Pseudarthrose
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Unter einer Pseudarthrose versteht die Medizin die ausbleibende Heilung eines Knochenbruches, aus der sich ein Falschgelenk entwickelt. Sie verursacht zumeist starke Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit. Die Therapie richtet sich nach der genauen Form der Pseudarthrose; wie gut die Aussichten sind, hängt davon ab, wie weit sie fortgeschritten ist.
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Was ist Pseudarthrose?
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Der Begriff Pseudarthrose setzt sich zusammen aus den griechischen Worten "pseudes" und "arthron" und bedeutet so viel wie "falsches Gelenk". Synonym zu Pseudarthrose werden die Begriffe Scheingelenk, Pseudogelenk oder Falschgelenk verwendet.
Diagnostiziert wird die Erkrankung, wenn sechs Monate nach einem Knochenbruch oder dem chirurgischen Verfahren der Osteotomie keine Heilung erfolgte. Zuvor, nach vier bis sechs Monaten ohne ausreichende Heilung, spricht man von einer verzögerten Frakturheilung.
Der Mediziner unterscheidet die vitale Pseudarthrose von der avitalen Pseudarthrose. Bei letzterer ist der Bruch instabil, mangelhaft durchblutet und das umgebende Gewebe ist entzündet oder abgestorben. Bei der vitalen Pseudarthrose ist das Gewebe noch gut durchblutet, der Bruch aber ebenfalls instabil. Die vitale Form wird auch als hypertrophe oder reaktionsfreudige Pseudarthrose bezeichnet, die avitale als atrophe oder reaktionslose Form.
Ursachen
Besonders anfällig für die Pseudarthrose sind Schaftbrüche langer Röhrenknochen, beispielsweise der Unter- und Oberschenkel und des Ober- und Unterarms. Häufig tritt das Falschgelenk auch als Komplikation eines Kahnbeinbruches auf. Konkret müssen mechanische und morbide Ursachen der Pseudarthrose unterschieden werden.
Mechanische Ursachen sind die Verschiebung von Weichteilen in die Bruchregion, die Verschiebung der Bruchenden gegeneinander, eine unzureichende Versorgung des Bruches mit zu geringer Kompression der Bruchenden und eine zu frühe Mobilisierung der Fraktur.
Zu den morbiden Ursachen gehören eine übermäßige, aber falsche Knochenheilung, der Kallus, Gewebeverluste durch unzureichende Versorgung der Patienten oder ungenügende Blutversorgung der Bruchregion, Infekte und systemische Krankheiten. Insbesondere Patienten mit Diabetes mellitus oder arteriellen Erkrankungen sind häufig betroffen. Seltener ist das Erkrankungsrisiko angeboren. Als wichtigster beeinflussbarer Risikofaktor gilt zudem das Rauchen, weil Nikotin die Durchblutung im Bruchgebiet verschlechtert und die Knochenheilung nachweislich verzögert.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Eine Pseudoarthrose kann sich entwickeln, wenn nach einem Knochenbruch die Bruchstellen nur unzureichend verheilen. In solch einem Fall kommt es zu einer Diskontinuität, einer Störung in dem heilenden Gewebe. Sehr anfällig hierfür sind Schaftknochen wie Oberschenkel, Elle, Speiche und Oberarm.
Unterschiedlichste Merkmale weisen auf eine Pseudoarthrose hin. Heilt ein Knochen nach einem Bruch verhältnismäßig langsam, kann dies ein erstes Anzeichen sein. Setzt die Heilung nicht innerhalb von sechs Monaten ein, kann von einer Pseudoarthrose gesprochen werden. Die Erkrankung entwickelt sich meist schleichend. Die Symptome setzen daher verzögert ein.
Vorrangig zählen zu den ersten Anzeichen einer Pseudoarthrose Schmerzen. Häufig treten diese zu Beginn der Erkrankung nur unter Belastung auf. Später kann sich bei Ruhe ein chronischer Schmerz entwickeln. Ebenfalls sind Bewegungseinschränkungen sowie eine Kraftminderung typisch für dieses Krankheitsbild. Andersherum können Hypermobilität sowie Instabilität ebenfalls Anzeichen für eine Pseudoarthrose sein.
Weil die Stabilität des Knochens teils stark reduziert ist, kann sich eine Achsenabweichung des Knochens ausbilden. Diese ist teilweise sichtbar. Neben den genannten Symptomen geben Rötungen und Schwellungen im Bereich des betroffenen Areals weitere Anhaltspunkte für die Krankheitsentstehung. Wassereinlagerungen im Bereich des Knochenbruches sind nicht selten.
Bei einem septischen Verlauf machen sich weiterhin systemische Symptome bemerkbar. Da bei dieser Entwicklung Krankheitserreger an der Entwicklung beteiligt sind, können Fieber und eine Verschlechterung des Allgemeinzustandes auftreten.
Diagnose & Verlauf
Pseudarthrosen werden diagnostiziert, wenn sechs Monate nach der Knochenfraktur keine Heilung erfolgte. Dies kann und muss mit bildgebenden Verfahren festgestellt werden. Röntgendiagnostisch zeigen sich häufig Pseudarthrosespalten und Sklerosen des umgebenden Gewebes.
