Bobath-Konzept

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das Bobath-Konzept eignet sich vor allem für Menschen, die motorische Störungen aufgrund neurologischer Erkrankungen aufweisen. Damit handelt es sich um eine Behandlungsmöglichkeit zur Linderung bestehender Beschwerden. Es lässt sich bereits bei Säuglingen anwenden, kommt aber auch bei Kindern und Erwachsenen zum Einsatz.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Bobath-Konzept?

Bobath Konzept
Das Bobath-Konzept möchte durch die Herstellung neuer Verbindungsbahnen neurologische Störungen lindern oder bestimmte Funktionen wiederherstellen. Angewendet wird es zum Beispiel bei zerebralen Bewegungsstörungen, die bereits im frühkindlichen Alter erworben wurden.

Eine Behandlung nach dem Bobath-Konzept kann ärztlich verordnet und von den deutschen Krankenkassen als Heilmittel übernommen werden. Die Durchführung erfolgt nach der Anweisung des Arztes. Dabei kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen verschiedenen medizinischen Akteuren. Zu diesen gehören Therapeutinnen und Therapeuten der Physiotherapie und Ergotherapie, LogopädInnen, Ärzte und Pflegepersonal.

Angewendet wird es zum Beispiel bei zerebralen Bewegungsstörungen, die bereits im frühkindlichen Alter erworben wurden. Weiterhin kann es bei einer Verzögerung der Entwicklung, sensomotorischen Einschränkungen sowie weiteren neurologischen und neuromuskulären Erkrankungen helfen. Das Konzept selber basiert auf der Theorie der Umorganisationsfähigkeit des menschlichen Gehirns. Diese schreibt dem Hirn bestimmte Fähigkeiten zu.

So sollen gesunde Regionen dazu in der Lage sein, die Funktionen und Aufgaben von erkrankten Bereichen zu erlernen und damit zu übernehmen. Traumatische Hirnschädigungen resultieren häufig in Beschwerden der Verbindungswege, während die Kontrollzentren selber nicht zwangsläufig betroffen sind. Das Training soll neue Bahnen entstehen lassen.

Funktion, Wirkung & Ziele

Das Bobath-Konzept möchte durch die Herstellung neuer Verbindungsbahnen neurologische Störungen lindern oder bestimmte Funktionen wiederherstellen. Dafür werden spezifische Regionen des Gehirns regelmäßig und konsequent stimuliert.

Auf diese Weise ist es möglich, dass dem Körper die Wiederaufnahme von Funktionen gelingt, welche zum Beispiel durch einen Schlaganfall verloren gegangen sind. Dafür müssen andere Hirnareale vernetzt und intensiviert werden. Durch das ständige Üben von Bewegungen lassen sich Verbindungen zwischen den Nervenzellen bahnen. So bauen sich Funktionsverbände innerhalb der Neuronen auf, welche die motorische Funktion ermöglichen. Damit eignet sich das Bobath-Konzept für Patienten mit motorischen Bewegungsstörungen. Die Symptome bestehen entweder bereits seit der Geburt oder wurden im Verlauf des Lebens erworben.

Während das Konzept früher nur bei Kindern Anwendung fand, wurde es in den 1960er Jahren auf volljährige Personen ausgedehnt. Heutzutage gehört das Bobath-Konzept zu den am weitesten verbreiteten Behandlungsansätzen bei Patienten mit Bewegungsstörungen aufgrund neurologischer Erkrankungen. Während Menschen mit Hirnschäden früher als Pflegefall aufgefasst wurden, ist mittlerweile eine Rehabilitation möglich. Am häufigsten kommt das Konzept bei Patienten mit Schlaganfall zum Einsatz, die unter einer halbseitigen Lähmung leiden. Das Ziel ist es letztendlich, dem Erkrankten die Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit im größtmöglichen Rahmen zurück zu geben. Dafür spielen die Kompetenzen und Fähigkeiten des Patienten eine wichtige Rolle.

