Tangier-Krankheit

Die Tangier-Krankheit ist eine äußerst seltene Erbkrankheit zu bislang rund 100 dokumentierten Fällen. Die Patienten dieser Erkrankung leiden an einer Störung des Fettstoffwechsels und einer erniedrigten Produktion von HDL-Cholesterin. Kausale Therapiemethoden zur Behandlung der Tangier-Krankheit gibt es bislang nicht.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Tangier-Krankheit?

Die Erbkrankheit des familiären HDL-Mangels wird im autosomal-rezessiven Erbgang vererbt. Damit kann die Krankheit nur von zwei Partnern mit dem Defekt weitervererbt werden.
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Bei der Tangier-Krankheit handelt es sich um einen extrem seltenen Gendefekt. Dieser Defekt löst eine Störung des Fettstoffwechsels aus. Bisher wurde von kaum mehr als 100 Betroffenen berichtet. 1961 benennt der Erstbeschreiber D. S. Frederickson die Erkrankung nach der Insel Tangier. Von dieser Insel stammen damals die bis dahin einzig dokumentierten Patienten. Die Tangier-Krankheit geht mit einer gestörten Freisetzung von Cholesterin aus den Körperzellen einher.

Dadurch bilden sich weniger High Density Lioproteine. Diese sogenannten HDL-Proteine transportieren vor allem Cholesterin ab. Der Abtransport des Cholesterins ist infolge der geringen HDL-Proteine also gestört und der Stoff lagert sich vermehrt im retikulären Bindegewebe ein. Die Fachliteratur bezeichnet die Erbkrankheit teilweise auch als An-α-Lipoproteinämie, als familiären HDL-Mangel oder als familiäre Hypoalphalipoproteinämie.

Ursachen

Die Erbkrankheit des familiären HDL-Mangels wird im autosomal-rezessiven Erbgang vererbt. Damit kann die Krankheit nur von zwei Partnern mit dem Defekt weitervererbt werden. Der auslösende Gendefekt liegt vermutlich auf dem langen Arm des Chromosom neun und bezieht sich auf das ABCA 1-Gen. Dieses ABCA 1-Gen übernimmt die Codierung für Transportproteine, die an der Cholesterinausschleusung aus den Körperzellen beteiligt sind.

Die Medizin unterscheidet zwischen Trägern des Defekts und tatsächlich Erkrankten. Wenn sowohl die Mutter, als auch der Vater den Gendefekt tragen, besteht für die Geburt eines kranken Kindes eine Wahrscheinlichkeit von eins zu vier. Die Wahrscheinlichkeit für Kinder mit dem Defekt liegt bei zwei zu vier und die Wahrscheinlichkeit für komplett gesunden Nachwuchs wird wie auch die auf ein erkranktes Kind mit einem Verhältnis von eins zu vier angegeben.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Leitsymptom der Tangier-Krankheit sind gelb-orange Hautflecken. Sie liegen vor allem auf den lymphatischen Organen der Mund- und Rachenhaut. Speziell die Mandeln sind von den Verfärbungen durch eingelagertes Cholesterin betroffen. Manchmal sind sie zusammen mit dem Rest des lymphatischen Mund-Rachen-Raums zusätzlich auch vergrößert. Ebenso können Vergrößerungen der inneren Organe im Rahmen der Tangier-Krankheit zuweilen vorkommen.

Das bezieht sich vor allem auf Vergrößerungen von Leber und Milz oder auch der Bauchspeicheldrüse. Manchmal kommt es wegen des geringen HDL-Spiegels der Patienten auch zu einer Arteriosklerose, also einer Aderverkalkung. In Folge dessen können sich Hornhauttrübungen oder anämische Blutbildveränderungen einstellen.

Etwas seltener wurde zusätzlich zu den genannten Beschwerden von neurologischen Symptomen berichtet. Dazu zählen anfangs vor allem Muskelschwächen und Gefühls- sowie Bewegungsstörungen der Arme und Beine. Die neurologischen Symptome sind meist rückläufig, kehren im Verlauf aber häufig wieder. In der Regel betreffen sie einzelne Nerven des peripheren Nervensystems.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der ersten Verdacht auf die Tangier-Krankheit wird einen Arzt unter Umständen bei der Blickdiagnose ereilen. Blickdiagnostisch zeigen sich ihm typischerweise gelb-orange Schleimhautveränderungen. Im Serum dienen dem Mediziner das Gesamtcholesterin, das HDL-Cholesterin sowie das Apolipoprotein A-I als Hinweise auf die Erkrankung. In der Lipoprotein-Elektrophorese finden sich zum Beispiel keine α- oder Prä-β-Bande. Bezüglich des Cholesterinspiegels gelten Werte unter 100 mg/dl als Hinweis auf die Tangier-Krankheit.

