Entwicklungspsychologie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Ein Teilgebiet der wissenschaftlichen Psychologie ist die Entwicklungspsychologie. Sie erforscht die menschliche Entwicklung von der vorgeburtlichen Entwicklung bis zum Tod in allen psychischen Bedingungen und den damit einhergehenden Veränderungen des menschlichen Verhaltens und Erlebens, darunter z. B. die Entwicklung der Persönlichkeit, der Sprache, des Denkens und aller darauf aufbauenden Lernprozesse.
Betrachtet wird demnach die gesamte Lebensspanne eines Menschen, während Veränderungen durch Stimmungen oder äußere Einflüsse nur ganz bedingt eine Rolle spielen. Zur Beschreibung nutzt die Entwicklungspsychologie sozialwissenschaftliche Methoden in Form von Befragungen, Beobachtungen und verschiedenen Experimenten.
Was ist die Entwicklungspsychologie?
Ob die menschliche Entwicklung nun eher von biologischen oder umweltbedingten Faktoren beeinflusst wird, ob sich die Entwicklung nach Jean-Jacques Rousseau und dem Nativismus aufgrund der Anlagen vollzieht, die ein Kind mitbringt, während die Erziehung und Umgebung diese hemmen, oder ob das Kind nach John Locke eher ohne Fertigkeiten und Wissen auf die Welt kommt, um all das erst zu lernen, das sind grundlegende Fragen, die sich die Entwicklungspsychologie stellt.
Mittels verschiedener Theorien und Modelle versucht sie sich den Menschen in seinen Veränderungen zu erklären. Die wichtigsten wurden von Albert Bandura, Jean Piaget, Sigmund Freud, Erik H. Erikson, Jane Loevinger und John Bowlby aufgestellt.
Schwerpunkte & Theorien
Von Jean Piaget ist das Modell der Stufentheorie entwickelt worden. Sie beschreibt die verschiedenen Stufen der menschlichen kognitiven Entwicklung und legt für jede Stufe die vorhandenen kognitiven Fähigkeiten fest, die wiederum bestimmen, welche kognitiven Aufgaben der Mensch zu dieser Zeit lösen kann.
Freud entwickelte das Strukturmodell der Psyche, wobei er drei Instanzen voraussetzt, die er in Es, Ich und Über-Ich teilt. Zum anderen stellte er die fünf Phasen der psychosexuellen Entwicklung auf, die Einfluss auf die Entwicklungspsychologie haben. Auf diesem Modell wiederum basiert das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson. Es beschreibt das Spannungsfeld aller Wünsche und Bedürfnisse eines Kindes und den sich mit der Entwicklung verändernden Anforderungen an dieses durch die Umwelt und den zwischenmenschlichen Kontakt.
Ebenso bedeutend ist das Stufenmodell von Loevinger, die von einer Ich-Entwicklung als spezifisches Muster ausgeht, durch das der Mensch sich selbst und seine Umwelt wahrnimmt und deutet. Diese Ich-Struktur macht im Laufe der Entwicklung einige Veränderungen durch, die zu einer höheren Bewusstheit führen. So geht Loevinger von einem Gedanken- und Erfahrungsprozess aus, nicht von einer psychischen Instanz wie die Psychoanalyse.
John Bowlby wiederum stellte die Bindungstheorie auf, die beinhaltet, dass Kinder durch nonverbale Kommunikation und körperliche Zeichen starke, emotionale Bindungen zu ihnen nahe stehenden Personen aufbauen, die sich im Laufe der Entwicklung verändern. Sein Anliegen als Kinderpsychiater war, die Wirkung der Familien- und Generationseinflüsse auf eine kindliche Entwicklung zu erforschen.
An all diesen Modellen, von denen es noch etliche mehr gibt, zeigt sich, dass die Entwicklungspsychologie sich mit einem breiten Spektrum an Themen beschäftigt. Schwerpunkte bleiben dabei die Säuglings- und Kleinkindforschung, die Beziehung zwischen Kind und Eltern, die auf nonverbaler Ebene stattfindet, und die damit einhergehenden sozialen, emotionalen und motorischen Entwicklungen und Veränderungen bzw. Störungen in den Entwicklungsprozessen. Daneben wird auch die allgemeine Lebensspanne eines Menschen bis hin zum Alter untersucht.
