Posttestikulärer Hypogonadismus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Beim Hypogonadismus handelt es sich um eine Unterfunktion der Keimdrüsen, die beim Mann zum Beispiel in Form des posttestikulären Hypogonadismus vorliegen kann. Die Ursache dieser Fertilitätsstörung liegt entweder in einem Samenwegverschluss oder in einer anderweitigen Motilitätsbeeinträchtigung der Spermien. Falls die Motilität nicht wiederherzustellen ist, findet künstliche Befruchtung statt.
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Was ist posttestikulärer Hypogonadismus?
Für Unfruchtbarkeit und Zeugungsunfähigkeit, Infertilität oder Sterilität gibt es unterschiedliche Gründe. Lange galt die Frau als der häufigere Grund einer ungewollten Kinderlosigkeit. Nach heutigem Kenntnisstand sind Frauen und Männer etwa gleich häufig betroffen. Beim Mann liegen die häufigsten Gründe für Unfruchtbarkeit in einer abnormalen Anzahl oder Motilität der Spermien.
Bei der männlichen Infertilität handelt es sich um ein relativ weit verbreitetes Phänomen. Etwa 15 Prozent aller Paare bleiben ungewollt kinderlos; in etwa der Hälfte dieser Fälle liegt zumindest ein Teil der Ursache beim Mann. Der posttestikuläre Hypogonadismus ist eine Fertilitätsstörung des Mannes, die mit mangelnder Motilität oder einem Verschluss der Samenwege assoziiert ist.
Die Samenwege dienen dem Transport der Samenflüssigkeit und liegen innerhalb der Hoden sowie außerhalb des Hodens. Posttestikulärer Hypogonadismus ist in 20 Prozent aller Fälle für männliche Infertilität verantwortlich. Einseitiger posttestikulärer Hypogonadismus ist von beidseitigem posttestikulärem Hypogonadismus zu unterscheiden. Nur die beidseitig vorliegende Form führt tatsächlich zu männlicher Unfruchtbarkeit.
Streng genommen liegt beim posttestikulären Hypogonadismus kein Mangel an männlichen Geschlechtshormonen vor: Die Hormonbildung im Hoden ist in der Regel unbeeinträchtigt, gestört ist der Weg der Samenzellen nach außen. Davon abzugrenzen sind der primäre Hypogonadismus, dessen Ursache im Hoden selbst liegt, und der sekundäre oder hypogonadotrope Hypogonadismus, der von der Hirnanhangsdrüse oder vom Hypothalamus ausgeht. Nur bei diesen beiden Formen fehlen tatsächlich Geschlechtshormone.
Ursachen
Bei der Ursache in den Samenwegen liegt ein angeborener oder erworbener Verschluss der ableitenden Wege vor. In der angeborenen Form ist in der Regel Aplasie oder Atresie im Ductus deferens oder in den Nebenhodengängen für das Phänomen verantwortlich. Die erworbene Variante kann mit Entzündungen oder Gefäßligaturen nach einer Hernienoperation assoziiert sein. Auch eine Sterilisation des Mannes und eine retrograde Ejakulation, bei der der Samen in die Harnblase statt nach außen befördert wird, zählen zu den posttestikulären Ursachen.
Falls Motilitätsstörungen für die Infertilität verantwortlich sind, können diese Störungen auf unterschiedliche Ursachen zurückgehen. Eine Spermienstrukturstörung kann zum Beispiel eine Unbeweglichkeit der Spermien verursachen. Dasselbe gilt für die falsche Zusammensetzung des Samens, wie sie im Rahmen von Entzündungen eintreten kann.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Männer mit posttestikulärem Hypogonadismus zeigen ein ursachenabhängiges klinisches Bild. In der Regel ist das am weitesten verbreitete Symptom die Kinderlosigkeit. In den meisten Fällen suchen die Betroffenen erst den Arzt auf, nachdem ihr Kinderwunsch trotz regelmäßiger Versuche auch nach Monaten oder Jahren unerfüllt bleibt.
