SORKC-Modell
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das SORKC-Modell stellt eine Erweiterung des so genannten operanten Konditionierens dar. Dabei handelt es sich um ein Verhaltensmodell, mit dem sowohl der Erwerb von Verhalten als auch das Verhalten selbst erklärt werden kann.
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Was ist das SORKC-Modell?
Verhaltensmodelle gehen davon aus, dass ein bestimmtes Problemverhalten nicht isoliert, sondern bezüglich der jeweiligen Situation bzw. der daraus resultierenden Konsequenzen untersucht werden muss.
Das SORKC-Modell ist ein Modell, das vor allem in der kognitiven Verhaltenstherapie zur Anwendung kommt und dazu dient, Verhalten zu diagnostizieren, zu erklären bzw. zu verändern. Manchmal wird es auch "horizontale Verhaltensanalyse" genannt. Dabei werden Informationen zu einem bestimmten Problem gesammelt und im Anschluss daran Zusammenhänge und Bedingungen aufgezeigt. Dadurch können Informationen rund um verschiedene Verhaltensauffälligkeiten geordnet und ein Therapieplan festgelegt werden. Das SORKC-Modell ist ein lerntheoretisches Modell, das von Kanfer und Saslow erweitert wurde, wobei sie auch die Organismusvariable (O) miteinbezogen, mit der zu Beginn nur biologische Ursachen des Verhaltens bezeichnet wurden.
In weiterer Folge wurde diese Variable allerdings auch durch Eigenschaften, Erfahrungen, Überzeugungen bzw. Schemata der jeweiligen Person ergänzt, die wichtig für die Erklärung des Verhaltens sein könnten. Das S steht für Stimulus, das sind alle internen bzw. externen Reize. R bedeutet Reaktion, C die Konsequenzen, die daraus resultieren und K steht für Kontingenz. Damit kann das SORKC-Modell von der so genannten vertikalen Verhaltensanalyse abgegrenzt werden, bei der übergeordnete Ziele und Pläne analysiert werden, die das Verhalten der jeweiligen Person in vielen Situationen beeinflussen.
Historisch steht das Modell am Übergang von einem streng behavioristischen zu einem kognitiv erweiterten Verständnis von Verhalten. Die frühe Lerntheorie beschrieb Verhalten als Kette aus Reiz und Reaktion und klammerte alles aus, was sich nicht von außen beobachten ließ. Kanfer und Saslow schlugen Mitte der 1960er Jahre vor, die Diagnostik nicht mehr an Krankheitsetiketten, sondern an den Bedingungen des einzelnen Verhaltens auszurichten. Ihre funktionale Verhaltensanalyse fragte nicht, welche Störung ein Mensch hat, sondern unter welchen Umständen ein bestimmtes Verhalten auftritt und wodurch es aufrechterhalten wird. Aus dieser Verschiebung ist die Buchstabenfolge hervorgegangen, die bis heute zur Grundausbildung von Psychotherapeuten gehört.
Die Bezeichnung als horizontale Verhaltensanalyse rührt daher, dass die Betrachtung einer einzelnen Situation gleichsam in der Waagerechten verläuft: vom auslösenden Reiz über die Reaktion bis zu den Konsequenzen. Die vertikale Verhaltensanalyse setzt darüber an und fragt nach den übergeordneten Zielen, Werten und Plänen, die eine Person über viele Situationen hinweg verfolgt. Beide Blickrichtungen ergänzen einander. Wer nur horizontal analysiert, versteht die einzelne Episode, übersieht aber womöglich das Muster; wer nur vertikal analysiert, kennt das Muster, nicht jedoch die Stellschrauben, an denen sich im Alltag etwas ändern lässt.
Ein Beispiel macht die Systematik greifbar. Eine Frau meidet den Einkauf im Supermarkt. Der Stimulus ist die lange Schlange an der Kasse; die Organismusvariable umfasst ihre Neigung zu körperlicher Anspannung und die Erinnerung an eine frühere Panikattacke an einem ähnlichen Ort. Die Reaktion besteht aus mehreren Anteilen zugleich: dem Gedanken, gleich ohnmächtig zu werden, dem Herzklopfen, dem Gefühl von Angst und dem für andere sichtbaren Verlassen des Ladens. Die Konsequenz ist unmittelbare Erleichterung, und weil diese Erleichterung nahezu jedes Mal eintritt, ist die Kontingenz hoch. Gerade diese Zuverlässigkeit macht das Vermeidungsverhalten stabil, obwohl es der Frau auf lange Sicht schadet.
