Rinne-Versuch
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Rinne-Versuch ist ein subjektives, nicht-invasives und schnell durchführbares HNO-Testverfahren, das über eine schwingende Stimmgabel die Knochenleitung und Luftleitung eines Ohrs miteinander vergleicht.
Mit dem Testverfahren lassen sich differentialdiagnostische Aussagen zur Art der Schwerhörigkeit treffen, die insbesondere eine Unterscheidung von Schallempfindungs- und Schallleitungsschwerhörigkeit zulassen. Da es sich bei dem Rinne-Test um ein subjektives Testverfahren handelt, muss der Patient zur Mitarbeit bereit sein und sollte außerdem dazu im Stande sein, den Test und die Anweisungen des Testpersonals ohne Einschränkungen nachzuvollziehen.
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Was ist der Rinne-Versuch?
Der Rinne-Versuch ist ein subjektiver Test aus der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Heinrich Adolf Rinne beschrieb das Verfahren erstmals 1855. Wie beim Weber-Versuch und dem Bing-Test handelt es sich auch beim Rinne-Versuch um einen Stimmgabeltest. Die Luftleitung und die Knochenleitung von Schall werden dabei miteinander verglichen, was in Kombination mit den Ergebnissen des Weber-Tests eine Zuordnung der Schwerhörigkeit ermöglicht.
Meist geht der Weber-Versuch dem Rinne-Versuch voraus. Die beiden Verfahren lassen sich unter Umständen aber auch in umgekehrter Reihenfolge anwenden. Der klinisch orientierte Testlauf des Rinne-Versuchs arbeitet über die physiologischen Eigenschaften des Ohrs und dient so der Diagnose von Schallempfindungs- oder Schallleitungsstörungen. Jedes Ohr wird dabei einzeln getestet. Falls der Weber-Versuch zuvor eine Seitenverschiebung des Tons ergeben hat, wird der Rinne-Test an beiden Ohren durchgeführt, denn erst aus der Kombination beider Ergebnisse lässt sich ablesen, welches Ohr betroffen ist.
Der Rinne-Versuch gehört zu den ältesten Untersuchungsgängen, die sich in der Ohrenheilkunde bis heute gehalten haben. Als Heinrich Adolf Rinne ihn Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb, gab es weder eine Möglichkeit, Töne einer definierten Lautstärke zu erzeugen, noch ein Verfahren, einen Hörverlust in Zahlen anzugeben. Die Stimmgabel war eines der wenigen Instrumente, mit denen sich ein Ton reproduzierbar erzeugen und dem Ohr auf zwei verschiedenen Wegen zuführen ließ. Dass sich das Verfahren neben moderner Messtechnik behauptet hat, liegt an seiner Genügsamkeit: Es braucht keinen Strom, keinen schallgedämmten Raum und keine aufwendige Gerätetechnik und lässt sich deshalb auch am Krankenbett, in der Notaufnahme oder auf einem Hausbesuch durchführen.
Grundlage des Versuchs sind die zwei Wege, auf denen Schall das Innenohr erreicht. Über die Luftleitung wandert er durch den Gehörgang zum Trommelfell, wird von der Kette der Gehörknöchelchen im Mittelohr verstärkt und an das Innenohr weitergegeben. Über die Knochenleitung versetzt der Schall den Schädelknochen unmittelbar in Schwingung und erreicht das Innenohr, ohne Gehörgang und Mittelohr zu passieren. Beim Gesunden ist die Luftleitung der empfindlichere der beiden Wege. Ist der Weg über Gehörgang und Mittelohr gestört, kehrt sich dieses Verhältnis um, und genau diese Umkehr macht der Rinne-Versuch sichtbar.
Zu den Stimmgabelprüfungen zählen neben Weber- und Bing-Test auch der Schwabach-Versuch, bei dem die Knochenleitung des Patienten mit der des Untersuchers verglichen wird, und der Gellé-Versuch, der die Beweglichkeit der Gehörknöchelchenkette prüft. Im Praxisalltag haben sich von dieser Gruppe vor allem Weber- und Rinne-Versuch behauptet; die übrigen Verfahren kommen nur noch selten zum Einsatz. Verwendet wird jeweils eine Stimmgabel mittlerer Tonhöhe: Sehr tief gestimmte Gabeln werden am Knochen eher als Vibration gespürt denn als Ton gehört, sehr hoch gestimmte klingen zu rasch aus, um den Vergleich zweier Hörwege zu erlauben.