Alle weiteren Symptome des posttestikulären Hypogonadismus sind für den Mann nicht zu identifizieren und zeigen sich ausschließlich in der klinischen Analyse des Spermiogramms. So kann der posttestikuläre Hypogonadismus zum Beispiel durch einen Mangel an Spermatozoen im männlichen Ejakulat gekennzeichnet sein, wenn ein Verschluss der Samenwege vorliegt.
Dieses Symptom ist auch als Azoospermie bekannt. Fehlt dagegen das Ejakulat vollständig, etwa bei einer retrograden Ejakulation, spricht man von einer Aspermie. Auch andere Entwicklungsstufen der Samen können bei einem Verschluss zu Mangelware werden. Wenn dagegen eine Motilitätsstörung vorliegt, zeigen sich im Spermiogramm strukturell und mobil eingeschränkte Spermatozoen.
Abhängig von der primären Ursache können Begleitsymptome wie Schmerzen vorliegen. Das ist zum Beispiel bei ursächlichen Entzündungen der Fall, die für die mangelnde Bewegungsfähigkeit der Spermien verantwortlich sein können.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Die Diagnose des posttestikulären Hypogonadismus wird von einem Fertilitätsarzt gestellt. In der Regel wenden sich die Betroffenen bei langfristig unerfülltem Kinderwunsch an eine Fertilitätsklinik, wo ein Spermiogramm erstellt wird. Im Labor wird das Spermiogramm erhoben, wobei im Rahmen der Diagnostik vor allem die Form des posttestikulären Hypogonadismus zu bestimmen ist.
Wenn sich nachweislich keinerlei Spermatozoen in der Probe befinden, kommt ein Verschluss der Samenwege als Ursache in Betracht. Um ihn von einer Störung der Samenzellbildung im Hoden abzugrenzen, werden zusätzlich die Hormonwerte im Blut – unter anderem FSH und Testosteron – bestimmt und die Hoden mit Ultraschall untersucht. Falls Spermien vorhanden, aber nicht ausreichend bewegungsfähig sind, handelt es sich um die zweite Variante der Erkrankung. Die Prognose hängt von der Art des posttestikulären Hypogonadismus ab.
Komplikationen
Weiterhin kann es bei dieser Krankheit zu schweren psychischen Beschwerden oder auch zu Depressionen kommen. Die Betroffenen leiden dabei an einem deutlich verringerten Selbstwertgefühl oder auch an Minderwertigkeitskomplexen. Auch die Lebensqualität des Patienten wird bei dieser Erkrankung erheblich eingeschränkt und verringert. In vielen Fällen schämen sich die Betroffenen für die Beschwerden dieser Erkrankung, sodass auch ein Arzt dabei nicht direkt aufgesucht wird.
In einigen Fällen führt die Krankheit auch zu leichten Schmerzen in den Hoden, die zu einer generellen Gereiztheit führen können. Darüber hinaus ist die körperliche Gesundheit meist nicht beeinträchtigt. Ein Verschluss der Samenwege lässt sich in einem Teil der Fälle operativ beheben; gelingt das nicht, kann mit Hilfe verschiedener Techniken einem Kinderwunsch dennoch nachgegangen werden. Ganz ohne Risiko sind diese Techniken jedoch nicht: Bei der operativen Gewinnung von Samenzellen aus dem Hoden können Blutungen, Infektionen und Gewebeschäden auftreten, bei der Partnerin sind im Rahmen der künstlichen Befruchtung eine Überstimulation der Eierstöcke sowie Mehrlingsschwangerschaften möglich. Die Lebenserwartung des Patienten wird durch die Erkrankung selbst nicht beeinflusst.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Besteht der Verdacht auf Unfruchtbarkeit, sollte der Arzt konsultiert werden. Der posttestikuläre Hypogonadismus äußert sich generell durch einen Mangel an Samenzellen im männlichen Ejakulat. Männer, die keinen Kinderwunsch hegen, brauchen deswegen allein nicht unbedingt ärztlichen Rat einzuholen. Ein fehlender Nachweis von Samenzellen sollte allerdings einmal urologisch abgeklärt werden, weil dahinter auch eine behandlungsbedürftige Grunderkrankung stecken kann. Sollte es jedoch zu weiteren Beschwerden wie Schmerzen oder Schwellungen im Hodenbereich kommen, wird am besten der Arzt eingeschaltet. Besonders gefährdet sind Männer nach Entzündungen der Hoden oder Nebenhoden, nach Operationen im Leisten- oder Hodenbereich sowie nach einer Sterilisation. Auch Männer, die unter Vorerkrankungen des Hormonsystems leiden, gehören zu den Risikogruppen und sollten einen Fachmann konsultieren, wenn Anzeichen eines posttestikulären Hypogonadismus auftreten.
