Virostatika

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 6. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei viralen Infektionskrankheiten können in der Therapie Virostatika eingesetzt werden. Im Gegensatz zu bakteriellen Infektionen können bei Virusinfektionen keine Antibiotika verwendet werden.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Virostatika?

Virostatika
Grundsätzlich soll durch die Verwendung der sogenannten Virostatika eine Vermehrung von gesundheitsschädlichen Viren innerhalb des menschlichen Körpers verhindert werden.

In der modernen Medizin stellen die sogenannten Virostatika eine spezielle Gruppe von Medikamenten dar. Grundsätzlich soll durch die Verwendung der sogenannten Virostatika eine Vermehrung von gesundheitsschädlichen Viren innerhalb des menschlichen Körpers verhindert werden. Anders als Antibiotika, die Bakterien abtöten oder deren Wachstum stoppen, töten Virostatika die Viren in aller Regel nicht ab, sondern unterbrechen deren Vermehrung.

Die auf dem Markt erhältlichen Virostatika werden aufgrund ihrer Nebenwirkungen jedoch nur eingesetzt, sofern der menschliche Körper das Virus nicht von alleine bekämpfen kann.

Da es sich bei den meisten Arten von Viren um mutierende Viren handelt, kann es zu einer sogenannten Resistenz der Viren gegenüber dem eingesetzten Wirkstoff kommen. Hieraus resultierend kann die Therapie ihre Wirkung verlieren. In der Regel wird dann auf einen anderen Wirkstoff oder auf eine Kombination mehrerer Wirkstoffe gewechselt; gelingt das nicht, kann für die Betroffenen eine lebensbedrohliche Situation entstehen.

Geschichte & Entwicklung

Die Geschichte der Virostatika begann Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung von Substanzen, die das Wachstum von Viren in Zellkulturen inhibieren konnten. Ein wichtiger Meilenstein war die Entwicklung von Aciclovir in den 1970er Jahren, ein Medikament, das speziell gegen Herpesviren wirkt. Aciclovir markierte den Beginn einer Ära gezielter antiviraler Therapien.

Die 1980er Jahre brachten eine entscheidende Wende in der Entwicklung von Virostatika, insbesondere durch die HIV/AIDS-Pandemie. Zidovudin (AZT) wurde 1987 das erste von der FDA zugelassene Medikament zur Behandlung von HIV. Dies legte den Grundstein für die Entwicklung einer Vielzahl weiterer antiretroviraler Medikamente und führte zu den heute gebräuchlichen Kombinationstherapien, die als hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) bezeichnet werden.

Ein weiterer wichtiger Fortschritt war die Einführung von direkten antiviralen Wirkstoffen (DAAs) in den 2010er Jahren. Diese Medikamente revolutionierten die Behandlung von Hepatitis C, da sie hohe Heilungsraten bei geringeren Nebenwirkungen und kürzerer Behandlungsdauer ermöglichten.

Die Entwicklung von Virostatika bleibt ein aktives Forschungsgebiet, das durch den Bedarf an neuen Therapien für aktuelle und zukünftige virale Pandemien, wie COVID-19, weiter vorangetrieben wird.

Anwendung, Wirkung & Gebrauch

Die jeweiligen Virostatika kommen bei einer Vielzahl von Erkrankungen zum Einsatz. Dabei wirken die meisten Virostatika nur gegen bestimmte Viren: Ein Mittel gegen Herpesviren wirkt nicht gegen Grippeviren, und ein Grippemittel nicht gegen HIV. Einige wenige Wirkstoffe haben ein breiteres Wirkspektrum. Im Rahmen einer Therapie mit einem Virostatikum werden die vorhandenen Viren jedoch nicht abgetötet. Vielmehr soll durch den Einsatz eines Virostatikums eine Vermehrung der vorhandenen Viren verhindert werden.

Die Vermehrung der Viren findet in der Regel in den sogenannten Wirtszellen statt. Da die bereits bekannten Viren über keinen eigenen Stoffwechsel verfügen, dringen sie in die Zellen des menschlichen Körpers ein. Der in den Zellen vorhandene Stoffwechsel dient den Viren zum Überleben. Ein Virostatikum greift im Rahmen der Therapie maßgeblich in den Zyklus der Viren ein.