Funktion, Wirkung & Ziele
Zur Durchführung des Testverfahrens ist jede HNO-Praxis in der Lage. Vorbereitend zum Testverfahren wird eine Stimmgabel in Schwingung versetzt. Den schwingenden Fuß der Stimmgabel setzt das durchführende Personal dann auf den Processus mastoideus auf. Dabei handelt es sich um einen Knochenfortsatz, der den Schall über die Knochenleitung weitergibt und hinter jeder Ohrmuschel liegt.
Der Patient hört über die Schwingungen der Stimmgabel jetzt einen Ton. Das durchführende Personal bittet ihn, bei Verstummen des Tons Bescheid zu geben. Die Stimmgabel wird nach dem subjektiv empfundenen Verstummen auf der Knochenleitung hinter dem Ohr nun auf die Luftleitung vor dem Ohr gehalten. Neu angeschlagen wird das Instrument dazu nicht. Normalerweise verstärken die Gehörknöchelchen und das Trommelfell den Klang auf der Luftleitung vor der Ohrmuschel.
Ein normal hörender Patient hört den auf der Knochenleitung verstummten Ton daher auf der Luftleitung vor dem Ohr wieder, sobald die Stimmgabel vor der Ohrmuschel liegt. Die Luftleitung eines gesunden Patienten gibt den Ton in den Gehörgängen natürlicherweise nämlich länger wieder als der Warzenfortsatz der Knochenleitung. Der Rinne-Versuch wird als positiv gewertet, wenn der Patient den Ton über die Luftleitung wieder hört. Falls er ihn auch vor der Ohrmuschel nicht mehr hören kann, gilt das Ergebnis des Tests als negativ.
Bei Schallleitungsschwerhörigkeiten hört der Patient den Ton der Stimmgabel über die Knochenleitung lauter und länger als über die Luftleitung. Ein negativer Rinne-Versuch kann daher auf eine Schallleitungsschwerhörigkeit verweisen. Wenn dagegen eine Schallempfindungsschwerhörigkeit vorliegt, so hört der Patient den Ton sowohl über die Knochenleitung als auch über die Luftleitung kaum. Das Schallempfinden über die Luftleitung ist bei Schallempfindungsschwerhörigkeit aber niemals schlechter als die Wahrnehmung über die Knochenleitung. Der Rinne-Versuch fällt bei einer Schallempfindungsschwerhörigkeit deshalb weiterhin positiv aus; erst der Weber-Versuch zeigt, welches Ohr betroffen ist.
Eine sprachliche Falle verdient an dieser Stelle Beachtung. „Positiv“ und „negativ“ meinen beim Rinne-Versuch nicht „krank“ und „gesund“, sondern beschreiben allein, ob die Luftleitung die Knochenleitung übertrifft. Ein positiver Rinne-Versuch ist damit der Normalbefund, ein negativer der auffällige. Weil dieser Sprachgebrauch der medizinischen Alltagslogik zuwiderläuft, in der ein positiver Befund gewöhnlich auf eine Erkrankung hinweist, werden die beiden Begriffe regelmäßig verwechselt. In Befundberichten wird deshalb häufig ausgeschrieben, was gemeint ist, etwa „Luftleitung besser als Knochenleitung“, statt sich auf die Kurzform zu verlassen.
Für die Durchführung sind zwei Varianten gebräuchlich. Die klassische, oben beschriebene Form vergleicht die Hörzeiten: Der Patient meldet, wann der Ton am Warzenfortsatz verstummt, und die Gabel wird anschließend vor die Ohrmuschel gehalten. Die zweite Form verzichtet auf das Abwarten und stellt stattdessen einen direkten Lautstärkevergleich her. Die Stimmgabel wird dabei abwechselnd hinter und vor das Ohr gehalten, und der Patient gibt an, wo er den Ton lauter wahrnimmt. Beide Varianten führen zur selben Aussage; die zweite geht schneller und ist für den Patienten leichter zu beantworten, weil er nicht auf einen Moment des Verstummens achten muss.
Der Befund ordnet eine Schwerhörigkeit einer Etage des Ohrs zu, nicht einer bestimmten Erkrankung. Fällt der Versuch auf einer Seite negativ aus, liegt die Ursache in aller Regel im schallleitenden Apparat, also im Gehörgang, am Trommelfell oder im Mittelohr. Häufige Ursachen sind ein den Gehörgang verlegender Pfropf aus Ohrenschmalz, ein Paukenerguss nach einer Mittelohrentzündung, eine Verletzung des Trommelfells und die Otosklerose, bei der ein Knochenumbau die Steigbügelfußplatte im ovalen Fenster festwachsen lässt. Welche dieser Ursachen vorliegt, klärt der Stimmgabeltest nicht; er sagt nur, in welche Richtung weiter zu suchen ist.
