Nachtblindheit

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 7. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei der Nachtblindheit, medizinisch Hemeralopie genannt, ist das Sehen in der Dämmerung beeinträchtigt. Verantwortlich dafür ist eine Funktionsschwäche der Stäbchen. Das sind die Sinneszellen der Netzhaut, die das Sehen bei schlechten Lichtverhältnissen ermöglichen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Nachtblindheit?

Bei der Nachtblindheit treten Sehprobleme bei schlechten Lichtverhältnissen auf. Das Auge ist nicht mehr im Stande, sich an die Dämmerung oder an Dunkelheit anzupassen und reagiert auf rasche Helligkeitswechsel mit Sehproblemen und Blindheit.
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Die Nachtblindheit kann angeboren sein, aber auch durch eine Erkrankung wie Diabetes oder einen Vitamin-A-Mangel hervorgerufen werden. Davon hängt ab, wie die Nachtblindheit verläuft. In fast allen Fällen ist die Nachtblindheit nicht heilbar.

Nachtblindheit bedeutet im engeren Sinne, dass man nachts bzw. im Dämmerlicht überhaupt nichts mehr sieht. Das ist sehr selten, die meisten Patienten, die von Nachtblindheit betroffen sind, sehen nachts einfach nur schlechter. In beiden Fällen wird dennoch von Nachtblindheit gesprochen.

Ursachen

Die Ursache für Nachtblindheit ist in jedem Fall eine Störung der Stäbchen. Diese Sinneszellen in der Netzhaut ermöglichen das Sehen bei Dämmerung. Ausgelöst werden kann eine solche Funktionsstörung der Stäbchen von vielen verschiedenen Ursachen.

Daher ist es bei Nachtblindheit in jedem Fall sinnvoll, sich von einem Augenarzt untersuchen zu lassen. In Industrieländern sehr selten ist ein Vitamin A-Mangel. Vitamin A ist zum Hell-Dunkel-Sehen notwendig und führt zu Sehstörungen in der Dunkelheit, wenn es in zu geringem Maße vorhanden ist.

Zu einem Vitamin A-Mangel kann es unter anderem kommen, wenn nicht genügend Lebensmittel gegessen werden, die das Vitamin enthalten oder eine ausreichende Aufnahme wegen einer Magen- oder Darmerkrankung nicht möglich ist.

Weit häufiger sind für Nachtblindheit angeborene Erkrankungen verantwortlich. Bei manchen Menschen funktionieren einfach die Stäbchen schlechter. Diese Form der Nachtblindheit geht oft mit Kurzsichtigkeit und Augenzittern (Nystagmus) einher. Aber auch die eher seltene Retinopathia pigmentosa kann zu Nachtblindheit führen.

Bei dieser Erkrankung werden die Sinneszellen der Netzhaut durch körpereigene Prozesse angegriffen und verlieren nach und nach ihre Funktion. Weitere körperliche Erkrankungen wie Diabetes können ebenfalls eine Nachtblindheit hervorrufen, wenn die feinen Gefäße im Auge durch die Zuckerkrankheit beschädigt werden.

Keine Nachtblindheit im eigentlichen Sinne sind die Sehprobleme, die ein grauer Star (Linseneintrübung) mit sich bringt. Patienten mit grauem Star fällt es in der Dämmerung einfach mehr auf, dass sie verschwommener sehen und durch einstrahlendes Licht geblendet werden.

Es ist übrigens normal, wenn Sie die ersten Minuten nichts sehen, nachdem Sie vom Hellen in einen dunklen Raum gekommen sind. Das Auge benötigt einige Minuten, bis es sich an veränderte Lichtverhältnisse angepasst hat.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Nachtblindheit treten Sehprobleme bei schlechten Lichtverhältnissen auf. Das Auge ist nicht mehr im Stande, sich an die Dämmerung oder an Dunkelheit anzupassen und reagiert auf rasche Helligkeitswechsel mit Sehproblemen und Blindheit. Die Patienten bemerken oft eine schleichende Verschlechterung der Sehfähigkeiten bei Nacht, oft verbunden mit Symptomen wie Augenzittern oder Kurzsichtigkeit.

