Varizella-Zoster-Virus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Varizella-Zoster-Virus (VZV) gehört zu den DNA-Virusformen. Windpocken und Gürtelrose können durch ihn verursacht werden. VZV ist ein Herpes-Virus. In der Zählung der humanen Herpesviren wird er als Humanes Herpesvirus 3 (HHV-3) geführt und gehört zur Unterfamilie der Alpha-Herpesviren.
Was ist der Varizella-Zoster-Virus?
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Der Mensch ist der einzige natürliche Wirt dieser Herpes-Viren. Sie sind weltweit verbreitet. Der Varizella-Zoster-Virus wird von einer Membran umhüllt. In ihrem Inneren liegt eine doppelsträngige DNA. Weiterhin besteht der Virus aus einem ikosaedrischen Kapsid. Das ist eine kleine Kapsel, die aus einer festgelegten Anzahl von Proteineinheiten aufgebaut ist. Das Kapsid des VZV enthält 162 Kapsomere. Eine Viruseinheit hat einen maximalen Durchmesser von 200 nm. Der Varizella-Zoster-Virus ist der Gattung Varicellovirus zugehörig und mit dem Herpes-simplex-Virus eng verwandt. Etwa 95 Prozent der Bevölkerung haben Antikörper gegen diesen Virus.
Bedeutung & Funktion
Der Name bildete sich aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr. Schon mit einigen Metern Abstand können die Viren „über den Wind“ als Tröpfcheninfektion ansteckend sein. Überwiegend betroffen von Windpocken sind Kleinkinder, die noch nicht geimpft wurden. Windpocken zählen deshalb auch zu den Kinderkrankheiten.
Die Inkubationszeit der Erkrankung beträgt im Normalfall 14 – 16 Tage. Etwa 2 Tage, bevor der Hautausschlag sichtbar wird, werden betroffene Patienten ansteckend. Die Ansteckungsgefahr dauert an, bis die Bläschen auf der Haut verkrustet sind. Die Erkrankung beginnt mit Fieber und juckendem Hautausschlag (Exanthem). Die Hautveränderungen sind das typische Merkmal der Erkrankung.
Diese Exantheme bestehen aus Papeln, Bläschen und Schorf. Sie befinden sich in verschiedenen Stadien der Entwicklung und werden auch „Sternenhimmel“ genannt. Diese Hautveränderungen entwickeln sich im Gesicht und an der Körpermitte. Später können sie auch auf andere Körperteile übergehen, behaarte Kopfhaut oder auch Schleimhäute betreffen. Im Normalfall heilen Windpocken ohne Narbenbildung wieder ab.
Kommt es allerdings zu einer bakteriellen Superinfektion oder wird stark an dem Hautausschlag gekratzt, kann es zur Narbenbildung kommen. Erkrankungen mit Windpocken sind durch ein typisches klinisches Bild gekennzeichnet. Eine spezielle Diagnostik ist nur in ausgewählten Fällen erforderlich.
Gefahren, Störungen, Risiken und Krankheiten durch den Varizella-Zoster-Virus
Bei ansonsten gesunden Kindern wird eine Windpockenerkrankung in der Regel nicht ursächlich behandelt. Betroffene müssen die Viruserkrankung auskurieren. Die Behandlung beschränkt sich dann darauf, Juckreiz und Fieber zu lindern. Bei Jugendlichen, Erwachsenen, Abwehrgeschwächten und schweren Verläufen kommen dagegen Virostatika zum Einsatz, die die Vermehrung des Virus hemmen. Die beste Vorbeugung gegen Windpocken ist eine rechtzeitige Impfung. Das empfohlene Impfungsalter beträgt zwischen 12 – 18 Monaten. Geimpfte Kinder und Erwachsene sind bis zu 95 Prozent vor der Infektion geschützt, da sie ausreichend Antikörper bilden.
Windpocken durch den Varizella-Zoster-Virus gelten als Ersterkrankung. Nach einer langen Ruhephase kann es bei älteren Menschen und durch eine Schwächung des Immunsystems zu einer erneuten Vermehrung der Viren im Körper kommen.
Diese Virusvermehrung kann eine Zweiterkrankung mit Gürtelrose (Herpes Zoster) auslösen. Zumeist wird diese Viruserkrankung durch einen streifenförmigen Hautausschlag an der Körpermitte sichtbar. Dabei entzündet sich ein Nerv und breitet diese Entzündung auf das umliegende Hautgewebe aus.