An diesem Beispiel zeigt sich auch, warum das Modell die Reaktion nicht als Einheit behandelt. In der Verhaltenstherapie wird sie üblicherweise auf mehreren Ebenen beschrieben: dem Verhalten, das andere sehen können, den Gedanken und Bewertungen, den Gefühlen und den körperlichen Vorgängen. Diese Ebenen können auseinanderfallen; jemand kann nach außen ruhig wirken und innerlich stark angespannt sein. Für die Behandlung ist es ein Unterschied, ob vor allem der Gedanke, das Gefühl oder die körperliche Reaktion den Ausschlag gibt.
Ebenso wenig muss der Stimulus von außen kommen. Als S gelten auch innere Auslöser: ein Gedanke, eine Erinnerung, ein körperliches Signal wie Herzklopfen oder ein Anstieg der Anspannung. Gerade bei Angst- und Zwangserkrankungen sind es oft solche inneren Reize, die eine Kette in Gang setzen, während sich in der Umgebung nichts verändert hat. Wer allein nach der äußeren Situation sucht, findet den Auslöser in diesen Fällen nicht.
Funktion, Wirkung & Ziele
Es geht davon aus, dass der Mensch sich zum Teil von Umwelteinflüssen unabhängig machen kann, da er in der Lage ist, sich selbst zu verstärken bzw. zu steuern, was auch als Selbstregulation bezeichnet werden kann. Selbstregulation bedeutet das Unterbrechen von automatisiertem Verhalten, wenn dieses nicht mehr dazu geeignet ist, bestimmte Ziele zu erreichen. Durch eine bestimmte Zielsetzung wird dann ein Regulationsprozess ausgelöst. Dabei wird in der ersten Phase das eigene Verhalten beobachtet und in Beziehung mit dem Zielverhalten gebracht.
Die so gewonnenen Informationen werden in der zweiten Phase mit bestimmten Standards bzw. Vergleichskriterien verglichen. Wird der Standard durch das betreffende Verhalten nicht erreicht, so setzt ein Lernprozess ein, in dem es zu einer Veränderung des Verhaltens kommen sollte, das dann wiederum mit einem Standard verglichen wird, so lange bis das neue Verhalten dem Standard entspricht.
Dadurch tritt eine Selbstverstärkung und ein Gefühl der Zufriedenheit auf. Ist man der Meinung, dass der Standard nicht erreicht werden kann, so folgt ein Abbruch der Selbstregulationssequenz. Im Selbstregulationsprozess werden dabei folgende Variablen unterschieden:
- Einflüsse von außen
- kognitive Prozesse, die von der jeweiligen Person selbst ausgehen und auch Einfluss auf die Umwelt haben können
- biologische und physiologische Grundvoraussetzungen, die eine Wirkung auf das Lernen, Denken bzw. Verhalten haben.
Das SORKC-Modell wird vor allem in der Verhaltenstherapie sehr häufig eingesetzt:
- S (Stimulus) bezeichnet dabei den inneren oder äußeren Reiz und erfasst die Bedingungen, die ein bestimmtes Verhalten auslösen. (Unter welchen Umständen kommt es zum Auftreten des Verhaltens?)
- O (Organismus) steht für die individuellen Ausgangsbedingungen. (Was erlebt die jeweilige Person?)
- R (Reaktion) bezeichnet das Verhalten, das der Reizsituation folgt. (Wie ist das Verhalten der jeweiligen Person?)
- K (Kontingenz) steht für die Regelmäßigkeit, mit der auf eine Reaktion eine bestimmte Konsequenz folgt. (Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Verhalten und den Folgen?)
- C (Konsequenzen) bezeichnet die Konsequenzen des jeweiligen Verhaltens. (Welche negativen bzw. positiven Konsequenzen hat das Verhalten?)
