Tiefenpsychologie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das Vorhandensein eines Unbewussten war lange umstritten. Dass unbewusste Vorgänge das Erleben und Verhalten beeinflussen, gilt heute auch in der experimentellen Psychologie als belegt; umstritten bleibt vor allem, wie diese Vorgänge zu deuten sind. In der Tiefenpsychologie wird vorausgesetzt, dass es neben bewussten Vorgängen auch unbewusste gibt, die eine starke Wirkung auf das menschliche Verhalten haben, obwohl sie nicht wahrgenommen werden.

Diese unbewussten seelischen Vorgänge sollen nach und nach aufgedeckt werden, um Erkenntnisse über das Verhalten und die Bedürfnisse eines Menschen zu gewinnen. Daher möchte die Tiefenpsychologie so weit wie möglich unter die Oberfläche des Bewusstseins dringen, um unbewusste Vorgänge zu analysieren, die das bewusste Leben beeinflussen könnten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Tiefenpsychologie?

Tiefenpsychologie
Die Tiefenpsychologie möchte so weit wie möglich unter die Oberfläche des Bewusstseins dringen, um unbewusste Vorgänge zu analysieren, die das bewusste Leben beeinflussen könnten.

Philosophen wie Nietzsche, Leibniz oder Schopenhauer setzten in diesem Sinne eine Psyche voraus, die verborgen liegt. Der erste wissenschaftliche Ansatz einer systematischen Untersuchung erfolgte durch Sigmund Freud, der die Psychoanalyse begründete. Er beschäftigte sich ausführlich mit dem Verhalten und Erleben des Menschen, um darin bestimmte Muster zu entdecken, für die er eine entsprechende Behandlungsmethode entwickelte.

Er stellte dabei die These auf, dass verdrängte und unbewusste Gefühle krank machen, sogar körperliche Symptome hervorrufen können. Freud führte die Konflikte besonders stark auf die Unterdrückung sexueller Bedürfnisse zurück, die dann in anderweitige Energie umgewandelt werden. Erfolgt das allerdings nicht, treten körperliche und geistige Störungen auf, von denen seelische Symptome wie Angst und Depression nur einige sind. Die Behandlung, die er vorschlug, beinhaltet, dass der Psychotherapeut hinter dem Patienten sitzt und für diesen nicht sichtbar ist, damit dieser sich ganz auf sich selbst konzentrieren kann.

Den Begriff der Tiefenpsychologie selbst entwickelte Eugen Bleuler, ein Schweizer Psychiater, der auch die Begriffe der Schizophrenie und des Autismus prägte. Er ging dabei von keiner Trennung zwischen Krankheit und geistiger Gesundheit aus. Einer der größten Vertreter der Tiefenpsychologie war dann Carl Gustav Jung, der Archetypen voraussetzte, die unbewusst in jedem Menschen das Verhalten lenken. Schließlich wurde von Prozessen der Triebregulation und Konfliktverarbeitung ausgegangen, die dem bewussten Verhalten immer zugrunde liegen.

Damit teilte sich die Tiefenpsychologie bald in drei größere Schulen. Neben der von Freud entwickelte Jung die Analytische Psychologie und Alfred Adler rief die Individualpsychologie ins Leben. Alle Schulen folgen der These, dass in der Tiefe des Unbewussten psychische Prozesse von Trieben und ähnlichen motivationalen Vorgängen vorhanden sind, die sich als die jeweilige Triebkraft von Schule zu Schule unterscheiden. Freud ging vom Sexualtrieb aus, Jung, ein Schüler Freuds, setzte eine unspezifische Triebenergie voraus und Adler das Machtstreben des Menschen.

Die Schulen unterscheiden sich aber nicht nur in der angenommenen Triebkraft, sondern auch darin, worin sie den Kern seelischer Not sehen. Bei Freud steht der innere Konflikt zwischen Wunsch und Verbot im Vordergrund, bei Adler das Gefühl der Unterlegenheit und der Versuch, es auszugleichen, bei Jung die Auseinandersetzung mit Anteilen der eigenen Person, die nicht gelebt werden. Jung nahm neben dem persönlichen Unbewussten, das aus der eigenen Lebensgeschichte stammt, ein kollektives Unbewusstes an, in dem er die Archetypen ansiedelte. Adler betonte umgekehrt, der Mensch sei von vornherein ein gemeinschaftliches Wesen, und seelische Schwierigkeiten ließen sich nur aus seinen Beziehungen heraus verstehen. Diese Annahmen sind Bestandteil der jeweiligen Lehrgebäude. Sie sind Deutungsangebote, mit denen die jeweilige Schule arbeitet, und nicht in dem Sinne überprüfbar wie eine Messgröße.