Liegt der Nachtblindheit eine Erkrankung der Netzhaut (etwa Retinopathia pigmentosa) zugrunde, treten außerdem Gesichtsfeldausfälle auf. Im weiteren Verlauf kann es zur vollständigen Erblindung auf einem oder beiden Augen kommen. Wenn ein Vitamin-A-Mangel ursächlich ist, wird die Hemeralopie oft von sehr trockenen Augen und Juckreiz oder Schmerzen begleitet.

Zudem stellen sich weitere Sehstörungen wie Farbsehstörungen und Doppelbilder ein. Die Symptome der Nachtblindheit können angeboren sein oder als Folge einer Erkrankung oder eines Unfalls auftreten. Betroffen sind vorwiegend Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Die erbliche Form entwickelt sich bereits kurz nach der Geburt.

Die betroffenen Kinder leiden schon in den ersten beiden Lebensjahren unter Kurzsichtigkeit, Gesichtsfeldausfällen und Sehbeschwerden bei eingeschränkten Lichtverhältnissen. Ein progressiver Verlauf führt dazu, dass die Erkrankten in Einzelfällen bereits vor dem Erwachsenenalter teilweise oder vollständig erblinden.

Diagnose & Verlauf

Der Augenarzt untersucht zur Diagnose der Nachtblindheit erst die Dunkeladaptation der Augen, d.h. wie gut und schnell sich Ihre Augen an veränderte Lichtverhältnisse anpassen können. Dazu wird ein Adaptometer verwendet. Neben der Dunkeladaption ist mit diesem Gerät auch eine Messung möglich, wie blendempfindlich und wie kurzsichtig Sie in der Dämmerung sind.

Anschließend wird nach den Ursachen für die Nachtblindheit gesucht. Dazu kommt unter anderem ein Elektroretinogramm zum Einsatz. Mit diesem Gerät kann die Funktionsfähigkeit der Sinneszellen im Auge überprüft werden: Die Stäbchen, die fürs Sehen in der Dämmerung verantwortlich sind und die Zäpfchen, die Sinneszellen für das Bunt-Sehen.

Der Verlauf der Nachtblindheit hängt von ihrer Ursache ab. Wenn die Nachtblindheit von den Eltern vererbt wurde, wird sich die Nachtblindheit im Laufe der Zeit in der Regel nicht verschlechtern. Die Retinopathia pigmentosa hingegen führt nach und nach zu einer größeren Sehbehinderung, was die Nachtblindheit ebenfalls betrifft.

Komplikationen

Unter Nachtblindheit im engeren Sinn versteht man den völligen Funktionsausfall der stäbchenförmigen Fotorezeptoren, deren größte Dichte auf der Netzhaut außerhalb der Makula, dem Ort scharfen Farbsehens, liegt. Die Stäbchen zeichnen sich durch starke Lichtempfindlichkeit und durch hohe Sensitivität gegenüber bewegten Objekten aus, vermitteln aber keinerlei Farbsehen. Meist verbirgt sich hinter der Nachtblindheit allerdings nur ein eingeschränktes Nachtsehen, das sich vor allem durch eine unangenehm erhöhte Blendempfindlichkeit bei Nachtfahrten bemerkbar macht.

Falls die Nachtblindheit auf einer genetisch bedingten Fehlanlage der Stäbchen beruht, verändert sich das eingeschränkte Sehvermögen bei Dämmerung und Nacht im weiteren Verlauf nicht weiter. Falls die Nachtblindheit erworben ist, hängt der weitere Verlauf von der Verursachung ab. Falls es sich lediglich um einen Vitamin A Mangel handelt aufgrund einseitiger Ernährung oder weil die Aufnahmefähigkeit des Darmtraktes wegen einer Darmerkrankung eingeschränkt ist, bessern sich die Symptome, wenn der Stoffwechsel wieder über eine ausreichende Menge an Vitamin A verfügen kann.

