Morgellons

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 28. Februar 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Morgellons ist vermutlich eine Variante des Dermatozoenwahns, bei der die Patienten subjektiv Fäden- und Hyphenbildung unter der Haut wahrnehmen. Aktuelle Studien haben bakteriellen Ursprung ausgeschlossen und zur Klassifikation der Erkrankung als Wahnerkrankung geführt. Die Behandlung der Patienten erfolgt symptomatisch mit Antipsychotika und kann außerdem von Psychotherapie begleitet werden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Morgellons?

Durch diese Krankheit kommt es nicht nur zu psychischen, sondern auch zu starken physischen Einschränkungen und Beschwerden. Die Betroffenen leiden dabei an einem sehr unangenehmen Gefühl und können sich durch die Wahnvorstellungen auch die Haut aufkratzen.
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Der Dermatozoenwahn ist von den wahnhaften Vorstellungen winziger Lebewesen unter der Haut gekennzeichnet. Die Patienten meinen, Bewegungen unter ihrer Haut zu spüren. Sie leiden unter Angstzuständen und starkem Juckreiz. Der Parasitenbefall ihrer Haut ist für die Betroffenen eine feststehende Tatsache.

Die Patienten lassen sich von Ärzten nicht darin korrigieren, obwohl es keinerlei klinische Beweise für den Befall gibt. Karl-Axel Ekbom beschrieb den Wahn 1938 erstmals. Morgellons oder auch Morgellons-Krankheit ist eine Variante des Dermatozoenwahns. Der Begriff wurde vom englischen Arzt Sir Thomas Browne erstmals im 17. Jahrhundert erwähnt.

2002 fand der Begriff insbesondere im englischen Sprachraum Verbreitung, da die Mutter von einem betroffenen Kind die Verbreitung mit der Gründung der sogenannten Morgellons Research Foundation unterstützte. Die wahnhafte Erkrankung ist von der Einbildung gekennzeichnet, dass sich unter der Haut der Patienten Hyphen oder Fasern bilden. Bislang ist die Ursache der Erkrankung weitestgehend unklar. Allerdings existieren mittlerweile unterschiedliche Spekulationen zur Pathogenese.

Ursachen

Die Ätiopathogenese von Morgellons ist spekulativ. Einige Hypothesen gehen von infektiösen Erregern aus, so zum Beispiel von den Bakterien Agrobacterium tumefaciens oder Stenotrophomonas maltophilia, der Pilzapezies Cryptococcus neoformans und dem Parasiten Strongyloides stercoralis. Da in den Hautproben der Betroffenen allerdings keine Erreger gefunden wurden, ist dieser Erklärungsansatz vermutlich widerlegt.

In einer Studie wurden bei rund zehn Prozent der Teilnehmer tatsächlich Fasern gefunden, die sich auf der Haut und im Schorf oder den Krusten der Kratzwunden befanden. Die meisten der gefundenen Fasern bestanden aus Cellulose, wie sie typischerweise in Baumwolle vorkommt. Darüber hinaus wurde Polyamid im Sinne von Nylon gefunden. Auch eine Nagellackverbindung wurde isoliert. Die Studienentwickler fassen zusammen, dass die gefundenen Fasern vermutlich von der Kleidung der Patienten stammten.

Die unverletzte Haut der Patienten wurde ebenfalls auf Fasern untersucht. In den unverletzten Arealen konnten keinerlei Fasern gefunden werden, sodass es sich bei der Erkrankung ziemlich sicher um einen Wahn handelt. Was den Wahn auslöst, bleibt unklar. Eventuell spielt eine Störung des Körpergefühls eine ursächliche Rolle und lässt die Patienten normale Körperprozesse besonders intensiv empfinden oder falsch zuordnen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten mit Morgellons sind anhaltend davon überzeugt, dass sich bunte Fasern und Hyphen unter ihrer Haut oder im Unterhautgewebe bilden. Sie empfinden Juckreiz und sind oftmals verängstigt. Um die Fasern loszuwerden, kratzen sie sich selbst die Haut auf, oder schneiden sich sogar hinein.

