Psychomotorik
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Bewegung eines Menschen wird durch unterschiedliche psychische Vorgänge wie Konzentration oder Emotionalität beeinflusst. Dieses kausale Zusammenspiel wird als Psychomotorik bezeichnet.
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Was ist die Psychomotorik?
Es gibt verschiedene Psychomotorik-Schulen, die das Zusammenspiel von psychischem Erleben sowie der Entwicklung von Wahrnehmung und Motorik betonen. Die einzelnen Schulen vertreten dabei unterschiedliche Annahmen, wie beeinträchtigte Bewegungsabläufe entstehen können. Diese Konzepte verfolgen unterschiedliche Schwerpunkte und werden auch unter den Termini Mototherapie, Motopädie, Motopädagogik, Bewegungstherapie oder Bewegungspädagogik zusammengefasst.
Die Grundannahme der Psychomotorik ist dabei, dass die Entwicklung der Persönlichkeit immer ganzheitlich zu verstehen ist. Das heißt, dass physische und psychische Bereiche miteinander verbunden sind und Bewegungserfahrungen immer auch als Selbsterfahrungen verstanden werden müssen. So sagt zum Beispiel die Körperhaltung eines Menschen immer auch etwas über seinen seelischen Zustand aus.
Das gilt auch für Kinder: Bewegungen haben nicht nur Einfluss auf ihre motorischen Kompetenzen, sondern wirken auch auf die Wahrnehmung der eigenen Fähigkeiten. Vor allem bei Kindern sind motorische, emotionale und seelische Vorgänge sehr stark miteinander verbunden. So werden Emotionen auch durch Bewegung ausgedrückt, wodurch beispielsweise Bewegungsspiele den Kontakt zu Kindern wesentlich erleichtern.
Der Begriff "psychomotorisch" umfasst daher die Einheit von motorischen und psychischen Vorgängen, der Terminus "Psychomotorik" beschreibt die Entwicklungsförderung mit Hilfe von Bewegung, die heute immer mehr Verbreitung findet. Als Urvater der Psychomotorik gilt Ernst J. Kiphard, dessen Sportangebot für aggressive und verhaltensauffällige Kinder einen positiven Effekt auf deren emotionale Entwicklung hatte. Laut Kiphard sind motorische Auffälligkeiten bei Kindern, die an Verhaltensproblemen leiden, auf eine minimale cerebrale Dysfunktion zurückzuführen.
Dadurch treten Defizite im Bereich Bewegung bzw. Wahrnehmung und in weiterer Folge auch Hyperaktivität, motorische Unruhe, Konzentrationsstörungen oder gehemmtes Verhalten auf. Durch eine motorische Betätigung ist es laut Kiphard allerdings möglich, die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen zu stabilisieren und zu harmonisieren. Kiphard setzte beispielsweise das Trampolin ein, um die Koordination und die Bewegung zu schulen. Der von Kiphard verwendete Begriff der minimalen cerebralen Dysfunktion gilt heute allerdings als überholt; die damit beschriebenen Auffälligkeiten werden inzwischen umschriebenen Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen oder einer ADHS zugeordnet.
Die Entwicklung des Fachgebiets lässt sich zeitlich recht genau verorten. Kiphard, 1923 in Eisenach geboren und 2010 gestorben, kam von der Artistik und der Zirkuspädagogik zur Arbeit mit Kindern. Ab Mitte der 1950er Jahre entwickelte er gemeinsam mit dem Mediziner Helmut Hünnekens am Westfälischen Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie die psychomotorische Übungsbehandlung, zunächst in Gütersloh, später in Hamm. Aus der Praxis wurde nach und nach ein eigenes Fachgebiet: 1976 entstand der Aktionskreis Psychomotorik als Zusammenschluss der Fachleute, 1977 begann in Dortmund die erste Fachschulausbildung zur staatlich anerkannten Motopädin und zum staatlich anerkannten Motopäden, und 1983 wurde an der Philipps-Universität Marburg eine Professur für Motologie eingerichtet, an die bis heute der einzige eigenständige Studiengang dieser Fachrichtung in Deutschland angebunden ist. Kiphard selbst erhielt 1980 eine Professur an der Universität Frankfurt am Main.