Falls die Probleme auf einer Schädigung des Gefäßsystems in der Netzhaut beruhen, die beispielsweise durch eine zu hohe Zuckerkonzentration im Blut wegen eines nicht erkannten Diabetes Typ 2 verursacht werden kann, ist die Verlaufsprognose ungünstig, wenn die Krankheit weiterhin ignoriert und nicht behandelt wird. Ein weiterer Ursachenfaktor der Nachtblindheit kann auch in einer genetisch bedingten Retinopathia pigmentosa liegen, die in der Regel mit einem sehr langsamen Krankheitsfortschritt verbunden ist.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Ein vermindertes Sehvermögen während der Dunkelheit ist ein natürlicher Vorgang, der nicht untersucht und behandelt werden muss. Kommt es jedoch zu weiteren Beschwerden oder setzt die Unfähigkeit des Sehens bereits bei einer Dämmerung ein, sollte ein Kontrollbesuch bei einem Arzt stattfinden. Unterscheidet sich die eigene Sehfähigkeit im unmittelbaren Vergleich zu anderen Menschen, sollte ein Arztbesuch erfolgen.

Können die umliegenden Gegenstände oder andere Personen nur schemenhaft oder verschwommen wahrgenommen werden, ist ein Kontrollbesuch bei einem Arzt nötig. Zittern der Augen, Schmerzen im Bereich der Augen oder Kopfschmerzen sind Anzeichen einer vorliegenden Unregelmäßigkeit. Kommt es vermehrt zu Unfällen oder Stürzen aufgrund der herabgesetzten Sehkraft, wird ein Arztbesuch empfohlen. Eine starke Kurzsichtigkeit oder das Gefühl von Blindheit bei abnehmenden Lichteinflüssen sind untersuchen und abklären zu lassen. Ausfälle im Gesicht sind besonders besorgniserregend, da sie ein deutliches Anzeichen einer bestehenden Erkrankung sind.

Treten neben den körperlichen Beeinträchtigungen auch emotionale oder seelische Unregelmäßigkeiten auf, sollte ebenfalls ein Arzt konsultiert werden. Ungewöhnlich sind Verhaltensauffälligkeiten, aggressive Tendenzen, Wut sowie ein Rückzug aus der Teilhabe am sozialen Leben. Kommt es zu einem depressiven Auftreten, Stimmungsschwankungen oder einem erhöhten Konfliktpotential, sind die Beobachtungen mit einem Arzt zu besprechen.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung der Nachtblindheit richtet sich nach der Diagnose. Ist die Nachtblindheit angeboren, ist leider bislang keine erfolgversprechende Therapiemethode bekannt.

Auch Schäden an dem feinen Gefäßsystem des Auges und der Netzhaut, z. B. durch einen Diabetes, lassen sich bislang nicht wieder rückgängig machen.

Wenn Vitamin A-Mangel in der Nahrung oder eine Magen-Darm-Erkrankung die Nachtblindheit ausgelöst hat, hören die Sehstörungen in der Dämmerung in der Regel wieder auf, wenn das zugrunde liegende Problem beseitigt ist.


Aussicht & Prognose

Die Nachtblindheit an sich führt zu keiner Verkürzung der Lebenszeit. Allerdings leidet nicht selten die Lebensqualität. Betroffene können sich in Dunkelheit deutlich schlechter zurechtfinden. Dieses kann eine Hilfsbedürftigkeit bedingen, da das Verschwinden des Sonnenlichts ein alltägliches Phänomen darstellt.

Grundsätzlich bleibt die Nachtblindheit nach dem ersten Auftritt dauerhaft bestehen. Die meisten Patienten erleben dann weder Besserungen noch Verschlechterungen. Der Medizin sind bisher Grenzen gesetzt. Während eine einfache Fehlsichtigkeit problemlos durch eine Sehhilfe korrigiert werden kann, ist dieses bei der Nachtblindheit nicht gegeben. Gegebenenfalls führt die Nachtblindheit dazu, dass Betroffene bestimmte Berufe nicht ausüben können.

Bessere Aussichten ergibt sich für die kongenitale stationäre Nachtblindheit. Diese Form heilt bei vielen Patienten ab. Ebenso lassen sich Verläufe, bei denen ein Vitaminmangel die Seheinschränkung verursacht, erfolgreich therapieren. Hingegen müssen Menschen mit einer Retinitis pigmentosa mit einer Verschlechterung rechnen. Sogar eine Erblindung ist möglich.

Die Diagnose „Nachblindheit“ führt demnach zu einer differenzierten Prognose. Während eine verkürzte Lebenserwartung nicht absehbar ist, bestehen im Alltag und Beruf demgegenüber meist lebenslange Einschränkungen. Insgesamt lässt sich eine durchwachsene Aussicht formulieren.

