Therapeutisches Reiten

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das Therapeutische Reiten ist kein einheitlicher Begriff, sondern umfasst verschiedene Angebotsformen, die alle eins gemeinsam haben, nämlich ein Pferd einzubeziehen.

Beim Therapeutischen Reiten kann es sich deshalb sowohl um die Hippotherapie als Krankengymnastik, das heilpädagogische Reiten sowie das heilpädagogische Voltigieren, aber auch im Bereich der therapeutischen Förderung mit dem Pferd um eine psychotherapeutische, ergotherapeutische oder logopädische Form der Therapie handeln. Zum Therapeutischen Reiten wird außerdem das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung gezählt; es ist kein Heilverfahren, sondern dient der sportlichen Teilhabe.

Die Angebote unterscheiden sich nicht nur in ihren Zielen, sondern auch darin, wer sie erbringt, in welchem Rahmen sie stattfinden und wie gut ihre Wirkung untersucht ist. Gemeinsam ist ihnen, dass nicht das reiterliche Können im Mittelpunkt steht, sondern das, was im Umgang mit dem Tier und in seiner Bewegung an Anregung entsteht. Wer nach Therapeutischem Reiten sucht, trifft deshalb auf sehr unterschiedliche Angebote, hinter denen ebenso unterschiedliche Berufe, Ausbildungen und Kostenregelungen stehen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Therapeutische Reiten?

Je nachdem, ob es sich beim Therapeutischen Reiten um die Hippotherapie, das heilpädagogische Reiten oder heilpädagogische Voltigieren oder aber eine der Therapieformen der Förderung mit dem Pferd handelt, spielen unterschiedliche Aspekte und Eigenschaften, die Pferde mit sich bringen, eine Rolle.

Pferde sind sehr empfindsame Wesen und spiegeln das Verhalten der Menschen, die mit ihnen umgehen. Wenn eher psychologische Aspekte beim Therapeutischen Reiten wichtig sind, ist diese Eigenschaft der Therapiepferde besonders wichtig. Geht es eher um körperliche Aspekte beim Therapeutischen Reiten, dann sind es eher die Schwingungen, die vom Pferderücken aus auf die Wirbelsäule des Reiters übertragen werden, die sich positiv auf die Muskulatur und den gesamten Bewegungsapparat der Patienten auswirken.

Je nach Art des Angebots beim Therapeutischen Reiten haben deshalb die Reittherapeuten auch unterschiedliche Ausbildungswege hinter sich. Sozialpädagogen, Pädagogen oder Erzieher mit der Zusatzqualifikation Reiten haben deshalb auch eine andere Qualifikation als Heilpädagogen oder Physiotherapeuten mit der Zusatzqualifikation Reiten. Wichtig sind außerdem die Ausbildung und das Wesen der Therapiepferde. Normalerweise sind Therapiepferde geduldig und ruhig, aber auch besonders menschenfreundlich und sensibel.

Die Bereiche unterscheiden sich vor allem darin, was mit dem Pferd geschieht. In der Hippotherapie reitet der Patient nicht im eigentlichen Sinn: Das Pferd wird im Schritt geführt, der Patient sitzt oder liegt auf ihm und lenkt es nicht. Die Bewegung des Pferderückens ist hier das eigentliche Behandlungsmittel, weshalb häufig auf einen Sattel verzichtet und stattdessen eine Decke mit Haltegriff verwendet wird – ein Sattel würde die Schwingungen dämpfen. Beim heilpädagogischen Reiten und Voltigieren steht dagegen die Beziehung im Vordergrund; hier wird geritten, geturnt, geführt und gepflegt, oft in kleinen Gruppen und über längere Zeiträume. Das Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung schließlich findet im Reitverein statt und folgt sportlichen, nicht therapeutischen Regeln.

Auch der Rahmen ist verschieden. Eine Hippotherapie wird ärztlich verordnet und einzeln durchgeführt; neben der Therapeutin oder dem Therapeuten wird eine Person gebraucht, die das Pferd führt, bei unsicherem Sitz zusätzlich eine Hilfsperson an der Seite. Heilpädagogische Angebote kommen häufig über Einrichtungen, Schulen oder Träger der Jugendhilfe zustande und sind auf mehrere Termine angelegt. Zur Ausstattung gehören je nach Angebot ein Voltigiergurt mit Griffen, ein Spezialsattel, eine Rampe oder Treppe zum Aufsteigen und ein Reithelm. Der Boden der Halle oder des Reitplatzes muss eben und trittsicher sein, weil der gleichmäßige Takt des Pferdes die Grundlage der Behandlung bildet.