Aus diesen Anfängen sind im Lauf des 20. Jahrhunderts zahlreiche Weiterentwicklungen hervorgegangen. Der Blick verschob sich dabei vom Trieb auf die frühen Beziehungen. Untersucht wurde, wie ein Kind aus dem Umgang mit seinen Bezugspersonen ein inneres Bild von sich und von anderen aufbaut und wie dieses Bild später die Erwartungen an neue Beziehungen prägt. Damit rückte auch die Frage nach der seelischen Struktur in den Vordergrund, also danach, wie gut jemand seine Gefühle wahrnehmen, unterscheiden und steuern kann und wie stabil sein Bild von sich selbst und von anderen ist. Der heute übliche Sammelbegriff für die Behandlungsverfahren aus dieser Tradition lautet psychodynamische Psychotherapie.

Behandlungen & Therapien

Die Tiefenpsychologie ist zunächst eine Denkrichtung, die alle Ansätze umfasst, welche dem Unbewussten eine zentrale Rolle zuschreiben – einschließlich der Psychoanalyse. Das daraus abgeleitete Behandlungsverfahren heißt tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Sie ist demnach nicht gleichbedeutend mit der Psychoanalyse. Sie unterscheiden sich in der Behandlung und dementsprechend in der Form, im Ziel und in der Dauer. Während die Psychoanalyse die gesamte Persönlichkeit verändern möchte, die Behandlung häufig im Liegen, auf der bekannten Couch stattfindet und über mehrere Jahre andauert, findet die tiefenpsychologische Behandlung im Sitzen statt und dauert nicht mehr als zwei Jahre. Dabei verfolgt sie das Ziel, Konflikte zu entdecken, die z. B. zu Depressionen führen, ohne den Patienten umformen zu wollen oder von Grund auf zu verändern. Als Richtwert der gesetzlichen Krankenkassen sind für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bis zu 100 Behandlungsstunden vorgesehen, für die analytische Psychotherapie bis zu 300; die analytische Behandlung findet meist zwei- bis dreimal wöchentlich statt, die tiefenpsychologisch fundierte in der Regel einmal pro Woche.

Was die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von der analytischen unterscheidet, ist neben Sitzhaltung und Dauer vor allem die Art der Zuspitzung. Das Behandlungsziel wird bewusst begrenzt, das Vorgehen bleibt auf den aktuell wirksamen Konflikt gerichtet, und der Rückgriff auf frühere Erlebensweisen wird eher eingeschränkt als gefördert. In der analytischen Psychotherapie wird umgekehrt gerade mit diesem Rückgriff gearbeitet. Als Sonderformen der tiefenpsychologisch fundierten Behandlung gelten unter anderem die Kurztherapie, die Fokaltherapie, bei der ein einzelnes umschriebenes Thema im Mittelpunkt steht, und die niederfrequente Therapie in einer längerfristigen, Halt gewährenden Beziehung.

Der Weg in eine solche Behandlung ist in Deutschland durch die Psychotherapie-Richtlinie geregelt. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie zählt dort zusammen mit der analytischen Psychotherapie zu den psychoanalytisch begründeten Verfahren, die neben der Verhaltenstherapie und der Systemischen Therapie als anerkannte Psychotherapieverfahren gelten. Am Anfang steht die psychotherapeutische Sprechstunde. In ihr wird geklärt, ob überhaupt der Verdacht auf eine behandlungsbedürftige Störung besteht und welche Hilfe die richtige wäre. Ist eine Behandlung angezeigt, folgen probatorische Sitzungen, in denen Patient und Therapeut prüfen, ob sie miteinander arbeiten können und ob das Verfahren zum Anliegen passt; auf das eigentliche Behandlungskontingent werden sie nicht angerechnet. Anschließend wird die Therapie bei der Krankenkasse beantragt. Geht der Antrag über eine Kurzzeittherapie hinaus, kommt bei Einzeltherapie das Gutachterverfahren hinzu: Eine unabhängige Gutachterin oder ein unabhängiger Gutachter beurteilt anhand eines Berichts, ob die geplante Behandlung begründet ist.