Aus diesem Grund zeigen die Betroffenen vielfältige Hautläsionen. Oftmals sprechen sie von unerklärlichen Bewegungsphänomenen unter ihrer Haut. Einige leiden zusätzlich an Beschwerden des Bewegungsapparats oder beklagen Symptome des Magen-Darm-Trakts.

Weil die Patienten emotional verängstigt sind, erleiden sie mehr oder weniger starke Leistungseinschränkungen. Oftmals treten kognitive Störungen auf. Alle Patienten sind unfähig, ihren Wahn als solchen anzuerkennen. In den USA wird für die Erkrankung eine Prävalenz von gerundet vier Fällen auf 100.000 Einwohner angegeben. Das Krankheitsbild betrifft vor allem Frauen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose auf Morgellons wird in der Regel im Rahmen einer größer angelegten Diagnostik gestellt. Der Arzt hat bei der Diagnostik den Befürchtungen des Patienten genau nachzugehen und muss im Rahmen der Nachforschungen ausschließen, dass tatsächliche Parasiten oder andere Mikroorganismen vorhanden sind. In der Regel erfolgt außerdem eine psychiatrische Einschätzung.

Komplikationen

Durch diese Krankheit kommt es nicht nur zu psychischen, sondern auch zu starken physischen Einschränkungen und Beschwerden. Die Betroffenen leiden dabei an einem sehr unangenehmen Gefühl und können sich durch die Wahnvorstellungen auch die Haut aufkratzen. Dabei kommt es nicht selten zu Entzündungen oder zu Rötungen, auch Narben können durch das Aufkratzen entstehen.

Die Patienten leiden aus diesem Grund an verschiedenen Läsionen auf der Haut, die das Selbstwertgefühl deutlich einschränken und dabei auch zu psychischen Beschwerden oder zu Minderwertigkeitskomplexen führen können. Ebenso kommt es zu Beschwerden im Magen und im Darm und nicht selten zu Bewegungsstörungen. Die Lebensqualität des Patienten wird durch diese Erkrankung deutlich eingeschränkt.

In vielen Fällen gestehen sich die Betroffenen die Krankheit nicht selbst ein, wodurch eine frühzeitige Behandlung in vielen Fällen nicht möglich ist. Dabei kann es ohne Behandlung zu irreversiblen Schäden auf der Haut kommen, die die Ästhetik des Patienten stark einschränken. Die Behandlung dieser Krankheit erfolgt in der Regel ohne Komplikationen mit Hilfe von Medikamenten und durch eine psychologische Betreuung.

Damit können die meisten Beschwerden eingeschränkt werden. Auch die Lebenserwartung wird dadurch in der Regel nicht verringert. Der Erfolg der Behandlung hängt allerdings auch stark vom Willen des Patienten ab.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Menschen, die Empfindungen unmittelbar unter der Oberhaut wahrnehmen, die ungewöhnlich sind, sollten einen Arzt konsultieren. Charakteristisch für Morgellons ist Wahrnehmung von bunten Fäden oder Bewegungen unter der Haut. Ein Arztbesuch ist notwendig, um eine intensive Untersuchung einzuleiten und eine Diagnosestellung zu ermöglichen.

Ein Juckreiz, offene Wunden und ein allgemeines Unwohlsein sollten einem Arzt vorgestellt werden. Kann keine sterile Wundversorgung gewährleistet werden, droht dem Betroffenen eine Blutvergiftung und damit eine potentielle Gefährdung seines Lebens. Bei Angstzuständen, Verhaltensauffälligkeiten oder dem Gefühl der Unglaubwürdigkeit wird ein Therapeut benötigt. Zum Krankheitsbild des Morgellons gehört die fehlende Krankheitseinsicht des Patienten.