So wirken sich einige Wirkstoffe hemmend auf die Bindungsfähigkeit der Viren aus. Die Viren haben also keine Chance mehr, sich an die vorhandenen Wirtszellen zu binden. Gleichzeitig gibt es jedoch auch Präparate, welche ein Eindringen der Viren in die Wirtszellen verhindern. Resultierend aus dem medizinischen Fortschritt können unter anderem Krankheiten wie beispielsweise AIDS behandelt werden.

Nicht selten kann durch eine optimal abgestimmte Therapie ein Ausbruch der Krankheit deutlich verzögert werden. Die modernen Virostatika werden jedoch nicht nur zur Behandlung von AIDS eingesetzt. So werden beispielsweise Erkrankungen wie die Influenza mit einem Virostatikum behandelt.

Pflanzliche, natürliche & pharmazeutische Virostatika

Neben den chemischen Präparaten werden unter anderem natürliche Präparate angeboten. Zu den sogenannten antiviralen Kräutern gehören unter anderem Oregano sowie Echinacea und Knoblauch.

Aber auch Kräutern wie beispielsweise Holunder wird eine heilende Wirkung nachgesagt. Den jeweiligen Kräutern wird in erster Linie eine positive Wirkung auf das Immunsystem zugeschrieben. Ein Nachweis, dass sich dadurch der Verlauf einer Virusinfektion abkürzt, fehlt für die meisten dieser Pflanzen. Grüner Tee wird in diesem Zusammenhang häufig genannt, ersetzt bei einer Influenza aber keine ärztlich verordnete Behandlung.

Die natürlichen Wirkstoffe werden oftmals als pflanzliche Virostatika vertrieben. Davon zu unterscheiden sind homöopathische Präparate: Sie sind so stark verdünnt, dass für sie keine über den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung nachgewiesen ist. Schwerwiegende Erkrankungen erfordern in der Regel eine Therapie mit einem chemischen Präparat. Die Verwendung eines pharmazeutischen Virostatikums kann jedoch mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein, die je nach Wirkstoff sehr unterschiedlich ausfallen.


Risiken & Nebenwirkungen

Im Rahmen einer Therapie mit einem Virostatikum kann es zu schweren Risiken und Nebenwirkungen kommen. Zu den bekannten Nebenwirkungen gehören unter anderem Symptome wie beispielsweise Schwindel oder Übelkeit.

Nicht selten klagen die Betroffenen über eine starke innere Unruhe sowie über ein hohes Maß an Nervosität. Hieraus resultierend kann es zu schweren Schlafstörungen kommen. Nimmt die Konzentrationsfähigkeit im Rahmen einer Therapie mit einem Virostatikum spürbar ab, ist vom Bedienen von Maschinen sowie vom Führen von Fahrzeugen abzuraten.

Vor allem die chemischen Präparate wirken sich nicht selten auf die Zellen des menschlichen Körpers aus. Neben einer allgemeinen Abgeschlagenheit kann es zu einem besonders hohen Fieber kommen. Unbehandelt kann das Fieber bei den Betroffenen zu einer lebensbedrohlichen Situation führen. Bei einzelnen Wirkstoffen ist im Rahmen einer Therapie mit einem Virostatikum eine klinische Überwachung erforderlich. Mit dieser Maßnahme soll in erster Linie einem lebensbedrohlichen Nierenversagen vorgebeugt werden.

Bei Frauen in der Stillzeit erfolgt die Gabe eines Virostatikums grundsätzlich nur nach vorheriger Absprache mit dem behandelnden Arzt. Einzelne Wirkstoffe der Virostatika können in die Muttermilch übergehen.

Anwendung & Sicherheit

Die Anwendung von Virostatika erfolgt in der Regel zur Behandlung oder Prävention von Virusinfektionen. Sie können oral, intravenös oder topisch verabreicht werden, je nach Art des Virus und dem Krankheitsbild. Virostatika zielen darauf ab, die Vermehrung von Viren zu hemmen, indem sie in den viralen Replikationszyklus eingreifen, was zur Verringerung der Viruslast und zur Linderung der Symptome führt.