Die Bewilligung erfolgt in Schritten. Erreicht die Behandlung ihr Ziel früher, endet sie früher; reicht ein Schritt nicht aus, kann bis zur festgelegten Höchstgrenze verlängert werden. Für die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Erwachsenen umfasst der Bewilligungsschritt in der Einzeltherapie bis zu 60 Stunden. Eine durchgehend hochfrequente Behandlung sieht die Richtlinie nicht vor; abschnittsweise darf die Wochenfrequenz aber erhöht werden, wenn dies begründet wird. Am Ende einer Langzeittherapie können bewilligte, aber noch nicht verbrauchte Stunden in größeren Abständen als Rezidivprophylaxe genutzt werden, um das Erreichte zu sichern. Auf das Einzelgespräch ist die Behandlung dabei nicht festgelegt: Sie kann auch als Gruppentherapie oder als Kombination aus Einzel- und Gruppensitzungen stattfinden.

Der Mensch entwickelt zumeist in der Kindheit so bezeichnete Beziehungsmuster. Diese bestimmen, wie er auf andere Menschen zugeht oder die Umwelt wahrnimmt. Zu der Zeit, in der er diese Muster entwickelt hat, gaben sie Sinn und bestimmten die Reaktionen. Sie werden erst dann zu einem Problem, wenn das Verhalten auf einmal unpassend ist.

Auseinandersetzungen und Erziehung durch die Eltern, als in der Kindheit wichtigste Bezugspersonen, werden insbesondere nach einem bestimmten Muster beibehalten und bestimmen im späteren Leben den Kontakt zu anderen Menschen und ebenso die Beziehungen, die ein Mensch eingeht. Häufig werden dann immer wieder die gleichen Fehler gemacht, ohne dass der Mensch dieses Verhalten selbst deuten kann.

Ähnlich ist dabei auch die Beziehung, die der Patient dann zum Psychotherapeuten aufbaut, der durch die Behandlung versucht, diese Muster aufzudecken und bewusst zu machen. Das nennt sich Übertragung. Sie ist eines der wichtigsten Mittel einer solchen Therapie.

Eine Übertragung ist immer dort zu suchen, wo Vorstellungen, Erwartungen, Befürchtungen oder Wünsche bestehen, die sich zuvor gebildet haben und wie eine Schablone immer wieder belebt werden. Diese Muster und Ängste werden in der Therapie mit Absicht wiederbelebt und hervorgerufen. Dabei achtet der Psychotherapeut verstärkt auf das eigene Verhalten, auf seine emotionale Reaktion auf den Patienten. Das nennt sich in der Psychoanalyse Gegenübertragung. Sie wird ebenso zur Behandlung genutzt.

Ziel ist dann auch keine vollständige Analyse des bisherigen Lebens eines Patienten, sondern alleine die Veränderung bestimmter ungünstiger Beziehungs- und Verhaltensmuster, damit Beschwerden und Symptome verschwinden. Die Symptome werden demnach nicht direkt behandelt, sondern in der Behandlung der tieferen Schichten in ihren Ursachen aufgelöst.

Eine Sitzung dauert in der Regel 50 Minuten. Ein festes Programm gibt es nicht: Der Patient beginnt mit dem, was ihn beschäftigt, der Therapeut hört zunächst zu, fragt nach und greift auf, was sich wiederholt. Übungsaufgaben für die Zeit zwischen den Sitzungen sind in diesem Verfahren nicht üblich. Der Fortschritt zeigt sich weniger im Verschwinden einzelner Beschwerden als darin, dass wiederkehrende Muster früher bemerkt und dadurch anders beantwortet werden können. Zeitweilige Verschlechterungen gehören dabei zum Verlauf, etwa wenn ein bislang gemiedenes Thema erstmals zur Sprache kommt.


Diagnose & Untersuchungsmethoden

Die Tiefenpsychologie findet Anwendung bei Menschen, die z. B. an Schlafstörungen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Zwangsvorstellungen, akuten Krisen, an Erschöpfungszuständen oder Störungen der Sexualfunktionen leiden. Auch Menschen, die belastende Erlebnisse hinter sich haben, im Sinne eines Traumas, können in der Tiefenpsychologie Hilfe finden. Die Wirksamkeit der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie ist für mehrere Störungsbilder in Studien belegt. Bei Essstörungen und akuten Angststörungen gilt die Verhaltenstherapie häufig als Verfahren der ersten Wahl; auch für diese Störungsbilder ist die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie jedoch als wirksames Verfahren anerkannt.

