Neuropsychologische Diagnostik
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die neuropsychologische Diagnostik umfasst eine Reihe von standardisierten Papier-und-Bleistift- sowie Computertests zur Abklärung kognitiver Defizite nach einer Hirnschädigung. Das Diagnoseverfahren ist Voraussetzung für die Erhebung des kognitiven Status sowie die Planung nachfolgender Therapiemaßnahmen. Die Testung wird von Neuropsychologen in Einrichtungen mit neurologischem Schwerpunkt durchgeführt.
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Was ist die neuropsychologische Diagnostik?
Im Zentrum der klinischen Neuropsychologie stehen Schädigungen des Gehirns infolge von Unfällen oder Erkrankungen sowie deren Auswirkungen auf kognitive und psychische Funktionen. Zu diesen zählen unter anderem Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration, Wahrnehmung, Sprachverständnis, Planen und Problemlösen sowie Motivation, Stimmung und Antrieb.
Neuropsychologen decken im Behandlungsprozess die diagnostische Abklärung, die Durchführung verschiedener Therapiemaßnahmen sowie die Beratung für Betroffene und Angehörige ab. Neuropsychologen sind meist in Krankenhäusern, Therapiezentren oder Rehabilitationskliniken mit neurologischem Schwerpunkt tätig. Die Diagnostik oder testpsychologische Untersuchung umfasst die gesamte Bandbreite kognitiver und emotionaler Funktionen sowie deren Auswirkungen auf das Verhalten des Betroffenen.
Das Diagnoseverfahren beginnt mit einer Eigenanamnese, die aufgrund möglicher mangelhafter Zuverlässigkeit des Betroffenen durch eine Fremdanamnese mit Angehörigen ergänzt wird. Eine systematische Verhaltensbeobachtung in Therapie- und Alltagssituationen unterstützt und vervollständigt die in der Anamnese erhobenen Daten. Standardisierte, teilweise computergestützte Tests geben detaillierten Aufschluss über verschiedene kognitive und psychische Funktionen. Aufgrund der Testergebnisse erfolgt anschließend die Planung und Durchführung der Therapie.
In vielen Einrichtungen ist die neuropsychologische Diagnostik ein Standardverfahren des therapeutischen Prozesses. Betroffene mit Hirnschädigung durchlaufen eine umfangreiche Abklärung, auf die je nach Ergebnis nicht zwingend eine therapeutische Behandlung in Form von Übungen und kognitivem Training folgt.
Der Anlass für eine solche Untersuchung ist unterschiedlich. Am häufigsten steht ein akutes Ereignis am Anfang, etwa ein Schlaganfall, eine Hirnblutung oder eine Kopfverletzung; die Testung erfolgt dann im Verlauf der Behandlung oder bei der Aufnahme in eine Rehabilitationseinrichtung. Ein zweiter Anlass sind schleichend zunehmende Klagen über Vergesslichkeit, Wortfindungsschwierigkeiten oder Konzentrationsprobleme, bei denen zu klären ist, ob eine beginnende Erkrankung vorliegt oder ob sich die Beschwerden anders erklären lassen. Weitere Fragestellungen ergeben sich bei fortschreitenden Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose, bei einer schwer einstellbaren Epilepsie, nach einer Behandlung wegen eines Hirntumors und im Zusammenhang mit der Frage, ob und in welchem Umfang jemand in seinen Beruf zurückkehren kann.
Die Untersuchung beginnt nicht mit dem ersten Test, sondern mit der Vorbereitung. Der Neuropsychologe sichtet vorliegende Befunde, insbesondere die bildgebenden Untersuchungen und die Angaben zur eingenommenen Medikation, und klärt vorab, ob Sehen und Hören ausreichen, um die Aufgaben überhaupt bearbeiten zu können; eine benötigte Brille oder ein Hörgerät gehört deshalb zur Untersuchung dazu. Erst danach folgen Gespräch, Verhaltensbeobachtung und die eigentliche Testung, die je nach Fragestellung auf mehrere Sitzungen verteilt wird. Am Ende stehen die Auswertung, ein Gespräch, in dem die Ergebnisse verständlich zurückgemeldet werden, und ein schriftlicher Befund für die weiterbehandelnden Ärzte und Therapeuten.
