Orthorexia nervosa


Experte: Dr. med. Nonnenmacher
Autor: Medizinredaktion
Aktualisiert am: 29. September 2018
Kategorie: Krankheiten

Nicht jede Beschäftigung mit gesundem Essen ist sofort als Essstörung zu bewerten. Bei der als Orthorexia nervosa bezeichneten Erkrankung leiden die Betroffenen unter einer übertriebenen Obsession nach gesundem Essen und missionieren zudem ihr Umfeld. Bei offensichtlichem Untergewicht sollten Familienangehörige an diese Erkrankung denken und den Betroffenen ermutigen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Orthorexia nervosa?

Orthorexia nervosa ist eine Essstörung, die 1997 von Dr. Steve Bratman erstmals beschrieben wurde. Die Betroffenen streben nach möglichst gesundem Essen und verbieten sich im Laufe der Erkrankung immer mehr Lebensmittel, die sie als ungesund einstufen.

Es kommt dabei weniger auf die Essensmenge als vielmehr auf deren Zusammensetzung an. Patienten mit Orthorexia nervosa können jedoch trotzdem Mangelzustände erleiden, weil sie auf immer mehr Lebensmittel verzichten, sodass es in der Folge auch zu lebensbedrohlichem Gewichtsverlust, ähnlich wie bei der Anorexie, kommen kann. Die Patienten fühlen sich allen Personen, die ein normales Essverhalten zeigen, überlegen und verbringen immer mehr Zeit mit der Auswahl und der Zubereitung sowie der Einnahme ihrer Mahlzeiten.

Manchmal beschäftigen sie sich mehrere Stunden am Tag mit dem Thema Essen, sodass sie auch ihr soziales Umfeld vernachlässigen. Bei der Zusammensetzung ihrer Mahlzeiten setzen sie sich dabei zunehmend engere Grenzen.

Ursachen

Menschen mit Orthorexia nervosa sind besessen von dem Gedanken an Nahrungsmittel und deren Kategorisierung in gesund und ungesund. Häufig beginnt die Störung schleichend als Prozess, um eine andere Erkrankung zu kurieren oder das allgemeine Befinden zu verbessern.

Berichte aus den Medien über Massentierhaltung, verschiedene Lebensmittelskandale und der diskutierte Einsatz von Gentechnik zur Herstellung von Lebensmitteln können zum Auslöser dieser Erkrankung werden.

Bei der Orthorexia nervosa geht das Gesundheitsbewusstsein jedoch weit über das Normalmaß hinaus, bestimmte Lebensmittel eine Zeit lang zu meiden.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Die Diagnose der Orthorexia nervosa stellt ein Arzt oder ein Psychologe nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Patienten. Möglicherweise fallen dabei bereits Mangelerscheinungen auf. Da sich die Betroffenen jedoch für besonders gesund halten, besteht meist keine Einsicht erkrankt zu sein.

Es kann im Verlauf zu Konzentrationsstörungen, Antriebslosigkeit und Untergewicht kommen. Auffällig ist zudem, dass Betroffene versuchen, ihr soziales Umfeld zu missionieren und zu einem gesünderen Essverhalten zu animieren. Oft bringen Betroffene von Orthorexia nervosa zu Feierlichkeiten unter bestimmten Vorwänden ihr eigenes Essen mit, da sie nicht mehr in der Lage sind, an einem gemeinsamen Essen teilzunehmen.

Komplikationen

Orthorexia nervosa kann eine einseitige Ernährung begünstigen. Mögliche körperliche Komplikationen, die daraus entstehen können, sind Untergewicht und Mangelerscheinungen wie Eisen- oder Vitamin-B-12-Mangel. Obwohl Orthorexia nervosa keine abgrenzbare und diagnostizierbare Essstörung darstellt, kann sie mit anderen Essstörungen einhergehen.

Zum Beispiel ist es möglich, dass eine magersüchtige Person nicht nur die Kalorienmenge einschränkt, die sie zu sich nimmt, sondern auch alle ungesunden Lebensmittel aus ihrer Ernährung verbannt. Orthorektiker betrachten ihren Zustand oft nicht als Krankheit, sondern als freie Entscheidung. In dieser Hinsicht gleichen sie vielen Magersüchtigen.