Bei Herpes Zoster handelt es sich um eine endogene Reaktivierung. Er entsteht immer nur aus einer erneuten Aktivierung der Varizella-Zoster-Viren, die auch nach einer Infektion mit Windpocken im Körper verbleiben. Sie siedeln sich in den Nervenwurzeln des Rückenmarks und den Ganglien der Hirnnerven an. Eine Gürtelrose wird deshalb nicht als solche von Mensch zu Mensch weitergegeben. Die Flüssigkeit in den Bläschen enthält jedoch vermehrungsfähige Viren; sie kann bei Menschen ohne Immunschutz Windpocken auslösen. Herpes Zoster ist mit starken Schmerzen verbunden. Auch brennt der Hautbereich, von dem der entzündete Nerv versorgt wird. Im Frühstadium kann es zu leichtem Fieber und Müdigkeit kommen. Die Gürtelrose entwickelt sich schubweise. Zuerst entwickeln sich schmerzhafte Erhebungen auf der Haut, die sich später zu Bläschen umbilden. Diese Bläschen platzen nach einigen Tagen auf und bilden eine gelbliche Borke. Nach etwa zwei bis drei Wochen heilt die Gürtelrose ab.
Nach dem Abheilen einer Gürtelrose bleiben im betroffenen Hautstreifen häufig Narben und Farbveränderungen der Haut zurück. Es kann auch zu chronischen Verläufen mit häufiger Bläschenbildung kommen. Die Behandlung von Gürtelrose kann mit Virostatika erfolgen. Es handelt sich um einen Stoff, der die Vermehrung der Viren im Körper hemmt. Es gibt keine Medikamente, die den Virus direkt zerstören. Es ist nur möglich, ihn an der Ausbreitung zu hindern.
Weiterhin ist es bei Herpes Zoster üblich, starke Schmerzmittel zu verabreichen. Hatte der Patient vormals eine Impfung gegen Windpocken erhalten, so wird die Infektion mit Gürtelrose weniger intensiv verlaufen. Seit 2018 steht darüber hinaus eine eigene Impfung gegen die Gürtelrose zur Verfügung, die die Ständige Impfkommission Menschen ab 60 Jahren empfiehlt, bei erhöhtem Risiko bereits ab 50 Jahren. Wird gleich in den ersten Tagen einer Gürtelrose fachgerecht behandelt, können Folgeerkrankungen wie postzosterische Neuralgie vermieden werden.
Aufbau und Vermehrung
Zwischen dem Kapsid und der äußeren Membran liegt beim Varizella-Zoster-Virus – wie bei allen Herpesviren – eine ungeordnete Eiweißschicht, das Tegument. Sie enthält Werkzeuge, die das Virus fertig mitbringt und unmittelbar nach dem Eindringen einsetzt, um die Zelle für sich arbeiten zu lassen. In die umgebende Membran sind zahlreiche Zuckereiweiße eingelassen. Sie stellen den Kontakt zur Wirtszelle her, bewirken die Verschmelzung der Hüllen und sind zugleich die Angriffspunkte, gegen die sich die Abwehr des Körpers richtet.
Unter den Herpesviren des Menschen besitzt das Varizella-Zoster-Virus das kleinste Erbgut. Nach dem Eindringen wandert das Kapsid zum Zellkern und entlässt die doppelsträngige DNA dorthin. Vervielfältigung und Verpackung des Erbguts finden im Kern statt, die endgültige Umhüllung erst danach im Zellplasma.
Eine Besonderheit des Erregers ist, dass er sich vorwiegend unmittelbar von Zelle zu Zelle ausbreitet, ohne den Umweg über freie Viruspartikel. Für die Arbeit im Labor ist das hinderlich: Zellfreies Virus lässt sich nur schwer gewinnen, es ist empfindlich und geht rasch zugrunde. Aus demselben Grund muss der Windpockenimpfstoff, der abgeschwächte lebende Viren enthält, durchgehend gekühlt gelagert werden.
Im Körper legt das Virus einen langen Weg zurück, bevor die ersten Bläschen erscheinen. Es tritt über die Schleimhaut der oberen Atemwege oder über die Bindehaut ein, vermehrt sich zunächst im örtlichen lymphatischen Gewebe und gelangt dann, in weißen Blutzellen verborgen, in den Blutkreislauf. Über sie erreicht es Leber und Milz, vermehrt sich dort weiter und wird ein zweites Mal ins Blut ausgeschwemmt. Erst diese zweite Welle bringt das Virus in die Haut. Aus diesem mehrstufigen Weg erklärt sich die für eine Tröpfcheninfektion ungewöhnlich lange Zeitspanne zwischen Ansteckung und Ausbruch.