Indizien für die Erkrankung sind zudem fortbestehende Bewegungs- und Funktionseinschränkungen oder eine übermäßige Beweglichkeit der betroffenen Körperteile und anhaltende Schmerzen. Wichtig ist zudem, dass bei der Diagnose eindeutig festgestellt wird, ob eine vitale oder eine avitale Pseudarthrose vorliegt, denn entsprechend wird die Therapie eingeleitet.
Der Verlauf und die Prognose sind abhängig davon, wie weit die Pseudarthrose fortgeschritten ist. Im Anfangsstadium bestehen gute Erfolgsaussichten. Aber je stärker das umgebende Gewebe betroffen ist und je weiter sich die Verhärtung ausbreiten konnte, desto schwieriger wird die Therapie.
Komplikationen
Manchen Patienten hilft es, die betroffene Stelle zu kühlen, um die Schmerzen zu reduzieren. Hierzu können Kühlelemente, die mit einem Haushaltstuch oder einem dünnen Handtuch umwickelt wurden, verwendet werden. Andere, unter Pseudarthrose Leidende, benötigen Wärme wie zum Beispiel Kirschkernsäckchen, die zuvor im Ofen angewärmt werden. Die Wärmeflaschen ebenso wie die Kühlelemente dabei nie direkt auf die nackte Haut legen. Die meisten Betroffenen sind dennoch gezwungen zu Schmerzmitteln zu greifen, um den langen Heilungsverlauf der Pseudarthrose erträglich in den Griff zu bekommen.
Was der Patient, der an einer Pseudarthrose leidet, vor allem braucht, ist Geduld. Die Erkrankung ist meistens heilbar, nur wäre es irreführend sich am regulären Heilungsverlauf des vorausgegangenen Knochenbruchs zu orientieren.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Wenn Symptome wie Knochenschmerzen, Fehlbildungen der Knochen oder Bewegungsstörungen auftreten, liegt unter Umständen eine Pseudoarthrose zugrunde. Ein Arzt sollte konsultiert werden, wenn die Symptome erstmalig auftreten. Sollten sie nicht von selbst abklingen, wird am besten ein Orthopäde aufgesucht.
Der Mediziner kann die Pseudoarthrose anhand einer Röntgenuntersuchung feststellen und die Behandlung beginnen. Personen, die aufgrund einer anderen Knochen-, Gelenk- oder Muskelerkrankung starke Schmerzen oder Einschränkungen im Alltag haben, sollten den zuständigen Arzt informieren. Die Pseudoarthrose tritt zudem nach Knochenbrüchen oder komplizierten Operationen auf.
Die Risikopatienten sollten den Arzt über Schmerzen informieren, insbesondere wenn sie im Zusammenhang mit einem Unfall oder einem chirurgischen Eingriff auftreten. Das Knochenleiden wird von einem Orthopäden oder einem Facharzt für Knochenerkrankungen behandelt. Weitere Anlaufstellen sind der Physiotherapeut und ein Sportmediziner. Zudem muss bei der Erkrankung meist ein weiterer chirurgischer Eingriff erfolgen. Nach der Behandlung sind weitere Verlaufskontrollen vonnöten. Zudem sollte bei ungewöhnlichen Beschwerden der Arzt eingeschaltet werden.
Fieber, Schüttelfrost, eine deutliche Rötung oder Überwärmung über der Bruchstelle sowie austretendes Wundsekret sprechen für eine Knocheninfektion. In diesem Fall ist noch am selben Tag ärztliche Hilfe nötig, außerhalb der Sprechzeiten über die Notaufnahme eines Krankenhauses.
Behandlung & Therapie
Die Therapie der Pseudarthrose richtet sich nach ihrer genauen Form und dem Schweregrad der Erkrankung.
Die vitale Pseudarthrose, bei der eine ausreichende Blutversorgung festgestellt wurde und die ausreichende Faserbildung und Ossifikation für eine gute Heilung aufweist, erfordert leichte Therapieformen. Im Vordergrund steht die Verbesserung der mechanischen Rahmenbedingungen des Bruches. Diese wird durch osteosynthetische Maßnahmen erreicht, beispielsweise mit einem Ringfixateur.
Die avitale Pseudarthrose erfordert weitreichendere und komplexere Therapiemaßnahmen. Da diese Erkrankungsform keine ausreichenden Heilungskräfte mehr aufweist, erfordert sie weitaus stärkere medizinische Maßnahmen als die vitale Pseudarthrose. Eine Osteosynthese ist nicht ausreichend, wird aber zur weiteren Stabilisierung genutzt.
