. Hier kommen Metaphern, Trance, Mediation und Familienskulpturen zum Einsatz. Diese Figuren stehen stellvertretend für einzelne Familienmitglieder und es wird versucht, mit diesen Skulpturen Verhaltensmuster zu erkennen und zu überarbeiten. Die heute weit verbreitete systemische Familientherapie vereint Elemente beider Strömungen in sich.
Neben diesen Grundlagen zur Aufarbeitung familiärer Konflikte, kommen in der Sitzung auch kommunikationspsychologische Methoden zum Einsatz. Hier üben Beteiligte sich in der gewaltfreien Kommunikation, im Konfliktmanagement sowie in Deeskalationsstrategien. Wer bietet eine Familientherapie an? Allen voran sind hier Psychotherapeuten und Psychologen zu nennen. Aber auch bei institutionellen Trägern finden Familien Unterstützung, zum Beispiel in den Erziehungsberatungsstellen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Es gibt allerdings auch kritische Stimmen, die die Familienaufstellung als Bedrohung für die Teilnehmer ansehen. Damit die Folgen für diese verkraftbar bleiben, ist es notwendig, sich auf einen erfahrenen, gut ausgebildeten Psychotherapeuten einzulassen. Heilkundler mit mangelhafter Ausbildung und starken esoterischen Zügen können mehr Schaden anrichten als helfen. Normale Begleiterscheinungen einer Familientherapie können sein: Aggression gegen einzelne Familienmitglieder, Autoaggression, depressive Verstimmungen.
Dann kommt es darauf an, dass der Therapeut den Patienten mit seiner Sachkompetenz auffängt, dessen Aggressionen oder andere starke Emotionen abmildert. Notfalls muss eine Sitzung abgebrochen werden. Ein guter Therapeut muss damit rechnen, dass die Erkenntnisse einer Aufstellung für den einzelnen Patienten eine enorme Belastung darstellen und negative psychische Reaktionen auslösen können. Wenn dem Patienten aber eine Schuld an einer schweren körperlichen Erkrankung eingeredet wird, die angeblich aufgrund eines falschen Benehmens gegenüber des Konfliktpartners entstanden ist, sollte diese Person sich unbedingt an einen anderen Therapeuten wenden.
Denn: Ziel der Familientherapie sollte es sein, Menschen dabei zu helfen, den für sie richtigen Weg zu beschreiten und sie nicht von extremistischen Lehren eines einzelnen abhängig zu machen. Der Patient sollte in seiner Entscheidung immer autonom bleiben und nicht manipuliert werden. Bei einem eingeredeten Schuldkomplex durch schlechte Therapeuten droht das Risiko akuter Suizidalität. Wichtig ist daher die Auswahl eines Therapeuten, der mit sanfteren Behandlungsmethoden arbeitet.
Geschichte & Entwicklung
Die Familientherapie entstand in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt war eine Beobachtung aus der Klinik: Der Zustand einzelner Patienten besserte sich während der Behandlung, verschlechterte sich aber wieder, sobald sie in ihre Familie zurückkehrten. Daraus entwickelte sich der Gedanke, nicht allein die einzelne Person, sondern das Beziehungsgefüge um sie herum zum Gegenstand der Behandlung zu machen.
Prägend waren mehrere Arbeitsgruppen, die weitgehend unabhängig voneinander zu ähnlichen Schlüssen kamen. In Kalifornien untersuchte eine Forschergruppe um Gregory Bateson die Kommunikation in Familien und beschrieb widersprüchliche Botschaften, bei denen die Worte das eine und Tonfall oder Situation das Gegenteil sagen. Paul Watzlawick machte diese kommunikationstheoretische Sichtweise später einem breiten Publikum bekannt. Salvador Minuchin richtete den Blick auf die Struktur einer Familie: auf die Grenzen zwischen den Generationen, auf Bündnisse und auf die Frage, wer sich mit wem gegen wen verbündet. Virginia Satir betonte demgegenüber das Erleben der Beteiligten und ihr Selbstwertgefühl. In Mailand entwickelte eine Gruppe um Mara Selvini Palazzoli eine Arbeitsweise, bei der ein Team die Sitzung von außen mitverfolgt und mitgestaltet. Im deutschsprachigen Raum trug unter anderem Helm Stierlin zur Verbreitung bei; er rückte die Weitergabe von Aufträgen und Loyalitäten über die Generationen hinweg in den Mittelpunkt.
