Marknagelosteosynthese
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Unter einer Marknagelosteosynthese wird ein chirurgisches Verfahren zur Behandlung von Röhrenknochenbrüchen verstanden. Bei dieser Methode bringt der Operateur einen Marknagel in den Markraum des Knochens ein.
Was ist die Marknagelosteosynthese?
Die Marknagelosteosynthese ist auch als Marknagelung bekannt. Gemeint ist damit eine Operationsmethode, bei der ein länglicher Stift aus Metall wie ein Knochennagel oder Marknagel in den Knochenmarkraum des geschädigten Knochens eingefügt wird. Auf diese Weise findet die Versorgung eines gebrochenen Röhrenknochens statt, indem die Kallusbildung und damit die Heilung des Knochens gefördert werden.
Auf intramedulläre Weise fixiert wurden Röhrenknochen wie zum Beispiel der Oberschenkelknochen ab 1887. 1916 griffen einige Mediziner auch auf Knochen von Rindern oder Elfenbein zurück. Im Jahr 1925 erfolgte die Vorstellung des Dreilamellennagels, der bei Brüchen des Femurhalses zum Einsatz gelangte. 1940 löste der deutsche Chirurg Gerhard Küntscher (1900-1972), der als Erfinder der Marknagelung gilt, bei der Vorstellung seines Marknagels auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie heftige Kontroversen aus. So galt das Knochenmark seinerzeit als unantastbar und unersetzlich für die Knochenvitalität.
Im Laufe der Jahre konnte die Marknagelosteosynthese mit therapeutischen Erfolgen jedoch überzeugen. So ließ sich die verletzte Gliedmaße durch den Marknagel schneller wieder belasten, was den Aufenthalt im Krankenhaus verkürzte. Auch die Arbeitsfähigkeit des Patienten konnte rascher wiederhergestellt werden. Dagegen bargen die anderen Behandlungsverfahren zahlreiche Komplikationen, die sich mit der Marknagelosteosynthese verringern ließen.
In den 50er Jahren erfolgte die Einführung der aufgebohrten Marknagelung, die sich zur Standardmethode zur Behandlung von Schaftbrüchen des Schienbeins entwickelte. Obwohl es aus medizinischer Sicht nicht immer nötig ist, wird der Marknagel nach der Abheilung der Fraktur häufig wieder entfernt. So können sich seine Verriegelungsschrauben störend auswirken.
Funktion, Wirkung & Ziele
Indikationen für eine Marknagelosteosynthese sind offene oder geschlossene Brüche von großen Röhrenknochen wie dem Schienbeinknochen, dem Oberschenkelknochen und dem Oberarmknochen. Auch für Spezialbehandlungen ist die Marknagelosteosynthese sinnvoll. Zu diesem Zweck stehen unterschiedliche Spezialimplantate zur Verfügung, die über spezielle Eigenschaften verfügen.
Häufigste Einsatzgebiete der Marknagelosteosynthese sind kurze Schrägbrüche oder Querfrakturen wie beispielsweise am Oberschenkel. Erster Schritt des Verfahrens ist das Reponieren des Knochens. Dabei bringt der Chirurg Knochenfragmente, die sich verschoben haben, wieder zurück in ihre Ausgangslage. Je nachdem, wie lang der Bruch ausfällt, führt der Operateur den Marknagel über einen kleinen Hautschnitt vom Knochenende bis ins Knocheninnere.
Bei der Marknagelosteosynthese wird zwischen zwei verschiedenen Verfahren unterschieden. Dabei handelt es sich um den unaufgebohrten und den aufgebohrten Marknagel. Gelangt ein aufgebohrter Marknagel zum Einsatz, bohrt der Chirurg als erstes den Markraum des Knochens auf. Nächster Schritt ist das Einschlagen eines länglichen Hohlnagels in den Markraum. Kommt hingegen ein unaufgebohrter Marknagel zur Anwendung, ist das Aufbohren des Markraums nicht nötig. Außerdem verwendet der Chirurg einen massiven Nagel, der dünner ausfällt. Eingesetzt wird der unaufgebohrte Marknagel zur Behandlung von schweren offenen Brüchen.