Hinter den verschiedenen Bezeichnungen stehen unterschiedliche Zugänge und Berufswege. Die Motopädie bezeichnet die pädagogisch ausgerichtete Arbeit und ist zugleich der Name eines Fachschulberufs, den in der Regel Personen mit einer vorangehenden Ausbildung in Gymnastik, Sport, Ergotherapie, Physiotherapie oder Heilpädagogik ergreifen. Als Mototherapie wird die therapeutisch ausgerichtete Anwendung bei bereits bestehenden Störungsbildern verstanden. Die Motologie schließlich ist die wissenschaftliche Disziplin, die den Zusammenhang von Bewegung und Persönlichkeitsentwicklung untersucht und die Grundlagen für beide Anwendungsformen erarbeitet. Da keine dieser Bezeichnungen berufsrechtlich in dem Maße geschützt ist wie etwa die des Ergotherapeuten, lohnt bei der Suche nach einem Angebot der Blick auf die Qualifikation der anbietenden Person.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die Bewegungserlebnisse sind dabei nur wenig gesteuert und haben das Ziel, das Selbstkonzept der Kinder zu stärken. Der kompetenzorientierte Ansatz vertritt die Ansicht, dass Kinder, die an Bewegungsstörungen leiden, auch psychische Probleme entwickeln, die den Mangel im Bewegungsverhalten kompensieren sollen. So versteht der kompetenzorientierte Ansatz Aggressivität beispielsweise als Ausdruck für ein Problem im motorischen Bereich. In diesem Zusammenhang kann die Psychomotorik helfen, nachträglich Bewegungskompetenzen aufzubauen. Jürgen Seewald hingegen ist ein Vertreter des verstehenden Ansatzes der Psychomotorik. Er entwickelte so genannte Beziehungs- bzw. Leibthemen der Kinder, mit deren Hilfe die Ursache der Probleme erkannt werden kann. In einem psychomotorischen Setting können diese Schwierigkeiten dann nachträglich verarbeitet und bewältigt werden.
Marion Esser vertritt einen Ansatz, der sich tiefenpsychologisch orientiert. Für sie ist Bewegung auch innere Bewegtheit, wobei hier als theoretische Grundlagen die Gestaltpsychologie, die Entwicklungspsychologie sowie die Psychoanalyse gelten. Die systemische Psychomotorik versteht die psychomotorische Entwicklung als Anpassung an das jeweilige soziale Umfeld. Demnach müssen bei Kindern, die an motorischen Auffälligkeiten leiden, auch die zwischenmenschlichen Beziehungen überprüft und behandelt werden. Die verschiedenen Ansätze der Psychomotorik finden vor allem Anwendung in der Kinder- bzw. Jugendpsychiatrie, wobei der Einsatz der jeweiligen Psychomotorik-Schule vom ausführenden Psychomotoriker abhängt. Angestrebt wird ein möglichst ganzheitliches Vorgehen, um den Kindern und Jugendlichen eine Hilfestellung auf einer relativ breiten Ebene bieten zu können. Psychomotorische Therapien werden unter bestimmten Voraussetzungen auch von Krankenkassen bezahlt. Eine eigene Leistungsposition der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Psychomotorik allerdings nicht: Die Kosten werden in der Regel nur dann übernommen, wenn die Förderung ärztlich verordnet und im Rahmen eines Heilmittels wie der Ergotherapie erbracht wird. Daneben kommt eine Finanzierung über die Frühförderung oder die Eingliederungshilfe in Betracht.
Durchgeführt werden solche Therapien vorwiegend in psychomotorischen Praxen, Elemente davon finden sich aber auch in der Arbeit von Logopäden, Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten. Angebote gibt es darüber hinaus auch in Kindergärten sowie im Bereich des Schulsports, Einsatz findet die Psychomotorik aber auch in der Sonder- und Heilpädagogik, wo Kinder und Jugendliche mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen betreut werden. Diese weisen oft Probleme im Bereich Kognition, Kommunikation, Emotion, Motorik bzw. Sensorik auf, an denen psychomotorische Maßnahmen ansetzen können.
