Kognitive Verhaltenstherapie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist eine der am häufigsten praktizierten Methoden der Psychotherapie. Sie vereint die klassische Verhaltenstherapie und die kognitive Therapie und gehört zu den am besten erforschten Psychotherapieverfahren.
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Was ist die kognitive Verhaltenstherapie?
Der Begriff „kognitiv“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „erkennen“. Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine von verschiedenen Formen der Verhaltenstherapie. Im Gegensatz zur Psychoanalyse, bei der es darum geht, die Beweggründe und das Verhalten eines Menschen über das Unbewusste zu entschlüsseln, basiert die Verhaltenstherapie auf dem behavioristischen Ansatz, dass sämtliche Verhaltensmuster eines Menschen erlernt wurden und somit auch wieder verlernt oder durch bessere Verhaltensmuster ersetzt werden können.
Schon der antike griechische Philosoph Epiktet wusste: "Es sind nicht die Dinge, die uns unglücklich machen, es ist unsere Sicht der Dinge". Dementsprechend hat die kognitive Verhaltenstherapie zum Ziel, schädliche Gedanken und Überzeugungen herauszufinden und durch hilfreichere zu ersetzen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Der Klient muss dabei sehr aktiv mitarbeiten und zwischen den Sitzungen die in der Therapie erarbeiteten Verhaltensweisen aktiv in seinem Alltag einüben. Bei schwereren Depressionen oder einer Angstproblematik ist er dabei sehr gefordert und kann mitunter an seine Grenzen kommen. Manchmal sind zu Beginn der Therapie Medikamente zur Linderung der schlimmsten Symptome notwendig, um ein Handeln im Rahmen der Verhaltenstherapie überhaupt zu ermöglichen. Die kognitive Verhaltenstherapie ist besonders geeignet zur Bewältigung von ganz konkreten Problemen. Die Gründe für diese sind dabei erst einmal sekundär.
Die Chemie zwischen Psychotherapeut und Klient muss stimmen, damit eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gelingen kann. Im Erstgespräch schildert der Klient seine Probleme und formuliert Wünsche und Erwartungen an die Therapie. Basierend auf diesen werden gemeinsam Behandlungsziele festgelegt und ein Therapieplan erstellt, der im Verlauf der Therapie bei Bedarf geändert werden kann. Damit der Therapeut schädliche Denkmuster erkennen kann, ist es wichtig, dass der Klient eine Zeit lang seine Gedanken aufschreibt, z. B. als Tagebuchaufzeichnungen.
Anschließend betrachten Therapeut und Klient gemeinsam, ob der Klient eine angemessene, realistische Einschätzung der Dinge hat, was passiert, wenn er sich einmal anders als normalerweise üblich verhält, ob er Fortschritte macht und wo ggf. Probleme auftreten. Es werden auch Entspannungsübungen und Problembewältigungsstrategien eingeübt, die der Klient zu Hause anwenden kann. Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den lösungsorientierten Kurzzeitverfahren. Die Dauer ist individuell verschieden.
Manche Klienten spüren schon nach ein paar Sitzungen eine wesentliche Besserung, bei anderen kann es ein paar Monate dauern. Lange Zeit bezahlten die gesetzlichen Krankenkassen bei einer Kurzzeittherapie bis zu 25 Sitzungen. Nach heutigem Stand der Psychotherapie-Richtlinie wird die Kurzzeittherapie nicht mehr in einem Block, sondern in zwei aufeinanderfolgenden Abschnitten bewilligt; reicht sie nicht aus, kann anschließend eine Langzeittherapie beantragt werden. Eine Sitzung dauert 50 Minuten, die Sitzungen finden meist einmal pro Woche statt. Zu Beginn stehen eine psychotherapeutische Sprechstunde und probatorische Sitzungen, in denen Psychotherapeut und Klient prüfen, ob sie zusammenarbeiten können. Anschließend wird bei der Krankenkasse der Antrag auf Kostenübernahme gestellt. Kognitive Verhaltenstherapien werden in psychotherapeutischen Praxen, Kliniken und Reha-Einrichtungen durchgeführt und als Einzel- oder Gruppentherapien angeboten, je nach Problematik.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die kognitive Verhaltenstherapie gehört zu den am besten erforschten Psychotherapieverfahren und ihre Wirksamkeit ist besonders bei leichten und mittleren Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen nachgewiesen. Besonders vorteilhaft ist, dass sich mit Hilfe der kognitiven Verhaltenstherapie nach verhältnismäßig kurzer Dauer messbare Erfolge erzielen lassen. Dazu sind aber bestimmte Voraussetzungen notwendig.