Durch den Einsatz eines unaufgebohrten Nagels können die Blutgefäße, die sich im Knochenmark befinden, geschont werden. Vom Markraum aus wird der Knochen mit Blut versorgt; von dort geht auch die Bildung neuer Knochensubstanz aus. Erfolgt durch einen aufgebohrten Nagel eine Verletzung des Markraums, ist dies für den Heilungsprozess oft von Nachteil.
Unterschiede zwischen den Marknagelarten gibt es auch in der Verriegelung. So ist für einen unaufgebohrten Nagel unbedingt eine Verriegelungsschraube erforderlich, während die Verriegelung des aufgebohrten Nagels optional ist. Mit der Verriegelung ist das Fixieren des Marknagels an einem Knochenende mit Bolzen oder Schrauben gemeint. Mediziner differenzieren zwischen der statischen und der dynamischen Verriegelung.
Im Rahmen der statischen Verriegelung findet die Fixierung des Marknagels an beiden Enden statt, womit sich eine stabile Verbindung gewährleisten lässt. Die Knochenfragmente können dadurch nicht nachgeben. Im Falle der dynamischen Verriegelung erfolgt das Befestigen des Nagels lediglich an einem der beiden Knochenenden. Die Verbindung fällt deswegen weniger starr aus. Welche Art von Nagel letztlich besser geeignet ist, entscheidet der Operateur nach Ausmaß, Form und Position der Fraktur.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Sie wird auch als Pseudogelenk oder Scheingelenk bezeichnet. Bei den Knochen, die von einer Pseudarthrose betroffen sind, handelt es sich zumeist um die Ober- und Unterschenkelknochen. Bemerkbar macht sich die Komplikation durch chronische Schmerzen und beständige Funktionseinschränkungen. Darüber hinaus gilt die Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaße als abnorm. Zur Behandlung muss meist eine weitere Osteosynthese erfolgen.
Eine andere häufige Komplikation der Marknagelosteosynthese sind primäre oder sekundäre Fehlstellungen. So kann es sowohl bei der Anwendung von aufgebohrten als auch von unaufgebohrten Marknägeln zu Außenrotationsfehlstellungen kommen. Grund dafür ist zumeist eine unkorrekte Ausführung der Marknagelosteosynthese durch den Chirurgen. In seltenen Fällen kann auch ein Bolzenbruch eine sekundäre Fehlstellung hervorrufen.
Als weitere mögliche Komplikationen kommen Fettembolien, Infektionen oder ein Versagen des Implantates in Betracht. Besonders bei offenen Frakturen ist das Risiko einer Infektion hoch. Von einem Implantatversagen ist die Rede, wenn ein Bolzenbruch oder ein Bruch des Marknagels auftritt.
Vorbereitung und Ablauf der Operation
Die Marknagelosteosynthese ist in aller Regel ein dringlicher, aber kein sofortiger Eingriff. Nach dem Unfall steht zunächst die Beurteilung der Verletzung: Der Arzt prüft Durchblutung, Beweglichkeit und Gefühl unterhalb der Bruchstelle und dokumentiert den Zustand der Weichteile. Eine Röntgenaufnahme in zwei Ebenen zeigt Lage und Verlauf der Bruchlinien; bei gelenknahen oder mehrfragmentären Brüchen schließt sich häufig eine Computertomografie an, weil sie die Fragmente räumlich darstellt. Bis zur Operation wird die Gliedmaße ruhiggestellt und hochgelagert, um die Schwellung zu begrenzen. Ist die Haut über dem Bruch durchtrennt, liegt also ein offener Bruch vor, besteht besondere Eile: Die Wunde wird gespült und von zerstörtem Gewebe befreit, der Impfschutz gegen Wundstarrkrampf wird überprüft und der Patient erhält ein Antibiotikum.
Der Eingriff findet unter Vollnarkose oder unter einer rückenmarksnahen Betäubung statt. Der Patient wird auf einem Operationstisch gelagert, der Zug auf die verletzte Gliedmaße ausüben kann, und das Operationsgebiet wird steril abgedeckt. Ein fahrbares Röntgengerät, der Bildwandler, begleitet den gesamten Eingriff und macht die Knochenstellung jederzeit sichtbar.
