Psychoanalyse
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Psychoanalyse ist eine Psychotherapie und zugleich auch eine psychologische Theorie. Sie wurde von Sigmund Freud begründet und ist der Vorreiter der Tiefenpsychologie.
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Was ist die Psychoanalyse?
Die Psychoanalyse lässt sich in drei Gebiete aufteilen. Aus der wissenschaftlichen Perspektive befasst sich die Psychoanalyse mit unbewussten psychischen Vorgängen. Zahlreiche verschiedene psychoanalytische Schulen haben Freuds Theorien wissenschaftlich weiterentwickelt und um verschiedene Konzepte ergänzt. Bekannte Nachfolger Freuds sind beispielsweise Melanie Klein, eine Pionierin im Bereich der Kinderpsychoanalyse und der Objektbeziehungstheorie, oder auch Heinz Kohut, der Begründer der selbstpsychologischen Richtung der Psychoanalyse.
Psychoanalyse kann auch methodisch betrachtet werden. Sie hat eigene Methoden zur Untersuchung der menschlichen Psyche entwickelt. Wirkliche Bekanntheit auch in der breiten Bevölkerung hat die Psychoanalyse aber nur als Therapieverfahren erlangt. Dabei stellt die Psychoanalyse im Gegensatz zur Verhaltenstherapie den Anspruch, die Ursache des psychischen Leidens zu erfassen und zu heilen.
Sigmund Freud wurde 1856 im mährischen Freiberg geboren und arbeitete den größten Teil seines Lebens als Nervenarzt in Wien; 1938 musste er vor dem Nationalsozialismus nach London emigrieren, wo er 1939 starb. Den Weg zur Psychoanalyse fand er über die Behandlung von Patientinnen mit hysterischen Symptomen, die er zunächst gemeinsam mit dem Wiener Internisten Josef Breuer untersuchte. Aus dieser Zusammenarbeit gingen 1895 die „Studien über Hysterie“ hervor. Die anfangs verwendete Hypnose gab Freud bald auf und ersetzte sie durch das freie Assoziieren, das bis heute das Kernstück des Verfahrens geblieben ist. Mit der „Traumdeutung“ legte er um die Jahrhundertwende die Schrift vor, die er selbst für seine wichtigste hielt und in der er den Traum als Zugang zum Unbewussten beschrieb.
Theoretisch ordnet die Psychoanalyse das Seelenleben in Modellen. Das ältere topographische Modell unterscheidet Bewusstes, Vorbewusstes und Unbewusstes. Das später entwickelte Strukturmodell beschreibt drei Instanzen: das Es als Sitz der Triebregungen, das Über-Ich als verinnerlichte Norm- und Gewissensinstanz und das Ich, das zwischen beiden und der äußeren Wirklichkeit vermittelt. Gerät das Ich dabei unter Druck, greift es auf Abwehrmechanismen zurück – etwa Verdrängung, Verschiebung, Projektion oder Reaktionsbildung. Anna Freud, die Tochter Sigmund Freuds, hat diese Mechanismen systematisch beschrieben und damit die Ich-Psychologie mitbegründet.
Schon zu Freuds Lebzeiten spaltete sich die Bewegung auf. Alfred Adler wandte sich von der Triebtheorie ab und begründete die Individualpsychologie, die das Streben nach Geltung und den Gemeinschaftssinn in den Mittelpunkt stellt. C. G. Jung entwickelte die analytische Psychologie mit den Begriffen des kollektiven Unbewussten und der Archetypen. Später kamen weitere Richtungen hinzu, unter anderem die bereits erwähnte Objektbeziehungstheorie und Selbstpsychologie sowie die Bindungsforschung, die frühe Beziehungserfahrungen empirisch untersucht. Gemeinsam ist all diesen Schulen die Annahme unbewusster Prozesse; sie unterscheiden sich darin, welchen Stellenwert sie Trieben, Beziehungen und dem Selbst einräumen.
Die Psychoanalyse hat weit über die Medizin hinaus gewirkt. Ihre Begriffe sind in die Literaturwissenschaft, die Pädagogik, die Kunst- und Kulturtheorie und bis in die Alltagssprache eingegangen; Wendungen wie „Verdrängung“ oder „Freudsche Fehlleistung“ stammen aus ihr. Zugleich ist sie seit ihren Anfängen umstritten. Kritisiert wird vor allem, dass sich zentrale Annahmen der Theorie nur schwer überprüfen lassen und dass Freud manche seiner Schlüsse an einer kleinen Zahl von Einzelfällen gewonnen hat. Die heutigen psychodynamischen Verfahren haben darauf mit einer stärker empirischen Ausrichtung reagiert und ihre Wirksamkeit in kontrollierten Untersuchungen prüfen lassen.