Wie eine psychomotorische Stunde abläuft, folgt in den meisten Konzepten einem ähnlichen Aufbau. Am Anfang steht ein festes Begrüßungsritual, das den Rahmen absteckt und den Kindern Orientierung gibt. Es folgt ein Bewegungsangebot, das nicht als Übung vorgegeben, sondern als Aufgabe oder als Spielidee eingeführt wird, damit die Kinder eigene Lösungen suchen können. Häufig wird dafür eine sogenannte Bewegungsbaustelle aufgebaut, bei der die Kinder aus Brettern, Kisten, Reifen, Matten und Rollen selbst Geräte und Hindernisse zusammenstellen. Zum Schluss kommt die Gruppe noch einmal zusammen, um das Erlebte zu besprechen und die Stunde bewusst zu beenden. Gearbeitet wird meist in kleinen Gruppen, weil sich soziale Erfahrungen anders als motorische nur im Miteinander machen lassen; eine Einzelförderung kommt vor allem dann in Betracht, wenn ein Kind in der Gruppe überfordert wäre.
Vor der Förderung steht in der Regel eine Bestandsaufnahme der motorischen Fähigkeiten. Dafür gibt es standardisierte Verfahren, die ein Kind mit einer altersentsprechenden Vergleichsgruppe in Beziehung setzen; verbreitet sind der von Kiphard und Schilling entwickelte Körperkoordinationstest für Kinder sowie neuere Testbatterien, die Handgeschick, Ballfertigkeiten und Gleichgewicht getrennt erfassen. Ergänzt werden solche Tests durch die Beobachtung im freien Spiel, durch Gespräche mit den Eltern und, wo eine ärztliche Abklärung vorausging, durch deren Befunde. Ziel der Diagnostik ist dabei nicht die Einordnung in eine Kategorie, sondern die Frage, an welcher Stelle ein Kind Erfolgserlebnisse braucht und welche Aufgaben es gerade noch bewältigen kann.
Mittlerweile existieren auch viele Forschungsergebnisse, die zeigen, wie wichtig Wahrnehmung und Bewegung für die frühkindliche Entwicklung vor allem im Bereich Kognition, Sozialverhalten, Sprachentwicklung und Emotionalität sind. In der Psychomotorik werden zum Beispiel Geräte wie Rollbretter, Balancierkreisel oder Pedalos eingesetzt. Diese sprechen das Gleichgewicht an und sind sehr gut zur Förderung entwicklungsauffälliger Kinder geeignet. Sehr wichtig ist dabei die Art und Weise, wie die Geräte von den Kindern entdeckt werden. Wichtige Inhalte der Psychomotorik sind dabei:
- Selbst- und Körpererfahrungen wie beispielsweise körperlicher Ausdruck oder Sinneserfahrungen
- Materialerfahrungen und Lernen über die Bewegung
- Soziale Erfahrungen wie Kommunikation mit Hilfe der Bewegung
- Regelspiele mit Spielregeln, die auf eine bestimmte Situation abgestimmt sind.
Diese Inhalte greifen ineinander, denn in der Bewegung zeigt sich selten nur eine Ebene. Ein Kind, das sich zum ersten Mal traut, über eine schwankende Bank zu gehen, macht eine Gleichgewichtserfahrung, eine Erfahrung mit dem Material und zugleich eine über sich selbst, und es macht sie vor den Augen der anderen. Genau darin liegt der Unterschied zum reinen Bewegungstraining: Nicht die gelungene Bewegung ist das Ziel, sondern das Erleben, eine Aufgabe aus eigener Kraft bewältigt zu haben. Fachkräfte greifen deshalb möglichst wenig ein, sichern aber ab, geben Zutrauen und wählen die Aufgaben so, dass sie herausfordern, ohne zu überfordern. Der Fachbegriff dafür lautet Passung: Das Angebot muss zum Entwicklungsstand des einzelnen Kindes passen, nicht zum Durchschnitt der Gruppe.
Eine wichtige Rolle spielt die Einbeziehung der Eltern. Sie erfahren in Gesprächen oder in gemeinsamen Stunden, woran gearbeitet wird, und erhalten Anregungen, wie sich Bewegungsanlässe in den Alltag einbauen lassen, ohne dass daraus ein Übungsprogramm wird. Häufig verändert sich dabei auch der elterliche Blick auf das Kind: Aus einem Kind, das etwas nicht kann, wird eines, das etwas auf seine eigene Weise angeht. Da Kindergärten und Schulen ebenfalls beteiligt sind, gehört zur psychomotorischen Arbeit fast immer eine Abstimmung mit den Fachkräften dort.