Neben der Entwicklungsneurologie helfen auch Kenntnisse der Bewegungsanalyse, Pädagogik und Psychologie. Das individuelle Umfeld des Erkrankten wird genau untersucht und eventuell auf seine Bedürfnisse angepasst. Auf diese Weise sollen die bestimmten Handlungs- und Bewegungsziele realisiert werden. Dafür kommen neben einer ausführlichen Beratung ebenfalls sämtliche Hilfsmittel wie Krücken oder Rollstühle in Frage. Nach einer Lähmung sollen die Einschränkungen nicht kompensiert, sondern die Bewegungen wiedererlangt werden. Dabei ist die aktive Mitgestaltung des Betroffenen eine Voraussetzung für die Rekonstruktion der Selbstständigkeit.

Durch das Bobath-Konzept lässt sich unter Umständen eine langfristige Pflegebedürftigkeit oder der Aufenthalt in einem Heim vermeiden. Bei dem Bobath-Konzept handelt es sich um ein 24-Stunden-Konzept. Das Gehirn nimmt laufend neue Informationen auf und lernt durchgehend. Dementsprechend sind optimale Lernangebote von Bedeutung. Somit ist das Konzept nicht auf die Therapiesitzungen beschränkt, sondern findet im gesamten Alltag des Patienten Anwendung. Die richtige Lagerung des Erkrankten soll einer krankhaften Erhöhung des Muskeltonus entgegenwirken. Gleichzeitig lässt sich die Körperwahrnehmung schulen. Sämtliche Bewegungen des Betroffenen erfolgen nach einer bestimmten Technik.

Diese wird angewendet, wenn es sich um eine eigenständige Bewegung handelt, oder wenn ein Pfleger den Patienten bewegt. Das Selbsthilfetraining stärkt die Unabhängigkeit im Alltag.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Wie erfolgreich das Bobath-Konzept ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Somit lässt sich nicht garantieren, dass der Patient durch die unterschiedlichen Maßnahmen seine Selbstständigkeit zurückerlangt. Die Hirnschädigung, welche überhaupt zu den motorischen Einschränkungen geführt hat, lässt sich durch das Konzept nicht behandeln.

Abhängig von Größe und Ausprägung der Beschädigung kann die Lernfähigkeit des Patienten verändert sein. Der Begriff der Lernfähigkeit beschreibt die Fähigkeit zur Umstrukturierung der Nervenzellen des menschlichen Gehirns. Vor allem bei einem mehrfach stattfindenden Sauerstoffmangel kann die Lernfähigkeit stark beeinflusst sein. Weiterhin verschlechtern die neurologischen Erkrankungen häufig die Lernfähigkeit. Damit das Bobath-Konzept erfolgreich sein kann, muss der Patient motiviert sein. Der Antrieb wird jedoch oft durch die Erkrankung, die Verarbeitung der Beschwerden sowie die Hirnschädigung selbst bestimmt. Weiterhin spielen die Angehörigen eine Rolle.

Diese können den Betroffenen häufig motivieren oder seinen Antrieb hemmen. Dementsprechend ist es wichtig, dass die Familie des Patienten bereits in einem frühen Stadium in den Prozess eingebunden wird. Die Anwendung des Konzeptes erfolgt in der Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Sind die Handlungen nicht aufeinander abgestimmt, lässt sich auch ein verminderter Erfolg der Maßnahmen feststellen. Damit hängt das Bobath-Konzept von vielen Faktoren ab, die der Patient selber nur eingeschränkt beeinflussen kann.

Weiterhin gelten die Maßnahmen durch die zeitintensive Ausbildung der Beteiligten als sehr teuer. Einige Experten kritisieren zudem mangelnde wissenschaftliche Erkenntnisse und Untersuchungen. Dennoch ist es unter positiven Voraussetzungen möglich, die Lebensqualität des Betroffenen zu verbessern. Einzelne Verläufe zeigen, dass sich verlorene Funktionen und die Selbstständigkeit durch das Bobath-Konzept deutlich verbessern lassen.