Untersuchungsmethoden
Traditionell jedoch ist der Begriff der Entwicklung relativ eng gefasst. Sie wird als diskontinuierlicher Prozess angesehen, wobei die Veränderungen qualitativ-strukturelle Transformationen bleiben, die immer in Richtung eines höheren Niveaus voranschreiten und auf einen End-Reifezustand ausgerichtet sind. Dabei spielen Funktionen wie Emotion, Kognition, Motivation, Sprache, Moral und soziales Verhalten in ihren Veränderungsprozessen eine wichtige Rolle. Die Familie wird im sozialen Kontext betrachtet. Hier wird untersucht, wie sich die psychischen Funktionen mit dem Heranwachsen und Älterwerden verändern. Das Alter wiederum gibt für die Entwicklungspsychologie Aufschluss darüber, welche motivationalen und geistigen Einschränkungen der Mensch in dieser Zeit aufweist.
Ausgegangen wird von der Annahme, dass ein Mensch in seiner Entwicklung auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen Aufgaben zu bewältigen hat, die verschiedene Aspekte seines Lebens, seiner Persönlichkeit, seiner zwischenmenschlichen Beziehungen und physiologischen Funktionen als Grundvoraussetzung widerspiegeln.
So wird z. B. ein Jugendlicher in einer Gesellschaft dahingehend erzogen, dass er sich von den Eltern löst, seine Identität findet und sich auf einen Beruf vorbereitet. Kommt es zu Störungen in diesem Ablauf, sind nach diesem Konzept auch die weiteren Schritte schwerer zu bewältigen, da sie aufeinander aufbauen. Als mögliche Folgen gelten Unzufriedenheit, Frustration und Versagensängste. Gerade in der frühen Kindheit steht die sozial-emotionale Entwicklung im Vordergrund, samt Trotzphasen und möglicher Entwicklungsstörungen. Solche können sich in Abgrenzung, Beeinträchtigung in Sprache, Kommunikation und sozialen Bindungen äußern.
Teil der Theorien in der Entwicklungspsychologie ist auch das Konzept, dass der Mensch seine Entwicklung aktiv mitgestaltet. Sie ist nicht alleine durch Erbanlagen determiniert, sondern von den Erfahrungen, den Lebensumständen und den angestrebten Zielen einer Person abhängig, wobei sich wiederum etliche Variationen ergeben.
Forschungsdesigns: Querschnitt, Längsschnitt und Kohorten
Wer Entwicklung untersuchen will, steht vor einem grundsätzlichen Problem: Veränderung braucht Zeit, Forschung aber soll zu einem Ergebnis kommen. Die Entwicklungspsychologie hat dafür mehrere Anlagen von Untersuchungen entwickelt, die jeweils andere Stärken und Schwächen haben.
Bei einer Querschnittuntersuchung werden mehrere Altersgruppen zum selben Zeitpunkt verglichen. Das geht schnell und ist vergleichsweise aufwendungsarm, hat aber eine bekannte Schwäche: Ein gefundener Unterschied kann am Alter liegen – oder daran, dass die Gruppen unterschiedlichen Geburtsjahrgängen angehören und unter anderen Bedingungen aufgewachsen sind. Wer in verschiedenen Jahrzehnten zur Schule gegangen ist, hat anderen Unterricht erlebt und andere Techniken benutzt; ein Unterschied in einer Testaufgabe misst dann nicht das Alter, sondern die Zugehörigkeit zu einer Generation. Solche Kohorteneffekte sind der häufigste Einwand gegen Querschnittbefunde.
Bei einer Längsschnittuntersuchung werden dieselben Personen wiederholt untersucht, oft über viele Jahre. Nur so lässt sich beschreiben, wie sich ein einzelner Mensch verändert, und nur so lassen sich zeitliche Reihenfolgen feststellen. Der Preis dafür ist hoch: Solche Untersuchungen sind langwierig und teuer, und es fallen Teilnehmende aus. Der Ausfall ist selten zufällig – wer aussteigt, unterscheidet sich häufig systematisch von denen, die bleiben, was das Ergebnis in eine Richtung verschieben kann. Hinzu kommt, dass wiederholtes Testen für sich genommen zu besseren Ergebnissen führen kann, weil die Aufgaben vertraut werden.
Um beide Nachteile zu begrenzen, werden Sequenzdesigns eingesetzt: Mehrere Geburtsjahrgänge werden gleichzeitig über die Zeit verfolgt. So lassen sich Alterseffekte, Kohorteneffekte und Einflüsse des Untersuchungszeitraums voneinander trennen.
