Tyrosinämie Typ I

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Als Tyrosinämie Typ I wird eine angeborene Stoffwechselerkrankung bezeichnet. Sie tritt nur sehr selten auf.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Tyrosinämie Typ I?

Tyrosinaemie Typ I
Lange Zeit stützte sich die Erkennung der Tyrosinämie Typ I auf den Tyrosinspiegel im Blut. Mit diesem Verfahren ließen sich jedoch nur etwa 90 Prozent aller erkrankten Kinder ermitteln. Heute wird im Neugeborenenscreening Succinylaceton bestimmt, das die Erkrankung zuverlässiger anzeigt.
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Die Tyrosinämie Typ I zählt zur Gruppe der Tyrosinämien. Sie trägt auch die Bezeichnungen Hypertyrosinämie Typ I oder hepato-renale Tyrosinämie. Die seltene angeborene Stoffwechselerkrankung zeigt sich bei einem von 100.000 neugeborenen Kindern.

Ihre Vererbung erfolgt autosomal-rezessiv. Durch einen Defekt an einem Enzym bilden sich beim Abbauvorgang der Aminosäure Tyrosin schädliche Stoffwechselprodukte. In erster Linie werden bei dieser Erkrankung die Nieren sowie die Leber in Mitleidenschaft gezogen. Das Auftreten der Tyrosinämie Typ I zeigt sich bereits bei Babys oder Kleinkindern.

Ursachen

Verursacht wird die Tyrosinämie Typ I durch eine Mutation auf dem Chromosom 15. Diese Mutation ruft einen Mangel an dem Enzym Fumarylacetoacetase (FAH oder FAA) hervor. Das FAH-Enzym katalysiert im Rahmen des Abbaustoffwechsels des Tyrosins die beiden Endprodukte Fumarsäure und Acetessigsäure. Aufgrund der Mutation kommt es jedoch zur Entstehung von Succinylacetoacetat, Succinylaceton und Maleylacetoacetat, die eine Schädigung der Zellen in den Nieren, der Leber sowie im Gehirn hervorrufen.

Des Weiteren wird die Funktionstüchtigkeit des Enzyms 5-Aminolävulinsäure-Dehydratase durch den Fehlmetaboliten Succinylaceton beeinträchtigt. Dies hat eine Schädigung der Nerven zur Folge und führt zu Attacken, die einer Porphyrie ähneln. Das FAH-Gen, das von der Erkrankung betroffen ist, setzt sich aus 35.000 Basenpaaren zusammen. Darüber hinaus wird eine mRNA aus 1260 Basenpaaren kodiert. Die häufigste Mutation, die sich bei der Tyrosinämie Typ I zeigt, ist ein Austausch der Nukleinbase Guanin gegen die Base Adenin, wodurch die mRNA fehlerhaft spleißt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Tyrosinämie Typ I gilt es, zwischen einer akuten und einer chronischen Verlaufsform zu unterscheiden. Zeigt sich die früheste Form, tritt diese 15 Tage bis 3 Monate nach der Geburt des betroffenen Kindes ein, wobei es zu einer Leberzellnekrose und Leberversagen kommt. Die erkrankten Babys leiden unter Gelbsucht, Durchfall, Erbrechen, Ödemen, Aszites, einer Hypoglykämie sowie Blutungen im Magen-Darm-Bereich. Eine gefürchtete Komplikation ist die Blutvergiftung (Sepsis).

Das akute Versagen der Leber stellt bei etwa 80 Prozent aller erkrankten Kinder die Erstmanifestation der Tyrosinämie Typ I dar. Die chronische Form führt im Laufe der Zeit zu einem Leberschaden und einer Leberzirrhose. Darüber hinaus besteht die erhöhte Gefahr eines Leberzellkarzinoms. Diese Krankheit zeigt sich zumeist im Alter von 15 bis 25 Monaten.

Auch die Nieren werden durch die Tyrosinämie Typ I geschädigt. Dies macht sich durch ein Versagen der Nierentubuli bemerkbar. Im Bereich des Möglichen sind Schäden an den Nierenkörperchen sowie der Zusammenbruch der Nierenfunktion. Des Weiteren kann es zu einer renal-tubulären Azidose und einer Vergrößerung der Nieren kommen.

Die Tyrosinämie Typ I hat auch neurologische Schäden zur Folge. So leiden die betroffenen Kinder unter einem erhöhten Muskeltonus, schmerzhaften Missempfindungen, einer erhöhten Herzfrequenz sowie einem Darmverschluss. Im Anschluss an eine kurze Erholungsphase breitet sich eine Lähmung auf den ganzen Körper aus.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Lange Zeit stützte sich die Erkennung der Tyrosinämie Typ I auf den Tyrosinspiegel im Blut. Mit diesem Verfahren ließen sich allerdings nur etwa 90 Prozent aller erkrankten Kinder ermitteln; bei den übrigen 10 Prozent steigt der Aminosäurespiegel erst später an. In Deutschland gehört die Bestimmung von Succinylaceton seit dem 16. März 2018 zum erweiterten Neugeborenenscreening; sie gilt heute als der maßgebliche Parameter für die Tyrosinämie Typ I und erfasst die Erkrankung zuverlässiger als der Tyrosinspiegel allein. Auch in den USA werden Succinylaceton, 5-Aminolävulinsäure und Methionin bestimmt.