Daher sollten Angehörige oder Menschen aus dem engen sozialen Umfeld des Betroffenen, die das Vertrauen des Betroffenen inne haben und einen Arztbesuch initiieren. Treten Wahnvorstellungen auf, kommt es zu einer Beeinträchtigung bei der Bewältigung des täglichen Lebens, einem allgemeinen Unwohlsein oder emotionalen Belastungszuständen, wird medizinische Hilfe benötigt.

Wirkt der Betroffene verwirrt, zeigt er ein auffälliges Auftreten oder kommt es zu Beschwerden der Mobilität, ist ein Arztbesuch notwendig. Beeinträchtigungen der Verdauung, Schmerzen im Magen oder Darm sowie ein Krankheitsgefühl sollten einem Arzt vorgestellt werden. Schwindel, Schlafstörungen, Veränderungen des Gewichts, Durchfall oder Verstopfungen sind weitere Anzeichen einer gesundheitlichen Störung, die abklärt werden muss.

Behandlung & Therapie

Da die Ursache für Morgellons unklar ist, existieren bislang keine kausalen Behandlungsmöglichkeiten. Die Wahnerkrankung kann so ausschließlich symptomatisch behandelt werden. Verbreitet sind medikamentös konservative Ansätze mit Antipsychotika. Besserungen der Wahnvorstellung wurden vor allem mit Pimozid, Risperidon und Aripiprazol herbeigeführt.

Da diese Substanzen zu einer Besserung der Symptome geführt haben, ist die Einordnung der Erkrankung in den Bereich der Wahnvorstellung mit ziemlicher Sicherheit korrekt. Eine psychotherapeutische Betreuung ist indiziert. Zur ursächlichen Behandlung von Morgellons müsste die psychische Ursache für das Einsetzen der Wahnvorstellungen zunächst identifiziert werden, um mittels Gesprächstherapie aufgelöst werden zu können.

Falls die Hypothese von einem gestörten Körpergefühl im Sinne einer Übersensibilisierung gegenüber eigener Körperprozesse korrekt ist, könnte eine Neubelegung der wahrgenommenen Reize unter der Haut zu einer ursächlichen Heilung der Symptomatik führen. Diese Neubelegung würde den Patienten einen anderen Blickwinkel der Betrachtung eröffnen und könnte dazu führen, dass die wahrgenommenen Reize nicht mehr als furchteinflößend empfunden werden.

Sobald das nicht mehr der Fall ist, fokussieren sich die Patienten nicht mehr derart stark auf die Detektion der Reize selbst und die Wahnvorstellungen gehen Stück für Stück zurück. Diese Art der Therapie wäre eine deutlich sanftere Variante als die symptomatische Gabe von Antipsychotika. Sogar ohne die psychische Ursache zu detektieren, könnte durch eine positive Neubelegung der Wahnvorstellungen eine subjektive Besserung herbeigeführt werden.


Aussicht & Prognose

Das Morgellons-Syndrom kann medikamentös behandelt werden. Weil die Symptome stark variieren können, ist die Prognose jedoch eher negativ. Die Patienten müssen in jedem Fall einen Facharzt konsultieren und sich engmaschig behandeln lassen. Verordnete Antipsychotika können unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen hervorrufen. Typisch sind Muskel- und Bewegungsstörungen, Schwangerschaftsschäden und psychische Beschwerden wie Depressionen oder Antriebslosigkeit. Die Nebenwirkungen und die Morgellons-Krankheit selbst reduzieren das Wohlbefinden beim Patienten. Es kann zu ernsten psychischen Erkrankungen kommen, welche oft über eine etwaige Genesung hinaus bestehen bleiben. Morgellons reduziert zumeist auch die Lebenserwartung.