HDL-Cholesterin lässt sich zu selben Zeit überhaupt nicht ausmachen oder weist eine Fehlstrukturierung auf. Zusätzlich liegt oft erniedrigtes Apolipoprotein A-II vor. Eine humangenetische Untersuchung sichert oft die Diagnose. Nervenbiopsien können bei Formen mit neurologischen Ausfällen erforderlich werden. Diese Biopsien zeigen meist einen Rückgang von myelinisierten und unmyelinisierten Axonen. Für die Tangier-Krankheit wird im Großen und Ganzen eine relativ günstige Prognose abgegeben. Wenn im Erwachsenenalter Gefäß- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten, ist die Prognose etwas ungünstiger.

Komplikationen

Die schwerste Komplikation der Tangier-Krankheit ist der Überwuchs der inneren Organe. Im Verlauf der Erkrankung oder bereits von Geburt an kommt es zu Vergrößerungen von Leber und Milz, selten auch der Bauchspeicheldrüse. Dies ruft eine Reihe von Beschwerden wie Vergiftungserscheinungen, Hormonschwankungen oder Stoffwechselstörungen hervor, die ihrerseits mit schweren Komplikationen verbunden sind.

Wird eine Arteriosklerose festgestellt, so haben sich daraus meist schon bleibende Schäden entwickeln. Meist kommt es dann zu Hornhauttrübung, anämischen Blutbildveränderungen und neurologischen Beschwerden. Typisch sind vor allem Muskelschwäche sowie Gefühls- und Bewegungsstörungen der Arme und Beine. Bei fehlender Behandlung stellen sich dauerhafte Fehlstellungen und ernste Erkrankungen ein.

Im schwersten Fall kommt es zum Kreislaufkollaps oder sogar zum Herzversagen und schließlich zum Tod des Patienten. Die Behandlung der seltenen Erbkrankheit ist ebenfalls nicht risikofrei. Die Gentherapie kann unter Umständen schwere Erkrankungen auslösen und beispielsweise zu Krebserkrankungen wie Leukämie führen.

Schließlich besteht bei einer Viren-Transduktion die Gefahr, dass der Patient sich mit dem als Fähre eingesetzten Virus infiziert. Eine solche Infektion verläuft meist tödlich oder hat zumindest schwerwiegende gesundheitliche Folgen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei der Tangier-Krankheit ist der Betroffene auf einen Besuch bei einem Arzt angewiesen. Nur durch eine richtige und vor allem durch eine frühzeitige Behandlung können weitere Komplikationen und Beschwerden vermieden werden. Dabei wirkt sich eine frühzeitige Diagnose positiv auf den weiteren Verlauf aus. Daher sollte schon bei den ersten Beschwerden und Symptomen der Tangier-Krankheit ein Arzt konsultiert werden. Der Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Betroffene unter verschiedenen Beschwerden an den Augen leidet.

Es kommt meist zu einer Trübung der Hornhaut am Auge. Sollten diese Beschwerden ohne einen besonderen Grund auftreten und nicht wieder von alleine verschwinden, muss auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden. Weiterhin kann auch eine plötzliche Muskelschwäche oder Störungen der Bewegung auf die Tangier-Krankheit hindeuten und sollten ebenfalls durch einen Arzt kontrolliert werden.

In der Regel kann die Tangier-Krankheit durch einen Allgemeinarzt oder durch einen Orthopäden erkannt und behandelt werden. Der weitere Verlauf hängt jedoch stark vom Zeitpunkt der Diagnose ab, sodass keine allgemeine Voraussage möglich ist.

Behandlung & Therapie

Zu Behandlung der Tangier-Krankheiten stehen bislang kaum therapeutische Maßnahmen zur Verfügung. Das liegt zum einen an ihren genetischen Ursachen und zum anderen an ihrer Seltenheit, die auch Forschungen nur beschränkt zulässt. Ein Ernährungsplan ist bisher eine von wenigen Therapieansätzen bei der Tangier-Krankheit. Speziell fettarme Ernährung wird für alle Formen der Erbkrankheit zwar empfohlen, einer kausalen Therapie entspricht die Ernährungsumstellung aber nicht.

Kausaltherapeutisch sind gentechnische Therapieformen zukünftig eventuell vorstellbar. Diese gentechnische Behandlung würde im Rahmen einer Gentherapie stattfinden und möglicherweise das defekte mit einem gesunden Gen ersetzen können. Gentherapien wurden im Rahmen von klinischen Studien heute bereits erfolgreich am Menschen durchgeführt. Andererseits sind in Zusammenhang mit gentherapeutischen Studien am lebendigen Menschen auch mehrere Todesfälle gemeldet worden.