Latenz und Reaktivierung
Noch während der Windpocken gelangt das Virus über die Endigungen der Hautnerven und über infizierte weiße Blutzellen in die Nervenknoten, in denen die Zellkörper der empfindenden Nerven liegen. Dort stellt es die Herstellung neuer Viruspartikel ein. Sein Erbgut bleibt als Ring im Zellkern liegen, und nur einige wenige seiner Gene werden noch abgelesen. In diesem Zustand ist das Virus für die Abwehr nahezu unsichtbar, richtet aber auch keinen Schaden an. Er kann Jahrzehnte andauern.
Dass es dabei bleibt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer beständigen Kontrolle durch die T-Lymphozyten. Lässt diese Kontrolle nach, kann das Virus wieder mit der Vermehrung beginnen. Die Leistungsfähigkeit der T-Zellen nimmt mit steigendem Lebensalter allmählich ab; ebenso schwächen sie Erkrankungen des Immunsystems, Tumorbehandlungen und Medikamente, die die Abwehr gezielt dämpfen. Das erklärt, warum die Gürtelrose vor allem eine Erkrankung des höheren Alters und der Abwehrgeschwächten ist.
Bei der Reaktivierung wandert das Virus im Nervenfortsatz zurück zur Haut. Betroffen ist deshalb genau der Hautstreifen, den der jeweilige Nerv versorgt – ein sogenanntes Dermatom. Daraus ergibt sich das kennzeichnende Bild: ein gürtelartiger, einseitiger Ausschlag, der die Mittellinie des Körpers nicht überschreitet. Am häufigsten betroffen sind Streifen am Rumpf sowie im Gesicht das Versorgungsgebiet des obersten Astes des Drillingsnervs an Stirn und Auge.
Aus dem jeweils befallenen Nerv erklären sich auch die Sonderformen. Greift der Ausschlag auf das Auge über, können Hornhaut und tiefere Augenabschnitte beteiligt sein; bleiben sie unbehandelt, drohen dauerhafte Sehschäden. Ist der Nervenknoten im Bereich des Ohres betroffen, treten Bläschen im Gehörgang auf, begleitet von Ohrenschmerzen, Schwindel und einer Gesichtslähmung. Bei stark geschwächter Abwehr kann sich das Virus über das ursprüngliche Dermatom hinaus über den ganzen Körper ausbreiten und innere Organe befallen. Die häufigste bleibende Folge ist jedoch der Nervenschmerz, der nach dem Abheilen des Ausschlags fortbesteht: Die Entzündung hat den Nerv geschädigt, sodass er Schmerzsignale aussendet, ohne dass ein Reiz vorliegt.
Nachweis und Diagnostik
Das Bild der Windpocken ist so kennzeichnend, dass eine Laboruntersuchung im Regelfall entbehrlich ist. Nötig wird sie, wenn der Verlauf ungewöhnlich ist, wenn abwehrgeschwächte Patienten, Schwangere oder Neugeborene betroffen sind oder wenn geklärt werden muss, ob überhaupt ein Schutz besteht.
Das empfindlichste Verfahren ist der Nachweis des Viruserbguts mit der Polymerase-Kettenreaktion. Untersucht wird Flüssigkeit aus einem frisch eröffneten Bläschen oder ein Abstrich vom Bläschengrund, bei Verdacht auf eine Beteiligung des Nervensystems auch die Rückenmarksflüssigkeit. Das Verfahren unterscheidet zuverlässig zwischen dem Varizella-Zoster-Virus und dem Herpes-simplex-Virus, dessen Bläschen ähnlich aussehen können.
Antikörperbestimmungen dienen weniger der Erkennung einer akuten Erkrankung als dem Nachweis, ob jemand die Infektion bereits durchgemacht hat. Solche Untersuchungen werden etwa vor einer geplanten Behandlung durchgeführt, die das Immunsystem dämpft, außerdem bei Beschäftigten im Gesundheitswesen ohne dokumentierte Windpocken oder Impfung. Bei einer Gürtelrose sind Antikörperbefunde wenig aussagekräftig, weil ohnehin eine frühere Infektion vorliegt.