Obwohl die Psychomotorik im Kindesalter entstanden ist, wird sie längst nicht nur dort angewendet. In der Arbeit mit älteren Menschen dienen psychomotorische Angebote dazu, Gleichgewicht, Reaktionsvermögen und Selbstvertrauen zu erhalten und damit dem Sturzrisiko entgegenzuwirken. In Einrichtungen für Menschen mit Demenz werden Bewegung, Musik und Berührung eingesetzt, um Kontakt zu ermöglichen, wo Sprache nicht mehr trägt. Auch in der psychiatrischen Behandlung Erwachsener finden sich körper- und bewegungsorientierte Verfahren, die auf denselben Grundgedanken zurückgehen: dass sich seelische Zustände im Bewegungsverhalten zeigen und über das Bewegungsverhalten auch beeinflussen lassen.
Von benachbarten Verfahren unterscheidet sich die Psychomotorik weniger durch die Mittel als durch den Blickwinkel. Die Physiotherapie arbeitet an den Funktionen des Bewegungsapparats, die Ergotherapie an der Handlungsfähigkeit im Alltag, die sensorische Integrationstherapie an der Verarbeitung von Sinnesreizen. Die Psychomotorik nimmt dagegen die Bewegung als Weg zur Persönlichkeitsentwicklung in den Blick und misst dem freiwilligen, selbst gewählten Tun besonderes Gewicht bei. In der Praxis überschneiden sich die Ansätze stark, und viele Fachkräfte verbinden Elemente daraus.
Wie gut psychomotorische Förderung wirkt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Für die Verbesserung motorischer Fertigkeiten liegen positive Befunde vor, während die weiterreichenden Annahmen über Auswirkungen auf Selbstwert, Konzentration oder Schulleistungen bislang uneinheitlich belegt sind. Erschwert wird die Bewertung dadurch, dass unter demselben Namen sehr unterschiedliche Angebote laufen und dass sich die Wirkung freier, wenig gesteuerter Bewegungsangebote nur schwer in ein Studiendesign fassen lässt. Für die einzelne Familie ist deshalb weniger die Wahl der Methode entscheidend als die Frage, ob das Kind gern hingeht.
Wer ein Angebot sucht, findet es je nach Wohnort in psychomotorischen Praxen, in Ergotherapiepraxen, in Frühförderstellen, in Sportvereinen mit einer entsprechenden Abteilung sowie in Familienbildungsstätten. Da die Bezeichnungen uneinheitlich verwendet werden, empfiehlt es sich, vor der Anmeldung nach der Ausbildung der Leitung, nach der Gruppengröße und danach zu fragen, ob eine Schnupperstunde möglich ist. Bei einer ärztlichen Verordnung klärt die Praxis die Kostenfrage im Vorfeld mit der Krankenkasse; bei offenen Angeboten von Vereinen oder Bildungsstätten fällt in der Regel ein Kursbeitrag an.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Grenzen hat das Verfahren dort, wo einer Auffälligkeit eine Ursache zugrunde liegt, die eine eigene Behandlung erfordert. Deutliche Entwicklungsverzögerungen, ein auffälliges Gangbild, Krampfanfälle, eine Störung des Hörens oder des Sehens sowie der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten gehören zunächst ärztlich abgeklärt. Eine psychomotorische Förderung ersetzt diese Abklärung nicht, sondern setzt sie voraus, und ebenso wenig ersetzt sie eine kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung, wenn eine solche angezeigt ist.
Belastend kann eine Förderung außerdem dann werden, wenn sie vom Kind als weiterer Leistungsanspruch erlebt wird. Wird es zu Übungen gedrängt, an denen es scheitert, kehrt sich der Grundgedanke der Psychomotorik in sein Gegenteil, denn sie lebt vom freiwilligen Ausprobieren und von der Erfahrung, etwas selbst zu können. Kritisch zu sehen sind schließlich Angebote, die mit der Aussicht auf bessere Schulnoten oder auf das Verschwinden einer diagnostizierten Störung werben: Solche Versprechen sind durch die vorliegenden Untersuchungen nicht gedeckt.
Quellen
- Zimmer, R., Tieste, K., Zimmer, H.: Handbuch Psychomotorik.
ISBN: 9783451819100
- Hossner, E.-J., Künzell, S.: Einführung in die Bewegungswissenschaft.
ISBN: 9783785318492
- Steinhausen, H.-C.: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen.
ISBN: 9783437212949
- Schneider, S., Margraf, J. (Hrsg.): Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter.
ISBN: 9783662573686
- Remschmidt, H., Becker, K. (Hrsg.): Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
ISBN: 9783132411227