Vorbeugung

Eine Vorbeugung der Nachtblindheit ist meist unmöglich. Angeborene Formen der Nachtblindheit, wie eine Schwäche der Stäbchen oder eine Retinopathia pigmentosa können nicht verhindert werden. Bei einem Diabetes hilft oft ein angepasster Lebensstil und ein gut eingestellter Blutzucker, Schäden am Gefäßsystem, darunter dem der Netzhaut zu vermeiden. Vegetarier und Veganer sollten darauf achten, häufig Gemüsesorten zu verzehren, die Vitamin A enthalten, z. B. Paprika, Tomaten und Möhren.

Nachsorge

Inwiefern eine Nachsorge notwendig wird, hängt von den Heilungschancen ab. Gerade Personen, die seit der Geburt an der Nachtblindheit leiden, müssen mit der Erkrankung ein Leben lang klarkommen. Eine Aussicht auf Heilung besteht nicht. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als bei Dunkelheit fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen und dunkle Umgebungen grundsätzlich zu meiden. Eine psychologische Begleitung kann punktuell angezeigt sein.

Anders gestalten sich meist Fälle, in denen die Nachtblindheit im Laufe des Lebens aufgekommen ist. Dann sind regelmäßige Kontrollen angezeigt. Denn es besteht die Gefahr, dass sich das Sehvermögen noch weiter verschlechtert. Eine jährliche Vorstellung beim Augenarzt verhindert Komplikationen.

Neben einer Anamnese findet eine Augenuntersuchung statt, in der der Arzt die Zeit bis zur Anpassung der Augen an die Dunkelheit und die wahrnehmbare Lichtintensität bestimmt. Aus diesen Angaben und allgemeinen Ermittlungen zur Sehschärfe und zum Gesichtsfeld lassen sich eindeutige Vergleiche zur Vergangenheit ziehen. Notwendige Behandlungen kann man so rechtzeitig einleiten. Die Diagnose Nachtblindheit bringt einige Erfordernisse für den Patienten selbst mit sich. Das Verletzungsrisiko im Straßenverkehr ist bei Nachtblindheit nicht zu unterschätzen.

Das können Sie selbst tun

Wer nachtblind ist, dem stehen keine Hausmittel zur Verfügung. Naturheilmittel wie Heidelbeerextrakte sind umstritten. Auch die zusätzliche Einnahme von Vitamin A ist nur bedingt erfolgreich. Ohne eine medizinische Diagnose ist dringend davon abzuraten, sich selbst mit alternativen Methoden zu behandeln.

Das verminderte Sehen bei schlechtem Licht verursacht Einschränkungen im Alltag. Diese gilt es zu akzeptieren und zu bewältigen. Je nach Stärke der Symptome verhindern Schutzbrillen mit Filter, dass sich Betroffene durch Licht geblendet fühlen. Diese Brillen korrigieren oder verbessern jedoch nicht das Sehvermögen. Wer unter einer echten Nachtblindheit leidet, verzichtet sich selbst und anderen zuliebe auf das Autofahren und greift auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder Fahrdienste zurück. Bei den täglichen Wegen helfen im Dunkeln Taschenlampen. Diese verfügen idealerweise über einen gleichmäßigen Lichtkegel, um das Sehen zu erleichtern. Für die Orientierung helfen digitale Sprachassistenten, die per Smartphone den Weg erklären.

Selbsthilfegruppen und Vereinigungen unterstützen Betroffene. Sie bieten Beratung zu jeglichen Fragen. Der Austausch mit anderen Betroffenen hilft bei der Bewältigung alltäglicher Hürden. Die Selbsthilfevereinigung Pro Retina richtet sich speziell an Menschen mit Netzhauterkrankungen und unterstützt Personen, die von Nachtblindheit betroffen sind.

Quellen

  • Augustin, A.J.: Augenheilkunde. Springer, Berlin 2007
  • Burk, A. et al.: Checkliste Augenheilkunde. Thieme, Stuttgart 2011
  • Dahlmann, C., Patzelt, J.: Basics Augenheilkunde. Urban & Fischer, München 2014

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