Eine staatlich geregelte Ausbildung zum Reittherapeuten gibt es nicht; die Zusatzqualifikationen werden von Fachverbänden vergeben und setzen jeweils einen anerkannten Grundberuf voraus. Deshalb sagt die Bezeichnung allein noch wenig darüber aus, was ein Anbieter tatsächlich leisten kann: Eine Hippotherapie als krankengymnastische Behandlung setzt den entsprechenden Grundberuf voraus, während die heilpädagogischen Angebote an pädagogische und psychosoziale Grundberufe gebunden sind.

Für die Pferde bedeutet diese Arbeit etwas anderes als der übliche Reitbetrieb. Sie werden nicht nur auf Ruhe und Menschenfreundlichkeit ausgewählt, sondern auch auf einen gleichmäßigen, raumgreifenden Schritt und auf einen Rücken, der die Bewegung gut überträgt. Ihre Ausbildung zielt darauf, ungewohnte Reize gelassen hinzunehmen: unruhige Bewegungen auf dem Rücken, plötzliche Geräusche, Hilfsmittel wie Rollstühle und Rampen, wechselnde Begleitpersonen. Weil die Arbeit die Tiere fordert, werden sie in der Regel nur begrenzt eingesetzt und daneben normal geritten und bewegt.

Funktion, Wirkung & Ziele

Welche Verfahren beim Therapeutischen Reiten zur Anwendung kommen, kommt bei dieser Form der Behandlung auf die Ziele an. Bei der Hippotherapie steht die Behandlung von Bewegungsstörungen im Vordergrund. Häufig handelt es sich um spastische Lähmungen oder andere Formen von Lähmungen, die durch das Therapeutische Reiten behandelt werden.

Die Reittherapeutin oder der Reittherapeut haben in diesem Fall eine Grundausbildung als Physiotherapeuten oder eine ärztliche Approbation und sich zusätzlich in Bezug auf das Reiten und den Umgang mit dem Pferd qualifiziert. Die Patienten bekommen durch das Reiten ein besseres Gefühl für ihre Körpermitte, zu schlaffe Muskulatur kann sich so besser spannen, zu stark angespannte Muskulatur wiederum entspannen. Auch das Gefühl für die Balance wird durch die Reittherapie verbessert. Ganz andere Ziele werden beim heilpädagogischen Reiten und Voltigieren verfolgt. Es geht in dieser Therapieform um die Förderung der sozialen und psychischen Kompetenz der Patienten. Nicht nur das Reiten oder Voltigieren an sich sind wichtig bei dieser Therapieform, sondern auch der Umgang mit dem Pferd oder der Kontakt in der Therapiegruppe.

Das Medium Pferd fordert in diesem Fall alle Sinne der Patienten, und zwar emotional, körperlich, geistig sowie sozial. Die enge Beziehung zum Therapiepferd ist sehr wichtig bei dieser Therapieform. Das beginnt bereits beim Striegeln und der Pflege des Therapiepferdes. Der Patient lernt den Umgang mit dem Pferd, erlebt dabei tiefe emotionale Gefühle, die die Persönlichkeitsentwicklung fördern, erlebt aber auch über die körperliche Herausforderung Erfolge beim Reiten oder Voltigieren und erfährt wiederum im Umgang mit dem Therapeuten oder den anderen Mitgliedern der Gruppe soziale Herausforderungen und Erfolge. Fortgeschrittene Mitglieder in so einer Gruppe können bei Reiterspielen, Wanderritten, Geländeritten oder Showvorführungen sehr viel an Selbstbewusstsein dazugewinnen und sollen so nachhaltig in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gefördert werden.

Wichtig ist dabei, dass immer die individuelle Situation beim Therapieplan berücksichtigt wird. Besondere Therapieformen, die sich im Laufe der Zeit daraus entwickelt haben, sind die ergotherapeutische, logopädische und psychotherapeutische Förderung mit dem Pferd, bei denen ebenfalls die individuellen Probleme der Patienten über den Umgang mit dem Pferd gelöst werden können. Das Wesen der Therapiepferde, die beim Therapeutischen Reiten zum Einsatz kommen, richtet sich meistens nach den individuellen Problemen oder Fortschritten der Patienten.