Wie bei Magersüchtigen, so ist auch bei Orthorektikern die Behandlung zu Beginn oft sehr schwierig, wenn das Krankheitsbewusstsein fehlt. Verschiedene psychische Erkrankungen und Syndrome können als Komplikation von Orthorexia nervosa entstehen oder mit ihr einhergehen. Zu den häufigsten gehören depressive Störungen.

Orthorexia nervosa kann jedoch auch ohne körperliche und psychische Komplikationen verlaufen. Die Unterschiede zwischen einzelnen Betroffenen und ihren Essgewohnheiten sind zu groß, um eine allgemeine Aussage zu treffen. Die häufigste Komplikation ist die soziale Isolation, die sich absichtlich oder unabsichtlich entwickeln kann. Orthorektiker ziehen sich oft von anderen Menschen zurück, da sie sich missverstanden fühlen oder aufgrund ihrer Essgewohnheiten auf Spott stoßen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Der Zeitpunkt für den Arztbesuch ist wie bei allen anderen Essstörungen dann gekommen, wenn das Essverhalten beginnt, dem Körper zu schaden. Bei Orthorexia nervosa kann das genauso schnell passieren wie bei jeder anderen Essstörung, selbst wenn Betroffene paradoxerweise versuchen, genau das zu verhindern. Die meisten Betroffenen werden bei Orthorexia nervosa nicht zu Beginn den Arzt aufsuchen, denn sie sehen selbst noch nicht ein, dass ihr Essverhalten alles andere als gesund ist. Häufig kommt es erst zu Mangelerscheinungen und körperlichen Symptomen durch die Ernährung, denkbar sind auch psychische Auswirkungen.

Sind die Betroffenen noch minderjährig, müssen die Erziehungsberechtigten den Arzt konsultieren, sobald sie das Gefühl bekommen, dass das Bestreben nach (vermeintlich) gesunder Ernährung zwanghafte Züge annimmt und dem Betroffenen schadet. Es genügt bereits, sich bei Orthorexia nervosa an den Hausarzt zu wenden, dieser wird an einen Facharzt weiter verweisen. Letztlich kann nur ein Psychologe Orthorexia nervosa langfristig behandeln.

Sollte sich ein Betroffener in eine akute Gefahrensituation bringen, also etwa die Nahrungsaufnahme vollständig oder so weit verweigern, dass dadurch die Gesundheit ernstlich bedroht ist, besteht auch die Möglichkeit einer Zwangseinweisung. Dadurch bekäme der Betroffene zwar schnelle Hilfe, allerdings kommt es bei Orthorexia nervosa selten zu solchen extremen Zuständen. Eher erkennt der Betroffene irgendwann selbst, dass seine Ernährung nicht zur Gesundheit beiträgt, und konsultiert den Arzt zunächst, um zu erfahren, warum sich seine Erwartungen nicht mit seinem gesundheitlichen Zustand decken.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung der Orthorexia nervosa ist die einer Essstörung und erfolgt ambulant oder in schweren Fällen stationär. Wenn das Untergewicht lebensbedrohlich ist, muss gegebenenfalls eine Magensonde gelegt werden, um die Ernährung zu sichern.

Sobald sich der Betroffene stabilisiert hat, sollte sich eine psychologische Betreuung anschließen. Der Patient wird ermutigt, zunächst zu einer Krankheitseinsicht zu finden und anschließend ein normales Essverhalten zu erlernen. Es geht vor allem darum, dass die Betroffenen die Mahlzeiten wieder entspannt erleben und dabei auch genießen können. Auch das Denken an Nährwerttabellen und die Gesundheitsaspekte der einzelnen Nahrungsmittel müssen sich beim Patienten so verändern, dass er sich auch ehemals verbotene Nahrungsmittel gönnt, weil sie ihm schmecken.

Hier ist eine stationäre Therapie möglich. Es gibt jedoch auch ambulante Möglichkeiten. Eine psychologische Betreuung oder eine Psychotherapie kann dabei den Behandlungserfolg festigen und alte Denkmuster wirkungsvoll verändern. Grundsätzlich muss der Patient bei der Orthorexia nervosa unbedingt an seiner Genesung mitwirken, da ansonsten alle Maßnahmen zur Gewichtszunahme verpuffen und er sofort nach der Entlassung aus der Therapie zu den gewohnten Denkmustern zurückkehren wird.