Im Rahmen der Pränataldiagnostik lässt sich das Succinylaceton aus dem Blut der Nabelschnur bestimmen, indem eine Nabelschnurpunktion durchgeführt wird. Eine weitere Option ist die Bestimmung der Aktivität des FAH-Enzyms innerhalb von Chorionzellen oder Amniozyten. Da die Tyrosinämie Typ I eine sehr seltene Krankheit ist, lässt sich nur wenig über einen längeren Verlauf der Krankheit sagen. Erfolgt eine frühzeitige Behandlung, ist die Prognose meist positiv.

Komplikationen

Bei der Tyrosinämie Typ I handelt es sich um eine sehr schwerwiegende Erkrankung, die im schlimmsten Fall zum Tod des Kindes führen kann. Unbehandelt versterben die Kinder häufig schon einige Wochen oder Monate nach der Geburt. Der weitere Verlauf hängt allerdings sehr stark von der genauen Ausprägung der Erkrankung ab.

Die Betroffenen leiden dabei an akutem Leberversagen und dadurch an Gelbsucht oder an einem starken Durchfall. Auch Erbrechen oder schwere Blutungen im Bereich des Magens oder des Darms treten durch die Tyrosinämie Typ I auf und wirken sich sehr negativ auf die Lebensqualität des Patienten aus. Das Leberversagen ist unbehandelt die häufigste Todesursache.

Weiterhin kommt es zu einem erhöhten Puls und zu verschiedenen Missempfindungen. Auch ein Darmverschluss kann durch die Tyrosinämie Typ I auftreten und ebenso im schlimmsten Falle zum Tode des Patienten führen. Die Behandlung der Tyrosinämie Typ I erfolgt mit Hilfe von Medikamenten und operativen Eingriffen.

Über den weiteren Verlauf der Erkrankung kann keine allgemeine Vorhersage getroffen werden. Die Lebenserwartung der Betroffenen ist allerdings deutlich eingeschränkt. Auch die Eltern und Angehörigen der betroffenen Kinder leiden bei der Erkrankung an starken psychischen Belastungen und benötigen daher auch eine psychologische Behandlung.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei der Tyrosinämie Typ I ist der Betroffene auf eine Behandlung durch einen Arzt angewiesen. Es kann bei dieser Krankheit nicht zu einer selbstständigen Heilung kommen, sodass eine Behandlung durch einen Arzt immer notwendig ist. Da es sich bei der Tyrosinämie Typ I um eine genetisch bedingte Krankheit handelt, sollte bei einem Kinderwunsch eine genetische Beratung durchgeführt werden, um das Wiederholungsrisiko für weitere Kinder einschätzen zu lassen. Schon bei den ersten Anzeichen und Symptomen der Krankheit ist ein Arzt aufzusuchen.

Der Arzt ist bei der Tyrosinämie Typ I dann zu kontaktieren, wenn der Patient an Durchfall, Erbrechen und an einer Gelbsucht leidet. Weiterhin können auch Blutungen im Bereich des Magens auf die Krankheit hindeuten. Auch Missempfindungen oder eine erhöhte Herzfrequenz können auf die Krankheit hindeuten. Die Tyrosinämie Typ I kann durch einen Kinderarzt oder durch einen Allgemeinarzt erkannt werden. Die weitere Behandlung richtet sich nach der genauen Ausprägung der Beschwerden. In vielen Fällen ist durch diese Krankheit auch die Lebenserwartung des Betroffenen verringert. Bei akuter Atemnot, einer sich ausbreitenden Lähmung, Bewusstlosigkeit oder starken Blutungen müssen Angehörige sofort den Notruf 112 wählen.

Behandlung & Therapie

Zur Behandlung der Tyrosinämie Typ I kommt das Medikament NTBC (Nitisinon) zum Einsatz. Durch das Nitisinon wird das Enzym 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxigenase blockiert. Dieses übernimmt innerhalb des Tyrosinstoffwechsels die Aufgabe, einen frühen Abbauschritt zu katalysieren. Auf diese Weise sind keine Substrate mehr verfügbar, die toxische Metaboliten bilden. Bei etwa 90 Prozent aller erkrankten Babys und Kleinkinder zeigt das Arzneimittel eine positive Wirkung.

