Morbus Canavan

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Der Morbus Canavan ist ein Mangel an Myelin, der auf eine Genmutation zurückgeht. Die Betroffenen zeigen neurologische Defizite und versterben meist im Teenageralter. Bislang ist die Erkrankung trotz gentherapeutischer Ansätze unheilbar.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Morbus Canavan?

Morbus Canavan
Die Patienten leiden überwiegend an Lähmungen und an starken Einschränkungen in der Sensibilität. Dabei sind die Betroffenen in ihrem Alltag möglicherweise auch auf die Hilfe der Eltern angewiesen, um diesen meistern zu können.
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Unter dem Begriff Morbus Canavan ist eine genetische Leukodystrophie bekannt. 1931 beschrieb Myrtelle Canavan die Erscheinung erstmals. Die autosomal rezessiv vererbte Erkrankung kommt bei arabischen und aschkenasisch-jüdischen Menschen häufiger vor als in der restlichen Welt. Wie bei allen Leukodystrophien stellt sich beim Morbus Canavan ein Mangelzustand der weißen Gehirnsubstanz ein.

Leukodystrophien sind demnach Stoffwechselkrankheiten, die das nervensystemisch relevante Myelin betreffen. Betroffene leiden unter einer fortschreitenden Demyelinisierung. Durch den Abbau des Myelins werden Nervenbahnen beeinträchtigt. Neurologische Defizite stellen sich ein. Beim Morbus Canavan ist oft von einer spongiösen Degeneration des Nervensystems die Rede, da das Gehirn anschwillt und das Myelin schwammig wird.

Vom Morbus Canavan abzugrenzen sind andere Leukodystrophien wie der Morbus Krabbe, der zugleich zu den genetisch bedingten Speicherkrankheiten zählt. Auch der Morbus Krabbe demyelinisiert das Nervensystem und die Ursache beider Erscheinungen ist eine Mutation. Die betroffenen Gene und Chromosomen unterscheiden sich aber. Eine weitere wichtige Abgrenzung ist der Morbus Alexander: Er geht bei Kindern ebenfalls mit einem auffällig großen Kopf und einem Entwicklungsrückschritt einher, beruht aber auf einer Mutation im GFAP-Gen mit sogenannten Rosenthal-Fasern und nicht auf einem Enzymmangel. Auch die Metachromatische Leukodystrophie zeigt ein ähnliches Bild, wird jedoch durch einen Mangel des Enzyms Arylsulfatase A verursacht.

Ursachen

Bei der biologischen Transkription wird ein Abbild von DNA-Strängen erstellt, das auch als mRNA bekannt ist. Während der biologischen Translation wird diese mRNA zu Proteinsequenzen übersetzt. Beim Morbus Canavan wirkt sich eine bereits im Erbgut vorliegende Mutation auf diese Prozesse aus. Es handelt sich dabei um Mutationen des ASPA-Gens. Dieses Gen ist auf dem kurzen Arm von Chromosom 17 angesiedelt und codiert für das Enzym Aspartoacylase. Aspartoacylase kommt vor allem im Gehirn vor, wo es N-Acetylaspartat abbaut.

Eine Mutation des codierenden Gens hat einen Mangel des Enzyms zur Folge. In der Folge wird im Gehirn weniger N-Acetylaspartat abgebaut. Der Stoff lagert sich daher ein. Diese Einlagerung äußert sich in spongiösen Veränderungen und lässt das Gehirn anschwellen. Das Myelin im Gehirn nimmt im Rahmen dessen Schaden und geht teilweise verloren. Myelin ernährt, schützt und isoliert Nervengewebe. Beschädigtes Myelin leitet Nervenimpulse nur noch verzögert oder überhaupt nicht mehr. Beim Morbus Canavan funktioniert die Übermittelung von Informationen zwischen Gehirnregionen wegen der beschriebenen Prozesse nicht mehr. Der Myelinverlust geht mit einer sekundären Neuronenbeeinträchtigung einher.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Meist sind Kinder mit dem Morbus Canavan unmittelbar nach der Geburt eher unauffällig. Ab dem dritten Lebensmonat treten bei infantilen Formen der Erbkrankheit die ersten Symptome auf. In der Regel betreffen die ersten Symptome die psychomotorische Entwicklung. Die Kontrolle über den Kopf ist gestört und es entwickelt sich häufig ein übergroßer Schädel. Die Betroffenen weisen meist einen Spannungsmangel in den Muskeln auf.