Die Sicherheit von Virostatika ist ein kritischer Aspekt, der sorgfältig durch klinische Studien untersucht wird. Wie alle Medikamente können auch Virostatika Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten gehören Übelkeit, Durchfall und Kopfschmerzen. Bei einigen Virostatika können jedoch schwerwiegendere Nebenwirkungen auftreten, wie etwa Nieren- oder Leberschäden. Daher ist eine Überwachung durch medizinisches Fachpersonal notwendig, um die sichere Anwendung zu gewährleisten.

Die Qualitätskontrolle bei der Herstellung von Virostatika unterliegt strengen regulatorischen Anforderungen. Hersteller müssen sicherstellen, dass die Produkte rein und wirksam sind und den vorgegebenen Spezifikationen entsprechen. Dies beinhaltet umfangreiche Tests auf Reinheit, Potenz und Stabilität.

Die Produktionsstätten müssen regelmäßig von Aufsichtsbehörden inspiziert werden, um die Einhaltung von Qualitätsstandards zu gewährleisten. Dies trägt dazu bei, die Sicherheit und Wirksamkeit der Virostatika sicherzustellen, die an Patienten verabreicht werden.

Alternativen

Alternative Medikamente zu Virostatika existieren in Form von Immunmodulatoren und Impfstoffen. Immunmodulatoren, wie Interferone, stimulieren das Immunsystem, um die antivirale Abwehr zu verbessern. Sie wurden lange bei chronischen Infektionen wie Hepatitis B und C eingesetzt. Bei Hepatitis C ist die Interferontherapie inzwischen durch die direkt wirkenden antiviralen Wirkstoffe abgelöst worden; bei Hepatitis B kommt Interferon nur noch in ausgewählten Fällen zum Einsatz. Allerdings können sie erhebliche Nebenwirkungen verursachen, wie grippeähnliche Symptome und Müdigkeit, weshalb sie seltener verwendet werden, wenn wirksame Virostatika verfügbar sind.

Impfstoffe bieten eine präventive Alternative, indem sie das Immunsystem auf eine mögliche Virusinfektion vorbereiten. Sie sind äußerst effektiv bei der Vorbeugung von Krankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und Influenza. Impfstoffe sind jedoch nur zur Vorbeugung und nicht zur Behandlung von Infektionen geeignet.

Eine weitere Therapieform, die mit Virostatika verglichen werden kann, ist die passive Immunisierung. Hierbei werden Patienten spezifische Antikörper verabreicht, um Viren direkt zu neutralisieren. Diese Methode wurde bei SARS-CoV-2 verwendet und ist besonders in Notfällen nützlich. Die dort eingesetzten monoklonalen Antikörper verloren allerdings mit dem Auftreten neuer Virusvarianten weitgehend ihre Wirksamkeit.

Auch diese Alternativen sind meist auf bestimmte Erreger festgelegt. Während die Gruppe der Virostatika insgesamt eine breite Palette von Virusinfektionen abdeckt, ist das einzelne Mittel, ebenso wie ein Impfstoff, auf bestimmte Viren beschränkt. Virostatika bieten eine direkte und gezielte Behandlung, während andere Therapieformen oft präventiv oder unterstützend wirken.

Forschung & Zukunft

Aktuelle Trends in der Virostatika-Forschung konzentrieren sich auf die Entwicklung von Medikamenten, die eine breitere antivirale Aktivität besitzen und resistenten Virusstämmen entgegenwirken können. Ein vielversprechender Ansatz ist die gezielte Erforschung von Virostatika, die nicht nur spezifische virale Enzyme, sondern auch zelluläre Faktoren anvisieren, die für die virale Replikation wichtig sind. Diese Medikamente könnten eine größere Bandbreite an Viren bekämpfen und das Risiko der Resistenzentwicklung reduzieren.

Ein weiterer bedeutender Trend ist die Entwicklung von Virostatika für neu auftretende Viren wie SARS-CoV-2. Hierzu zählen innovative Ansätze wie die gezielte Hemmung viraler Proteasen, welche für die Virusvermehrung unerlässlich sind. Gleichzeitig ermöglichen moderne Screening-Methoden die Identifizierung potenzieller antiviraler Wirkstoffe aus großen Substanzbibliotheken.