Geschichte und Entwicklung

Das Konzept trägt den Namen des Ehepaars, das es entwickelt hat. Berta Bobath war Physiotherapeutin, ihr Mann Karel Bobath Arzt mit neurologischem und kinderärztlichem Schwerpunkt. Beide waren vor dem Nationalsozialismus nach Großbritannien emigriert und arbeiteten dort seit den 1940er Jahren mit Menschen, die nach Hirnschädigungen Bewegungsstörungen zeigten.

Am Anfang stand eine praktische Beobachtung: Die erhöhte Muskelspannung, die bei diesen Patienten als unveränderliche Folge der Schädigung galt, ließ sich durch bestimmte Lagerungen und Bewegungsführungen vorübergehend verändern. Berta Bobath arbeitete diese Beobachtung praktisch aus, Karel Bobath suchte nach einer neurophysiologischen Begründung dafür. Aus dieser Verbindung von Handwerk und Theorie entstand ein Behandlungsansatz, der ausdrücklich kein festes Übungsprogramm sein wollte, sondern ein Denkrahmen für die Behandlung – daher die Bezeichnung Konzept statt Methode.

Zunächst richtete sich der Ansatz an Kinder mit zerebralen Bewegungsstörungen. In den 1950er Jahren gründete das Ehepaar in London ein eigenes Zentrum, in dem behandelt und zugleich ausgebildet wurde. In den 1960er Jahren wurde der Ansatz auf Erwachsene übertragen, vor allem auf Menschen mit halbseitiger Lähmung nach einem Schlaganfall. Später schlossen sich die Ausbilder international zusammen, um Inhalte und Kursstrukturen zu vereinheitlichen; seither wird zwischen der Anwendung bei Kindern und der bei Erwachsenen unterschieden, die getrennt gelehrt werden.

Auch die theoretische Begründung hat sich verändert. Die ursprüngliche Erklärung stützte sich auf ein hierarchisches Modell der Bewegungssteuerung, in dem höhere Hirnzentren tiefer gelegene Reflexe hemmen. Dieses Modell gilt heute als überholt. An seine Stelle traten Vorstellungen von der Anpassungsfähigkeit des Gehirns und von Bewegung als einem Zusammenspiel aus Person, Aufgabe und Umgebung. Das Konzept wurde entsprechend überarbeitet, was zugleich erklärt, warum unter demselben Namen im Lauf der Jahrzehnte durchaus Verschiedenes praktiziert wurde.

Grundprinzipien

Ein erstes Prinzip ist die Ausrichtung an alltäglichen Handlungen. Geübt wird nicht die Bewegung an sich, sondern die Bewegung im Rahmen einer Aufgabe, die für den Betroffenen Bedeutung hat: sich aufsetzen, einen Becher greifen, eine Jacke anziehen. Die Begründung lautet, dass der Alltag die eigentliche Übungssituation ist und das Gehirn dort lernt, wo eine Handlung einen Zweck hat.

Ein zweites Prinzip ist die Einbeziehung der betroffenen Körperseite. Menschen mit halbseitiger Lähmung neigen dazu, die gelähmte Seite zu vernachlässigen und alles mit der gesunden Seite zu erledigen. Nach dem Konzept soll diese Vernachlässigung nicht verstärkt werden; die betroffene Seite wird deshalb bei Bewegungen und im Umfeld des Patienten bewusst angesprochen. Damit hängt die Zurückhaltung gegenüber reiner Kompensation zusammen: Hilfsmittel und Ausweichbewegungen werden nicht abgelehnt, sollen aber nicht an die Stelle des Wiedererlernens treten, solange dieses möglich erscheint.

Ein drittes Prinzip ist das sogenannte Handling – die Art, wie der Therapeut oder die Pflegekraft den Betroffenen berührt und führt. Die Bewegung soll nicht passiv ausgeführt, sondern nur so weit unterstützt werden, wie es nötig ist, damit der Patient sie selbst zu Ende bringen kann. Diese abgestufte Unterstützung wird als Fazilitation bezeichnet. Sie setzt voraus, dass die Hilfe wieder zurückgenommen wird, sobald sie entbehrlich ist.