Wie Kinder untersucht werden, die noch nichts sagen können
Ein großer Teil der Entwicklungspsychologie befasst sich mit einer Altersgruppe, die keine Auskunft geben kann. Die Säuglingsforschung arbeitet deshalb mit Verfahren, die aus dem beobachtbaren Verhalten Rückschlüsse ziehen.
Ein verbreitetes Vorgehen nutzt die Gewöhnung: Wird ein Reiz mehrfach dargeboten, lässt die Aufmerksamkeit nach. Richtet sich der Blick bei einer Veränderung wieder länger auf die Darbietung, spricht das dafür, dass der Unterschied bemerkt wurde. Ähnlich wird die Blickdauer bei zwei nebeneinander gezeigten Vorlagen ausgewertet. Ergänzend werden Saugverhalten, Herzschlag, Mimik und Zuwendungsbewegungen erfasst.
Solche Verfahren zeigen, ob unterschieden wird – sie zeigen nicht unmittelbar, was ein Kind denkt. Aus einer längeren Blickzeit lässt sich also nicht beliebig weit auf Vorstellungen und Erwartungen schließen; die Reichweite dieser Schlüsse gehört zu den regelmäßig diskutierten Fragen des Fachs.
Daneben stehen die klassischen Zugänge: die systematische Verhaltensbeobachtung im Labor und im Alltag, standardisierte Testverfahren, die Befragung von Eltern und Betreuenden sowie das Experiment. Untersuchungen mit Kindern setzen die Einwilligung der Sorgeberechtigten voraus, sind in Belastung und Dauer begrenzt und werden abgebrochen, wenn ein Kind nicht mehr mitmachen möchte.
Bindung und frühe Beziehungserfahrungen
Die von John Bowlby aufgestellte Bindungstheorie wurde von Mary Ainsworth um ein Beobachtungsverfahren ergänzt, das als „Fremde Situation“ bekannt geworden ist. In einer standardisierten Abfolge kurzer Trennungen und Wiedervereinigungen wird beobachtet, wie ein Kleinkind auf das Weggehen und die Rückkehr der Bezugsperson reagiert. Ausgewertet wird dabei vor allem das Verhalten beim Wiedersehen.
Aus solchen Beobachtungen wurden Bindungsmuster beschrieben: ein sicheres Muster sowie unsichere Muster, bei denen das Kind die Bezugsperson eher meidet oder sich nur schwer beruhigen lässt; später kam ein desorganisiertes Muster hinzu, bei dem sich widersprüchliche Verhaltensweisen abwechseln. Als Bedingung auf Seiten der Bezugsperson gilt in dieser Konzeption die Feinfühligkeit – also die Fähigkeit, Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu deuten und angemessen sowie zeitnah darauf zu reagieren.
Zwei Einschränkungen sind für das Verständnis wichtig. Erstens beschreibt ein Bindungsmuster eine Beziehung und keine Eigenschaft des Kindes; dasselbe Kind kann zu verschiedenen Bezugspersonen unterschiedliche Muster zeigen. Zweitens ist ein unsicheres Bindungsmuster nicht mit der ärztlich-psychologischen Diagnose einer Bindungsstörung gleichzusetzen – diese ist ein eigenständiges Krankheitsbild mit eigenen Kriterien. Die Forschung beschreibt Zusammenhänge zwischen frühen Bindungserfahrungen und späterem Erleben und Verhalten; eine Festlegung des weiteren Lebenswegs lässt sich daraus nicht ableiten.
Entwicklung im Erwachsenenalter und im Alter
Lange war die Entwicklungspsychologie im Wesentlichen eine Psychologie der Kindheit. Die Lebensspannenpsychologie, für die vor allem Paul Baltes steht, hat das erweitert. Nach ihren Annahmen verläuft Entwicklung lebenslang, sie führt in jedem Lebensabschnitt zu Gewinnen und Verlusten zugleich, sie bleibt formbar, und sie ist in geschichtliche und kulturelle Umstände eingebettet.
Zur Beschreibung des Umgangs mit nachlassenden Möglichkeiten dient das Modell von Selektion, Optimierung und Kompensation: Aufgabenbereiche werden enger gewählt, in den verbleibenden Bereichen wird gezielter geübt, und verlorene Fähigkeiten werden durch andere Mittel ersetzt. Eine ältere Musikerin, die weniger Stücke im Programm hält, diese häufiger übt und schnelle Passagen durch die Gestaltung des Tempos vorbereitet, ist das oft angeführte Beispiel.