Historisch wurde Bläschenmaterial auf einen Objektträger ausgestrichen und unter dem Mikroskop auf vielkernige Riesenzellen untersucht. Das Verfahren ist einfach, aber unempfindlich, und es trennt Varizella-Zoster- und Herpes-simplex-Viren nicht. Die Anzucht des Virus in der Zellkultur ist möglich, dauert jedoch lange und misslingt oft, weil das Virus außerhalb der Zellen so instabil ist.
Widerstandsfähigkeit, Hygiene und Vorbeugung
Außerhalb des Körpers ist das Varizella-Zoster-Virus wenig widerstandsfähig. Seine Fetthülle wird durch Austrocknung, Wärme, Seife und alle gebräuchlichen Desinfektionsmittel zerstört. Eine Übertragung über Türklinken, Wäsche oder Spielzeug spielt daher praktisch keine Rolle.
Der scheinbare Widerspruch zur außerordentlich hohen Ansteckungsfähigkeit löst sich über den Übertragungsweg auf: Das Virus wird nicht über Gegenstände weitergegeben, sondern mit feinsten Tröpfchen aus den Atemwegen, die längere Zeit in der Luft schweben und sich im Raum verteilen. Deshalb genügt der Aufenthalt im selben Zimmer, ohne dass es zu einer Berührung kommen muss.
In Kliniken werden Erkrankte daher nicht nur räumlich getrennt, sondern es wird zusätzlich darauf geachtet, dass nur Personal mit nachgewiesenem Schutz sie betreut. Besonders geschützt werden müssen Schwangere ohne Immunität, Frühgeborene und Patienten mit geschwächter Abwehr. Ist eine solche Person einer erkrankten Person begegnet, kann ihr nach ärztlicher Abwägung kurzfristig ein Schutz gegeben werden – entweder durch eine Impfung, sofern keine Gegenanzeigen bestehen, oder durch die Gabe von Immunglobulinen, also fertigen Antikörpern aus Spenderblut. Beides wirkt nur, wenn es innerhalb weniger Tage nach dem Kontakt geschieht.
Für die Umgebung eines Gürtelrose-Kranken gelten mildere Anforderungen. Solange der Ausschlag abgedeckt ist und sich auf ein Dermatom beschränkt, geht eine Gefahr nur vom unmittelbaren Kontakt mit der Bläschenflüssigkeit aus.
Vorkommen und Verbreitung
Das Varizella-Zoster-Virus kommt weltweit vor, doch das Muster der Erkrankungen unterscheidet sich nach Klimazonen. In gemäßigten Breiten sind Windpocken eine Erkrankung des Kindesalters mit einer Häufung im Winter und im Frühjahr; nahezu jeder ungeimpfte Erwachsene hat sie durchgemacht. In tropischen Regionen findet die Erstinfektion im Mittel deutlich später statt, sodass dort ein erheblicher Teil der Erwachsenen noch empfänglich ist. Für Menschen, die aus solchen Regionen zuwandern, hat das praktische Bedeutung – vor allem für Schwangere, bei denen eine erste Ansteckung schwer verlaufen kann.
Seit die Windpockenimpfung in Deutschland allgemein für Kleinkinder empfohlen wird, sind die Erkrankungszahlen deutlich zurückgegangen, ebenso die Zahl der Krankenhausbehandlungen wegen Komplikationen. Weil geimpfte Kinder das Virus nur selten weitergeben, sind mittelbar auch diejenigen besser geschützt, die selbst nicht geimpft werden können.
Die Gürtelrose folgt einem anderen Muster. Sie tritt über das ganze Jahr verteilt auf und wird mit steigendem Lebensalter häufiger. Da sie eine zurückliegende Infektion voraussetzt, wird sich ihre Häufigkeit erst mit großer zeitlicher Verzögerung ändern, nämlich dann, wenn die heute geimpften Jahrgänge ins höhere Alter kommen.
Sowohl die Erkrankung an Windpocken als auch der labordiagnostische Nachweis des Virus sind in Deutschland meldepflichtig. Die Meldungen laufen bei den Gesundheitsämtern zusammen und erlauben es, Ausbrüche in Gemeinschaftseinrichtungen früh zu erkennen und Personen ohne Schutz rechtzeitig zu warnen.
Quellen
- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
ISBN: 9783662613849
- Modrow, S., Falke, D., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
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- Doerr, H. W., Gerlich, W. H. (Hrsg.): Medizinische Virologie.
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- Moll, I. (Hrsg.): Dermatologie.
ISBN: 9783132446045
- Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (Hrsg.): DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen.
ISBN: 9783132454408