Deshalb steht der Rinne-Versuch nie am Ende einer Untersuchung, sondern nahe an ihrem Anfang. Vor ihm liegt in aller Regel die Ohrmikroskopie oder Otoskopie, mit der Gehörgang und Trommelfell in Augenschein genommen werden. Auf ihn folgen bei auffälligem Befund die Tonschwellenaudiometrie, die Luft- und Knochenleitung für einzelne Frequenzen getrennt in Dezibel angibt, und die Tympanometrie, die die Beweglichkeit des Trommelfells misst. Erst diese Verfahren beziffern den Hörverlust und erlauben eine Therapieentscheidung, etwa über einen Eingriff am Mittelohr oder über die Versorgung mit einem Hörgerät.
Für den Patienten ist der Ablauf denkbar unaufwendig. Er sitzt aufrecht, das durchführende Personal setzt die schwingende Gabel hinter dem Ohr auf und hält sie anschließend vor die Ohrmuschel; jedes Ohr wird nacheinander geprüft. Eine Vorbereitung ist nicht nötig, es wird nichts eingeführt, nichts gespritzt und nichts verabreicht, und im Anschluss bestehen keine Einschränkungen. Der Patient muss lediglich zuhören und angeben, was er wahrnimmt. Ein eigener Termin wird für den Rinne-Versuch nicht vereinbart: Er gehört zum Grundbestand der ärztlichen Ohruntersuchung und findet innerhalb derjenigen Untersuchung statt, die zur Abklärung einer Hörminderung ohnehin ansteht.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Das subjektive Empfinden und die Mitarbeit des Patienten stehen im Mittelpunkt des Testverfahrens. Das durchführende Personal kann dabei nur schwer einschätzen, inwieweit die getätigten Aussagen zum Schallempfinden der Wahrheit entsprechen. Daher eignet sich der Rinne-Versuch auch für unwillige Patienten zum Beispiel genauso wenig wie andere Hörtests aus der Gruppe der subjektiven Testverfahren.
Insbesondere wenn die Ergebnisse von Weber- und Rinne-Versuch widersprüchlich ausfallen, kann das Testpersonal unter Umständen die Mitarbeit des Patienten infrage stellen oder eine fehlerhafte Wahrnehmung der Testperson als ursächlich vermuten. Weder der Weber-Test, noch der Rinne-Test ist für den Patienten mit Aufwand verbunden. Beim Rinne-Versuch handelt es sich sogar um einen der am schnellsten durchführbaren HNO-Testversuche überhaupt. Da der Testlauf ein nicht-invasives Verfahren ist, muss der Patient weder stationär untergebracht sein, noch besondere Verhaltensregeln vor dem Verfahren einhalten. Risiken oder Nebenwirkungen sind vom Rinne-Versuch nicht zu erwarten; allerhöchstens tritt vorübergehend leichtes Ohrensausen auf. Wo das Verfahren an Grenzen stößt, liegt das nicht an einer Gefährdung des Patienten, sondern an der Aussagekraft des Ergebnisses.
In der Regel wird der Rinne-Test niemals unabhängig, sondern immer in Kombination mit dem Weber-Test durchgeführt, der ebenso leicht durchführbar ist und den Patienten genauso wenig belastet wie der Rinne-Versuch. Auch beim Weber-Versuch wird eine Stimmgabel ins Schwingen versetzt, die der Testperson auf den Scheitel gelegt wird. Dabei wird der Ton über die Knochenleitung für Normalhörende phasengleich auf beide Innenohren übertragen. Davon abweichende Ergebnisse deuten auf eine einseitige oder asymmetrische Hörstörung hin, die sich über den Rinne-Versuch näher bestimmen lässt. Hört der Patient den Ton lauter in einem Ohr, so ist bei einer Schallleitungsstörung genau dieses Ohr betroffen, bei einer Schallempfindungsstörung dagegen das jeweils andere.