Nach diesem Schema löst ein Reiz eine bestimmte Reaktion aus. Daraus ergibt sich in weiterer Folge eine Konsequenz. Wiederholt sich der Vorgang, so wird die Reaktion verstärkt und es können beispielsweise psychische Krankheiten auftreten bzw. auch behandelt werden, wie zum Beispiel durch eine Veränderung der Stimuli oder durch das Einüben eines anderen Verhaltens. Möchte ein Therapeut diagnostische Informationen erheben bzw. strukturieren, so wird zunächst das Problemverhalten definiert.
Anschließend wird das Problemverhalten im Hinblick auf unterschiedliche Komponenten beschrieben und die internen bzw. externen Stimuli identifiziert. Danach werden die Konsequenzen bzw. die Faktoren, die das Verhalten steuern, beschrieben. In der Praxis wird dabei oft zwischen lang- und kurzfristigen Konsequenzen unterschieden.
Wie die Angaben für eine solche Analyse zusammenkommen, folgt mehreren Wegen. Am Anfang steht das ausführliche Gespräch, in dem eine konkrete Situation Schritt für Schritt durchgegangen wird, oft an einem einzelnen, gut erinnerten Vorfall statt an einer allgemeinen Beschreibung. Ergänzt wird es durch Selbstbeobachtung zwischen den Sitzungen: Der Patient hält in einem Protokoll fest, wann das Problemverhalten auftrat, was ihm vorausging und was danach geschah. Solche Aufzeichnungen korrigieren regelmäßig das Bild, das im Gespräch entstanden ist, weil die Erinnerung selektiv arbeitet. Hinzu kommen Fragebögen, die Beobachtung im Rollenspiel und, wo es sich anbietet, Angaben von Angehörigen.
Bei den Konsequenzen unterscheidet die Verhaltenstherapie vier Grundformen, die sich aus zwei Fragen ergeben: ob etwas hinzukommt oder wegfällt und ob es angenehm oder unangenehm ist. Verhalten wird häufiger, wenn ihm etwas Angenehmes folgt oder etwas Unangenehmes wegfällt; es wird seltener, wenn etwas Unangenehmes folgt oder etwas Angenehmes entzogen wird. Der Wegfall von Unangenehmem ist dabei der therapeutisch wichtigste Fall, denn er erklärt die Hartnäckigkeit von Vermeidung, von Kontrollhandlungen bei einer Zwangsstörung und des Griffs zum Suchtmittel bei einer Alkoholabhängigkeit.
Die Unterscheidung zwischen kurz- und langfristigen Konsequenzen ist deshalb keine Feinheit, sondern der Kern vieler Behandlungspläne. Kurzfristig wirksame Folgen setzen sich gegen langfristige durch, auch wenn diese ungleich schwerer wiegen. Wer sich zurückzieht, entgeht der befürchteten Blamage sofort; dass sich die eigene Welt dadurch weiter verengt, zeigt sich erst nach Monaten. Die Behandlung zielt darum häufig darauf, langfristige Folgen erfahrbar und kurzfristige Erleichterungen entbehrlich zu machen.
Der Kontingenz kommt mehr Gewicht zu, als der einzelne Buchstabe vermuten lässt. Folgt eine Konsequenz nicht jedes Mal, sondern nur gelegentlich und unvorhersehbar, wird das Verhalten dadurch nicht schwächer, sondern beständiger. Was über lange Zeit nur ab und zu belohnt wurde, verschwindet besonders langsam, wenn die Belohnung ganz ausbleibt. Dieser Zusammenhang erklärt Beobachtungen, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: dass Glücksspiel gerade dann schwer aufzugeben ist, wenn Gewinne selten bleiben, oder dass ein Kind ein Verhalten beibehält, obwohl die Eltern nur noch ausnahmsweise nachgeben. Für die Behandlung folgt daraus, dass nicht allein die Art der Konsequenz zu erfassen ist, sondern auch, wie regelmäßig sie eintritt.
Aus der fertigen Analyse ergeben sich die Ansatzpunkte fast von selbst. An den Stimuli lässt sich arbeiten, indem auslösende Situationen verändert oder in kleinen Schritten wieder aufgesucht werden. An der Organismusvariablen setzen Verfahren an, die Überzeugungen prüfen oder körperliche Anspannung senken. An der Reaktion arbeitet, wer ein anderes Verhalten einübt, das dieselbe Funktion erfüllt. Und an den Konsequenzen setzt an, wer die Verstärker neu ordnet, etwa indem Angehörige aufhören, das Vermeidungsverhalten stellvertretend zu übernehmen.