Für geistige Fähigkeiten wird üblicherweise zwischen zwei Anteilen unterschieden. Die eher grundlegenden Fähigkeiten – Verarbeitungsgeschwindigkeit und das Lösen neuartiger Aufgaben – nehmen im Mittel mit dem Alter ab. Die auf Erfahrung beruhenden Anteile wie Wortschatz und Sachwissen bleiben dagegen lange stabil oder nehmen noch zu. Mittelwerte sagen dabei wenig über den Einzelnen: Die Unterschiede zwischen Gleichaltrigen werden mit dem Alter größer, nicht kleiner.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Krankheit. Eine im Alter etwas nachlassende Merk- und Wortfindungsfähigkeit gehört zum üblichen Bild; eine Demenz ist demgegenüber ein Krankheitsbild mit fortschreitendem Verlauf und Auswirkungen auf die Alltagsbewältigung. Diese Unterscheidung ist eine ärztliche Aufgabe und keine, die sich aus dem Alter allein beantworten lässt.
Anwendungsfelder
Die Entwicklungspsychologie liefert die Vergleichsmaßstäbe, ohne die sich ein einzelner Befund nicht einordnen ließe. In der Entwicklungsdiagnostik werden standardisierte Verfahren eingesetzt, die den erreichten Stand eines Kindes mit dem beschreiben, was in seiner Altersgruppe üblich ist. Auf solchen Vergleichswerten beruhen auch die Früherkennungsuntersuchungen im Kindesalter.
In der Pädagogik fließen entwicklungspsychologische Annahmen in Lehrpläne, Unterrichtsgestaltung und die Beurteilung von Schulfähigkeit ein. In der Frühförderung und in der Beratung von Eltern geht es darum, Entwicklungsschritte zu unterstützen, die bisher ausbleiben. Die klinische Kinder- und Jugendpsychologie schließlich braucht die Kenntnis des üblichen Verlaufs, um überhaupt entscheiden zu können, ob ein Verhalten noch zur Bandbreite gehört oder auf Entwicklungsstörungen, ADHS, Autismus oder eine Legasthenie hindeutet.
Im höheren Lebensalter berührt das Fach die Gerontologie: Fragen nach Wohnformen, nach dem Übergang aus dem Beruf und nach dem Erhalt von Selbstständigkeit sind ohne entwicklungspsychologische Grundlagen kaum zu bearbeiten. Und im rechtlichen Bereich spielt sie eine Rolle bei Begutachtungen, etwa wenn es um die Aussagetüchtigkeit von Kindern geht – dass Kindern Erinnerungen durch die Art der Befragung nahegelegt werden können, ist ein gut untersuchter Befund mit erheblichen praktischen Folgen.
Grenzen und offene Fragen
Entwicklungspsychologische Aussagen beschreiben Durchschnitte und Bandbreiten. Die Streuung zwischen gesunden Kindern ist groß, und die Reihenfolge der Schritte ist verlässlicher als ihr Zeitpunkt. Eine Abweichung von einem Mittelwert ist deshalb für sich genommen noch kein Befund.
Ein zweiter Vorbehalt betrifft die Ursachen. Der größte Teil der Befunde beruht auf Beobachtung und Befragung; damit lassen sich Zusammenhänge feststellen, nicht aber ohne Weiteres Ursachen. Dass zwei Merkmale gemeinsam auftreten, kann daran liegen, dass das eine das andere bewirkt, dass beide auf eine dritte Bedingung zurückgehen oder dass die Wirkung in die umgekehrte Richtung verläuft.
Hinzu kommt die Frage der Übertragbarkeit. Ein erheblicher Teil der Untersuchungen stammt aus wenigen wohlhabenden Ländern und aus gut erreichbaren Bevölkerungsgruppen. Ob die dort beschriebenen Verläufe allgemein gelten, ist eine eigene Forschungsfrage, und bei Befunden zur Erziehung und zum Familienleben ist die kulturelle Prägung besonders deutlich. Schließlich altern Ergebnisse: Lebensverhältnisse, Bildungswege und Medien verändern sich, sodass Befunde aus früheren Jahrzehnten regelmäßig neu überprüft werden müssen.
Quellen
- Siegler, R., Saffran, J., Gershoff, E., et al.: Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter.
ISBN: 9783662627716
- Berk, L. E.: Entwicklungspsychologie.
ISBN: 9783868943344
- Oerter, R., Montada, L. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie.
ISBN: 9783621276078
- Falkai, P. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Speer, C. P., Gahr, M., Dötsch, J. (Hrsg.): Pädiatrie.
ISBN: 9783662572948