Die Gentherapie steckt im Angesicht dessen noch in den Kinderschuhen und ist gegenwärtig (Stand: 2015) eines der wichtigsten Forschungsgebiete der Medizin. Wegen der Seltenheit der Tangier-Krankheit sind gentherapeutische Studien in direktem Zusammenhang mit der Erkrankung bislang nie durchgeführt worden.

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Vorbeugung

Der Tangier-Krankheit lässt sich nicht vorbeugen. Werdende Eltern oder Paare bei der Kinderplanung können sich theoretisch über eine Sequenzanalyse ihrer DNA allerdings auf den Gendefekt untersuchen lassen. So lässt sich das Risiko für ein Kind mit der Tangier-Krankheit zumindest besser einschätzen.

Nachsorge

Da die Tangier Krankheit eine sehr seltene Erbkrankheit ist und auf einem genetischen Defekt beruht, sind die Möglichkeiten der Selbstbehandlung eher beschränkt. Als positiv wirksam haben sich bei dieser Erkrankung aber diätetische Maßnahmen erwiesen: Die Ernährung des Betroffenen sollte vor allem fettarm sein. Nahrungsergänzungsmittel helfen, Nährstoffdefizite auszugleichen.

Rohkost und gesunde Lebensmittel dominieren den Speiseplan. Schwere Speisen, die den Cholesterinspiegel erhöhen könnten, sollten möglichst gemieden werden. Auch Medikamente, die den Cholesterinspiegel negativ beeinflussen, müssen in Absprache mit dem Arzt abgesetzt und durch alternative Medikationen ersetzt werden. Ein gesunder Lebensstil kann das Allgemeinbefinden des Patienten positiv beeinflussen.

Dazu gehören genügend Schlaf, moderate sportliche Aktivitäten und die Vermeidung von Stress. Auf Genussmittel wie Alkohol und Nikotin sollte weitestgehend verzichtet werden. Es ist wichtig für die Erkrankten, ihre Medikamente nach den ärztlichen Verordnungen einzunehmen und sich auch über mögliche Wechsel- und Nebenwirkungen zu informieren, um gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen ergreifen zu können.

Eine kausale Behandlung der Tangier Krankheit ist bisher nicht möglich. Verschiedene gentechnische Therapien werden derzeit getestet, die vielleicht künftig Heilung dieser Krankheit versprechen. Betroffene sollten sich bei ihrem behandelnden Arzt über diese Möglichkeiten informieren, um unter Umständen an aktuellen Testprogrammen teilnehmen zu können.

Das können Sie selbst tun

Personen, die an der Tangier-Krankheit leiden, müssen in erster Linie diätetische Maßnahmen ergreifen. Es empfiehlt sich eine fettarme Ernährung und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Der Speiseplan sollte sich vor allem aus Rohkost und gesunden Lebensmitteln zusammensetzen. Genussmittel wie Alkohol, Nikotin oder Koffein gilt es ebenso zu meiden wie besonders schwere Speisen, die den Cholesterinspiegel erhöhen. Dazu zählen auch bestimmte Medikamente, die in Rücksprache mit dem Arzt abgesetzt werden müssen.

Daneben sind allgemeine Maßnahmen wie ausreichend Bewegung, viel Schlaf und die Vermeidung von Stress wichtig. Erkrankte Personen müssen zudem die verordneten Medikamente nach den Vorgaben des Arztes einnehmen und diesen über etwaige Neben- und Wechselwirkungen informieren, damit frühzeitig die notwendigen Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Zudem sollte Rücksprache mit weiteren Fachärzte gehalten werden, etwa Ernährungsmediziner und alternative Ärzte, welche die Behandlung der Schmerzen unterstützen können.

Die Tangier-Krankheit kann bis dato nicht kausal behandelt werden. Allerdings werden derzeit gentechnische Therapieformen getestet, welche zukünftig eine Heilung ermöglichen könnten. Betroffene Personen sollten mit ihrem Hausarzt über diese Möglichkeiten sprechen und gegebenenfalls an aktuellen Testprogrammen teilnehmen.

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Piper, W.: Innere Medizin. Springer, Berlin 2013

Dieser Artikel wurde unter Maßgabe der aktuellen medizinischen Fachliteratur und fundierter wissenschaftlicher Quellen verfasst.
Qualitätssicherung durch: Dr. med. Nonnenmacher
Letzte Aktualisierung am: 29. Juli 2020

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