Zusätzlich müssen infizierte Knochenareale operativ entfernt und gleichzeitig der Wiederaufbau des Knochens eingeleitet werden. Die operative Einbringung von Knochengewebe in den Bruchspalt kann helfen. Einige Ärzte bringen bei der Operation zusätzlich knochenmorphogenetische Proteine in den Bruchspalt ein, um die Regeneration anzuregen. Vor allem die Anwendung von BMP2 und BMP7 konnte gute Erfolge erzielen. Die BMP7-Präparate sind in der Europäischen Union seit Dezember 2015 beziehungsweise Juli 2016 nicht mehr zugelassen. Verfügbar ist dort nur noch ein BMP2-Präparat, das bei Erwachsenen für frische Schienbeinbrüche, die offen eingerichtet und mit einem Marknagel ohne Aufbohren versorgt werden, sowie für bestimmte Versteifungen der Lendenwirbelsäule zugelassen ist und bei einer Pseudarthrose deshalb außerhalb der Zulassung eingesetzt wird.
Vorbeugung
Die Therapie der Pseudarthrose setzt jedoch schon bei der Nachkontrolle von Knochenbrüchen ein, denn durch diese kann der Heilungsverlauf beobachtet werden. Bei ersten Anzeichen der Pseudarthrose kann so schnell eingegriffen werden, gefährliche Komplikationen können verhindert werden. Insbesondere Risikopatienten sollten nach einem Knochenbruch regelmäßigen Kontakt zu ihrem betreuenden Mediziner halten. Weiter sollten Patienten mit einem Knochenbruch die ihnen verordneten Maßnahmen einhalten und den Bruch nicht zu früh bewegen oder den Gips abnehmen.
Nachsorge
Die Nachsorgebehandlung einer Pseudoarthrose ist abhängig von den zu Grunde liegenden Erkrankungen und den Auswirkungen, die die Pseudoarthrose begünstig haben. Wichtig ist die Vermeidung von Knochenbrüchen, da bei der Heilung immer wieder Komplikationen in Form einer erneuten Pseudoarthrose auftreten können. Liegt ein Mangel an Vitamin D und/oder Kalzium vor, ist es erforderlich, dass dieser dauerhaft behoben wird.
Dazu kann eine kontinuierliche Mehraufnahme von Kalzium und Vitamin D durch Nahrungsergänzungsmittel notwendig sein. Die Kalzium und Vitamin D Werte sollten regelmäßig im Blut überprüft werden, wenn eine solche Therapie mit Nahrungsergänzungsmitteln durchgeführt wird. Dies kann beim Hausarzt gemacht werden. War eine verminderte Durchblutung die Ursache für die Pseudoarthrose, kann es notwendig sein, die zugrunde liegende Durchblutungsstörung dauerhaft behandeln zu lassen, je nach Ursache etwa mit gerinnungshemmenden Medikamenten oder einem gefäßchirurgischen Eingriff.
Sind Infektionskrankheiten, arterielle Verschlusserkrankungen oder ein Diabetes ursächlich an der Entstehung der Pseudoarthrose beteiligt gewesen, gilt es auch nach der Ausheilung der Pseudoarthrose, diese Grunderkrankungen dauerhaft zu behandeln, um der erneuten Entstehung einer Pseudoarthrose vorzubeugen. Bei einer hypertrophen Pseudoarthrose ohne weitere Ursachen ist nach der Heilung keine spezielle Nachsorge erforderlich. Bestehen dagegen Grunderkrankungen wie eine Durchblutungsstörung oder ein Diabetes weiter, bleibt auch die Neigung zu schlecht ausheilenden Knochenbrüchen bestehen.
Das können Sie selbst tun
Eine Pseudoarthrose muss ärztlich diagnostiziert und behandelt werden. Je nach Schwere der Erkrankung kann der Patient selbst einige Maßnahmen ergreifen, um die Genesung zu fördern und Komplikationen zu vermeiden.
Grundsätzlich sollten die ärztlichen Empfehlungen bezüglich körperlicher Bewegung und Schonung befolgt werden. Insbesondere bei Knochenbrüchen ist ausreichend Ruhe wichtig, um die Entstehung einer Pseudoarthrose zu vermeiden bzw. deren Heilungsverlauf zu unterstützen. Im Alltag können Hilfsmittel wie Krücken oder ein Rollstuhl die Fortbewegung erleichtern. Betroffene können sich außerdem selbst helfen, indem sie verschiedene Veränderungen im Haushalt vornehmen lassen, zum Beispiel den Einbau behindertengerechter Treppen.
Begleitend dazu empfiehlt sich der Kontakt mit anderen Betroffenen. Da Menschen mit Pseudoarthrose in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind, bieten sich Krankengymnastik oder spezielle Yoga- oder Wassergymnastikprogramme, die den betroffenen Knochen nicht stoßartig belasten, an. Zudem sollte immer auch auf eine gesunde Ernährung geachtet werden. Empfehlenswert ist eine ausgewogene Kost, die ausreichend Eiweiß, Kalzium und Vitamin D liefert. Sollte es trotz dieser Maßnahmen zu einer Zunahme der Beschwerden oder zu anderen Problemen kommen, muss der Arzt informiert werden, damit die Behandlung angepasst werden kann.
Quellen
- Wirth, C. J., Mutschler, W., Kohn, D., et al. (Hrsg.): Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie.
ISBN: 9783131406439
- Niethard, F. U., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie.
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- Ewerbeck, V., Wentzensen, A., Grützner, P. A., et al. (Hrsg.): Standardverfahren in der operativen Orthopädie und Unfallchirurgie.
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