Aus diesen Strömungen ging die systemische Therapie hervor, die heute den fachlichen Rahmen für die meisten familientherapeutischen Angebote bildet. Sie ist als Psychotherapieverfahren wissenschaftlich anerkannt und kann für Erwachsene auch als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden. Damit hat sich der Gegenstand verschoben: Wo die frühen Schulen vor allem nach der Ursache einer Störung im Familiengefüge suchten, geht es heute stärker darum, gemeinsam Handlungsmöglichkeiten zu erweitern, ohne einzelnen Mitgliedern die Schuld zuzuweisen.
Wie eine Familientherapie abläuft
Am Anfang steht ein Erstgespräch, zu dem in der Regel alle eingeladen werden, die im Alltag zusammengehören – häufig also auch Geschwister, manchmal Großeltern oder neue Partner eines Elternteils. Wer tatsächlich teilnimmt, wird besprochen und kann sich im Verlauf ändern; nicht jede Sitzung findet in derselben Besetzung statt, manche werden bewusst nur mit den Eltern oder nur mit den Kindern geführt.
Im Erstgespräch klärt der Therapeut, welches Anliegen die Familie hat, wer es so sieht und wer nicht, und worauf sich alle Beteiligten als gemeinsames Ziel einigen können. Diese Auftragsklärung ist mehr als eine Formalie. Häufig wird eine Familie von außen geschickt – von der Schule, vom Jugendamt oder aus einer Klinik –, und die Frage, wer die Behandlung eigentlich will, entscheidet über ihren weiteren Verlauf. Wird sie übergangen, arbeitet der Therapeut an einem Ziel, das niemand im Raum teilt.
Familientherapeutische Sitzungen dauern meist länger als eine Einzelsitzung, weil mehrere Personen zu Wort kommen. Sie liegen zugleich in größeren Abständen, damit sich zwischen den Terminen im Alltag zeigen kann, was sich verändert; die Gesamtzahl der Sitzungen ist häufig geringer als bei einer Einzeltherapie.
Im Gespräch arbeiten Familientherapeuten mit wiederkehrenden Techniken. Beim zirkulären Fragen wird ein Familienmitglied gebeten, die Sicht eines anderen zu schildern – der Sohn also gefragt, wie es der Mutter mit dem Streit wohl geht. Das macht unausgesprochene Annahmen hörbar und bringt Bewegung in festgefahrene Zuschreibungen. Bei einer Skalenfrage ordnet jeder seine Lage auf einer gedachten Skala ein und beschreibt, woran er den nächsten kleinen Schritt erkennen würde. Mit einem Familienstammbaum, dem Genogramm, werden Beziehungen, Brüche und wiederkehrende Muster über die Generationen hinweg aufgezeichnet. Verbreitet ist außerdem, der Familie zwischen zwei Sitzungen einen Versuch mitzugeben und in der nächsten Stunde zu besprechen, was dabei herauskam.
In manchen Einrichtungen sitzt ein zweiter Therapeut oder ein kleines Team mit im Raum oder verfolgt die Sitzung über eine Übertragung und gibt am Ende die eigenen Beobachtungen zurück. Ton- und Videoaufnahmen sind nur mit ausdrücklicher Einwilligung aller Beteiligten zulässig; bei Kindern entscheiden die Sorgeberechtigten mit.
Wer behandelt, und wer trägt die Kosten
Die Bezeichnung „Familientherapeut“ ist in Deutschland nicht geschützt – anders als die Bezeichnung „Psychotherapeut“, die eine staatliche Zulassung voraussetzt. Wer eine Familientherapie sucht, sollte deshalb nach dem Grundberuf und nach der Zusatzausbildung fragen. Anerkannte Weiterbildungen werden von den Fachverbänden der systemischen Therapie vergeben; sie setzen eine abgeschlossene Ausbildung in einem medizinischen, psychologischen oder psychosozialen Beruf voraus und verbinden Theorie mit begleiteter Praxis, Selbsterfahrung und regelmäßiger fachlicher Beratung von außen.