Der eigene Wert des Verfahrens ergibt sich aus dem, was bildgebende Untersuchungen nicht leisten. Eine Magnetresonanztomographie zeigt, wo Gewebe geschädigt ist, aber nicht, welche Folgen das für das Denken und Handeln hat; umgekehrt kann eine deutliche Leistungsminderung vorliegen, ohne dass sich im Bild eine entsprechende Veränderung findet. Erst die Verbindung beider Befunde ergibt ein tragfähiges Bild. Weil die verwendeten Verfahren an großen Vergleichsgruppen geeicht sind, lässt sich zudem angeben, wie weit ein Ergebnis von dem abweicht, was bei einer Person gleichen Alters und gleicher Vorbildung zu erwarten wäre - ein Maßstab, den ein Gespräch allein nicht liefern kann.
Funktion, Wirkung & Ziele
Eine Störung des Gedächtnisses kann durch eine erworbene Hirnschädigung wie Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma bedingt sein. Langfristig gesehen verursachen auch Demenzen Gedächtnisstörungen, die unterschiedlich schnell fortschreiten. Das bekannteste Mittel zur Bestimmung einer Demenz ist der Mini Mental Status Test. Durch verschiedene Aufgaben zur Merkfähigkeit, zur Orientierung und zum Umsetzen von verbalen und schriftlichen Vorgaben wird die kognitive Leistungsfähigkeit eingestuft. Ist dieser Test auffällig, werden weitere Untersuchungen zu Form und Fortschreiten der Demenz durchgeführt. Eine Prüfung der örtlichen, zeitlichen, persönlichen und situativen Orientierung erfolgt bereits in der Anamnese.
Neben Angaben zu seiner Person wie Wohnort und Geburtsdatum beantwortet der Patient Fragen zu seinem derzeitigen Aufenthaltsort, dem aktuellen Datum oder dem bisherigen Krankheitsverlauf. Eine weitere große Gruppe aus dem Bereich der neuropsychologischen Untersuchungen sind Tests zur visuellen Wahrnehmung. Ist das Sehzentrum geschädigt, können komplette oder teilweise Gesichtsfeldausfälle in beiden Augen die Folge sein. Die Tests laufen immer öfter computergestützt ab. Der Patient soll versuchen, verschiedene Objekte ohne Drehung des Kopfes auf dem Bildschirm zu sehen. Ein ähnliches Verfahren kommt bei Neglect-Tests zum Einsatz.
Der Neglect ist eine Begleiterscheinung von Schlaganfällen, meist bei Schädigung der rechten Hemisphäre. Für Patienten mit Neglect existiert eine Raumhälfte visuell, akustisch und/oder taktil nicht, Reize aus dieser Raumhälfte werden nicht wahrgenommen. Der einfachste Weg der Diagnose sind Linienhalbierungstests, bei denen Betroffene Linien auf einer Seite des Blattes übersehen und die Linien nicht genau in der Mitte, sondern zur wahrgenommenen Seite hin verschoben teilen. Auch der Uhrentest, bei dem der Patient eine Uhr samt Zeiger aufzeichnen soll, gibt Aufschluss über einen Neglect. Betroffene würden sämtliche Ziffern in nur eine Hälfte der Uhr einzeichnen. Neuropsychologen klären auch sprachliche Aspekte einer Hirnschädigung ab.
Lese- und Schreibtests erlauben Rückschlüsse auf eine Betroffenheit des Sprachzentrums. Neben dem Lese-Sinn-Verständnis wird hierbei auch das Gedächtnis untersucht, wenn Patienten das Gelesene wiedergeben sollen. Schreibtests zeigen außerdem mögliche motorische Defizite der dominanten Hand. Tests zur Handlungsplanung und Problemlösung geben Aufschluss darüber, wie gut sich Betroffene in Alltags- oder Berufssituationen zurechtfinden und die dort auftretenden Herausforderungen bewältigen können. Die meisten neuropsychologischen Tests prüfen parallel auch Aufmerksamkeit und Konzentration. Sollten hier Auffälligkeiten vorliegen, können eigene Verfahren wie Ausstreichtests ein genaueres Bild vermitteln.
Neben Gedächtnis, Wahrnehmung und Sprache prüft die Untersuchung regelmäßig zwei weitere Bereiche. Der eine ist die Aufmerksamkeit, die sich in mehrere Anteile zerlegen lässt: die allgemeine Wachheit und Reaktionsschnelligkeit, die Fähigkeit, über längere Zeit bei einer eintönigen Aufgabe zu bleiben, und die Fähigkeit, zwei Anforderungen gleichzeitig zu bedienen. Geprüft wird das meist am Bildschirm, indem der Betroffene auf bestimmte Reize möglichst rasch mit einem Tastendruck antwortet, während Reaktionszeit und Fehlerzahl aufgezeichnet werden. Der zweite Bereich sind die Planungs- und Steuerungsleistungen. Hier werden Aufgaben gestellt, bei denen in einer vorgegebenen Zahl von Zügen ein Ziel erreicht, in kurzer Zeit möglichst viele Wörter einer Kategorie genannt oder eine einmal erlernte Regel gewechselt werden muss. Solche Aufgaben decken auf, ob jemand vorausplant, seine Fehler bemerkt und sein Vorgehen umstellen kann.