Über die Behandlung im engeren Sinn hinaus dient die Verhaltensanalyse auch der Verständigung. Sie stiftet eine gemeinsame Sprache zwischen Behandler und Patient, macht den Behandlungsplan nachvollziehbar und begründet ihn gegenüber Dritten, etwa im Bericht an den Gutachter, mit dem eine Psychotherapie zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung beantragt wird. Auch außerhalb der Behandlung psychischer Erkrankungen findet das Schema Verwendung, etwa in der Pädagogik, in der Rehabilitation und bei der Betrachtung von Verhaltensmustern im Zusammenhang mit Übergewicht oder Nikotinabhängigkeit.
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Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Ein Argument ist beispielsweise, dass auf Grund eines standardisierten, störungstypischen Vorgehens eine individuelle Verhaltensanalyse bei bestimmten psychischen Erkrankungen nicht notwendig erscheint. Allerdings gibt es noch nicht für alle psychischen Störungen evaluierte Verfahren, sodass in diesen Fällen individuelle Methoden ausgewählt bzw. begründet werden müssen. Viele Verhaltenssysteme - darunter auch das SORKC-Modell - haben allerdings Grenzen, wenn es beispielsweise um die Abbildung interpersoneller Prozesse (z.B. familiäre Konflikte) geht. Außerdem stößt das Modell dort an Grenzen, wo zunächst anderes vorgeht: In akuten Krisen, bei Gewalt und Misshandlung oder in einer psychotischen Episode haben Schutz und Stabilisierung Vorrang vor einer ausführlichen Verhaltensanalyse.
Eine weitere Grenze liegt in der Datenquelle. Die Verhaltensanalyse stützt sich zu großen Teilen auf das, was der Patient berichtet, und damit auf Erinnerung, Selbsteinschätzung und Sprachvermögen. Gerade die Organismusvariable, in der Überzeugungen, Erfahrungen und körperliche Voraussetzungen zusammenlaufen, ist von außen kaum überprüfbar. Wo Menschen ihr eigenes Erleben schwer in Worte fassen können, etwa bei ausgeprägter Depression, bei kognitiven Einschränkungen oder bei jüngeren Kindern, verliert das Schema an Genauigkeit und muss durch Beobachtung ergänzt werden.
Hinzu kommt die Gefahr einer Scheingenauigkeit. Ein ausgefülltes Schema sieht geordnet aus und legt nahe, die Zusammenhänge seien geklärt. Tatsächlich handelt es sich um eine Annahme, die sich erst im Verlauf der Behandlung bewähren muss. Bleibt die erwartete Veränderung aus, ist das kein Versagen des Patienten, sondern in aller Regel ein Hinweis darauf, dass die Analyse zu überarbeiten ist. Verhaltenstherapeuten sprechen deshalb von einem fortlaufenden Prozess und nicht von einem einmaligen Arbeitsschritt zu Beginn.
Auch die Zuordnung selbst ist nicht immer eindeutig. Ob ein Gedanke zur Organismusvariablen oder zur Reaktion zu rechnen ist, hängt vom Blickwinkel ab; dasselbe gilt für die Frage, wo eine Situation endet und die Reaktion beginnt. Zwei erfahrene Behandler können dieselbe Schilderung unterschiedlich gliedern und dennoch beide zu einem brauchbaren Behandlungsplan kommen. Das Modell ist ein Ordnungsraster, kein Messinstrument.
Schließlich birgt die konsequente Ausrichtung auf Bedingungen und Konsequenzen ein Missverständnis, das Betroffene belasten kann: Wer hört, sein Verhalten werde durch dessen Folgen aufrechterhalten, versteht das mitunter als Vorwurf, er wolle es so. Gemeint ist das Gegenteil. Lernvorgänge laufen weitgehend ohne Absicht ab, und gerade weil sie erlernt sind, lassen sie sich verändern. Eine sorgfältige Erläuterung dieses Punktes gehört deshalb zur Anwendung des Modells dazu.
Quellen
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
ISBN: 9783662549100
- Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual - Erwachsene.
ISBN: 9783662622971
- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
ISBN: 9783662618134
- Rief, W.: Psychotherapie.
ISBN: 9783437226014
- Schandry, R.: Biologische Psychologie.
ISBN: 9783621288644
