Apgar-Score
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Apgar-Score gibt Auskunft über den gesundheitlichen Zustand des Babys kurz nach der Geburt. Er wird nach einer standardisierten Methode auf der Grundlage eines Punkte-Schemas durchgeführt. Die Testergebnisse sind nur für die aktuelle Situation relevant und geben keine Prognose für die künftige Entwicklung des Neugeborenen ab.
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Was ist der Apgar-Score?
Die Bestimmung des Apgar-Scores basiert auf einer standardisierten Testmethode, die den Gesundheitszustand des Babys kurz nach der Geburt beurteilen soll. Der Test wurde im Jahre 1952 von der amerikanischen Anästhesistin Virginia Apgar entwickelt.
Bei dieser Methode werden eine Minute und dann noch fünf und zehn Minuten nach der Geburt wichtige Körperfunktionen des Neugeborenen untersucht. Nach der Einführung des Apgar-Scores sank die durch Komplikationen bei der Geburt hervorgerufene Säuglingssterblichkeit deutlich. Gefahren werden gleich erkannt und können gegebenenfalls durch Reanimationsmaßnahmen abgewendet werden.
Der Test basiert auf einem Punktesystem, bei dem maximal 10 Punkte erreicht werden können. Grenzen für die Anwendung des Testes gibt es bei Frühgeburten. Aufgrund der körperlichen Unreife eines Frühgeborenen sind hier viele Körperfunktionen natürlicherweise eingeschränkt, sodass der Apgar-Score als standardisierte Testmethode in diesem Fall ungeeignet ist.
Funktion, Wirkung & Ziele
In dem von ihr entwickelten Apgar-Score legte sie fünf Kriterien fest, die zwingend untersucht werden müssen. Zu diesen Kriterien zählen die Atemanstrengung, die Herzfrequenz, der Muskeltonus, die Hautfarbe und die Reflexauslösbarkeit. Für jedes Merkmal können bis zu zwei Punkte vergeben werden. So sind bei zwei Punkten die Merkmale voll ausgeprägt. Ein Punkt bedeutet eine eingeschränkte Ausbildung des entsprechenden Merkmals, während es bei null Punkten ganz fehlt. Bei der Atemanstrengung werden zwei Punkte für eine regelmäßige, ein Punkt für unregelmäßige und null Punkte für keine Atmung vergeben.
Eine Herzfrequenz über 100/min bedeutet zwei Punkte, wobei unter 100/min nur einen Punkt ergibt. Fehlt der Herzschlag, kann natürlich kein Punkt vergeben werden. Die volle Ausprägung der Reflexe äußert sich in kräftigem Schreien. Wenn sie unvollkommen ausgeprägt sind, sind nur Grimassen festzustellen. Reagiert der Säugling gar nicht, ist keine Punktvergabe möglich. Der Muskeltonus ist bei aktiver Bewegung der Extremitäten am größten, bei ihrer leichten Beugung etwas kleiner und bei schlaffer Muskulatur gar nicht vorhanden. Ist die Hautfarbe am ganzen Körper rosig, bedeutet das die Vergabe von zwei Punkten.
Wenn die Extremitäten jedoch blau sind, kann nur ein Punkt vergeben werden. Liegt am ganzen Körper eine blasse oder blaue Hautfarbe vor, weist das auf eine schwere Sauerstoffunterversorgung hin. Eine Punktvergabe ist dann ausgeschlossen. Als sehr gutes Ergebnis wird das Erreichen von acht bis zehn Punkten gewertet. Das Baby ist dann in einer guten bis exzellenten Verfassung. In den meisten Fällen wird dieses Ergebnis erreicht. Der Abzug von einem oder zwei Punkten kann den Anstrengungen beim Geburtsvorgang geschuldet sein. Generell ist das aber kein Problem, weil sich der Säugling in der Regel schnell erholt.