Vor jeder Behandlung steht die Klärung, ob eine Krankheit im Sinne der Psychotherapie-Richtlinie vorliegt. Die Richtlinie zählt die Anwendungsbereiche ausdrücklich auf. Dazu gehören unter anderem depressive Störungen, Angst- und Zwangsstörungen, somatoforme und dissoziative Störungen, Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen, Essstörungen, nichtorganische Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen. Belastungen ohne Krankheitswert, etwa eine gewöhnliche Lebenskrise, fallen nicht darunter, so hilfreich eine Beratung dort auch sein mag.

Die Diagnostik selbst stützt sich weniger auf Fragebögen als auf das Gespräch. Neben den Beschwerden und der Lebensgeschichte achtet der Psychotherapeut darauf, was sich in der Begegnung selbst abspielt: welche Stimmung im Raum entsteht, an welchen Stellen das Gespräch stockt, welche Gefühle der Patient in ihm auslöst. Diese Beobachtung des Beziehungsgeschehens wird in der psychodynamischen Tradition als eigene Erkenntnisquelle behandelt und geht in die Einschätzung ein. Für eine systematischere Erfassung steht mit der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik ein Verfahren zur Verfügung, das die üblichen Diagnosen um Einschätzungen zum Beziehungsverhalten, zu wiederkehrenden inneren Konflikten, zur seelischen Struktur und zum Krankheitserleben ergänzt.

Weil hinter seelischen Beschwerden auch körperliche Ursachen stecken können, gehört eine ärztliche Abklärung zum Vorgehen. Führt eine psychologische Psychotherapeutin oder ein psychologischer Psychotherapeut die Behandlung durch, wird spätestens nach den probatorischen Sitzungen ein ärztlicher Konsiliarbericht eingeholt. Damit soll ausgeschlossen werden, dass etwa eine Schilddrüsenunterfunktion, eine neurologische Erkrankung oder die Nebenwirkung eines Medikaments hinter Beschwerden steht, die zunächst seelisch erscheinen.

Grenzen hat das Verfahren dort, wo die Voraussetzungen für die Arbeit an inneren Konflikten fehlen: bei akuter Selbstgefährdung, bei schweren Verwirrtheitszuständen oder solange eine Abhängigkeit von Suchtmitteln fortbesteht. In solchen Lagen stehen andere Maßnahmen zuerst an, bevor eine Richtlinientherapie beginnen kann.

Die meisten Therapien erfolgen nach dem üblichen Muster. Ab und an rät der Psychotherapeut allerdings auch zu einer vorübergehenden Einnahme von Medikamenten, die auf Geist und Psyche wirken und immer ärztlich verordnet werden müssen. Dazu gehören verschiedene Psychopharmaka, die bei besonders starken Krisen sinnvoll sind, um den Patienten vorab stabiler zu machen und eine Behandlung zu ermöglichen, die nicht Gefahr läuft, von psychischen Schüben und Zusammenbrüchen blockiert zu sein.

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie kann ambulant, aber auch stationär stattfinden. Für letztere Bedingungen gibt es Psychosomatische Kliniken, die darauf spezialisiert sind. Solche Maßnahmen sind angebracht, wenn der Betroffene z. B. einen gewissen Abstand zu seinem Alltagsleben, Beruf oder zu seiner Familie benötigt. In der Therapie kann sich der Patient dann ganz in Ruhe auf die Behandlung konzentrieren und Mut zur Veränderung schöpfen.

Durchführen darf eine solche Behandlung zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung nur, wer eine abgeschlossene Ausbildung oder Weiterbildung in dem jeweiligen Verfahren nachweist. Die Berufsbezeichnung Psychotherapeut ist in Deutschland gesetzlich geschützt und an eine staatlich geregelte Qualifikation gebunden. Davon zu unterscheiden sind Beratungs- und Coachingangebote: Sie können hilfreich sein, sind aber keine Krankenbehandlung und unterliegen weder der Psychotherapie-Richtlinie noch dem geschützten Titel.

Quellen

  • Ermann, M.: Psychotherapie und Psychosomatik.
    ISBN: 9783170368002
  • Heuft, G., Conrad, R.: Lehrbuch Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
    ISBN: 9783608402179
  • Senf, W., Broda, M., Voos, D., Neher, M. (Hrsg.): Praxis der Psychotherapie.
    ISBN: 9783132420793
  • Rief, W.: Psychotherapie.
    ISBN: 9783437226014
  • Falkai, P. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132432659

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