Auch innerhalb einer einzelnen Leistung wird genauer unterschieden, als es zunächst scheint. Beim Gedächtnis prüft man getrennt, ob sprachliches oder bildhaftes Material betroffen ist, ob der Abruf unmittelbar oder erst nach einer Verzögerung misslingt und ob das Gelernte wiedererkannt wird, wenn es vorgelegt wird. Diese Unterscheidung ist folgenreich: Wer sich Gelerntes nicht frei erinnern, es aber sicher wiedererkennen kann, hat eher ein Abrufproblem als ein Speicherproblem - und braucht deshalb andere Hilfen, etwa Merkhilfen mit Hinweisreizen statt reinen Wiederholungsübungen. Ähnlich wird bei der Sprache zwischen Benennen, Nachsprechen und Verstehen getrennt und bei der Handlungsausführung geprüft, ob Gesten nachgeahmt und Gegenstände sachgerecht gebraucht werden können.
Ergänzt wird die Leistungsprüfung durch Fragebögen zu Stimmung, Erschöpfung, Schlaf und Belastungserleben. Diese werden häufig sowohl vom Betroffenen als auch von einem Angehörigen ausgefüllt; weichen beide Einschätzungen stark voneinander ab, ist das selbst ein Befund und weist auf eine eingeschränkte Krankheitseinsicht hin.
Das Ziel der Untersuchung ist dabei ausdrücklich nicht die Auflistung von Defiziten. Erstellt wird ein Leistungsprofil, das ebenso festhält, welche Fähigkeiten erhalten geblieben sind, denn auf diesen setzt die Behandlung auf. Aus dem Profil ergeben sich die Schwerpunkte der Therapie, die Auswahl geeigneter Hilfsmittel und die Beratung von Betroffenen und Angehörigen. Eine Wiederholung nach einem längeren Abstand macht außerdem den Verlauf messbar und zeigt, ob eine Behandlung anschlägt. Schließlich dient der Befund als fachliche Grundlage, wenn über die Rückkehr an den Arbeitsplatz, über die Notwendigkeit weiterer Unterstützung im Alltag oder über sozialmedizinische Fragen zu entscheiden ist; die Entscheidung selbst trifft die Neuropsychologie nicht, sie liefert die Befundgrundlage dafür.
Zu unterscheiden sind dabei zwei Untersuchungstiefen. Kurze, rasch durchführbare Verfahren wie der Mini Mental Status Test sind dafür gedacht, einen Verdacht zu erhärten oder auszuräumen; sie sagen wenig darüber aus, welche Leistung genau betroffen ist, und ein unauffälliges Ergebnis schließt eine umschriebene Störung nicht aus. Die ausführliche Untersuchung setzt dort an, wo eine Antwort auf eine bestimmte Frage benötigt wird - etwa auf die Frage, ob die Rückkehr an einen konkreten Arbeitsplatz möglich ist. Sie besteht aus mehreren aufeinander abgestimmten Verfahren und beansprucht entsprechend mehr Zeit.
Neben den Zahlenwerten trägt die Beobachtung während der Untersuchung erheblich zum Ergebnis bei. Wie jemand an eine Aufgabe herangeht, ob er nachfragt, ob er eigene Fehler bemerkt, wie er auf Misserfolg reagiert und ob er über die gesamte Dauer bei der Sache bleibt, lässt sich in keinem Punktwert abbilden, ist für die Planung der Behandlung aber oft aufschlussreicher als das Ergebnis selbst. Zwei Personen können denselben Wert erreichen und dabei völlig unterschiedlich vorgegangen sein: die eine langsam, aber planvoll, die andere schnell und wahllos. Die Verhaltensbeobachtung wird deshalb mitdokumentiert und im Befund gesondert beschrieben.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Körperliche Defizite sind für die Psyche oft einfacher zu verarbeiten als kognitive, weswegen die Betroffenen während der Testung unter Umständen nicht compliant sind. Eine fehlende Krankheitseinsicht erschwert die Diagnostik für den Neuropsychologen. Eine weitere Komplikation liegt in Patienten mit massiven Verhaltensauffälligkeiten oder Aggressionen, welche eine Testung mitunter unmöglich machen. In diesem Fall kann die neuropsychologische Diagnostik nicht gleich nach der Aufnahme, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Manche neuropsychologische Untersuchungen wie der Mini Mental Status Test können nicht beliebig oft wiederholt werden.