Dieses Verfahren erfordert die aktive Mitarbeit des Klienten und funktioniert nicht bei Klienten, die eine Zusammenarbeit mit dem Therapeuten ablehnen und sich weigern, eine Situation anders zu betrachten. Wenn sich der Klient eher als Opfer sieht und sein Glück davon abhängig macht, dass ihm jemand oder etwas das bietet, wird ihm die Verhaltenstherapie nicht viel bringen. Bei schwerwiegenden psychischen Störungen, etwa bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, reicht eine kurze Behandlung in der Regel nicht aus; hier werden längere und eigens auf das Trauma zugeschnittene Formen der Verhaltenstherapie eingesetzt.
Da der Klient aktiv mitarbeiten muss, braucht er eine halbwegs stabile Psyche, was bei schweren Störungen mitunter erst durch Medikamente erreicht werden kann. Wichtig ist es, vor einer Therapie genau zu prüfen, auf welchem Weg die Störung am besten behandelbar ist. Wenn Medikamente verabreicht werden müssen, um eine Therapiefähigkeit zu erreichen, muss auch geprüft werden, ob die erarbeiteten Verhaltensänderungen auch nach dem Absetzen der Medikamente weiter Bestand haben können.
Generell muss man bei einer Verhaltenstherapie berücksichtigen, dass nicht allein eine Heilung für den Therapieerfolg maßgebend ist, sondern dass ein Therapieerfolg auch darin bestehen kann, mit dem Problem in der Zukunft besser sein Leben bestreiten zu können. Letztlich kann keine Psychotherapiemethode einen Erfolg garantieren, weil man in der Arbeit mit Menschen nicht vorhersehen kann, was sich im Laufe einer Psychotherapie ergibt.
Wurzeln und Entwicklung
Die kognitive Verhaltenstherapie ist aus zwei Strängen zusammengewachsen, die zunächst wenig miteinander zu tun hatten. Der ältere Strang ist die Lernpsychologie. Der russische Physiologe Iwan P. Pawlow beschrieb, wie ein ursprünglich bedeutungsloser Reiz durch wiederholte Kopplung eine Reaktion auslösen kann – das Prinzip der klassischen Konditionierung. Der US-amerikanische Psychologe Burrhus F. Skinner untersuchte, wie Verhalten durch seine Folgen geformt wird: Was belohnt wird, tritt häufiger auf, was folgenlos bleibt, verschwindet allmählich. Aus diesen Befunden entstanden in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die ersten Behandlungsverfahren, etwa die von Joseph Wolpe eingeführte systematische Desensibilisierung, bei der angstauslösende Situationen in kleinen Schritten und in entspanntem Zustand aufgesucht werden.
Diese frühe Verhaltenstherapie beschränkte sich bewusst auf beobachtbares Verhalten. Was zwischen Reiz und Reaktion im Kopf geschah, galt als nicht zugänglich und wurde ausgeklammert. Genau daran setzte die Kritik an, die ab den 1960er Jahren zur sogenannten kognitiven Wende führte.
Zwei Namen stehen dafür. Der US-amerikanische Psychiater Aaron T. Beck entwickelte in der Arbeit mit depressiven Patienten die kognitive Therapie: Ihm fiel auf, dass seine Patienten einen fortlaufenden Strom abwertender Gedanken über sich, ihre Umwelt und ihre Zukunft mit sich trugen, und dass diese Gedanken die Stimmung nicht nur begleiteten, sondern aufrechterhielten. Etwa zur gleichen Zeit begründete der US-amerikanische Psychologe Albert Ellis die Rational-Emotive Therapie, die den Gedanken in den Mittelpunkt stellt, dass nicht die Ereignisse selbst die Gefühle erzeugen, sondern die starren Forderungen, die ein Mensch an sich und die Welt richtet. Der eingangs zitierte Satz Epiktets steht am Anfang dieser Denklinie.
