Komplette Androgenresistenz
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 19. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Unter der kompletten Androgenresistenz verstehen Mediziner eine Mutation, die aus männlichen Karyotypen weibliche Phänotypen hervorbringt. Die Patienten besitzen eine blinde Vagina und ihre Hoden sind von Hodendystopien betroffen. Die Entfernung der Hoden wird heute erst nach der Pubertät und in Absprache mit der Betroffenen erwogen, um das Risiko für eine Entartung zu senken.
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Was ist eine komplette Androgenresistenz?
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Die komplette Androgenresistenz wird auch als Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom bezeichnet und ist eine Form der Intersexualität, die durch eine periphere Hormonrezeptorstörung bedingt wird. Der Rezeptordefekt ist genetisch bedingt und entspricht einer kompletten Resistenz der Androgenrezeptoren. Testosteron hat damit keine Auswirkungen auf den Körper.
Dieses Phänomen äußert sich in einer absolut weiblichen Gestalt, obwohl der genetische Karyotyp dem eines Mannes entspricht. Die Patienten haben eine blind endende Vagina und ihre Hoden sind in der Regel von einer Hodendystopie betroffen. Das soziale Geschlecht der Betroffenen ist in so gut wie allen Fällen weiblich. Etwa einer von 20 000 Menschen kommt mit einer kompletten Androgenresistenz zur Welt. Fachlich zählt die komplette Androgenresistenz heute zu den Varianten der Geschlechtsentwicklung; ältere Bezeichnungen wie „testikuläre Feminisierung“ oder „Pseudohermaphroditismus“ gelten als überholt und werden von vielen Betroffenen als abwertend empfunden.
Ursachen
Bei manchen Patienten handelt es sich statt um eine Punktmutation auch um eine Mosaikmutation, sodass der Betroffene zur selben Zeit Zellpopulationen mit mutierten und fehlerlosen Androgenrezeptoren aufweist. Gegenwärtig sind als Ursache für die Mutation Umweltgifte wie das Bisphenol A im Gespräch. Nach heutigem Kenntnisstand ist ein solcher Zusammenhang jedoch nicht belegt: Die Mutation wird entweder von der Mutter geerbt oder sie entsteht neu. Der Defekt kann im X-chromosomal rezessiven Erbgang weitergegeben werden. Trägt die Mutter die Veränderung, so ist statistisch jedes zweite Kind mit männlichem Chromosomensatz betroffen, und jede zweite Tochter gibt die Anlage ihrerseits weiter, ohne selbst Beschwerden zu haben.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die meisten Patienten der kompletten Androgenresistenz werden bei der Geburt zweifelsohne als Mädchen beurteilt. Manchmal sind die Patienten bei der Geburt überdurchschnittlich groß. Die Hoden sind oftmals im Bauchinneren oder in der Leistengegend angesiedelt. Damit liegt eine Hodendystopie vor, die durch Palpation gegebenenfalls kurz nach der Geburt erkannt werden kann. Die angelegte Vagina bleibt verkürzt und weist ein blindes Ende auf.
Weder die Gebärmutter noch die Eileiter der Patienten bilden sich im Laufe des Lebens aus. Die weibliche Entwicklung ist ansonsten nicht gestört. Brüste bilden sich durchaus. Die Achsel- und die Schambehaarung bleiben allerdings aus, sodass bei den Betroffenen oftmals von hairless women die Rede ist. In der Pubertät tritt bei komplett Androgenresistenten wegen der fehlenden Gebärmutter keine Menstruationsblutung ein.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Die Diagnose einer kompletten Androgenresistenz wird oftmals nicht vor der Pubertät gestellt. Meist erregt erst die ausbleibende Menstruation einen ersten Verdacht. Manchmal bewegt die Betroffenen sogar erst ein unerfüllter Kinderwunsch zum Arztbesuch. Wenn die Diagnose unmittelbar nach der Geburt gestellt wird, dann geschieht das meist wegen einer Auswölbung an der Leiste oder der großen Schamlippe.
Diese Vorwölbung entspricht einem Hodenhochstand und kann mittels Ultraschall als solcher erkannt werden. Um die Diagnose zu sichern, erstellt ein Labor aus dem Blut der Betroffenen ein Karyogramm. Bei der Diagnosestellung muss der Arzt Sensibilität an den Tag legen und dem Betroffenen gegebenenfalls psychotherapeutische Hilfe zur Seite stellen.