Immuntherapeutische Ansätze gewinnen ebenfalls an Bedeutung. Hierbei werden Antikörper, die Viren neutralisieren können, therapeutisch eingesetzt. Diese sogenannten monoklonalen Antikörper bieten besonders bei akuten Virusinfektionen eine schnelle Immunantwort.

Zudem werden RNA-basierte Therapien, wie RNA-Interferenz und mRNA-Therapien, erforscht, um virale RNA direkt anzugreifen. Diese neuen Methoden haben das Potenzial, die Behandlung von Virusinfektionen zu revolutionieren, da sie auf spezifische Virusgene abzielen und so gezieltere und effizientere Behandlungen ermöglichen.

Zulassung, Verschreibung & Kostenübernahme

Virostatika sind Arzneimittel im Rechtssinn, und daraus folgt eine ganze Kette von Vorschriften. Fertigarzneimittel dürfen in Deutschland nur in den Verkehr gebracht werden, wenn sie zugelassen sind (§ 21 Arzneimittelgesetz). Für Präparate mit einem neuen Wirkstoff gegen Viruserkrankungen führt daran seit dem 20. Mai 2008 kein Weg vorbei am zentralisierten Verfahren der Europäischen Union: Der Anhang der Verordnung (EG) Nr. 726/2004 zählt Viruserkrankungen ausdrücklich zu den Gebieten, für die eine Zulassung nur unionsweit erteilt werden darf. Die Europäische Arzneimittel-Agentur prüft die Unterlagen, die Europäische Kommission entscheidet, und die Zulassung gilt anschließend in allen Mitgliedstaaten zugleich.

Zwei Sonderwege spielen gerade bei dieser Arzneimittelgruppe eine Rolle. Die bedingte Zulassung nach der Verordnung (EG) Nr. 507/2006 erlaubt es, ein Mittel gegen eine lebensbedrohliche Erkrankung oder in einer festgestellten Krisenlage auf schmalerer Datengrundlage zuzulassen; der Hersteller muss die fehlenden Nachweise nachreichen, und die Zulassung ist befristet. Noch davor liegt das Härtefallprogramm: Die Arzneimittel-Härtefall-Verordnung regelt, unter welchen Bedingungen schwer erkrankte Menschen ohne Behandlungsalternative ein noch nicht zugelassenes Mittel erhalten dürfen. Beides sind Ausnahmen mit Auflagen und keine Abkürzungen – die Prüfung wird nachgeholt, nicht erlassen.

Verschreibungspflichtig ist der weitaus größte Teil dieser Wirkstoffe; die Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung führt unter anderem Aciclovir, Oseltamivir, Zidovudin und Ribavirin auf. Von der Verschreibungspflicht ausgenommen sind Aciclovir und Penciclovir als Creme gegen Lippenherpes in kleinen Packungen. Diese Ausnahme gilt ausdrücklich nur für die äußerliche Anwendung an der Lippe und lässt sich nicht auf die übrigen Zubereitungen desselben Wirkstoffs übertragen.

Für die Kosten hat das unmittelbare Folgen. Nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sind nach § 34 Absatz 1 des Fünften Sozialgesetzbuchs grundsätzlich von der Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung ausgeschlossen; die rezeptfreie Herpescreme bezahlen erwachsene Versicherte deshalb in aller Regel selbst, während die verschreibungspflichtige Therapie zu Lasten der Kasse geht. Bei Arzneimitteln mit neuen Wirkstoffen bewertet zusätzlich der Gemeinsame Bundesausschuss den Zusatznutzen gegenüber der zweckmäßigen Vergleichstherapie (§ 35a des Fünften Sozialgesetzbuchs). Das Ergebnis dieser Nutzenbewertung ist die Grundlage für den Preis, den die Krankenkassen später erstatten.