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Vorbeugung

Maßnahmen zur Vorbeugung der Orthorexia nervosa gibt es nur bedingt. Sobald die Beschäftigung mit der Ernährung ein normales Maß überschreitet und sich beispielsweise auf die Ausübung der täglichen Pflichten auswirkt oder zur dauerhaften Vernachlässigung der sozialen Kontakte führt, sollte das persönliche Essverhalten selbstkritisch beurteilt werden. Je früher einer Orthorexia nervosa entgegengewirkt wird, desto einfacher lässt sie sich letztlich langfristig behandeln.

Das können Sie selbst tun

Nach der eigentlichen Behandlung der Orthorexia nervosa ist die Nachsorge sehr wichtig, damit Folgeerkrankungen vermieden werden können und um Rückfällen vorzubeugen. Liegt nach der akuten Behandlung noch medizinisches Untergewicht vor, sollte dieses während der Nachsorge auf jeden Fall behandelt werden. Ein gesundes Körpergewicht ist wichtig, damit viele Körperfunktionen, wie Körpertemperatur und Immunsystem wieder einwandfrei funktionieren.

Eine psychotherapeutische Therapie ist in den meisten Fällen während der Nachsorge einer Orthorexie sehr hilfreich. Ein guter Kontakt zum Therapeuten kann einen Rückfall in die Orthorexie verhindern. Ein wichtiger Punkt für die Nachsorge ist auf jeden Fall die vorherige Behandlung der zugrunde liegenden Ursache. Wird die Ursache vorher nicht behandelt, ist keine erfolgreiche Nachsorge möglich. Durch die Orthorexia nervosa kann zu langfristigen Mangelerscheinungen kommen. Bei der Nachsorge ist es wichtig, diese Mangelerscheinungen auch nach der Behandlung auszugleichen. Geschieht dies nicht, können die Folgen von Mangelerscheinungen wie Osteoporose, Haarausfall etc. auftreten.

Für manche Betroffenen ist auch nach der Behandlung ein normaler Umgang mit Lebensmitteln, die sie während der Erkrankung gemieden haben, schwierig. Hier kann für die Nachsorge ein Austausch mit ehemaligen Betroffenen sinnvoll sein. Je nach Alltagssituation des Betroffenen ist eine stressarme Lebensweise zu empfehlen, damit genug Zeit für die Selbstfürsorge bleibt. Diese ist gerade in der ersten Zeit sehr wichtig. Dafür kann es hilfreich sein eventuell das Arbeitspensum zu reduzieren, stressige Kontakte zu meiden oder Regelungen für eventuell therapeutisch bedingte Fehlzeiten zu treffen.

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015


Mein Name ist Dr. med. Albrecht Nonnenmacher. Ich bin leitender Oberarzt für Innere Medizin & Pneumologie. Als medizinischer Experte gewährleiste ich mit meiner langjährigen beruflichen Erfahrung die medizinische Qualitätsicherung hier auf MedLexi.de. So kann ich Ihnen helfen, Ihre Gesundheit besser zu verstehen.

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Kommentare und Erfahrungen von anderen Besuchern

Marie kommentierte am 27.09.2016

Ich war/bin auch betroffen. Als ich 13 Jahre alt war - jetzt bin ich 37 Jahre alt - habe ich mit Diäten angefangen, ich habe auf jegliche Süssigkeiten verzichtet. Mit 15 Jahren habe ich das Buch "Finger in den Hals" gelesen, das war der Auslöser. Die negativen Seiten wurden kaum beschrieben, nur dass die Protagonistin schnell und "einfach" abgenommen hat. Ich habe es ihr gleich getan. Zur Abiturzeit war es am schlimmsten. 2000 bin ich in eine Klinik gegangen. Das war das beste, was ich gemacht habe. Drei Monate später war ich gesund. Ich habe es über ein Jahr geschafft mir nicht den Finger in den Hals zu stecken. Irgendwann kam dann der erste Rückfall und es folgten viele danach. Jetzt ist es so, ich esse ganz normal gesund, eben wie ein Orthorektiker. Viele Anzeichen sind da und noch dazu kommen abends täglich einmal bulimische Anfälle. Den möglichen Schlampertag pro Woche nehme ich mir immer vor, aber ich esse eigentlich nur mehr von dem, was ich sonst auch esse. Ich weiss nicht, was ich machen soll, es ist wie eine Sucht. Ich kann mich nicht kontrollieren, diese "gesunden" Fressflashs einzustellen. Gibt es Therapiestellen für Orthorexie?