Komplikationen
Das Wissen um den männlichen Chromosomensatz kann zu Stimmungsschwankungen und zu Minderwertigkeitskomplexen führen. Ebenso fehlen die inneren weiblichen Geschlechtsorgane, und die Regelblutung bleibt aus, während die übrige körperliche Entwicklung in der Pubertät weiblich verläuft. Die Lebensqualität kann durch die komplette Androgenresistenz vor allem seelisch stark eingeschränkt sein. Körperlich führen Betroffene dagegen ein normales Leben; die Erkrankung beeinträchtigt weder die Leistungsfähigkeit noch die Lebenserwartung. Ebenso steigt das Risiko für eine Entartung der im Bauchraum liegenden Hoden an, dem durch regelmäßige Kontrollen und gegebenenfalls durch ihre Entfernung begegnet wird.
Die Behandlung der kompletten Androgenresistenz führt in der Regel nicht zu besonderen Komplikationen oder Beschwerden. Die Hoden können mit Hilfe eines Eingriffes entfernt werden. Nach ihrer Entfernung ist allerdings eine lebenslange Hormonersatzbehandlung mit Östrogenen nötig; unterbleibt sie, kommt es zu Wechseljahresbeschwerden und zu einem erhöhten Osteoporoserisiko. Ebenso kann eine Vagina angelegt werden, damit die Betroffene auch an Geschlechtsverkehr teilnehmen kann. Nicht selten ist auch eine psychologische Behandlung der Patienten notwendig, wobei auch die Eltern oder Angehörigen durch diese Krankheit seelisch belastet sein können.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Bei dem Verdacht auf eine komplette Androgenresistenz muss der Frauenarzt oder Urologe konsultiert werden. Junge Frauen, bei denen zu Beginn der Pubertät die Regelblutung ausbleibt oder verzögert eintritt, sollten ärztlichen Rat einholen. Selbiges gilt für junge Männer, die während der Wachstumsphase keine oder verkleinerte Hoden ausbilden. Eine komplette Androgenresistenz muss nicht immer Beschwerden oder Komplikationen hervorrufen; eine ärztliche Abklärung ist dennoch in jedem Fall notwendig.
Meist stellen sich jedoch körperliche und psychische Beschwerden ein, die behandelt werden müssen. Ein ausgefülltes Sexualleben kann nur durch eine frühzeitige und meist langwierige Therapie ermöglicht werden. Im besten Fall wird die Erkrankung schon vor Beginn der Pubertät erkannt. Dann kann die Behandlung rechtzeitig geplant und die weibliche Entwicklung ärztlich begleitet werden. Während der Behandlung können verschiedene Nebenwirkungen auftreten, weshalb der Patient enge Rücksprache mit dem Arzt halten sollte. Der Mediziner muss über ungewöhnliche Symptome informiert werden. Auch nach der initialen Behandlung sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen durch den Gynäkologen notwendig.
Behandlung & Therapie
Hodenhochstände sind mit einem Entartungsrisiko verbunden. Für Betroffene ist das Risiko einer bösartigen Hodenkrebserkrankung in der Regel 32 Mal so hoch wie für Gesunde. Daher müssen Hodendystopien in den meisten Fällen operativ korrigiert werden. Gerade Hoden im Bauchraum, wie sie bei Androgenresistenten am häufigsten vorliegen, entarten mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, da die Umgebungstemperatur an dieser Stelle die Entartung begünstigt. Neuere Untersuchungen beziffern das Entartungsrisiko speziell bei kompletter Androgenresistenz allerdings deutlich niedriger; vor der Pubertät ist es gering.