Als Wissenschaft steht die Psychoanalyse vor einer besonderen Schwierigkeit: Ihr Gegenstand, das Unbewusste, lässt sich nicht unmittelbar beobachten, sondern nur aus Äußerungen, Träumen, Fehlleistungen und Beziehungsmustern erschließen. Ihre klassische Methode war deshalb die ausführlich dokumentierte Einzelfallstudie. Sie erlaubt eine große Nähe zum Material, aber keine Verallgemeinerung, wie sie in der übrigen medizinischen Forschung üblich ist. Die heutige psychodynamische Forschung arbeitet daher zusätzlich mit standardisierten Verlaufsmessungen, mit der Auswertung aufgezeichneter Sitzungen und mit vergleichenden Untersuchungen mehrerer Behandlungsgruppen.
Ein weiterer Zugang kommt aus den Neurowissenschaften. Befunde zum impliziten Gedächtnis, zur frühen Prägung von Beziehungserfahrungen und zur Verarbeitung von Gefühlen ohne bewusste Wahrnehmung werden seit einigen Jahrzehnten mit psychoanalytischen Begriffen in Verbindung gebracht; für dieses Arbeitsfeld hat sich die Bezeichnung Neuropsychoanalyse eingebürgert. Belegt ist damit nicht die Theorie Freuds in ihrer ursprünglichen Form, wohl aber die Grundannahme, dass ein erheblicher Teil dessen, was Erleben und Verhalten steuert, dem bewussten Zugriff entzogen ist.
Behandlungen & Therapien
Der Psychoanalyse zufolge besitzt jeder Mensch ein Unbewusstes, welches einen großen Einfluss auf das Handeln und das Denken des Einzelnen hat. Vor allem bei seelischen Problemen und psychischen Erkrankungen ist das Unbewusste beteiligt. Freuds Anspruch an eine Psychotherapie war es, diese unbewussten Anteile, die den Menschen täglich in seinem Tun und Denken beeinflussen, ins Bewusstsein zu holen. Die Psychoanalyse ist somit eine aufdeckende Therapie. Der Gedanke hinter der Bewusstmachung ist, dass der Patient durch den Blick auf die unbewussten Zusammenhänge seiner Erkrankung Einsicht und Verständnis erfahren kann.
Ziel der Psychoanalyse ist es, die Persönlichkeit des Patienten so umzugestalten und umzustrukturieren, dass Eigenschaften, die zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen, an Einfluss verlieren. Um dieses Ziel zu erreichen, stehen unterschiedliche Behandlungsmethoden zur Auswahl.
Die klassische Psychoanalyse ist ein Langzeitverfahren mit drei bis fünf einstündigen Sitzungen pro Woche. Der Patient liegt dabei auf einer Couch und spricht alles aus, was ihm in den Sinn kommt. Man spricht hier vom „freien Assoziieren“. Der Analytiker hört zu und bietet dem Patienten Deutungen dieser Assoziationen an. Die klassische Psychoanalyse umfasst bis zu 300 Sitzungen und kann mehrere Jahre dauern. Heute findet dieses Verfahren aufgrund der hohen Kosten nur noch selten Anwendung, wurde von Freud aber insbesondere zur Behandlung von tiefgreifenden und länger bestehenden psychischen Störungen empfohlen.
Weniger zeitaufwendig sind mittelfristig angelegte psychoanalytische Therapieverfahren wie die dynamische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder die längerfristig haltgewährende Therapie. Diese Verfahren gehen eher konfliktzentriert vor, das heißt es wird nicht frei assoziiert, sondern der Therapeut betrachtet mit dem Patienten fokussiert den Konflikt im Hier und Jetzt mit Blick auf die zugrunde liegenden Ursprungskonflikte.
Wissenschaftlich belegt ist die positive Wirkung tiefenpsychologischer Verfahren vor allem bei Depression, Panikstörungen, Borderline-Störungen und bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Zur kurzfristigen Krisenintervention und zur Notfallbehandlung eignen sich analytische Kurzzeittherapien. Diese umfassen nicht mehr als 25 Sitzungen. Patient und Analytiker konzentrieren sich auf die Herausarbeitung und Klärung eines Kernkonflikts. Ein bekanntes psychoanalytisches Kurzverfahren ist die Fokaltherapie nach Michael Balint.