Kennzeichnend für das Verfahren ist, dass die Bruchstelle selbst meist gar nicht eröffnet wird. Der Operateur bringt die Fragmente unter Zug und Durchleuchtung von außen in die richtige Stellung; man spricht von geschlossener oder gedeckter Reposition. Anschließend legt er den Zugang an einem Knochenende an, fern vom Bruch: am Oberschenkel im Bereich der Hüfte oder oberhalb des Knies, am Schienbein unterhalb der Kniescheibe, am Oberarm im Bereich der Schulter. Über eine kleine Eröffnung des Knochens wird ein dünner Führungsdraht durch den Markraum über die Bruchstelle hinweg vorgeschoben. Soll ein aufgebohrter Nagel verwendet werden, folgen biegsame Bohrköpfe in aufsteigenden Durchmessern, bis der Markraum den Nagel aufnehmen kann. Der Nagel wird über den Führungsdraht eingebracht, danach werden die Verriegelungsschrauben quer durch Knochen und Nagel gesetzt: am zugangsnahen Ende mit Hilfe eines am Nagel befestigten Zielgeräts, am gegenüberliegenden Ende von Hand unter Durchleuchtung. Vor dem Wundverschluss kontrolliert der Operateur Achse, Länge und Verdrehung der Gliedmaße, denn eine Rotationsabweichung fällt am liegenden, abgedeckten Patienten leicht durch.
Nach der Operation
Im Aufwachraum werden Kreislauf und Schmerzen überwacht, danach folgt eine Röntgenkontrolle. Die operierte Gliedmaße wird hochgelagert und gekühlt, um die Schwellung zu begrenzen. Solange die Belastbarkeit eingeschränkt ist, erhalten die Patienten meist gerinnungshemmende Medikamente wie Heparin zur Vorbeugung einer Thrombose; wie lange, entscheidet der behandelnde Arzt.
Ein wesentlicher Vorzug der Marknagelung liegt darin, dass der Nagel in der Längsachse des Knochens liegt und die Last gemeinsam mit dem Knochen trägt. Deshalb kann meist früh mit dem Aufstehen begonnen werden. Die Physiotherapie setzt in der Regel schon am Tag nach der Operation ein und übt zunächst das Gehen mit Unterarmgehstützen sowie die Beweglichkeit der benachbarten Gelenke. Wie stark die Gliedmaße belastet werden darf, legt der Operateur individuell fest: Ein einfacher Querbruch mit gut ineinandergreifenden Bruchenden verträgt mehr als ein Trümmerbruch, bei dem allein der Nagel die Länge hält.
Die Hautfäden oder Klammern werden entfernt, sobald die Wunde verschlossen ist. In Abständen folgen weitere Röntgenaufnahmen, auf denen sich die Kallusbildung und damit der Fortschritt der knöchernen Heilung beurteilen lässt. Bestimmte Beschwerden sollten die Betroffenen umgehend ärztlich abklären lassen: zunehmende Schmerzen, Rötung, Überwärmung, Wundsekret oder Fieber können auf eine Infektion hindeuten, eine einseitige Schwellung mit Wadenschmerz auf eine Thrombose. Ein rasch zunehmender, mit Schmerzmitteln kaum zu beeinflussender Spannungsschmerz in den ersten Stunden und Tagen nach dem Unfall oder der Operation ist ein Warnzeichen für ein Kompartmentsyndrom, bei dem der Druck im Muskelraum die Durchblutung abschnürt. Es ist ein Notfall und muss sofort behandelt werden.
Wann Beruf und Sport wieder aufgenommen werden können, hängt vom Knochen, von der Bruchform und von der körperlichen Beanspruchung ab und lässt sich nicht pauschal angeben. Die Entfernung des Nagels ist ein eigener, planbarer Eingriff und erfolgt frühestens nach knöcherner Durchbauung. Sie ist nicht in jedem Fall nötig; bei älteren Menschen wird das Implantat häufig belassen.
Abgrenzung zu anderen Verfahren der Knochenbruchbehandlung
Nicht jeder Bruch muss operiert werden. Stabile, kaum verschobene Brüche lassen sich mit einem Gipsverband oder einer Kunststoffschiene ruhigstellen. Eine Operation kommt vor allem dann in Betracht, wenn die Bruchenden verschoben sind, wenn ein Gelenk beteiligt ist oder wenn die Ruhigstellung zu lange dauern und zu Einsteifung führen würde.