Bei einer Punktzahl zwischen fünf und sieben gilt das Baby jedoch als gefährdet. Gegebenenfalls muss das Neugeborene dann beatmet und der Luftweg abgesaugt werden. Das ist jedoch nicht immer nötig. Auch hier erholt sich das Baby mit etwas Unterstützung meist schnell. Eine akute Lebensgefahr besteht bei einem Punktestand unter fünf. In diesem Fall sind sofortige Wiederbelebungsmaßnahmen erforderlich; der Säugling benötigt Wärme und Sauerstoff. Er wird zur weiteren Versorgung in einen Inkubator gelegt. Bei einer niedrigen Punktzahl wird der Apgar-Score so lange wiederholt, bis sich die Werte normalisiert haben.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Der Säugling wird einige Zeit im Inkubator verbringen müssen, bevor alle Funktionen voll ausgebildet sind. Neurologische Komplikationen können mithilfe des Apgar-Scores nicht vorausgesagt werden. Liegt die Punktezahl anhaltend unter fünf, kann der zugrunde liegende Sauerstoffmangel zu einer Zerebralparese führen. Das hängt aber davon ab, wie lange die Komplikation dauerte. In vielen Fällen treten keine bleibenden Schäden auf. Die Ursache der Hypoxie sollte jedoch ermittelt werden. Auch für die Diagnose einer akuten Asphyxie (Erstickungszustand) reicht der Apgar-Score nicht aus.
Nach überwundenen Komplikationen kann die aktuelle Punktezahl auch keine Aussage über den Zustand des Babys machen. So unterscheiden sich die Werte nach einer Reanimation deutlich von einem spontan atmenden Säugling. Die Ergebnisse von Reanimationsmaßnahmen werden daher in einem sogenannten erweiterten Apgar-Score berücksichtigt. Dabei wird das Kind 20 Minuten lang überwacht. Zusätzlich wird dabei festgehalten, welche Unterstützungsmaßnahmen zum jeweiligen Zeitpunkt liefen; die Skala von insgesamt bis zu zehn Punkten bleibt unverändert. So gilt beim erweiterten Apgar-Score ein Wert zwischen sieben und zehn nach fünf bis zehn Minuten als sehr gut.
Geschichte & Entwicklung
Vor der Einführung des Apgar-Scores gab es kein einheitliches Verfahren, mit dem sich der Zustand eines Neugeborenen unmittelbar nach der Geburt beschreiben ließ. Ob ein Kind versorgt oder als nicht lebensfähig angesehen wurde, hing von der Einschätzung der einzelnen Geburtshelferin oder des einzelnen Arztes ab, und diese Einschätzungen fielen sehr unterschiedlich aus. Virginia Apgar, die als Anästhesistin an einer amerikanischen Universitätsklinik arbeitete und dort zahlreiche Geburten begleitete, suchte nach einem Maßstab, der sich in wenigen Augenblicken erheben lässt und von dem, der ihn erhebt, möglichst unabhängig ist.
Ihre Lösung bestand darin, fünf einfach zu beobachtende Merkmale auszuwählen und jedem von ihnen null, einen oder zwei Punkte zuzuordnen. Kein Merkmal setzt ein Gerät voraus; alle lassen sich durch Ansehen, Anfassen und Abhören beurteilen. Genau darin lag die Neuerung: Der Zustand des Kindes wurde erstmals in einer Zahl festgehalten, die sich aufschreiben, weitergeben und zwischen Kliniken vergleichen ließ.
Das Schema setzte sich rasch durch und wird heute weltweit verwendet. In den 1960er Jahren entstand dazu eine Merkhilfe, die die Anfangsbuchstaben des Namens Apgar auf die fünf englischen Merkmalsbezeichnungen verteilt – Aussehen, Puls, Reflexverhalten, Muskeltätigkeit und Atmung. Im deutschen Sprachraum ist eine entsprechende Merkhilfe gebräuchlich, die die Buchstaben auf Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen und Reflexe bezieht. Dass der Name der Erfinderin sich auf diese Weise lesen lässt, ist Zufall; das Schema war lange vorher entwickelt.
Weiterentwickelt wurde weniger das Schema selbst als die Art, es zu dokumentieren. Neben dem erweiterten Apgar-Score, der die laufenden Unterstützungsmaßnahmen festhält, trat die Bestimmung der Blutwerte aus der Nabelschnur hinzu. Beide Ergänzungen verfolgen dasselbe Ziel: den knappen Punktwert um Angaben zu ergänzen, die er selbst nicht enthält.