Unabhängig von der gewählten Form arbeiten alle psychoanalytischen Verfahren mit einem festen Rahmen. Ort, Dauer und Häufigkeit der Sitzungen werden zu Beginn vereinbart und möglichst nicht verändert, weil erst dieser gleichbleibende Rahmen sichtbar macht, was der Patient von sich aus in die Beziehung einbringt. Der Analytiker hält sich mit persönlichen Auskünften und mit Ratschlägen zurück. Diese Zurückhaltung, in der Fachsprache Abstinenz genannt, ist kein Ausdruck von Distanz, sondern soll verhindern, dass eigene Wünsche des Behandelnden den Prozess überlagern.
Vier Begriffe beschreiben, was in einer Analyse geschieht. Als Übertragung bezeichnet man es, wenn der Patient Gefühle und Erwartungen aus früheren Beziehungen unbemerkt auf den Analytiker richtet. Die Gegenübertragung meint umgekehrt die Reaktionen, die dies im Analytiker auslöst; sie werden nicht ausgeblendet, sondern als Erkenntnisquelle genutzt. Widerstand nennt man alles, was der Bewusstmachung entgegenwirkt – etwa langes Schweigen, wiederholtes Zuspätkommen oder ein plötzliches Abschweifen an heiklen Stellen. Die Deutung schließlich ist das Angebot des Analytikers, einen solchen Zusammenhang in Worte zu fassen. Eine einzelne Deutung verändert selten etwas; erst das wiederholte Wiedererkennen desselben Musters in immer neuen Situationen, das Durcharbeiten, führt zu Veränderung.
Analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gehören in Deutschland zu den Verfahren, die von der gesetzlichen Krankenversicherung getragen werden. Vor Beginn stehen eine psychotherapeutische Sprechstunde und probatorische Sitzungen, in denen Patient und Therapeut prüfen, ob sie miteinander arbeiten können. Anschließend wird die Behandlung bei der Krankenkasse beantragt; den Umfang und das Antragsverfahren regelt die Psychotherapie-Richtlinie. Behandeln dürfen ärztliche und psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten mit entsprechender Weiterbildung. Zur Ausbildung gehört die Lehranalyse: Wer psychoanalytisch arbeiten will, durchläuft das Verfahren zuvor selbst.
Als Anwendungsgebiete gelten neben den schon genannten Störungsbildern auch Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, somatoforme Beschwerden und Persönlichkeitsstörungen. Grenzen hat das Verfahren dort, wo eine akute Krise rasches Handeln verlangt, bei einer akuten Psychose oder bei einer unbehandelten Abhängigkeitserkrankung; hier stehen zunächst andere Maßnahmen im Vordergrund. Eine begleitende medikamentöse Behandlung schließt eine analytische Therapie nicht aus – über sie entscheidet der behandelnde Arzt. Zu bedenken ist außerdem, dass ein aufdeckendes Verfahren zeitweise belastend sein kann: Werden lange abgewehrte Gefühle wieder zugänglich, kann sich das Befinden vorübergehend verschlechtern. Solche Phasen gehören zum Verlauf und werden in der Behandlung ausdrücklich besprochen.
Diagnose & Untersuchungsmethoden
Das interaktionelle Interview nach Balint hat neben dem oben genannten Ziel auch den Anspruch, zeitliche Zusammenhänge zwischen den auftretenden Symptomen und den lebensgeschichtlichen Ereignissen herauszustellen. Das psychoanalytische Erstinterview nach Argelander legt den Fokus eher auf die Erfassung von unbewussten Mitteilungen und Äußerungen des Patienten. Daraus sollen dann Rückschlüsse auf frühere Erlebnisse gezogen werden. Die Lebensgeschichte und biographische Daten spielen hier eine zu vernachlässigende Rolle. Die tiefenpsychologisch biographische Anamnese nach Dührssen und Rudolf möchte die psychosozialen und entwicklungspsychologischen Faktoren aus dem aktuellen und dem vergangenen Leben des Patienten möglichst lückenlos erfassen. Krankengeschichte und Lebensgeschichte des Patienten finden dabei ebenso Beachtung wie die aktuelle soziale Lebenssituation.