Für die Kostenfrage ist entscheidend, in welchem Rahmen die Behandlung stattfindet. Erziehungs- und Familienberatungsstellen in kommunaler oder freier Trägerschaft arbeiten im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe; ihre Beratung ist für Familien kostenfrei und setzt keine Diagnose voraus. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt Psychotherapie dagegen nur, wenn bei einer versicherten Person eine behandlungsbedürftige Erkrankung festgestellt ist; Angehörige können dann in die Behandlung einbezogen werden. Wird die Familientherapie als Hilfe zur Erziehung gewährt, ist das Jugendamt der zuständige Träger. Daneben bestehen rein private Angebote, die die Familie selbst bezahlt. Bei einer stationären Behandlung in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder in einer psychosomatischen Klinik gehören Familiengespräche üblicherweise zum Behandlungskonzept.
Voraussetzungen und Grenzen
Eine Familientherapie braucht ein Mindestmaß an Freiwilligkeit. Niemand muss von Anfang an überzeugt sein, aber wer nur unter Druck erscheint und dies auch nicht aussprechen darf, wird das Gespräch eher blockieren. Ein erfahrener Therapeut spricht diesen Punkt deshalb früh an, statt ihn zu übergehen.
Nicht jede Situation eignet sich für ein gemeinsames Setting. Bei häuslicher Gewalt ist ein Gespräch, in dem die betroffene Person neben der gewaltausübenden sitzt, nicht geeignet: Sie kann dort nicht offen sprechen, ohne mit Folgen rechnen zu müssen. Vorrang haben dann Schutz und getrennte Beratung; dafür bestehen eigene Anlaufstellen. Ebenso wird bei einer akuten Krise eines Familienmitglieds – etwa bei akuter Suizidalität, einer akuten Psychose oder einer unbehandelten Abhängigkeitserkrankung – zuerst diese Behandlung eingeleitet; die Familienarbeit tritt daneben oder folgt später.
Heikel ist auch der Umgang mit Vertraulichkeit. Was ein Familienmitglied in einem Einzelgespräch anvertraut, gehört nicht ungefragt in die gemeinsame Sitzung; zugleich darf der Therapeut nicht in ein Geheimnisbündnis mit einem Teil der Familie geraten. Er ist allen Beteiligten gleichermaßen zugewandt, ohne für eine Seite Partei zu ergreifen – eine Haltung, die als Allparteilichkeit bezeichnet wird. Kinder sollten dabei nicht in die Rolle von Schiedsrichtern zwischen den Eltern geraten; das ist einer der Punkte, an denen eine Familientherapie selbst Schaden anrichten kann.
Abgrenzung zu verwandten Angeboten
Von der Familientherapie zu unterscheiden ist die Paartherapie, die sich auf die Beziehung zweier Partner beschränkt und Kinder nicht einbezieht; nicht selten geht das eine in das andere über. Die Erziehungsberatung setzt niedrigschwelliger an und arbeitet an konkreten Fragen des Alltags, ohne eine Erkrankung vorauszusetzen. In Trennungs- und Scheidungssituationen ist die Mediation ein eigenes Verfahren: Sie hilft, Regelungen etwa zum Umgang mit den Kindern auszuhandeln, bearbeitet aber nicht die Beziehung selbst. Eine Einzeltherapie schließlich kann sinnvoller sein, wenn die Belastung überwiegend bei einer Person liegt.
Häufig mit der Familientherapie verwechselt wird die Familienaufstellung. Sie findet meist als einmalige Sitzung in einer Gruppe statt, in der fremde Teilnehmer stellvertretend für Angehörige aufgestellt werden. Als eigenständiges Psychotherapieverfahren ist sie wissenschaftlich nicht anerkannt, und Fachverbände weisen darauf hin, dass die Deutungen der Leitung für Teilnehmer belastend sein können, zumal eine Begleitung über die Sitzung hinaus oft fehlt.
Quellen
- Schlippe, A. von, Schweitzer, J.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung.
ISBN: 9783525400623
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie – Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen.
ISBN: 9783662549100
- Falkai, P. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Tebartz van Elst, L., Schramm, E., Berger, M. (Hrsg.): Psychische Erkrankungen.
ISBN: 9783437051746
- Siegler, R., Saffran, J., Gershoff, E., et al.: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter.
ISBN: 9783662627716