In den folgenden Jahrzehnten wuchsen beide Stränge zusammen. Heute gilt als selbstverständlich, dass Gedanken, Gefühle und Verhalten sich gegenseitig beeinflussen und dass eine Behandlung an allen drei Stellen ansetzen kann. Der Name kognitive Verhaltenstherapie hält diese doppelte Herkunft fest.
Das kognitive Modell
Das Modell, das der Behandlung zugrunde liegt, lässt sich in einer Kette darstellen: Auf eine Situation folgt eine blitzschnelle, meist unbemerkte Bewertung; aus der Bewertung entstehen ein Gefühl und eine körperliche Reaktion; daraus wiederum ein Verhalten, das seinerseits Folgen hat. Diese Folgen bestätigen häufig die ursprüngliche Bewertung, und der Kreis schließt sich.
Ein Beispiel macht das anschaulich. Zwei Menschen erhalten auf eine Nachricht keine Antwort. Der eine denkt, der andere habe wohl viel zu tun, und wendet sich seinem Tag zu. Der andere denkt, er falle zur Last, empfindet Scham, schreibt nicht mehr und zieht sich zurück – woraufhin die Kontakte tatsächlich weniger werden, was er als Bestätigung liest. Die Situation war dieselbe, die Bewertung nicht.
Unterschieden werden dabei mehrere Ebenen. An der Oberfläche liegen die automatischen Gedanken, die einem Menschen unwillkürlich durch den Kopf gehen. Darunter liegen Regeln und Annahmen, oft in Wenn-dann-Form: Wenn ich einen Fehler mache, bin ich nichts wert. Ganz unten liegen Grundüberzeugungen über die eigene Person, über andere Menschen und über die Welt, die früh entstanden sind und selten hinterfragt werden.
In der Behandlung werden wiederkehrende Denkmuster benannt, die vielen Menschen vertraut vorkommen: das Denken in Schwarz und Weiß ohne Zwischentöne; das Verallgemeinern eines einzelnen Ereignisses zu einer Regel; das Ausmalen der schlimmstmöglichen Folge; das vermeintliche Wissen darüber, was andere gerade denken; das Herausgreifen der negativen Einzelheit aus einem insgesamt guten Verlauf; das Beziehen fremden Verhaltens auf die eigene Person.
Zwei Missverständnisse räumt die Behandlung dabei regelmäßig aus. Erstens geht es nicht darum, positiv zu denken, sondern darum, Bewertungen an der Wirklichkeit zu prüfen – auch das Ergebnis, dass eine Sorge berechtigt ist, ist ein brauchbares Ergebnis. Zweitens gelten die Gedanken nicht als Ursache im Sinne einer Schuld: Niemand hat sich seine Denkmuster ausgesucht.
Eine besondere Rolle spielt das Vermeiden. Wer einer gefürchteten Situation ausweicht, fühlt sich unmittelbar erleichtert. Langfristig aber bleibt die Erfahrung aus, dass die Befürchtung nicht eintritt, und die Angst festigt sich. Dieses Muster erklärt, warum bei Angst- und Zwangsstörungen das schrittweise Aufsuchen des Gefürchteten ein zentraler Bestandteil der Behandlung ist.
Bausteine der Behandlung
Am Anfang steht die Verhaltensanalyse. Gemeinsam wird für eine konkrete Problemsituation herausgearbeitet, was ihr vorausging, wie der Betroffene reagierte und welche kurz- und welche langfristigen Folgen sich daraus ergaben. Der Unterschied zwischen kurzfristiger Erleichterung und langfristigem Nachteil ist dabei oft der Schlüssel. Ergänzt wird diese Betrachtung um die Lebensumstände, die körperliche Verfassung und die Fähigkeiten, die der Betroffene mitbringt.
Ein zweiter Baustein ist die Psychoedukation: Der Patient erhält eine verständliche Erklärung dessen, was bei seiner Erkrankung geschieht und warum die vorgeschlagenen Schritte helfen sollen. Wer versteht, warum Anspannung im Körper entsteht oder warum Rückzug die Stimmung weiter senkt, arbeitet leichter mit.
Zur Überprüfung von Bewertungen dient das geleitete Fragen, das in der Fachsprache sokratischer Dialog heißt. Der Therapeut belehrt nicht, sondern stellt Fragen, die den Patienten seine eigenen Schlüsse ziehen lassen: Woran würden Sie merken, dass es so ist? Was spricht dagegen? Was würden Sie einem Freund in dieser Lage sagen? Daraus entstehen Verhaltensexperimente, bei denen eine Befürchtung in eine überprüfbare Vorhersage übersetzt und dann im Alltag erprobt wird.
