Anamnese

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Beim ersten Kontakt zwischen Arzt und Patient spielt das Kennenlernen eine bedeutsame Rolle. Nur wer sich bei seinem Arzt in guten Händen weiß, ist bereit, die Diagnose sowie die vorgeschlagene Therapie zu akzeptieren. Auch für den Arzt ist es wichtig, den Patienten genau zu kennen. Das erste Gespräch zwischen Arzt und Patient wird Anamnese genannt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Anamnese?

Anamnese
Für den Arzt ist es wichtig, den Patienten genau zu kennen. Das erste Gespräch zwischen Arzt und Patient wird Anamnese genannt.

Der Arzt muss nicht nur über die aktuellen Beschwerden Bescheid wissen. Hinter gleichen Symptomen können verschiedene Ursachen stecken. Die Anamnese verschafft ihm einen Überblick über Gesundheitszustand, berufliche und persönliche Lebensverhältnisse und psychische Verfassung des Patienten. Eine sorgfältige Anamnese bildet den Ausgangspunkt für Art und Umfang der späteren Therapie.

Sie hilft dem Arzt, eine klare Diagnose zu stellen und den Patienten effektiv zu behandeln. Der Begriff Anamnese geht auf das griechische Wort "anámnēsis" zurück und bedeutet "Erinnerung". Er bezeichnet sowohl die Befragung als auch den Inhalt der Krankengeschichte. In einem eingehenden Gespräch mit dem Patienten wird eine Art "gesundheitlicher Lebenslauf" erstellt, um grundlegende medizinische Informationen über den Patienten zusammenzutragen und zu dokumentieren.

Nebenbei hat der Arzt die Möglichkeit, seinen Patienten im Vorfeld zu inspizieren (Körperhaltung, Gesichtsfarbe, Zustand von Haaren und Fingernägeln). Ein weiteres Ziel der Anamnese ist, ein positives Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient aufzubauen. Dieses bildet eine entscheidende Basis für eine spätere erfolgreiche Behandlung.

Funktion, Wirkung & Ziele

Die Anamnese wird vor der medizinischen Untersuchung erhoben. Wie sie abläuft und wie lange sie dauert, hängt vom Beschwerdebild des Erkrankten und der Fachrichtung des Arztes ab. Ihr Ziel ist es, zusammen mit der körperlichen Untersuchung zu einer ersten Verdachtsdiagnose zu führen.

Diese kann der Arzt mit zusätzlichen Untersuchungen absichern, um anschließend eine wirksame Therapie einzuleiten. Je nach dem, woher die Auskünfte stammen, unterscheidet der Mediziner zwischen Eigen- und Fremdanamnese. Erstere basiert auf den eigenen Antworten des Patienten. Eine Fremdanamnese stammt von Personen aus seinem direkten Umfeld.

Das ist notwendig, wenn sich der Kranke nicht ausreichend verständigen kann oder Symptome auftreten, die er selbst nicht wahrnimmt, weil sie beispielsweise im Schlaf auftreten. Der Arzt empfängt seinen Patienten mit der Frage: "Was führt Sie zu mir?" und hört sich dessen Beschwerden an. Er stellt gezielte Fragen, die die Diagnose eingrenzen und die relevanten Bereiche der Vorgeschichte abdecken.

Die Aktuelle Anamnese beinhaltet Fragen, die auf momentane Beschwerden abzielen: Wo tut es weh und seit wann? Wie stark sind die Schmerzen? Wann und wie oft treten sie auf? Alle Antworten, die sich nicht direkt darauf beziehen, sind Gegenstand der „Allgemeinen Anamnese“. Diese beleuchtet zunächst die bisherige Krankengeschichte des Patienten. Sie erfasst durchgemachte Krankheiten, chronische Krankheiten, Infektions- und Kinderkrankheiten, frühere Operationen, Verletzungen, Allergien oder Behinderungen.

Bei der Vegetativen Anamnese geht es um Körperfunktionen wie Essgewohnheiten, Stuhlgang, Atmung und Schlaf. Der Arzt erkundigt sich beispielsweise, ob der Patient unter Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schwindel oder Schlafstörungen leidet. Bei der Medikamentenanamnese interessiert den Mediziner, welche Präparate der Patient einnimmt oder eingenommen hat, aus welchem Grund und in welcher Dosierung. Leider vergessen die Patienten häufig, freiverkäufliche Präparate oder Verhütungsmittel wie die Pille zu erwähnen. Doch für den Arzt sind diese Angaben wichtig.