Sogar im Stadium eines akuten Leberversagens ist eine Besserung zu verzeichnen. Durch die Bestimmung des Succinylacetons lässt sich der Erfolg der Behandlung kontrollieren. Allerdings kann durch die medikamentöse Therapie das Entstehen eines Leberzellkarzinoms nicht verhindert werden. So kommt es trotz Therapie mitunter zum Auftreten von Leberkrebs. Einen weiteren wichtigen Bestandteil der Behandlung bildet eine spezielle Diät. Sie hat zum Ziel, das Entstehen von Tyrosin im Körper weitgehend zu unterbinden. Für die Diät bekommt das Kind Nahrung, die weder Tyrosin noch Phenylalanin enthält.

Außerdem ist sie hochkalorisch. Durch den hohen Nährwert ist es möglich, katabolischen Zuständen entgegenzuwirken. Außerdem kann kein Tyrosin im Körper mehr durch eine Zufuhr von außen freigesetzt werden. Im Anschluss an diese Spezialdiät erhält das Kind normale Lebensmittel, in denen nur wenig Tyrosin und Phenylalanin vorkommen. Die Mahlzeiten werden regelmäßig und in gleichen Mengen über den Tag verteilt.

Eine weitere Therapieoption stellt eine Transplantation der Leber dar. Sie gelangt zum Einsatz, wenn das NTBC bei den Patienten keine Wirkung zeigt, was bei etwa 10 Prozent aller Kinder der Fall ist.


Vorbeugung

Da es sich bei der Tyrosinämie Typ I um eine angeborene Erbkrankheit handelt, gibt es keine wirkungsvollen Vorbeugemaßnahmen.

Nachsorge

Betroffenen stehen bei einer Tyrosinämie Typ I in den meisten Fällen nur wenige und in der Regel auch nur sehr eingeschränkte Maßnahmen einer direkten Nachsorge zur Verfügung. Diese sollten aus diesem Grund schon frühzeitig einen Arzt aufsuchen, damit weitere Komplikationen oder Beschwerden durch diese Krankheit verhindert werden können. Eine Selbstheilung kann nicht eintreten, sodass schon bei den ersten Anzeichen oder Symptomen ein Arzt kontaktiert werden sollte.

In einigen Fällen kann es durch die Tyrosinämie Typ I zu Infektionen oder zu Entzündungen an den Harnwegen oder an den Nieren kommen, sodass dabei die Behandlung mit Hilfe von Antibiotika notwendig ist. Allerdings kann die Krankheit nicht immer vollständig geheilt werden, sodass der Betroffene auch nach einem Eingriff dauerhaft auf ärztliche Kontrollen angewiesen bleibt.

Dabei ist der weitere Verlauf stark vom Zeitpunkt der Diagnose abhängig, sodass eine allgemeine Voraussage in der Regel nicht möglich ist. Die Lebenserwartung des Betroffenen ist durch diese Krankheit häufig verringert. In einigen Fällen kann der Kontakt zu anderen Betroffenen der Erkrankung sinnvoll sein, um sich über Erfahrungen und Methoden auszutauschen.

Das können Sie selbst tun

Die Therapie der Tyrosinämie Typ I kann durch diätetische Maßnahmen unterstützt werden. Es empfiehlt sich eine energiereiche Ernährung, die dem Körper alle wichtigen Aminosäuren mit Ausnahme von Tyrosin und Phenylalanin zur Verfügung stellt. Durch eine Anpassung der Ernährung wird verhindert, dass der Stoffwechsel das Tyrosin aus dem Muskelgewebe mobilisiert, wodurch sich der Stoffwechsel relativ schnell normalisieren lässt.

Die Diät sollte ansonsten ausgewogen und gleichmäßig sein. Wichtig ist eine Ernährung, bei der sich der Stoffwechsel nicht in den katabolen Zustand begibt. Darum sollten möglichst viele kleine Mahlzeiten verzehrt werden, am besten gleichmäßig über den Tag verteilt. Der Verzehr von Milch-, Fleisch- und Ei-Produkten muss stark eingeschränkt werden. Eine wichtige Selbsthilfe-Maßnahme ist auch die Einnahme der verordneten Medikamente wie Nitisinon nach den Vorgaben des Arztes.

Nach einer Lebertransplantation müssen in erster Linie die ärztlichen Anweisungen eingehalten werden. Es empfiehlt sich eine tägliche Gewichtskontrolle und der Verzehr von viel Gemüse, Fisch und Geflügel. Fleisch, Milch und Milchprodukte sollten möglichst wenig Fett enthalten. Auf Obst und insbesondere Grapefruits muss nach einer Lebertransplantation weitestgehend verzichtet werden. Daneben gelten allgemeine Verhaltensregeln für die Zeit nach einer Lebertransplantation.

Quellen

  • Zschocke, J., Hoffmann, G. F.: Vademecum metabolicum.
    ISBN: 9783132435506
  • Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
    ISBN: 9783662561461
  • Speer, C. P., Gahr, M., Dötsch, J. (Hrsg.): Pädiatrie.
    ISBN: 9783662572948
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
    ISBN: 9783132416871
  • Arastéh, K., Baenkler, H.-W., Bieber, C., et al.: Duale Reihe Innere Medizin.
    ISBN: 9783132443471

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