Durchführung & Ablauf
Erhoben wird der Apgar-Score von der Hebamme, dem Geburtshelfer oder – wenn ein Kinderarzt bei der Geburt anwesend ist – vom Team der Neugeborenenversorgung. Ein Gerät ist dafür nicht nötig: Atmung, Muskeltonus und Hautfarbe werden beobachtet, die Herzfrequenz wird abgehört oder an der Nabelschnur getastet, und die Reflexauslösbarkeit zeigt sich an der Reaktion des Kindes auf Berührung und Absaugen.
Die Bewertung geschieht neben der Erstversorgung, nicht an ihrer Stelle. Während der Score erhoben wird, wird das Kind abgetrocknet, vor Auskühlung geschützt und, wenn es unauffällig ist, der Mutter auf die Brust gelegt. Wichtig ist die zeitliche Reihenfolge: Ein Kind, das nicht atmet, wird sofort versorgt: Man wartet nicht die erste Bewertung nach einer Minute ab. Der Score dient der Beschreibung des Zustands und der Verlaufskontrolle, nicht als Startsignal für die Behandlung.
Die drei Erhebungszeitpunkte haben unterschiedliche Bedeutung. Der erste Wert beschreibt den Zustand unmittelbar nach der Geburt und ist stark von deren Verlauf geprägt. Die späteren Werte zeigen, ob sich das Kind von selbst erholt oder ob die eingeleiteten Maßnahmen greifen. Aus diesem Grund gilt der Verlauf der Punktwerte als aussagekräftiger als ein einzelner Wert, und aus diesem Grund wird bei niedrigen Werten weiter bewertet, bis sich der Zustand gebessert hat.
Die Punktwerte werden gemeinsam mit dem Zeitpunkt ihrer Erhebung im Geburtsprotokoll festgehalten und in das Untersuchungsheft des Kindes übertragen. Sie gehören damit zu den Angaben, auf die später jede weitere Untersuchung zurückgreifen kann. Ergänzt werden sie üblicherweise um die Messwerte der Erstuntersuchung – Gewicht, Länge, Kopfumfang – sowie um die Blutwerte aus der Nabelschnur.
Abgrenzung zu anderen Untersuchungen
Der Apgar-Score ist eine von mehreren Beurteilungen, die ein Neugeborenes in seinen ersten Lebenstagen erfährt, und er beantwortet nur eine dieser Fragen: wie das Kind den Übergang in das eigenständige Atmen und den eigenen Kreislauf bewältigt.
Er misst insbesondere nicht, wie stark das Kind unter der Geburt mit Sauerstoff unterversorgt war. Dafür wird Blut aus den Gefäßen der Nabelschnur entnommen und im Labor untersucht (Blutgasanalyse); der Säuregrad des Blutes und der Basenüberschuss zeigen an, ob und wie ausgeprägt eine Übersäuerung (Azidose) vorliegt. Punktwert und Blutwerte können auseinanderfallen: Ein Kind kann einen niedrigen Apgar-Wert haben, ohne dass sein Blut auffällig ist, und umgekehrt. Erst zusammen ergeben beide ein Bild, und deshalb werden sie in der Geburtsdokumentation nebeneinander geführt.
Von der Bestimmung der Sauerstoffsättigung mit einem Messfühler an Hand oder Fuß (Pulsoxymetrie) unterscheidet sich der Apgar-Score darin, dass er die Hautfarbe mit bloßem Auge beurteilt – ein Verfahren, das gerade in den ersten Lebensminuten ungenau ist, weil sich der Kreislauf des Kindes erst umstellt.
Keine Aussage trifft der Score über Fehlbildungen, Stoffwechselerkrankungen oder Infektionen. Diesen Fragen gehen die Erstuntersuchung des Kindes und das Neugeborenen-Screening nach, bei dem wenige Blutstropfen auf angeborene Stoffwechsel- und Hormonstörungen untersucht werden. Auch die Reifebeurteilung eines Frühgeborenen erfolgt nach eigenen Schemata; der Apgar-Score ist dafür nicht geeignet.
Aussagekraft und Fehlerquellen
Der Apgar-Score verdankt seine Verbreitung seiner Einfachheit – und dieselbe Einfachheit begrenzt seine Aussagekraft. Die Bewertung beruht auf Beobachtung und damit auf einem Urteil: Ob eine Atmung noch als regelmäßig gilt, ob ein Schreien kräftig ist, ob die Haut rosig aussieht, kann zwischen zwei Beobachtern unterschiedlich ausfallen. Untersuchungen zur Übereinstimmung verschiedener Untersucher zeigen, dass dasselbe Kind nicht immer dieselbe Punktzahl erhält.