Diese Mittel können die Wirkung anderer Medikamente beeinträchtigen. Mittels der Genussmittelanamnese kann der Arzt mögliche Risikofaktoren einschätzen. Alkohol, Drogen oder Zigaretten lösen bestimmte Krankheiten aus oder verschlimmern sie; auch übermäßiger Kaffee- oder Zuckerkonsum kann sich auf die Gesundheit auswirken. Gerade, wenn es um diese "heiklen" Themen geht, ist ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient von großer Bedeutung. Fragen, die den körperlichen Zustand des Patienten betreffen, fasst die Somatische Anamnese zusammen.

Im Gegensatz dazu analysiert die Psychische Anamnese seine seelische Verfassung. Den meisten Menschen sind diese Fragen eher unangenehm. Wer jedoch das Gefühl hat, dass der Arzt ihn versteht und sich um ihn kümmert, ist eher bereit, über belastende Umstände oder Gefühle zu sprechen. Ein weiteres Kapitel ist die Soziale Anamnese. Sie gibt Aufschluss über das gesellschaftliche Umfeld des Patienten, seine berufliche und familiäre Situation. Durch bestimmte Faktoren im Beruf entstehen Berufskrankheiten wie Asthma bei Bäckern oder Hautekzeme bei Maurern.

Desgleichen lösen hohe körperliche und seelische Belastungen im Beruf oder Familienkonflikte Gesundheitsstörungen aus. Die Familienanamnese geht genetischen Risiken auf den Grund. Sie forscht nach Erbkrankheiten und Veranlagungen für bestimmte Erkrankungen wie Rheuma, Diabetes, Krebserkrankungen oder psychische Störungen. Diese treten oft in derselben Familie gehäuft auf. Zudem können sich Menschen innerhalb der Familie mit Infektionskrankheiten anstecken. Deshalb erkundigt sich der Arzt nach Krankheiten lebender und den Todesursachen verstorbener Verwandter.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

All diese Antworten liefern wichtige Hinweise auf die möglichen Ursachen der momentanen Beschwerden. Der Erfolg der späteren Therapie hängt entscheidend davon ab, welche Hinweise der Arzt bei der Anamnese und der körperlichen Untersuchung erhält. Daher wird er die Erhebung je nach Beschwerdebild, seinem Fachgebiet und seiner Erfahrung unterschiedlich durchführen.

90 % aller Diagnosen basieren auf der schlüssigen Kombination von Anamnese und körperlicher Untersuchung – vorausgesetzt, dass alle Auskünfte des Patienten richtig beim Arzt angekommen sind. Mitunter führen Missverständnisse oder unbewusst falsche Angaben des Patienten zu Fehldiagnosen. Ein guter Mediziner ist in der Lage, aus der Vielfalt der Informationen die entscheidenden herauszufiltern, sie richtig zu interpretieren und eine genaue Diagnose zu stellen.

Geschichte & Entwicklung

Die Befragung des Kranken zählt zu den ältesten Werkzeugen der Heilkunde. In der Medizin des Altertums war sie neben dem Augenschein der einzige Zugang zur Krankheit: Es gab keine Messgeräte, keine Laborwerte und keine Bilder aus dem Körperinneren, und so richtete sich die gesamte Aufmerksamkeit auf das, was der Kranke berichtete und was sich an ihm beobachten ließ. Der Verlauf einer Erkrankung wurde über Tage hinweg festgehalten, weil sich aus der zeitlichen Abfolge der Beschwerden Rückschlüsse ziehen ließen. Aus dieser Tradition stammt der Begriff der Anamnese: Er meinte zunächst schlicht das Erinnern des Patienten an den Gang seines Leidens.