Der weitere Krankheitsverlauf ist von motorischen Störungen wie der Unmöglichkeit des freien Laufens, Sitzens und Stehens geprägt. Auch Schluckstörungen oder Krampfanfälle werden zum Krankheitsbild gerechnet. Oft treten spastische Lähmungen ein. Auch Wahrnehmungszentren des Gehirns können von der Demyelinisierung betroffen sein.

In der Regel betreffen Einschränkungen in der Wahrnehmungsfähigkeit vor allem das Sehvermögen. Nicht zwingend muss eine vollständige Erblindung auftreten. Die infantile Form des Morbus Canavan ist am meisten verbreitet. Davon zu unterscheiden sind die angeborene und die juvenile Form. Bei der juvenilen Form treten die ersten Symptome erst nach den ersten Lebensjahren auf.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Arzt stellt die Diagnose des Morbus Canavan hauptsächlich über eine magnetresonanztomographische Bildgebung des Gehirns. In dieser Bildgebung zeigt die Erkrankung ein relativ typisches Bild. Die subkortikale Substanz des Groß- und Kleinhirns zeigt Läsionen. Diese Schädigungen breiten sich im Verlauf zentripetal aus. Die symmetrisch wirkenden Läsionen betreffen insbesondere den Globus pallidus und den Thalamus, nicht aber das Putamen oder den Nucleus Caudatus. Der Nachweis von erhöhtem N-Acetylaspartat im Harn sichert die Diagnose.

Auch molekulargenetische Untersuchungen zum Nachweis der Genmutation kommen infrage. Diese aufwändigen Verfahren sind aber nicht zwingend notwendig, da erhöhtes N-Acetylaspartat im Urin für den Morbus Canavan spezifisch ist. Für die angeborene Form ist die Prognose ungünstig. Die Lebenserwartung beläuft sich auf wenige Tage oder Wochen. Patienten der infantilen Form erreichen meist das Teenager-Alter. Bei der juvenilen Form ist der Krankheitsverlauf verlangsamt und die Patienten werden oft älter als 20.

Komplikationen

Durch Morbus Canavan kommt es bei den meisten Betroffenen zu einer stark verringerten Lebenserwartung, sodass die Patienten schon im jungen Alter als Teenager versterben. Dabei wirkt sich die Krankheit auch stark auf die Angehörigen und die Eltern aus, sodass diese an starken psychischen Beschwerden oder Depressionen leiden. Vor allem nach dem Tod ist eine Behandlung durch einen Psychologen in vielen Fällen notwendig.

Die Patienten leiden dabei überwiegend an Lähmungen und an starken Einschränkungen in der Sensibilität. Dabei sind die Betroffenen in ihrem Alltag möglicherweise auch auf die Hilfe der Eltern angewiesen, um diesen meistern zu können. Es kommt zu Einschränkungen in der Bewegung und die Lebensqualität der Patienten sinkt erheblich. Auch Spastiken und Krampfanfälle treten bei dieser Erkrankung auf.

Nicht selten leiden die Betroffenen dabei auch an Sehbeschwerden oder an Hörbeschwerden. Sie benötigen auch eine spezielle Förderung und sind in ihrer Entwicklung deutlich eingeschränkt. Durch verschiedene Therapien kann der Morbus Canavan eingeschränkt werden, eine vollständige und vor allem kausale Behandlung ist allerdings nicht möglich. Bei der Behandlung selbst können Nebenwirkungen der eingesetzten Medikamente auftreten. Allerdings ist die Lebenserwartung des Patienten durch die Krankheit deutlich verringert.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei Morbus Canavan treten die ersten Anzeichen einer Unregelmäßigkeit meist innerhalb des ersten Lebenshalbjahres auf, sie sind jedoch eher selten unmittelbar nach der Geburt wahrzunehmen. Zeigen sich im Wachstums- und Entwicklungsprozess des Kindes Störungen der Bewegungsabläufe sowie allgemeinen Motorik, ist ein Arztbesuch anzuraten. Zeigt sich beim Greifen eine schwach ausgeprägte Muskulatur, ist dies besorgniserregend und sollte ärztlich untersucht werden. Kommt es im unmittelbaren Vergleich zu gleichaltrigen Kindern zu deutlichen Verzögerungen in der Entwicklung, ist ein Arzt aufzusuchen. Durch gezielte Tests kann eine objektive Einschätzung des Gesundheitszustandes ermittelt und eine Behandlung eingeleitet werden.