Hinzu kommt, dass eine Gesamtpunktzahl fünf verschiedene Beobachtungen zu einer Zahl zusammenfasst. Derselbe Wert kann deshalb ganz Verschiedenes bedeuten – einmal ein Kind mit guter Atmung, aber schlaffer Muskulatur, einmal ein Kind mit kräftigem Muskeltonus, aber unzureichender Atmung. Wer den Zustand des Kindes beurteilen will, muss deshalb die Einzelwerte kennen, nicht nur die Summe.
Ein besonderes Problem bereitet die Hautfarbe. Bläuliche Hände und Füße sind bei Neugeborenen in den ersten Lebensminuten sehr häufig, auch wenn es dem Kind gut geht; die volle Punktzahl für dieses Merkmal wird deshalb selten unmittelbar nach der Geburt erreicht. Bei dunkler Hautfarbe ist die Beurteilung zusätzlich erschwert.
Schließlich hängt der Punktwert nicht allein vom Kind ab. Medikamente, die die Mutter unter der Geburt erhalten hat, können die Atmung und den Muskeltonus des Kindes dämpfen, und eine Unterkühlung wirkt sich ebenfalls auf mehrere Merkmale aus. Wird der Score nicht während der Versorgung, sondern erst im Nachhinein aus der Erinnerung vergeben, verliert er weiter an Genauigkeit. Aus all diesen Gründen wird der Apgar-Score heute als das verstanden, was er sein sollte: eine schnelle, standardisierte Beschreibung des Zustands nach der Geburt – nicht ein Messwert und nicht ein Urteil über die Zukunft des Kindes.
Wie Eltern den Wert verstehen
Weil der Apgar-Score in Punkten ausgedrückt wird und im Untersuchungsheft nachzulesen ist, wird er von Eltern häufig wie eine Schulnote gelesen – als Urteil darüber, wie gut das Kind geraten sei. Diese Lesart geht am Zweck des Verfahrens vorbei und führt regelmäßig zu unnötiger Sorge.
Zum einen ist die volle Punktzahl nicht der Regelfall und auch nicht das Ziel. Weil die Hände und Füße Neugeborener in den ersten Lebensminuten oft noch bläulich sind, wird bei dem Merkmal Hautfarbe sehr häufig ein Punkt abgezogen, ohne dass dem irgendetwas Krankhaftes zugrunde läge. Ein Kind mit neun Punkten ist deshalb nicht schlechter versorgt als eines mit zehn.
Zum anderen beschreibt der Score einen einzelnen, sehr kurzen Zeitabschnitt. Er sagt aus, wie das Kind den Übergang in das eigenständige Atmen bewältigt hat, und mehr nicht. Über die spätere körperliche und geistige Entwicklung, über die Intelligenz oder über den Charakter eines Kindes lässt sich daraus nichts ableiten; auch niedrige Werte gehen häufig ohne bleibende Folgen vorüber, sobald die Ursache behoben ist.
Umgekehrt beruhigt ein guter Wert nicht auf Dauer. Erkrankungen, die sich erst in den Stunden oder Tagen nach der Geburt zeigen – eine Infektion etwa oder eine Anpassungsstörung der Atmung –, kann der Apgar-Score nicht vorwegnehmen. Deshalb wird ein Neugeborenes unabhängig von seiner Punktzahl weiter beobachtet, und deshalb sind auch die folgenden Untersuchungen des Kindes nicht entbehrlich. Fragen zum Wert des eigenen Kindes beantworten die Hebamme oder der behandelnde Arzt, die den Verlauf der Geburt kennen.
Quellen
- Jorch, G., Hübler, A. (Hrsg.): Neonatologie.
ISBN: 9783131460721
- Speer, C. P., Gahr, M., Dötsch, J. (Hrsg.): Pädiatrie.
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- von Kaisenberg, C., Klaritsch, P., Hösli-Krais, I. (Hrsg.): Die Geburtshilfe.
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- Goerke, K., Steller, J., Valet, A. (Hrsg.): Klinikleitfaden Gynäkologie und Geburtshilfe.
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- Janni, W., Hancke, K., Fehm, T., Scholz, C., Rack, B.: Facharztwissen Gynäkologie.
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