Mit dem 19. Jahrhundert verschob sich das Gewicht. Die körperliche Untersuchung wurde durch das Beklopfen des Brustkorbs und die Auskultation mit dem Hörrohr systematisch ausgebaut, im 20. Jahrhundert kamen Laboruntersuchungen und bildgebende Verfahren hinzu. Das Gespräch verlor dadurch nicht an Bedeutung, wohl aber seine Alleinstellung. Es steht heute am Anfang einer ganzen Kette von Untersuchungen – und es entscheidet darüber, welche dieser Untersuchungen überhaupt angefordert werden.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Gesprächsführung selbst zum Gegenstand von Lehre und Forschung. Es setzte sich die Auffassung durch, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient das Ergebnis der Behandlung mitbestimmt und dass sich die dafür nötige Gesprächstechnik erlernen lässt. Seither gehört die Anamneseerhebung zum festen Bestandteil des Medizinstudiums; sie wird an eigens geschulten Schauspielpatienten geübt und in praktischen Prüfungen abgenommen. Parallel dazu hielt die elektronische Dokumentation Einzug. Fragebögen, die der Patient vor dem Gespräch ausfüllt, und strukturierte Eingabemasken in der Praxissoftware sollen verhindern, dass wesentliche Fragen vergessen werden; sie bereiten das Gespräch jedoch nur vor und ersetzen es nicht.

Ablauf & Gesprächsführung

Ein Anamnesegespräch beginnt in der Regel mit einer offenen Frage, auf die der Patient in eigenen Worten antworten kann. Der Arzt lässt ihn zunächst frei schildern und unterbricht dabei so wenig wie möglich, denn in der ungelenkten Erzählung tauchen häufig Angaben auf, nach denen niemand gezielt gefragt hätte. Erst danach folgen die eingegrenzten Fragen, die sich mit „ja“ oder „nein“ oder mit einer knappen Angabe beantworten lassen und die verbliebenen Lücken schließen.

Für die Beschreibung einzelner Beschwerden hat sich ein festes Fragenraster eingebürgert. Erfragt werden Art und Charakter des Symptoms, seine genaue Lage und eine mögliche Ausstrahlung, der Beginn und der zeitliche Verlauf, die Stärke, auslösende und lindernde Umstände sowie Begleiterscheinungen. Bei Schmerzen etwa macht es für das weitere Vorgehen einen erheblichen Unterschied, ob ein dumpfer Dauerschmerz geschildert wird oder ein plötzlich einsetzender, in den Arm ausstrahlender Schmerz, der von Luftnot und Schweißausbruch begleitet wird.

Zum Gespräch gehört auch die Frage, was der Patient selbst hinter seinen Beschwerden vermutet und was er befürchtet. Sie bringt Sorgen zutage, die sonst unausgesprochen bleiben, und erleichtert es später, Diagnose und Therapievorschlag verständlich zu erklären. Am Ende fasst der Arzt das Gehörte in eigenen Worten zusammen und lässt es bestätigen oder berichtigen. Diese Rückversicherung deckt Hör- und Verständnisfehler auf, bevor sie in die Krankenakte eingehen.

Der äußere Rahmen wirkt auf das Ergebnis zurück. Ein ungestörter Raum, eine Sitzordnung auf gleicher Augenhöhe und ausreichend Zeit erhöhen die Bereitschaft, auch Unangenehmes mitzuteilen. Findet das Gespräch dagegen im Mehrbettzimmer statt oder steht der bereits entkleidete Patient im Untersuchungsraum, bleiben heikle Themen erfahrungsgemäß eher unerwähnt.

Sexualanamnese

Ein Teil der Krankengeschichte wird in der Praxis besonders häufig ausgespart: die Sexualanamnese. Sie erfragt Partnerschaft und sexuelle Aktivität, den Gebrauch von Schutzmitteln wie dem Kondom, die Art der Empfängnisverhütung, zurückliegende Geschlechtskrankheiten und Beschwerden im Genitalbereich.

Für eine Reihe von Fragestellungen ist sie unentbehrlich. Bei Verdacht auf eine Infektion mit Chlamydien, Herpes genitalis, Feigwarzen, Hepatitis B oder HIV entscheidet sie darüber, welche Untersuchungen sinnvoll sind und an welchen Körperstellen Material für einen Abstrich gewonnen werden muss. Sie gehört ebenso zur Abklärung von unerfülltem Kinderwunsch, von Zyklusstörungen und von Beschwerden der Prostata.

Hinzu kommt eine Seite, die leicht übersehen wird: Zahlreiche Medikamente – darunter Mittel gegen Bluthochdruck, gegen Depressionen und hormonell wirksame Präparate – können Erleben und Funktion beeinträchtigen, ohne dass Betroffene dies von sich aus ansprechen. Auch chronische Erkrankungen und Eingriffe im Beckenbereich wirken sich aus. Umgekehrt gilt eine Erektile Dysfunktion als möglicher früher Hinweis auf eine Erkrankung der Blutgefäße und kann Anlass geben, Herz und Kreislauf genauer zu untersuchen. Und schließlich berührt die Sexualanamnese Gewalterfahrungen, die sich hinter unklaren Unterbauch- oder Beckenbeschwerden verbergen können.