Es kann der Hausarzt oder ein Urologe aufgesucht werden. Sollte den Beschwerden ein seelisches Problem zugrunde liegen, wird der Arzt den Kontakt zu einem geeigneten Psychologen oder Sexualtherapeuten herstellen. Gegebenenfalls ist auch eine Paartherapie möglich, falls der Hypogonadismus mit einem unerfüllten Kinderwunsch in der Partnerschaft in Verbindung steht. Oftmals verläuft das Syndrom ohne eindeutige Symptome. Ein Verschluss der Samenwege bildet sich allerdings nicht von selbst zurück; er muss ärztlich abgeklärt werden.
Behandlung & Therapie
Die Behandlung von Fertilitätsstörungen ist ein eher junges Therapiegebiet. Bei anderen Formen des Hypogonadismus führt eine Substitutionstherapie mit Sexualhormonen häufig zum erwünschten Erfolg. Diese Substitution entspricht beim Mann der Gabe von Androgenen, in erster Linie von Testosteron. Beim posttestikulären Hypogonadismus hilft eine solche Hormongabe dagegen nicht, weil die Hormonbildung im Hoden nicht gestört ist. Bei bestehendem Kinderwunsch ist sie sogar schädlich: Zugeführtes Testosteron unterdrückt die Bildung von Samenzellen zusätzlich. Aus demselben Grund sind Anabolika kein Behandlungsmittel; ihr Missbrauch zählt umgekehrt zu den Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit.
Bei einem Verschluss der ableitenden Samenwege kommt in der Regel auch eine kausale Therapie in Frage, bei der der Verschluss der Samenwege operativ zur Auflösung gebracht wird. Allerdings führt dieses Vorgehen oftmals nicht zur Wiederherstellung der ursprünglichen Fruchtbarkeit, weil die wiedereröffneten Samenwege erneut vernarben können und sich mit der Zeit Antikörper gegen die eigenen Samenzellen bilden können.
Falls eine eingeschränkte Motilität der Spermien zugrunde liegt, wird versucht, diese zu verbessern. Zink, zum Beispiel, kann dabei förderlich sein; ein sicherer Nachweis dafür steht allerdings aus. In den meisten Fällen ist bei fortwährend eingeschränkter Motilität allerdings künstliche Befruchtung erforderlich. Hierzu werden der Frau Eizellen entnommen und „im Glas“ mit den Spermien des Mannes in Kontakt gebracht.
Oft werden die Spermien direkt in die Eizelle injiziert. Diese direkte Injektion erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Befruchtung trotz Motilitätseinschränkung erfolgreich verläuft. Der Frau wird die befruchtete Eizelle wieder eingesetzt und sie trägt idealerweise das Kind aus.
Vorbeugung
Zu den Vorbeugemaßnahmen zählt beim posttestikulären Hypogonadismus vor allem eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Insbesondere die ausreichende Versorgung mit Zink trägt zur Gesundheit der Spermien und Keimdrüsen bei. Eine Routineuntersuchung der Samenwege gibt es dagegen nicht. Entzündungen der Hoden und Nebenhoden sollten jedoch frühzeitig behandelt werden, weil sie zu Verwachsungen und damit zu einem Verschluss führen können. Wenn ein eingetretener Verschluss rechtzeitig bemerkt und aufgelöst wird, bleibt die Fertilität in der Regel erhalten.