Neben mangelnder Mitarbeit und einer fehlerhaften Wahrnehmung kommt für widersprüchliche Ergebnisse noch eine dritte Erklärung in Betracht, die in der Methode selbst liegt. Der Schädelknochen leitet Schwingungen über die Mittellinie hinweg, sodass eine hinter dem einen Ohr aufgesetzte Stimmgabel auch das Innenohr der Gegenseite erreicht. Bei einer hochgradigen einseitigen Innenohrschwerhörigkeit kann der Patient den Ton über die Knochenleitung deshalb noch hören, obwohl das geprüfte Innenohr ihn gar nicht mehr aufnimmt; gehört wird er vom gesunden Ohr der Gegenseite. Vor der Ohrmuschel bleibt der Ton dagegen aus, weil die Luftleitung diesen Umweg nicht nimmt. Der Versuch fällt dann negativ aus und legt eine Schallleitungsstörung nahe, wo in Wirklichkeit ein weitgehend taubes Innenohr vorliegt. Fachlich heißt dieses Ergebnis falsch negativer Rinne. Es lässt sich aufdecken, indem das nicht geprüfte Ohr während des Tests mit einem Rauschen verdeckt wird, sodass es den übergeleiteten Ton nicht mehr verwerten kann.
Eine zweite Grenze betrifft die Empfindlichkeit des Verfahrens. Der Rinne-Versuch kippt erst dann von positiv auf negativ, wenn die Schallleitungskomponente eine gewisse Größe erreicht hat. Geringe Störungen im Mittelohr bleiben unbemerkt, weil die Luftleitung trotz der Behinderung immer noch besser abschneidet als die Knochenleitung. Ein positiver Rinne-Versuch schließt eine Erkrankung des Mittelohrs daher nicht aus. Umgekehrt gilt: Der Test misst keinen Hörverlust. Er sagt nichts darüber, wie stark ein Patient schlechter hört, sondern nur, welcher Abschnitt des Ohrs die Ursache dafür sein dürfte. Ein beidseits gleich ausgeprägter Hörverlust kann dem Verfahren vollständig entgehen, wenn Luft- und Knochenleitung in gleichem Maß betroffen sind.
Praktische Fehlerquellen kommen hinzu. Wird die Stimmgabel zu kräftig angeschlagen, spürt der Patient am Warzenfortsatz die Vibration und meldet sie als Ton, obwohl er längst nichts mehr hört. Sitzt der Fuß der Gabel nicht fest auf dem Knochen oder berühren die Zinken Haare, Brille oder Ohrmuschel, verfälscht das den Vergleich ebenso wie ein zu großer Abstand der Gabel vor dem Ohr. Auch die Zeit, die zwischen dem Absetzen hinter dem Ohr und dem Halten vor die Ohrmuschel verstreicht, geht in das Ergebnis ein, weil die Gabel währenddessen weiter ausklingt. Aus diesen Gründen wird ein auffälliger Stimmgabelbefund im Zweifel wiederholt, bevor daraus eine Konsequenz gezogen wird.
Für die Einordnung des Ergebnisses ist schließlich wichtig, dass Stimmgabelprüfungen orientierende Verfahren bleiben. Ein Verdacht, der aus ihnen entsteht, wird durch die Audiometrie bestätigt oder verworfen. Ein unauffälliger Stimmgabelbefund entbindet umgekehrt nicht davon, anhaltenden Beschwerden wie Tinnitus, einem Druckgefühl im Ohr oder einer plötzlich aufgetretenen Hörminderung nachzugehen. Ein Hörsturz etwa betrifft das Innenohr und lässt den Rinne-Versuch unauffällig; er verlangt trotzdem eine rasche ärztliche Abklärung.
Dort, wo eine Mitarbeit nicht zu erwarten ist, stehen objektive Verfahren zur Verfügung, die ohne eine Rückmeldung des Untersuchten auskommen. Bei Säuglingen, Kleinkindern und Menschen, die auf die Anweisungen des Testpersonals nicht zuverlässig antworten können, werden die Antworten des Ohrs und der Hörbahn unmittelbar gemessen, etwa über die Schallaussendungen des Innenohrs oder über die Hirnstammantwort auf einen Reiz; auch die Tympanometrie erfordert keine Mitwirkung. Diese Verfahren ersetzen bei den genannten Gruppen den Stimmgabeltest, den sie in der Aussagekraft deutlich übertreffen. Der Rinne-Versuch bleibt damit ein Werkzeug für den wachen, kooperationsfähigen Patienten und für Situationen, in denen kein Gerät zur Hand ist.
Quellen
- Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783131190338
- Lenarz, T., Boenninghaus, H.-G.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783642211300
- Mrowinski, D., Scholz, G., Steffens, T.: Audiometrie.
ISBN: 9783132452459
- Lehnhardt, E., Laszig, R. (Hrsg.): Praxis der Audiometrie.
ISBN: 9783133690096
- Kompis, M.: Audiologie.
ISBN: 9783456862453