Normalerweise werden fehlerhaft platzierte Hoden in den ersten Lebensjahren entfernt oder an die richtige Stelle gesetzt. Für komplett Androgenresistente trifft das in aller Regel nicht zu. Eine Entfernung der Hoden erfolgt bei den Betroffenen im Normalfall nicht vor der Pubertät. Die Entfernung vor dem 20. Lebensjahr wurde lange Zeit medizinisch empfohlen. Nach heutigem Kenntnisstand gibt es dafür jedoch keine feste Altersgrenze mehr: Der Zeitpunkt wird gemeinsam mit der Betroffenen festgelegt, und viele Frauen entscheiden sich für regelmäßige Kontrollen statt für einen Eingriff. Seit 2021 sind in Deutschland zudem Operationen an den inneren oder äußeren Geschlechtsmerkmalen eines nicht einwilligungsfähigen Kindes grundsätzlich verboten, sofern sie nicht medizinisch dringend geboten sind. Nur wenn die Hoden so lange wie möglich erhalten bleiben, muss die Pubertät nicht künstlich eingeleitet werden.
Das gebildete Testosteron wird während der Pubertät zu Östrogen umgewandelt und die weibliche Entwicklung kann auf diese Weise auf natürlichem Wege erfolgen. Therapeutisch wird außerdem oft die unterstützende Gabe von Östrogenen angewandt. So wird eine eindeutige Entwicklung zur Frau sichergestellt. Nach der Entfernung der Hoden wird oftmals die Gabe von Estradiol angeraten, die zusätzlich das Osteoporoserisiko senkt und die Haare sowie die Haut schützt und das weibliche Erscheinungsbild fördert.
Bei manchen Menschen mit kompletter Androgenresistenz muss die verkürzt angelegte Vagina irgendwann im Leben erweitert werden. Nur durch einen chirurgischen Vaginalaufbau wird es einigen Patienten möglich, schmerzlos Geschlechtsverkehr zu haben.
Aussicht & Prognose
Die Prognose bei der seltenen, erblich bedingten kompletten Androgenresistenz - auch als Goldberg-Maxwell-Morris-Syndrom bekannt - ist schwierig. Die davon betroffenen Frauen haben einen männlichen Chromosomensatz, entwickeln sich körperlich aber weiblich. Doch nur das eine ist nach außen hin erkennbar.
Die Geschlechtsmerkmale des anderen Geschlechts sind verdeckt. Das birgt möglicherweise Gefahren. Männliche Geschlechtsmerkmale wurden daher lange Zeit häufig im jugendlichen Alter operativ entfernt. Geschieht das nicht, sahen viele Mediziner eine schlechtere Prognose. Heute wird stattdessen abgewartet und regelmäßig kontrolliert, bis die Betroffene selbst über den Eingriff entscheiden kann. Im Körperinneren liegende Hoden neigen durch die höhere Umgebungstemperatur zur Entartung.
Ob sich Frauen mit kompletter Androgenresistenz wegen der männlichen Geschlechtsattribute männlicher fühlen, ist nicht gesagt. Daher ist die Prognose für ein glückliches Leben als Frau auch nicht unbedingt schlechter. Jedoch ist das Fehlen einer Gebärmutter für manche Frauen sehr belastend. Ein Kinderwunsch wird sich nicht erfüllen. Manche Frauen mit kompletter Androgenresistenz leiden unter der Hormontherapie mit Östrogenen. Die Gabe von Testosteron-Präparaten ist dagegen wirkungslos, weil die Androgenrezeptoren des Körpers auf dieses Hormon nicht ansprechen.
Derzeit sind sechs medizinische Zentren auf der Suche nach besseren Hormontherapien und Behandlungsmöglichkeiten einer kompletten Androgenresistenz. Die Ergebnisse dieser Studien sollen die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Die medizinische Prognose ist heutzutage gut, die soziale aber nicht. Intersexuelle Menschen fühlen sich weiterhin diskriminiert, auch wenn mittlerweile ein drittes Geschlecht eingeführt wurde.
Vorbeugung
Der kompletten Androgenresistenz lässt sich nicht vorbeugen, denn es handelt sich bei dieser Krankheit um eine Mutation. Die Vorbeugung ist schon deshalb schwierig, da bislang noch nicht abschließend erforscht wurde, welche Faktoren für diese Mutation relevant sind. Werdende Eltern können im Rahmen einer pränatal molekulargenetischen Diagnostik unter Umständen aber Sicherheit über die Mutation des Fötus erhalten. Eine ursächliche Vorbeugung gibt es also nicht. Sinnvoll ist stattdessen eine humangenetische Beratung, die das Wiederholungsrisiko in der jeweiligen Familie konkret benennt. Weil der Erbgang X-chromosomal ist, gelten dabei nicht die sonst üblichen 25 oder 50 Prozent für beide Geschlechter: Betroffen sein können nur Kinder mit männlichem Chromosomensatz, während Töchter die Anlage lediglich weitergeben. Die Betroffenen selbst sind unfruchtbar und geben die Veränderung daher nicht an eigene Kinder weiter.