Nachsorge
Männer, die unter posttestikulärem Hypogonadismus leiden, können im Rahmen der Nachsorge auf eine gesundheitsbewusste Ernährung achten. Häufig empfiehlt der behandelnde Arzt, Zink einzunehmen. Ein Verschluss der Samenwege lässt sich durch Zink allerdings nicht beheben, und ob eine Einnahme über den normalen Bedarf hinaus die Beweglichkeit der Samenzellen verbessert, ist bislang nicht gesichert. Eine vitaminreiche Kost mit ausreichend Zink ist gleichwohl sinnvoll.
Bei der Nachsorge sowie bei der Vorbeugung gehen die Empfehlungen der Mediziner in die gleiche Richtung. Zudem sollten Beschwerden im Hoden- oder Nebenhodenbereich frühzeitig abgeklärt werden, weil Entzündungen zu einem erneuten Verschluss führen können. Nach einem operativ behobenen Verschluss lässt sich der Erfolg mit einem Spermiogramm überprüfen. Falls die Therapie keinen Erfolg hatte, müssen sich die Betroffenen mit ihrer Zeugungsunfähigkeit abfinden.
Hier ist es sinnvoll, negative Gefühle wie Scham und Minderwertigkeitskomplexe durch Offenheit abzuwehren. In der Beziehung mit der Partnerin sollten die Patienten ehrlich sein und das Thema nicht einfach ignorieren. Ansonsten kann es sogar zu Depressionen oder zu einer Trennung von der Partnerin kommen. Wer sich bewusst mit den Folgen der Erkrankung abfindet, für den stehen oft noch andere Möglichkeiten offen. Auch über künstliche Befruchtung, Adoption oder Pflege-Elternschaft können die betroffenen Männer mit ihrer Partnerin sprechen.
Das können Sie selbst tun
Diese Diagnose fällt in den allermeisten Fällen beim Fertilitätsarzt, denn Patienten mit posttestikulärem Hypogonadismus haben sonst oft keinerlei Beschwerden. Erstes Indiz der Erkrankung ist die ungewollte Kinderlosigkeit. Liegt dem posttestikulären Hypogonadismus eine Infektion zugrunde, kann diese ärztlich behandelt werden. Möglicherweise führt auch ein operativer Eingriff dazu, dass die Samenwege wieder frei werden. Manche Ärzte empfehlen auch die Einnahme von Zink, um die Beweglichkeit der Spermien zu erhöhen. Eine gesunde, vitaminreiche Ernährung unterstützt die allgemeine Gesundheit; einen bestehenden Verschluss der Samenwege kann sie jedoch nicht beseitigen.
Häufig muss sich der Patient jedoch mit seiner Zeugungsunfähigkeit abfinden und gegebenenfalls andere Wege finden, um Vater zu werden. Dies kann eine künstliche Befruchtung aber auch eine Adoption oder die Aufnahme eines Pflegekindes sein. Hierzu hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Informationsportal eingerichtet (www.informationsportal-kinderwunsch.de), das unter anderem über Beratungsstellen in der Nähe der Betroffenen informiert. Der Verein „Wunschkind“ (www.wunschkind.de) informiert zudem unabhängig und koordiniert Selbsthilfegruppen.
Sich mit der Partnerin und weiteren Betroffenen offen auszutauschen, kann den Gefühlen von Scham oder Minderwertigkeit vorbeugen, die sonst oft zu Selbstvorwürfen, Depressionen und nicht zuletzt auch zu einer Trennung führen könnten.
Quellen
- Nieschlag, E. (Hrsg.): Andrologie.
ISBN: 9783662619001
- Gschwend, J. E., Hautmann, R. (Hrsg.): Urologie.
ISBN: 9783662736524
- Schmelz, H.-U., Sparwasser, C., Ruf, C., Nestler, T.: Facharztwissen Urologie.
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- van de Loo, I., Harbeck, B.: Facharztwissen Endokrinologie und Diabetologie.
ISBN: 9783662716830
- Lehnert, H., Anlauf, M. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel.
ISBN: 9783131295545