Erlernt das Kind nicht das selbständige Gehen, Sitzen oder Stehen, gilt dies als ungewöhnlich. Es wird ein Arzt benötigt, damit eine Ursachenforschung stattfinden kann. Krämpfe, ein Anfallsleiden sowie Spastiken sind von einem Arzt untersuchen und behandeln zu lassen. Dauert ein Krampfanfall länger als fünf Minuten an oder folgen mehrere Anfälle unmittelbar aufeinander, ist über die Notrufnummer 112 sofort der Rettungsdienst zu alarmieren. Treten Lähmungen am Körper auf, sollte unverzüglich ein Arztbesuch erfolgen.

Das Kind benötigt eine medizinische Versorgung, damit eine Linderung der Beschwerden gewährleistet wird. Eine verzögerte Wahrnehmung sowie Verarbeitung der Sinnesreize sollten ärztlich abgeklärt werden. Ein vermindertes Seh- oder Hörvermögen sind charakteristisch für die Erkrankung und müssen behandelt werden. In schweren Fällen kommt es zu einer Erblindung des Patienten. Daher sollte schnellstmöglich bei den ersten Unregelmäßigkeiten oder dem Verdacht einer Störung ein Arzt konsultiert werden.

Behandlung & Therapie

Der Morbus Canavan ist unheilbar. Bislang gibt es statt ursächlichen Therapien lediglich unterstützende Therapieoptionen. Auch die Verzögerung der Krankheit und eine gesicherte Verlängerung des Lebens sind bisher nicht realisierbar. Das supportive therapeutische Vorgehen richtet sich nach den Symptomen. Unruhe, Schmerzen und Krampfanfälle lassen sich zum Beispiel mit medikamentösen Therapien lindern. Bei Funktionsstörungen des Atemsystems ist eine Atemhilfe anzudenken.

Auch die Angehörigen von Betroffenen werden oft zusätzlich therapeutisch versorgt. In der Regel wird ihnen ein Psychotherapeut zur Seite gestellt. Seit einigen Jahren sind gentherapeutische Ansätze zur Heilung der Krankheit in Arbeit. Das ASPA-Gen soll im Rahmen der gentherapeutischen Behandlung über eine virale Genfähre aus Adenoviren ins Gehirn der Patienten eingebracht werden. In den ersten Studien wurden dafür tatsächlich Adenoviren verwendet; heute kommen vor allem adeno-assoziierte Viren (AAV) als Genfähre zum Einsatz, weil sie besser verträglich sind.

Im Tiermodell senkte sich die Konzentration von N-Acetylaspartat im Urin über diese Maßnahme ab. Das Myelin blieb trotz dieser Teilerfolge allerdings spongiös. Trotzdem bemüht sich die medizinische Forschung aktuell weiterhin um die Entwicklung einer ursächlichen Therapie. Eine Verbesserung der Genfähren hat bereits stattgefunden, konnte aber noch immer keine bahnbrechenden Erfolge liefern.


Aussicht & Prognose

Die Prognose des Morbus Canavan orientiert sich an der Form der Erkrankung. Die infantile Form nimmt einen tödlichen Verlauf. Die meisten Kinder versterben im ersten oder zweiten Lebensjahrzehnt. Die angeborene Form führt dagegen schon in den ersten Lebenstagen oder -wochen zum Tod, während Patienten der juvenilen Form oft älter als 20 Jahre werden. Entscheidend für die Prognose ist die genaue Bestimmung der Mutation.

Morbus Canavan nimmt einen progressiven Verlauf. Damit verbunden nehmen die körperlichen und geistigen Fähigkeiten ab und die Lebensqualität des Kindes reduziert sich kontinuierlich. Die Angehörigen werden durch das Leiden ebenfalls stark belastet. Meist benötigen sie eine therapeutische Beratung und eine umfassende Betreuung. Die Aussicht auf eine Heilung ist bei Morbus Canavan nicht gegeben. Allerdings lassen sich die Beschwerden durch eine symptomatische Therapie lindern. Seit einigen Jahren wird zudem an einer Gentherapie gearbeitet, durch welche das Gen in das Gehirn eingebracht werden soll. Bislang ist diese Behandlung nicht für Menschen zugelassen.