Es kommt normalerweise nicht auf reiterliches Können an. Deshalb sind Therapiepferde auch meistens besonders ruhig und geduldig und reagieren besonders sensibel auf ihre Reiterinnen und Reiter. Bei fortgeschrittenen Patienten kann es aber auch Sinn machen, etwas temperamentvollere Tiere mit Ehrgeiz anzubieten, mit denen die dann gewünschten Erfolge beim Wettkampf gut zu erreichen sind, was sich positiv auf das Selbstbewusstsein der Patienten auswirkt.

Wie eine Einheit abläuft, hängt ebenfalls vom Angebot ab. Vor der ersten Hippotherapie steht ein Vorgespräch, in dem Diagnose, Vorbefunde und Ziele geklärt werden und in dem geprüft wird, ob das Sitzen auf dem Pferd überhaupt in Frage kommt. Aufgestiegen wird über eine Rampe oder eine Treppe, häufig mit Unterstützung. Danach wird das Pferd im Schritt geführt, während die Therapeutin oder der Therapeut den Sitz beobachtet und korrigiert; je nach Ziel wechseln die Positionen auf dem Pferderücken, etwa vom aufrechten Sitz zum Sitz entgegen der Bewegungsrichtung oder zum Liegen auf dem Rücken des Tieres. Weil das Sitzen ohne Sattel und ohne Zügel anstrengend ist, fallen die Einheiten deutlich kürzer aus als eine Reitstunde und enden, bevor die Ermüdung die Haltung verschlechtert.

Eine heilpädagogische Einheit beginnt dagegen meist am Boden. Das Pferd wird von der Weide oder aus der Box geholt, geputzt, gefüttert und geführt; erst danach – und nicht in jeder Stunde – wird geritten oder voltigiert. Gerade die Aufgaben am Boden sind Teil der Förderung, weil sie Absprachen, Rücksicht und Ausdauer verlangen und weil das Tier auf das Verhalten seines Gegenübers unmittelbar reagiert. Ein Pferd, das sich abwendet oder stehen bleibt, gibt eine Rückmeldung, die niemand als Kritik werten kann.

Angeboten wird das Therapeutische Reiten unter anderem bei Bewegungsstörungen nach frühkindlicher Hirnschädigung, bei Multipler Sklerose, nach einem Schlaganfall und bei Haltungsschwächen, im heilpädagogischen Bereich außerdem bei Entwicklungsverzögerungen, bei Aufmerksamkeitsstörungen, bei Verhaltensauffälligkeiten und bei Kindern und Jugendlichen, die nach belastenden Erfahrungen nur schwer Zugang zu Gesprächsangeboten finden. Es tritt dabei jeweils neben die eigentliche Behandlung und ersetzt sie nicht.

Wie gut die einzelnen Formen wirken, ist unterschiedlich gut untersucht. Für die Hippotherapie bei Kindern mit einer Zerebralparese, einer frühkindlichen Hirnschädigung mit spastischen Lähmungen, liegen kontrollierte Studien vor, die eine Verbesserung von Rumpfkontrolle und Gleichgewicht zeigen. Für die heilpädagogischen Angebote beruhen die beschriebenen Wirkungen dagegen überwiegend auf Erfahrungsberichten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten des Therapeutischen Reitens in der Regel nicht.

Auch die Kostenfrage fällt je nach Angebot unterschiedlich aus. Die Hippotherapie ist nicht als Heilmittel in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aufgenommen; eine ärztliche Verordnung begründet deshalb für sich genommen noch keinen Anspruch auf Erstattung. Einzelne Kassen beteiligen sich auf Antrag im Einzelfall oder über freiwillige Zusatzleistungen, private Versicherungen und Beihilfestellen entscheiden nach den jeweiligen Vertrags- und Verwaltungsbestimmungen. Für heilpädagogische Angebote kommen im Einzelfall andere Kostenträger in Betracht, etwa dann, wenn das Reiten Bestandteil eines Hilfeplans ist. Weil die Preise frei kalkuliert werden und sich zwischen den Anbietern deutlich unterscheiden, wird die Kostenfrage üblicherweise vor dem ersten Termin geklärt.