Ein viertes Prinzip betrifft die Muskelspannung. Eine zu hohe oder zu niedrige Grundspannung erschwert Bewegung; Lagerung, Tempo und Führung sollen deshalb so gewählt werden, dass eine für die Aufgabe brauchbare Spannung entsteht. Schließlich gilt das Konzept ausdrücklich als Aufgabe des gesamten Teams. Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Pflege, Ärzte und Angehörige sollen nach denselben Grundsätzen vorgehen, weil widersprüchliche Handhabungen die Wirkung aufheben würden.

Ablauf einer Behandlung

Am Anfang steht die Befunderhebung. Der Therapeut beobachtet, wie sich der Betroffene bewegt, wo Bewegungen abbrechen, welche Ausweichmuster auftreten und wie die Muskelspannung in Ruhe und in Bewegung beschaffen ist. Erfasst werden außerdem Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gleichgewicht und die Frage, welche Alltagshandlungen selbstständig gelingen. Die Befunderhebung endet mit Zielen, die gemeinsam mit dem Betroffenen und häufig mit den Angehörigen festgelegt werden und sich auf konkrete Handlungen beziehen.

Die Sitzung selbst besteht aus geführten und selbst ausgeführten Bewegungsabläufen in wechselnden Ausgangsstellungen – im Liegen, im Sitzen, im Stehen und im Übergang zwischen diesen Positionen. Häufig wird an Übergängen gearbeitet, weil sie im Alltag besonders störanfällig sind: vom Liegen zum Sitzen, vom Sitzen zum Stehen, das Umsetzen vom Bett in einen Stuhl. Der Therapeut verändert dabei laufend das Maß seiner Unterstützung. Pausen gehören dazu, da Ermüdung die Bewegungsqualität rasch verschlechtert.

Wie oft und wie lange behandelt wird, richtet sich nach der ärztlichen Verordnung und dem Zustand des Betroffenen; in der Frühphase nach einem Schlaganfall wird üblicherweise häufiger behandelt als in der späteren Phase. Am Ende einer Sitzung steht in der Regel die Absprache, was bis zum nächsten Termin im Alltag umgesetzt werden soll. Der Behandlungsverlauf wird in Abständen überprüft, und die Ziele werden angepasst, wenn sich der Zustand verändert.

Anwendung bei Kindern

Bei Kindern verfolgt das Konzept eine andere Ausgangslage als bei Erwachsenen. Ein Erwachsener nach einem Schlaganfall verfügt über erlernte Bewegungsmuster, die wieder zugänglich gemacht werden sollen. Ein Säugling mit einer frühkindlichen Hirnschädigung hat solche Muster noch nicht ausgebildet; hier geht es um die Begleitung einer Entwicklung, die anders verläuft als üblich.

Behandelt werden Kinder mit zerebralen Bewegungsstörungen, mit Folgen einer Frühgeburt oder eines Sauerstoffmangels unter der Geburt sowie mit anderen neurologischen Erkrankungen. Die Behandlung findet nach Möglichkeit im Spiel statt, weil ein Kind sich nur in einer für es sinnvollen Situation aktiv beteiligt. Die Eltern werden angeleitet, das Kind im Alltag – beim Tragen, Wickeln, Füttern und Anziehen – so zu handhaben, dass es seine Bewegungen möglichst selbst mitgestalten kann. Da Kinder wachsen, verändern sich die Anforderungen laufend; die Behandlung wird deshalb über längere Zeiträume immer wieder neu ausgerichtet und mit anderen Maßnahmen wie Hilfsmittelversorgung und ärztlicher Behandlung verzahnt.

Anwendung nach einem Schlaganfall

Die häufigste Anwendung bei Erwachsenen betrifft die halbseitige Lähmung nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung. Die Behandlung setzt in der Regel früh ein, oft schon auf der Station, sobald der Kreislauf stabil ist. In dieser Phase geht es zunächst um Lagerung, um das Aufrichten und um die ersten Übergänge in den Sitz.