Bei einer frühzeitigen Diagnose kann den erkrankten Kindern ein kurzes, aber relativ beschwerdefreies Leben ermöglicht werden. Bei der milden Form der Erkrankung kann das Erwachsenenalter erreicht werden. Verschiedene Therapieansätze wurden in den letzten Jahren entwickelt und können die Beschwerden lindern. Insgesamt ist die Prognose bei der milden Canavan-Krankheit günstiger, bei der schweren Form jedoch deutlich schlechter.

Vorbeugung

Genetisch bedingten Erkrankungen wie dem Morbus Canavan lässt sich nicht vorbeugen. Paare in der Familienplanung können über molekulargenetische Untersuchungen allerdings ihr Risiko einschätzen lassen.

Nachsorge

Dem Betroffenen stehen bei Morbus Canavan in den meisten Fällen nur sehr wenige oder eingeschränkte Maßnahmen einer Nachsorge zur Verfügung. Aus diesem Grund muss der Betroffene bei dieser Krankheit idealerweise schon sehr früh einen Arzt aufsuchen, um das weitere Auftreten von Komplikationen und Beschwerden zu verhindern. Da es sich um eine genetisch bedingte Erkrankung handelt, kann diese in der Regel auch nicht vollständig wieder geheilt werden.

Daher sollten die Eltern im Fall eines weiteren Kinderwunsches eine genetische Untersuchung und Beratung in Anspruch nehmen, um das Wiederholungsrisiko einschätzen zu lassen. Die meisten Patienten sind auf die Einnahme von verschiedenen Medikamenten angewiesen, um die Beschwerden zu lindern. Dabei ist immer auf eine regelmäßige Einnahme und auch auf eine richtige Dosierung zu achten.

Bei Unklarheiten oder bei Fragen sollte zuerst ein Arzt konsultiert werden. Weiterhin sind die meisten Betroffenen in ihrem Alltag auf die Hilfe und auch auf die Unterstützung der eigenen Familie angewiesen. Dabei wirken sich auch liebevolle Gespräche positiv auf das Wohlbefinden des Betroffenen aus und können Depressionen und andere psychische Verstimmungen verhindern.

Das können Sie selbst tun

Der Morbus Canavan nimmt fast immer einen tödlichen Verlauf. Die wichtigste Selbsthilfemaßnahme besteht für viele Eltern darin, Kontakt mit anderen Angehörigen aufzunehmen. Geeignete Anlaufstellen sind Selbsthilfegruppen sowie Foren im Internet. Um sich über die Krankheit des Kindes aufklären zu lassen, sollte ein Fachzentrum für Nervenerkrankungen aufgesucht werden. Im Zuge dessen können sich die Eltern über neuartige Behandlungsmöglichkeiten informieren, zum Beispiel die Gentherapie, welche den Morbus Canavan in Zukunft heilbar machen soll.

Bei einem positiven Verlauf sollten frühzeitig die notwendigen Pflegekräfte sowie Umbauten im eigenen Zuhause organisiert werden, damit das Kind unkompliziert behandelt werden kann. Durch eine angepasste Diät und moderaten Sport ist eine weitere Verbesserung der Lebensqualität möglich. Dennoch nimmt Morbus Canavan stets einen schweren Verlauf. Die Angehörigen sollten mit dem zuständigen Arzt über die Möglichkeiten für eine palliative Behandlung sprechen.

In Familien, in denen Fälle von Morbus Canavan beobachtet wurden, sollten die notwendigen Gentests durchgeführt werden. Durch eine molekulargenetische Untersuchung von Fruchtwasser oder Chorionzotten kann bereits vor der Geburt ermittelt werden, ob das Kind an Morbus Canavan erkrankt ist. Nach der Diagnose können die notwendigen Maßnahmen ergriffen werden, um den Erkrankten ein relativ beschwerdefreies Leben zu ermöglichen.

Quellen

  • Kaindl, A. M. (Hrsg.): Neuropädiatrie.
    ISBN: 9783837416558
  • Gerstl, L., Borggräfe, I., Hufschmidt, A., Heinen, F. (Hrsg.): Pädiatrische Neurologie - Neuropädiatrie.
    ISBN: 9783170362260
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
    ISBN: 9783132416871
  • Zschocke, J., Hoffmann, G. F.: Vademecum metabolicum.
    ISBN: 9783132435506
  • Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
    ISBN: 9783662561461

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