Auch die Werbung ist begrenzt. Nach § 12 des Heilmittelwerbegesetzes in Verbindung mit Abschnitt A der zugehörigen Anlage darf sich Arzneimittelwerbung außerhalb der Fachkreise nicht auf meldepflichtige Krankheiten beziehen. Zahlreiche Viruserkrankungen fallen darunter, weil § 7 des Infektionsschutzgesetzes den Nachweis der Erreger meldepflichtig stellt – genannt sind dort unter anderem die Erreger von Hepatitis B und Hepatitis C, das Masernvirus, das Mumpsvirus und die Influenzaviren. Für ein Mittel gegen diese Krankheiten darf deshalb im Publikum nicht geworben werden, wohl aber gegenüber Ärztinnen, Ärzten und Apotheken.

Pflanzliche Angebote stehen in einem ganz anderen Rechtsrahmen. Wird ein Erzeugnis als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben, ist es ein Lebensmittel: Es braucht keine Zulassung, sondern nur eine Anzeige beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (§ 5 der Nahrungsergänzungsmittelverordnung). Weder Wirksamkeit noch Nutzen werden dabei geprüft. Umgekehrt darf einem Lebensmittel nach Artikel 7 Absatz 3 der Lebensmittelinformationsverordnung keine Eigenschaft zugeschrieben werden, eine Krankheit vorzubeugen, zu behandeln oder zu heilen. Ein Tee oder eine Kapsel darf also gar nicht als Mittel gegen eine Virusinfektion angeboten werden – wer damit wirbt, verkauft entweder ein unzulässig beworbenes Lebensmittel oder ein nicht zugelassenes Arzneimittel.

Resistenzen & Kombinationstherapie

Wie rasch eine Unempfindlichkeit entsteht, hängt vom Erreger und vom Wirkstoff ab. Die Grundlage ist aber immer dieselbe: Viele Viren vervielfältigen ihr Erbgut mit Enzymen, die Kopierfehler nicht ausbessern. Aus einer einzigen infizierten Zelle geht deshalb ein ganzes Feld leicht abweichender Varianten hervor. Wirkt ein Medikament auf dieses Feld ein, überleben ausgerechnet jene Varianten, deren Angriffspunkt zufällig verändert ist, und vermehren sich ungestört weiter.

Bei HIV genügt dafür eine unvollständig wirksame Behandlung. Vermehrt sich das Virus unter der Therapie weiter, ist mit einer raschen Resistenzentwicklung zu rechnen, und einmal entstandene Resistenzen beeinträchtigen fast immer auch die Wirksamkeit späterer Therapien – ein Zusammenhang, der als Kreuzresistenz bezeichnet wird. Deshalb zielt die Behandlung von Beginn an darauf, die Virusvermehrung so vollständig wie möglich zu unterdrücken, und dieses Ziel lässt sich mit den verfügbaren Substanzen nur durch die Kombination mehrerer Wirkstoffe erreichen, in der Regel dreier. Die Kombination ist hier also nicht die Antwort auf ein bereits eingetretenes Versagen, sondern von vornherein der Standard.

Bei den Grippemitteln liegt der Fall anders. Unempfindlichkeiten gegen Neuraminidasehemmer sind bislang selten und treten meist im Rahmen einer unzureichenden oder ungewöhnlich lang geführten Behandlung auf. Wie beweglich die Lage trotzdem ist, zeigt eine Episode aus den Grippesaisons 2007/2008 und 2008/2009: Damals breiteten sich Influenza-A(H1N1)-Viren aus, die gegen Oseltamivir unempfindlich waren, auf Zanamivir aber weiterhin ansprachen. Mit der Pandemie 2009 wurden diese Viren vollständig durch einen anderen H1N1-Stamm verdrängt, der gegen beide Wirkstoffe wieder empfindlich ist. Eine Resistenzlage kann also auch wieder verschwinden – überwacht wird sie fortlaufend, weltweit durch die Weltgesundheitsorganisation und in Deutschland durch das Nationale Referenzzentrum für Influenzaviren.

Quellen

  • Brodt, H.-R., Hoerauf, A., Kresken, M., Solbach, W. (Hrsg.): Infektionstherapie.
    ISBN: 9783132423435
  • Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
    ISBN: 9783662613849
  • Modrow, S., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
    ISBN: 9783662617809
  • Hof, H., Schlüter, D.: Medizinische Mikrobiologie.
    ISBN: 9783132423558
  • Geisslinger, G., Gudermann, T., Hinz, B., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
    ISBN: 9783804746541

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