Nachsorge
Bei dieser Krankheit sind die Maßnahmen einer Nachsorge sehr stark eingeschränkt. Sie stehen dem Betroffenen in vielen Fällen meist nicht zur Verfügung, sodass dabei in erster Linie die Krankheit selbst richtig behandelt werden muss. Nur durch eine angemessene Behandlung und durch eine frühe Diagnose können weitere Beschwerden und Komplikationen verhindert werden, sodass der Betroffene idealerweise schon bei den ersten Anzeichen und Symptomen der Krankheit einen Arzt aufsuchen sollte.
Da die im Bauchraum liegenden Hoden mit den Jahren entarten können, werden sie regelmäßig kontrolliert und in Absprache mit der Betroffenen gegebenenfalls entfernt. Auch nach der Entfernung sollte sich die Betroffene regelmäßig von einem Arzt untersuchen lassen, damit die Hormonersatzbehandlung richtig eingestellt bleibt.
Ebenso ist bei dieser Krankheit in der Regel die Einnahme von verschiedenen Medikamenten notwendig, wobei auf eine richtige Dosierung und ebenso auf eine richtige Einnahme zu achten ist. Bei Unklarheiten oder bei Fragen sollte immer zuerst ein Arzt konsultiert werden. Die Eltern müssen dabei die Einnahme der Arzneimittel und den Fortschritt der Behandlung richtig überwachen, wobei vor allem in der Pubertät regelmäßig ein Arzt aufgesucht werden sollte.
Das können Sie selbst tun
Patientinnen mit einer kompletten Androgenresistenz sind womöglich von klein auf in ständiger ärztlicher Betreuung, haben eine oder mehrere geschlechtsangleichende Operationen hinter sich und/oder müssen ständig Hormone einnehmen. All dies erfordert nicht nur eine große Therapietreue, sondern auch psychische Stabilität. Das ständige Gefühl des „Andersseins“ kann auf Dauer zermürben. Nicht selten sind Depressionen und Angstzustände die Folge.
Mehr noch als medizinische Betreuung brauchen diese Patientinnen daher psychologische Unterstützung. Auch der Anschluss an Selbsthilfegruppen und damit der Kontakt zu Frauen, die das gleiche Schicksal haben, ist hilfreich. Hier empfiehlt sich beispielsweise die Selbsthilfegruppe „XY-Frauen“ mit ihren jeweiligen Untergruppierungen „SHG XY-Frauen“ und „SHG Eltern XY-Frauen“. Allein die persönlichen Geschichten, die auf der Internetseite veröffentlicht sind, können mögliche Schwellenängste mindern. Auch der Dachverband „Intersexuelle Menschen e.V.“ bietet sogenannte Peerberatung an. Das bedeutet, dass "Gleiche Gleiche beraten", also Betroffene anderen Betroffenen helfen. Dieser Service ist kostenlos. Die Mitglieder des Vereins bieten sogar an, Hilfesuchende an ihrem Wohnort aufzusuchen und vor Ort zu beraten.
Manchen Frauen hilft es, sich besonders weiblich zu schminken oder zu kleiden, um nicht mehr das Gefühl zu haben, anders als andere zu sein. Empfehlenswert ist hier weiterhin, kleine Wohlfühl-Inseln in den Alltag einzubauen.
Quellen
- Murken, J. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
ISBN: 9783132416871
- Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
ISBN: 9783662561461
- Hiort, O., Danne, T., Wabitsch, M. (Hrsg.): Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie.
ISBN: 9783662573082
- Nieschlag, E. (Hrsg.): Andrologie.
ISBN: 9783662619001
- Stalla, G. K. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in der Inneren Medizin – Endokrinologie und Stoffwechsel.
ISBN: 9783437211843