Weil das Thema für beide Seiten heikel ist, steht die Sexualanamnese meist nicht am Anfang des Gesprächs. Sie wird in den Zusammenhang der übrigen Fragen eingebettet und mit einer kurzen Überleitung angekündigt, die deutlich macht, dass es sich um Routinefragen handelt und nicht um Neugier. Der Arzt fragt sachlich, ohne Wertung und ohne Annahmen über die Lebensform des Patienten; die Auskünfte unterliegen wie alle anderen Angaben der ärztlichen Schweigepflicht. Möchte ein Patient nicht antworten, wird dies vermerkt und die Frage nicht weiterverfolgt.

Besondere Formen der Anamnese

Je nach Anlass verschiebt sich das Gewicht der Fragen erheblich. In der Notfallmedizin bleibt für ein ausführliches Gespräch keine Zeit. Rettungsdienst und Notarzt arbeiten deshalb mit knappen, festgelegten Fragenfolgen, die in wenigen Sätzen die aktuellen Beschwerden, bekannte Allergien, die eingenommenen Medikamente, wesentliche Vorerkrankungen, den Zeitpunkt der letzten Mahlzeit und den Hergang des Ereignisses erfassen. Die letzte Mahlzeit ist deshalb von Bedeutung, weil sie über die Sicherheit einer kurzfristig notwendigen Narkose mitentscheidet. Ist der Patient nicht ansprechbar, tritt die Fremdanamnese durch Angehörige, Ersthelfer oder Umstehende an ihre Stelle; Medikamentenpläne, Impfausweise und Notfallpässe werden dabei ausgewertet.

Vor einer geplanten Operation wird eine eigene Narkoseanamnese erhoben. Sie richtet sich auf Erkrankungen von Herz und Lunge, auf frühere Narkosen und auf Zwischenfälle bei Narkosen in der Familie, auf lockere Zähne und Zahnersatz, auf die Beweglichkeit von Hals und Kiefer sowie auf Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen.

In der Kinderheilkunde richtet sich die Befragung überwiegend an die Eltern und wird um Punkte ergänzt, die es sonst nicht gibt: Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, Gedeihen und Entwicklung, Impfungen, durchgemachte Kinderkrankheiten, Ernährung und Schlaf. Ältere Kinder werden zusätzlich selbst befragt, weil sie ihre Beschwerden oft anders schildern, als die Eltern sie deuten.

In der Geriatrie, der Medizin des alternden Menschen, treten andere Punkte in den Vordergrund: Stürze, Schwindel, die Zahl der gleichzeitig eingenommenen Medikamente, Gedächtnis und Orientierung, Seh- und Hörvermögen, der Ernährungszustand sowie die Frage, was der Betroffene im Alltag noch selbstständig bewältigt und wer ihn unterstützt. Bei einer Demenz verliert die Eigenanamnese an Verlässlichkeit, und die Fremdanamnese wird zur Hauptquelle.

Eine Reiseanamnese wird erhoben, wenn Beschwerden nach einem Auslandsaufenthalt auftreten. Bei unklarem Fieber nach einer Reise in Gebiete, in denen Malaria vorkommt, verändert allein die Angabe des Reiseziels die gesamte weitere Abklärung. Erfragt werden Reiseland und Reisezeit, die Art der Unterkunft, Kontakt zu Tieren, Nahrung und Trinkwasser sowie die vor der Reise durchgeführten Impfungen und Vorbeugungsmaßnahmen.

Dokumentation & Weiterverarbeitung

Was im Gespräch zusammengetragen wird, hält der Arzt in der Krankenakte fest, heute meist in elektronischer Form. Die Aufzeichnung folgt üblicherweise derselben Gliederung, in der auch gefragt wurde, und trennt die Angaben des Patienten von den eigenen Beobachtungen des Arztes. Diese Trennung ist wichtig, weil beides einen unterschiedlichen Rang hat: Die Schilderung des Patienten ist ein Bericht, der Untersuchungsbefund ein selbst erhobenes Ergebnis.