Die Beschwerden des Magen-Darm-Traktes, der Haut und des Bewegungsapparates rufen langfristig verschiedene Komplikationen hervor, wie zum Beispiel Krebserkrankungen, Durchblutungsstörungen oder optische Veränderungen. Morgellons betrifft hauptsächlich Frauen, welche die Symptome über einen längeren Zeitraum entwickeln. Eine rechtzeitige Behandlung des seltenen Leidens verbessert die Prognose. Allerdings lassen sich ernste Nebenwirkungen nie gänzlich ausschließen. Deshalb ist die Prognose insgesamt relativ schlecht. Patienten müssen sich meist über ihr ganzes Leben hinweg behandeln lassen und leiden dabei an körperlichen und seelischen Problemen, aus denen oftmals weitere gesundheitliche Probleme resultieren.

Vorbeugung

Die primäre Ursache für die Entstehung von Morgellons liegt bislang im Dunkeln. Aus diesem Grund lässt sich der Wahnerkrankung bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur schwer vorbeugen. Bemühungen um eine Stabilisierung der eigenen Psyche können im weitesten Sinne als unspezifische Vorbeugemaßnahme verstanden werden.

Nachsorge

Dem Betroffenen stehen bei Morgellons in den meisten Fällen nur sehr wenige und eingeschränkte Maßnahmen einer Nachsorge zur Verfügung, sodass der Betroffene schon sehr früh einen Arzt aufsuchen sollte, um das Auftreten von weiteren Komplikationen und Beschwerden zu verhindern. Es kann nicht zu einer selbstständigen Heilung kommen, sodass der Betroffene bei dieser Krankheit immer auf eine medizinische Untersuchung und Behandlung angewiesen ist.

In vielen Fällen sind die Betroffenen auf die Hilfe und die Unterstützung der eigenen Familie und der Freunde angewiesen. Diese müssen den Patienten in vielen Fällen auch auf die Beschwerden und Symptome von Morgellons hinweisen und auch eine Behandlung einleiten. Dabei kann in schwerwiegenden Fällen auch eine Behandlung in einer geschlossenen Klinik notwendig sein.

Die Betroffenen selbst sind bei Morgellons in der Regel auf die Einnahme von verschiedenen Medikamenten angewiesen. Hierbei ist immer eine regelmäßige Einnahme und die vorgegebene Dosierung zu beachten, um die Beschwerden zu lindern und einzuschränken. Auch regelmäßige Kontrollen bei einem Psychologen sind bei Morgellons sehr wichtig. In der Regel verringert diese Krankheit nicht die Lebenserwartung des Betroffenen.

Das können Sie selbst tun

Da bislang nicht bekannt ist, wie Morgellons entsteht, besteht kein Möglichkeit, den Auslöser zu behandeln. Der Erkrankte bedarf in jedem Fall einer psychotherapeutischen Behandlung. Unterstützt werden kann diese zum Beispiel durch den Besuch einer Selbsthilfegruppe. Fachkliniken für psychische Wahnerkrankungen können dem Betroffenen weitere Informationen zu der Erkrankung zur Verfügung stellen und so dazu beitragen, dass dieser die Beschwerden langfristig akzeptiert.

Auch im Rahmen einer Therapie können die Wahnvorstellungen oft nur langsam oder überhaupt nicht reduziert werden. Die wichtigste Selbsthilfe-Maßnahme besteht darin, die Erkrankung zu akzeptieren und geeignete Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Trotz Krankheit sollte ein aktiver und gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung, einer angepassten Diät und der Vermeidung von Stress gepflegt werden. Andernfalls können sich infolge der falschen Wahrnehmung und dem Rückzug aus dem sozialen Leben weitere psychische Probleme entwickeln, die ihrerseits mit ernsten Komplikationen einhergehen.

Der Betroffene benötigt Unterstützung von Freunden und Angehörigen, um alltägliche Aufgaben bewältigen zu können. Im besten Fall wird der Betroffene rund um die Uhr betreut bzw. überwacht, damit im Notfall rasch reagiert werden kann. Begleitend dazu sollten ärztliche Untersuchungen veranlasst werden, um etwaige körperliche Auslöser zu ermitteln.

Quellen

  • Köhler, T.: Medizin für Psychologen und Psychotherapeuten. Schattauer, Stuttgart 2014
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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