Bei Angst- und Zwangsstörungen kommt die Konfrontationstherapie hinzu, das begleitete Aufsuchen der gefürchteten Situation, bei Zwängen verbunden mit dem Verzicht auf das gewohnte Ritual. Solche Übungen werden sorgfältig vorbereitet, erklärt und in den ersten Schritten vom Therapeuten begleitet; sie sind nichts, was man ohne fachliche Anleitung mit sich selbst unternehmen sollte.
Bei Depressionen steht häufig der Aufbau von Aktivitäten am Anfang, also die schrittweise Rückkehr zu Tätigkeiten, die früher angenehm waren oder als bedeutsam erlebt wurden – nicht weil sie sofort Freude machen, sondern weil der Rückzug selbst die Stimmung weiter drückt. Hinzu kommen je nach Beschwerdebild ein Problemlösetraining, Übungen zum Verhalten in sozialen Situationen und begleitende Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelentspannung oder das autogene Training.
Den Abschluss bildet die Rückfallvorsorge. Besprochen wird, an welchen Anzeichen der Patient eine beginnende Verschlechterung erkennt, welche Schritte ihm geholfen haben und an wen er sich wenden kann. Das erklärte Fernziel der kognitiven Verhaltenstherapie ist, dass der Patient die Arbeitsweise so weit übernimmt, dass er sie später allein anwenden kann.
Weiterentwicklungen, Berufsbilder und Rahmen
Seit den 1990er Jahren hat sich das Verfahren nochmals erweitert. Unter dem Schlagwort der dritten Welle sind Ansätze entstanden, die weniger darauf zielen, belastende Gedanken zu verändern, als darauf, ihnen anders zu begegnen: sie wahrzunehmen, ohne sofort auf sie zu reagieren. Achtsamkeitsübungen, Arbeit an persönlichen Werten und an der Steuerung starker Gefühle haben auf diesem Weg Eingang gefunden, ebenso Programme für Beschwerdebilder, die der klassischen Verhaltenstherapie schwer zugänglich waren. Ob diese Ansätze den älteren überlegen sind, ist Gegenstand der fachlichen Diskussion.
In Deutschland ist die Verhaltenstherapie eines der Verfahren, für die die gesetzlichen Krankenkassen eine ambulante Psychotherapie bezahlen. Daneben stehen die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die systemische Therapie, die inzwischen ebenfalls dazugehört. Welches Verfahren im Einzelfall das passende ist, hängt vom Beschwerdebild, von den Vorlieben des Patienten und vom Angebot vor Ort ab.
Für Laien lohnt es sich, die Berufsbezeichnungen auseinanderzuhalten. Ein Psychologe hat Psychologie studiert; das allein berechtigt nicht zur Behandlung von Krankheiten. Wer eigenverantwortlich Psychotherapie ausübt, ist Psychotherapeut mit staatlicher Zulassung – entweder mit einem psychologischen oder mit einem ärztlichen Ausbildungsweg, für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einer eigenen Qualifikation. Ein Psychiater ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Medikamente verordnen, krankschreiben und eine Krankenhausbehandlung veranlassen kann nur, wer Arzt ist; ein psychologischer Psychotherapeut kann das nicht. Werden, wie im Artikel beschrieben, zu Beginn Medikamente eingesetzt, geschieht das deshalb in ärztlicher Verantwortung, während die Psychotherapie parallel weiterläuft.
Angeboten wird die kognitive Verhaltenstherapie in Praxen, in Ambulanzen von Ausbildungsinstituten, in Kliniken und in der Rehabilitation. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren begleitende digitale Programme, die auf ärztliche oder psychotherapeutische Verordnung genutzt werden können und die Inhalte des Verfahrens in Übungsform anbieten; sie sind als Ergänzung gedacht und ersetzen die Behandlung durch einen Menschen nicht.
Quellen
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie.
ISBN: 9783662549117
- Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual - Erwachsene.
ISBN: 9783662622971
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Psychologische Therapie bei Indikationen im Erwachsenenalter.
ISBN: 9783662549087
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432673
- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
ISBN: 9783662618134