Der Eintrag erfüllt mehrere Aufgaben zugleich. Er erlaubt beim nächsten Besuch den Vergleich mit dem früheren Zustand, er ist die Grundlage für Überweisungen und für Arztbriefe an mitbehandelnde Ärzte, und er ist ein Dokument, in das der Patient Einsicht nehmen kann.

Aus den Angaben ergeben sich unmittelbar die nächsten Schritte. Der Arzt stellt aus dem Gehörten eine Reihe möglicher Erklärungen zusammen und ordnet sie nicht nur nach Wahrscheinlichkeit, sondern auch nach Gefährlichkeit: Eine unwahrscheinliche, aber bedrohliche Möglichkeit wie ein Herzinfarkt oder eine Lungenembolie muss ausgeschlossen werden, bevor eine harmlosere Erklärung angenommen wird. Erst auf dieser Grundlage wird entschieden, welche Laborwerte bestimmt und welche bildgebenden Untersuchungen angefordert werden und ob eine Überweisung ausgestellt wird.

Die Anamnese ist dabei kein einmaliger Vorgang. Bei länger bestehenden Erkrankungen wird sie bei jedem Besuch fortgeschrieben; verändert sich das Beschwerdebild oder passt der Verlauf nicht zur bisherigen Annahme, wird gezielt nachgefragt und die Krankengeschichte an den Stellen neu erhoben, an denen sie unvollständig geblieben ist.

Grenzen der Anamnese

So ergiebig das Gespräch ist, es hat Grenzen, die keine Sorgfalt aufhebt. Der Patient kann nur berichten, was er wahrnimmt: Ein erhöhter Blutdruck, ein veränderter Blutzucker oder eine beginnende Nierenschwäche machen sich lange Zeit gar nicht bemerkbar und tauchen in keiner Schilderung auf. Erinnerungslücken kommen hinzu, besonders bei weit zurückliegenden Erkrankungen, bei Operationen im Kindesalter und bei Namen und Mengen von Medikamenten; ein mitgebrachter Medikamentenplan ist deshalb häufig aussagekräftiger als die Erinnerung.

Manche Angaben werden auch bewusst zurückgehalten oder beschönigt. Das betrifft vor allem Themen, die mit Scham oder mit befürchteten Nachteilen verbunden sind: die Menge des Alkoholkonsums, der Konsum anderer Substanzen, sexuelle Kontakte, seelische Belastungen oder die Frage, ob verordnete Medikamente tatsächlich eingenommen werden. Ein wertfreies Nachfragen erhöht die Wahrscheinlichkeit einer offenen Antwort, erzwingt sie aber nicht.

Erschwert wird das Gespräch außerdem durch Verständigungshindernisse. Bei fehlender gemeinsamer Sprache werden Dolmetscher hinzugezogen; die Vermittlung durch Angehörige liegt zwar nahe, ist aber problematisch, weil sie die Antworten färben kann und weil sich in Gegenwart von Familienmitgliedern manches nicht sagen lässt. Schwerhörigkeit, Sprachstörungen nach einem Schlaganfall, starke Schmerzen, Angst oder eine akute Verwirrtheit begrenzen die Auskunftsfähigkeit ebenfalls.

Eine weitere Fehlerquelle liegt beim Untersuchenden selbst. Wer sich früh auf eine Erklärung festlegt, fragt anschließend vor allem in diese Richtung weiter und übersieht Angaben, die nicht ins Bild passen. Auch Zeitdruck wirkt sich aus, weil er die freie Schilderung verkürzt. Das Ergebnis der Anamnese wird deshalb nicht als Diagnose behandelt, sondern als Ausgangspunkt, den die körperliche Untersuchung und die weitere Diagnostik bestätigen oder widerlegen müssen.

Quellen

  • Füeßl, H. S., Middeke, M.: Anamnese und klinische Untersuchung.
    ISBN: 9783132443099
  • Gesenhues, S., Gesenhues, A. (Hrsg.): Praxisleitfaden Allgemeinmedizin.
    ISBN: 9783437224577
  • Herold, G.: Innere Medizin 2026.
    ISBN: 9783982116655
  • Arastéh, K., Baenkler, H.-W., Bieber, C., et al.: Duale Reihe Innere Medizin.
    ISBN: 9783132443488
  • Mader, F. H., Riedl, B.: Allgemeinmedizin und Praxis.
    ISBN: 9783662543474

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