Dieser Test zur Bestimmung einer Demenz kann aufgrund des Lerneffekts bei einer zweiten Durchführung ein besseres und damit verfälschtes Ergebnis zeigen. Neuropsychologen müssen sich mit anderen Berufsgruppen absprechen, damit keine doppelte Testung erfolgt. Ergotherapeuten beispielsweise führen ebenfalls Testungen im kognitiven Bereich durch, um ihre Therapiemaßnahmen zu planen. Eine Rücksprache mit anderen Ärzten und Therapeuten ist nicht nur während der Diagnostik, sondern auch während des Therapieprozesses unumgänglich, da die Behandlung von Gehirnschädigungen im multidisziplinären Team erfolgt.
Die wesentlichen Fehlerquellen der neuropsychologischen Diagnostik liegen nicht im Verfahren, sondern in den Bedingungen, unter denen es angewandt wird. Die Testung ist anstrengend, und Ermüdung senkt die Werte messbar; deshalb wird auf Pausen, auf eine sinnvolle Reihenfolge der Aufgaben und gegebenenfalls auf die Verteilung über mehrere Termine geachtet. Auch die Tagesform, Schmerzen, eine schlechte Nacht oder der Einfluss von Medikamenten und Alkohol verändern das Ergebnis. Wird zu früh nach einem akuten Ereignis getestet, fällt das Bild oft dunkler aus, als es dem späteren Zustand entspricht - eine solche Untersuchung beschreibt den Ausgangspunkt, taugt aber nicht als Prognose.
Eine zweite Gruppe von Fehlerquellen betrifft die Passung zwischen Test und Person. Nicht erkannte Seh- oder Hörminderungen führen zu Werten, die eine kognitive Störung vortäuschen. Dasselbe gilt, wenn ein Verfahren in einer Sprache vorgegeben wird, die der Betroffene nicht sicher beherrscht, oder wenn die Vergleichswerte aus einer Gruppe stammen, die ihm nach Alter, Schulbildung oder Lebensumständen nicht entspricht. Für mehrsprachige Betroffene und für Menschen mit sehr geringer oder sehr hoher Vorbildung sind deshalb besondere Vorsicht und, soweit vorhanden, eigene Vergleichswerte geboten.
Eine dritte Gruppe betrifft die Auslegung der Ergebnisse. Wer viele Tests durchführt, findet fast immer einzelne auffällige Werte, ohne dass eine Störung vorliegen muss; ein einzelner Wert außerhalb des Erwartungsbereichs ist deshalb kein Befund, sondern ein Anlass, ihn im Zusammenhang zu prüfen. Umgekehrt kann eine Depression das gesamte Leistungsprofil senken und so eine Hirnschädigung vortäuschen, weshalb Stimmung und Antrieb stets mit erhoben werden. Und ein gutes Ergebnis in der ruhigen Testsituation belegt noch nicht, dass die Anforderungen des Alltags oder des Arbeitsplatzes bewältigt werden - dort wirken Zeitdruck, Störgeräusche und mehrere gleichzeitige Aufgaben.
Schließlich ist die Untersuchung selbst eine Belastung. Für viele Betroffene ist es das erste Mal, dass ihnen die eigenen Einbußen deutlich vor Augen geführt werden, was Kränkung, Angst oder Rückzug auslösen kann. Die Rückmeldung der Ergebnisse gehört deshalb zum Verfahren und wird so gestaltet, dass neben den Einschränkungen die erhaltenen Fähigkeiten und die nächsten Schritte benannt werden. Weil der Befund darüber hinaus in Entscheidungen über Beruf, Fahrerlaubnis oder Unterstützungsleistungen einfließen kann, sind eine sorgfältige Aufklärung über Zweck und Verwendung der Untersuchung sowie der vertrauliche Umgang mit den Ergebnissen Teil der fachlichen Anforderungen.
Quellen
- Sturm, W. (Hrsg.): Lehrbuch der klinischen Neuropsychologie.
ISBN: 9783827416124
- Goldenberg, G.: Neuropsychologie.
ISBN: 9783437211737
- Jäncke, L.: Lehrbuch kognitive Neurowissenschaften.
ISBN: 9783456863467
- Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
ISBN: 9783801732172
- Füeßl, H., Middeke, M.: Anamnese und klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132443099