Ein besonderer Punkt ist die betroffene Schulter. Bei schlaffer Lähmung ist das Schultergelenk schlecht gesichert, und unsachgemäßes Ziehen am Arm kann Schaden anrichten; deshalb wird großer Wert darauf gelegt, den betroffenen Arm nie als Griff zu benutzen. Weitere Ziele sind das Vorbeugen von Kontrakturen und von Druckgeschwüren durch wechselnde Positionierung, das Wiedererlangen von Gleichgewicht im Sitzen und Stehen sowie der Gang.

Häufig bestehen zusätzlich Störungen der Wahrnehmung. Bei einem Neglect wird eine Körper- oder Raumseite nicht beachtet, ohne dass die Sinnesorgane geschädigt wären. Das Konzept begegnet dem unter anderem dadurch, dass Zuwendung, Ansprache und Gegenstände von der betroffenen Seite her angeboten werden. Bei einer Schluckstörung arbeiten Therapie und Pflege eng mit der Logopädie zusammen, weil auch die Kopf- und Rumpfhaltung das Schlucken beeinflusst.

Das Konzept in der Pflege

Weil das Bobath-Konzept als Konzept für den ganzen Tag verstanden wird, betrifft es die Pflege ebenso wie die Therapie. In der Praxis heißt das vor allem, dass jede Handlung am Patienten als Gelegenheit zum Üben verstanden wird. Beim Waschen, beim Anziehen und beim Essen wird der Betroffene so weit einbezogen, wie es seine Fähigkeiten zulassen, statt die Handlung für ihn zu erledigen.

Dazu gehört die Positionierung im Bett, die in Abständen gewechselt wird und die betroffene Seite einbezieht, sowie die Gestaltung des Zimmers, damit der Patient sich zur betroffenen Seite orientieren muss. Beim Transfer aus dem Bett wird die Bewegung geführt und nicht abgenommen. Dieses Vorgehen kostet mehr Zeit als das reine Versorgen, und das ist einer der Gründe, warum die konsequente Umsetzung im Klinik- und Pflegealltag als schwierig gilt. Es setzt zudem voraus, dass alle Beteiligten entsprechend geschult sind.

Die Rolle der Angehörigen

Angehörige sind an dem Konzept in doppelter Weise beteiligt. Zum einen sind sie diejenigen, die den größten Teil des Tages mit dem Betroffenen verbringen und damit die Umsetzung im Alltag tragen. Sie werden deshalb angeleitet, wie sie unterstützen, ohne die Bewegung abzunehmen, und wie sie im Umgang mit einer gelähmten Seite Verletzungen vermeiden.

Zum anderen sind sie für die Motivation von Bedeutung. Eine Behandlung, die sich über Monate zieht und deren Fortschritte klein ausfallen, ist für alle Beteiligten belastend. Angehörige können ermutigen, sie können aber auch überfordert sein oder aus Fürsorge zu viel abnehmen. Aus diesem Grund wird empfohlen, sie früh einzubeziehen, ihnen den Sinn des Vorgehens zu erklären und sie auf Beratungs- und Entlastungsangebote hinzuweisen. Auch die eigene Belastungsgrenze der Angehörigen gehört zu den Fragen, die im Verlauf angesprochen werden sollten.

Wissenschaftliche Einordnung

Das Bobath-Konzept ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, seine Wirksamkeit ist jedoch Gegenstand anhaltender Diskussion. Übersichtsarbeiten zur Rehabilitation nach Schlaganfall kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass sich eine Überlegenheit des Konzepts gegenüber anderen physiotherapeutischen Vorgehensweisen nicht belegen lässt. Für einzelne Zielgrößen wie Gehfähigkeit oder Armfunktion schneiden aufgabenspezifische, intensiv wiederholende Trainingsformen in Untersuchungen teilweise besser ab.

Ein wesentlicher Teil des Problems ist methodisch. Da es sich um ein Konzept und nicht um ein festgelegtes Übungsprogramm handelt, ist schwer zu bestimmen, was in einer Studie eigentlich verglichen wird; zwei Behandlungen unter demselben Namen können sich erheblich unterscheiden. Hinzu kommt, dass die Grundsätze des Konzepts – Alltagsbezug, aktive Beteiligung, abgestufte Unterstützung – inzwischen auch außerhalb davon üblich sind, sodass sich Behandlungs- und Vergleichsgruppe ähneln.