Innerhalb der operativen Verfahren unterscheidet sich der Marknagel vor allem durch die Lage des Kraftträgers. Platten und Schrauben werden von außen auf den Knochen aufgebracht; dafür muss die Bruchstelle meist freigelegt werden, und die Platte trägt die Last überwiegend allein. Dieses Vorgehen ist bei gelenknahen Brüchen und bei Gelenkbrüchen im Vorteil, weil sich die Gelenkfläche unter Sicht wiederherstellen lässt. Der Marknagel dagegen liegt im Inneren und teilt die Last mit dem Knochen, was die frühe Belastung erleichtert; sein Zugang liegt fern von der Bruchzone, so dass Knochenhaut und Bruchhämatom weitgehend unberührt bleiben. Damit gehört die gedeckte Marknagelung zu den Techniken, die dem Gedanken der schonenden Operation folgen, wie er auch die minimal-invasive Chirurgie kennzeichnet.
Ein Fixateur externe, bei dem Schrauben durch die Haut in den Knochen eingebracht und außerhalb des Körpers mit Stangen verbunden werden, kommt bei schwerem Weichteilschaden, bei Infektionen und bei mehrfach verletzten Patienten zum Einsatz. Er ist häufig eine Übergangslösung, die später gegen einen Marknagel getauscht wird, sobald sich der Zustand des Patienten und der Weichteile gebessert hat.
Bei Kindern gelten eigene Regeln. Hier wird meist die elastisch-stabile intramedulläre Nagelung verwendet: Zwei dünne, federnde Nägel werden von der Seite eingeschoben und spannen sich im Markraum gegeneinander. Sie umgehen die Wachstumsfugen, die ein starrer, aufgebohrter Nagel schädigen könnte. Für hüftnahe Brüche älterer Menschen wiederum gibt es Spezialnägel, bei denen eine kräftige Schraube oder Klinge vom Nagel aus in den Schenkelhals geführt wird.
Gegenanzeigen und Grenzen des Verfahrens
Gegen eine Marknagelosteosynthese sprechen vor allem Infektionen. Eine Entzündung des Knochens oder des Knochenmarks (Osteomyelitis) sowie eine Infektion der Haut am geplanten Eintrittspunkt sind Gegenanzeigen, weil der Nagel Keime über die gesamte Länge des Markraums verschleppen kann. Auch ein sehr enger, stark verbogener oder durch eine frühere Operation verschlossener Markraum kann das Verfahren unmöglich machen.
Brüche, die überwiegend im Gelenk verlaufen, oder gelenknahe Brüche mit einem zu kurzen Fragment lassen sich mit einem Nagel nicht sicher fassen; hier wird eher plattenosteosynthetisch versorgt. Bei Kindern mit offenen Wachstumsfugen scheidet der starre Nagel, wie weiter oben beschrieben, aus.
Besondere Zurückhaltung gilt bei schwer verletzten Patienten mit begleitender Lungenschädigung. Beim Aufbohren steigt der Druck im Markraum, und Fett sowie Markraumbestandteile können in die Blutbahn gelangen. Da eine Fettembolie die Lunge zusätzlich belastet, wird die endgültige Nagelung in solchen Lagen oft aufgeschoben und zunächst nur behelfsmäßig stabilisiert. Weitere Hindernisse können eine schwere Gerinnungsstörung oder eine mangelnde Narkosefähigkeit sein.
Schließlich hat das Verfahren eine grundsätzliche Grenze: Der Nagel schient den Knochen, heilen muss dieser selbst. Rauchen, ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen, Mangelernährung und bestimmte Medikamente können die Knochenheilung verzögern. Bleibt die Heilung aus, ist nicht zwangsläufig das Implantat schuld. Vor einem erneuten Eingriff wird deshalb nach der Ursache der ausbleibenden Knochenheilung gesucht, etwa nach einer stillen Infektion, einer zu großen Beweglichkeit im Bruchspalt oder einer mangelhaften Durchblutung der Bruchenden.
Typische & häufige Knochenerkrankungen
Quellen
- Niethard, F. U., Biberthaler, P., Pfeil, J.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie.
ISBN: 9783132443150
- Henne-Bruns, D. (Hrsg.): Chirurgie.
ISBN: 9783132431874
- Siewert, J. R., Allgöwer, M., Brauer, R. B., et al.: Chirurgie.
ISBN: 9783642113314
- Aumüller, G., Aust, G., Engele, J., et al.: Anatomie.
ISBN: 9783132435025
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