Was die Wirksamkeit angeht, sind der Aussagekraft der vorliegenden Untersuchungen Grenzen gesetzt. Die Gruppen sind meist klein, die Behandlungen unterschiedlich beschrieben, und eine Verblindung ist bei einem Verfahren, an dem ein Pferd beteiligt ist, kaum möglich. Hinzu kommt, dass die Angebote mehrere Wirkfaktoren mischen: die Bewegung selbst, die Zuwendung durch das Tier, den Aufenthalt im Freien und die Gruppe. Welcher Anteil eines beobachteten Nutzens auf welchen dieser Faktoren entfällt, lässt sich daraus nicht ablesen. Im heilpädagogischen Bereich fällt das besonders ins Gewicht, weil dort schon die Ziele – Selbstbewusstsein, soziale Kompetenz, Zutrauen in die eigene Wirksamkeit – schwerer zu messen sind als Rumpfkontrolle oder Gleichgewicht.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Pferde, die zum Therapeutischen Reiten eingesetzt werden, sind in der Regel gut versichert, sollte es einmal zu einem Unfall kommen. Dennoch kann auch die beste Versicherung nicht verhindern, dass es bei diesem Sport doch einmal zu einem Unfall kommen kann, der auch Folgen nach sich ziehen kann. Pferde sind Lebewesen und als solche nicht immer berechenbar.

Auch ein sehr ruhiges Pferd kann sich einmal erschrecken und deshalb unkontrolliert bewegen. So kann es beispielsweise beim Reiten oder Voltigieren durchaus auch zu einem Sturz vom Pferd kommen. Durch die Spezialausbildung der Therapiepferde ist das allerdings sehr selten der Fall. Genauso verhält es sich beim reinen Umgang mit dem Pferd. Auch bei sehr viel Umsicht seitens der Therapeuten und sehr ruhigen Tieren kann sich ein Therapiepferd sogar beim Führen von der Weide oder dem Stall zum Reitplatz oder in die Reithalle und zurück sowie beim Striegeln erschrecken. Die positiven Aspekte überwiegen zwar normalerweise bei dieser Therapieform. Dennoch sollte an die Möglichkeit eines Unfalls gedacht werden.

Zu den üblichen Vorkehrungen gehört deshalb eine Reihe von Selbstverständlichkeiten des Reitbetriebs: ein passender Reithelm, festes Schuhwerk, der Aufstieg über Rampe oder Treppe statt aus dem Stand, ausreichend Abstand zu anderen Pferden und eine klare Aufgabenverteilung zwischen Therapeut, Pferdeführer und Seitenhelfern. Bei unsicherem Sitz wird zusätzlich auf beiden Seiten gesichert. Voltigiergurte und Griffe geben dabei Halt, ohne den Reiter am Pferd zu fixieren – angebunden oder festgeschnallt wird niemand, weil er sich bei einem Sturz sonst nicht lösen könnte.

Nicht jeder kann auf ein Pferd. Gegen eine Hippotherapie können unter anderem eine ausgeprägte Knochenbrüchigkeit, frische Brüche oder Operationen, akute Entzündungen an Wirbelsäule und Hüftgelenken, eine instabile Hüfte und starke Schmerzen im Becken sprechen; ob im Einzelfall behandelt werden kann, klärt die verordnende Ärztin oder der verordnende Arzt. Eine Allergie gegen Pferdehaare oder gegen Heu- und Stallstaub kann die Teilnahme ebenfalls einschränken, weil sich der Kontakt in Stall und Halle nicht vermeiden lässt.

Neben den Unfällen mit dem Tier stehen die stilleren Risiken der Überforderung. Wer Angst vor großen Tieren hat, erlebt die Situation nicht als Förderung, sondern als Belastung; und wer auf dem Pferderücken über seine Kräfte hinaus gehalten wird, sitzt am Ende schlechter als zu Beginn. Auch der häufigere Teil der Verletzungen entsteht nicht im Sattel, sondern am Boden: Tritte, Quetschungen zwischen Pferd und Wand oder eingeklemmte Finger am Führstrick ereignen sich beim Putzen, Führen und Anbinden. Der Umgang mit dem Tier wird deshalb von Anfang an angeleitet und nicht als Nebensache behandelt.

Quellen

  • Zimmer, R., Tieste, K., Zimmer, H.: Handbuch Psychomotorik.
    ISBN: 9783451819100
  • Crevenna, R. (Hrsg.): Kompendium Physikalische Medizin und Rehabilitation.
    ISBN: 9783662490341
  • Seidel, E. J., Best, N. (Hrsg.): Physikalische und rehabilitative Medizin.
    ISBN: 9783948442606
  • Streeck, U., Focke, J., Melzer, C., et al.: Manuelle Therapie und komplexe Rehabilitation.
    ISBN: 9783662488027
  • Hossner, E.-J., Künzell, S.: Einführung in die Bewegungswissenschaft.
    ISBN: 9783785318492

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