Für die Praxis bedeutet das nicht, dass die Behandlung nutzlos wäre. Dass eine neurologische Rehabilitation überhaupt wirkt, gilt als gut belegt; strittig ist, welcher Ansatz dabei überlegen ist. Kritisch gesehen wird vor allem eine Haltung, die einzelne Grundsätze zu Verboten erstarren lässt, etwa den weitgehenden Verzicht auf Kompensation auch dann, wenn ein Wiedererlernen unrealistisch geworden ist. Aktuelle Empfehlungen betonen daher die Intensität und die Alltagsnähe des Übens stärker als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule.

Abgrenzung zu anderen Verfahren

Die Vojta-Therapie wird im Kinderbereich häufig als Gegenstück genannt. Sie arbeitet mit Druck auf festgelegte Körperpunkte, um in einer bestimmten Ausgangslage reflexartige Bewegungsabläufe auszulösen, und ist damit stärker vorgegeben; das Bobath-Konzept setzt dagegen auf die aktive Beteiligung im Alltag. Beide Ansätze werden im Verlauf einer Behandlung mitunter nacheinander eingesetzt.

Aufgabenorientierte Trainingsverfahren üben eine bestimmte Alltagshandlung in hoher Wiederholungszahl, teils gerätegestützt, etwa das Gehen mit Unterstützung. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Menge des Übens, während das Bobath-Konzept traditionell die Qualität der Bewegung betont. Verfahren, die den Gebrauch der nicht betroffenen Hand vorübergehend einschränken, um den Gebrauch der betroffenen zu erzwingen, verfolgen wiederum einen dritten Weg. In der Praxis werden diese Ansätze meist nicht als Alternativen behandelt, sondern je nach Ziel und Phase kombiniert. Die Ergotherapie arbeitet dabei stärker an Handlungsfähigkeit und Hilfsmitteln, die Physiotherapie an Bewegung und Gang.

Verordnung und Kostenübernahme

In Deutschland wird eine Behandlung nach dem Bobath-Konzept ärztlich verordnet und gehört zu den Heilmitteln. Die Verordnung erfolgt üblicherweise im Rahmen der Physiotherapie oder der Ergotherapie mit dem entsprechenden Zusatz; sie setzt eine passende Diagnose voraus und ist an einen Behandlungsrahmen gebunden, der in den maßgeblichen Richtlinien festgelegt ist. Bei schweren, lang andauernden Erkrankungen ist eine Verordnung über längere Zeiträume möglich.

Erbringen dürfen die Leistung Therapeutinnen und Therapeuten, die eine anerkannte Zusatzqualifikation erworben haben; die Kurse für den Kinder- und den Erwachsenenbereich sind getrennt. Für gesetzlich Versicherte fällt bei verordneten Heilmitteln der übliche Eigenanteil an, von dem eine Befreiung möglich ist. Findet die Behandlung im Rahmen eines Klinik- oder Rehabilitationsaufenthalts statt, ist sie Teil dieser Leistung. Da sich die Regelungen ändern können, ist eine Rückfrage bei der Krankenkasse oder in der verordnenden Praxis sinnvoll.

Quellen

  • Paeth Rohlfs, B.: Erfahrungen mit dem Bobath-Konzept.
    ISBN: 9783131547439
  • Pott, C., Thieme, H. (Hrsg.): Physiotherapie in der Neurologie.
    ISBN: 9783132444447
  • Bossert, F.-P., Müller, P., Vogedes, K. (Hrsg.): Leitfaden Physikalische Therapie.
    ISBN: 9783437481017
  • Hossner, E.-J., Künzell, S.: Einführung in die Bewegungswissenschaft.
    ISBN: 9783785318492
  • Schünke, M.: Topografie und Funktion des Bewegungssystems.
    ISBN: 9783132456037

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