Mithilfe des strukturellen Interviews nach Kernberg soll zwischen den drei Haupttypen der Persönlichkeitsorganisation unterschieden werden. Dafür werden das neurotische Funktionsniveau, das Borderline-Funktionsniveau und das psychotische Funktionsniveau bestimmt. Das Krankheitserleben und die Erwartungen des Patienten an die Behandlung können mit dem diagnostischen Interview zur Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik erfasst werden. Die Rahmenbedingungen, unter denen die Interviews durchgeführt werden, ähneln sich in der Regel sehr.
Jedes dieser Interviews dauert ca. eine Stunde. Auch grundlegende Ziele wie die Initiierung einer therapeutischen Beziehung und die Einschätzung der ursächlichen Konflikte sind gleich. Der Fokus der Interviews ist allerdings sehr unterschiedlich. Alternativ zu den Interviews kann zur Diagnose auch das Verfahren der biographischen Anamnese angewendet werden. Durch die dort erfassten psychischen, medizinischen und sozialen Entwicklungen erhält der Therapeut einen umfassenden Überblick über die gesamte Persönlichkeitsentwicklung des Patienten.
Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik ist der Versuch, psychodynamische Befunde so zu beschreiben, dass verschiedene Untersucher zu vergleichbaren Ergebnissen kommen. Sie ergänzt die Diagnose nach den gebräuchlichen Klassifikationssystemen um mehrere Achsen: das Krankheitserleben und die Behandlungsvoraussetzungen, die typischen Beziehungsmuster, die vorherrschenden inneren Konflikte und das Strukturniveau, also die Fähigkeit, Gefühle zu steuern, sich selbst und andere realistisch wahrzunehmen und Beziehungen zu gestalten. Eine weitere Achse hält zusätzlich die Diagnose nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten fest. Für Kinder und Jugendliche gibt es eine eigens angepasste Fassung des Verfahrens.
Das Erstgespräch dient nicht nur der Einordnung des Beschwerdebildes, sondern ebenso der Frage, ob der Patient von einem aufdeckenden Verfahren profitieren kann. Dafür sprechen unter anderem ein tragfähiger Leidensdruck, die Bereitschaft, sich mit der eigenen Lebensgeschichte zu befassen, und die Fähigkeit, über Gefühle zu sprechen und eine Beziehung aufzunehmen. Der Untersucher achtet dabei ausdrücklich auch auf die Atmosphäre des Gesprächs und auf eigene Empfindungen, weil sich die Beziehungsmuster des Patienten darin oft früh abbilden.
Zur Diagnostik gehört außerdem der Ausschluss körperlicher Ursachen. Beschwerden wie Erschöpfung, Schlafstörungen, Herzklopfen oder anhaltende Schmerzen können ebenso gut organisch bedingt sein; eine ärztliche Abklärung geht der Psychotherapie deshalb voraus oder begleitet sie. Ergänzend kommen Fragebögen und strukturierte Interviews zum Einsatz, die den Schweregrad erfassen und im Verlauf wiederholt werden können, sodass sich Veränderungen belegen lassen. Zeigt sich dabei eine akute Selbstgefährdung, hat deren Behandlung Vorrang vor allem anderen. Am Ende der diagnostischen Phase steht die gemeinsame Entscheidung über das Verfahren, über die Häufigkeit der Sitzungen und über den Schwerpunkt, den die Behandlung nehmen soll.
Mit dem Beginn der Behandlung endet die Diagnostik nicht. Was sich im Erstgespräch erst andeutet, wird im weiteren Verlauf genauer sichtbar, und die anfängliche Einschätzung wird deshalb regelmäßig überprüft. Ändert sich das Beschwerdebild, treten neue Belastungen hinzu oder zeigt sich, dass ein anderes Verfahren besser passt, wird die Indikation neu gestellt. Zur Sorgfalt gehört außerdem, dass Befunde nachvollziehbar dokumentiert werden und der Patient ein Recht darauf hat, sie einzusehen. Alles, was in der Behandlung besprochen wird, unterliegt der Schweigepflicht.
Quellen
- Senf, W., Broda, M., Voos, D. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
ISBN: 9783132420793
- Ermann, M.: Psychotherapie und Psychosomatik.
ISBN: 9783170368002
- Heuft, G., Conrad, R. (Hrsg.): Lehrbuch Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
ISBN: 9783608402179
- Rief, W.: Psychotherapie.
ISBN: 9783437226014
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432673
