Oneiroid-Syndrom

Letzte Aktualisierung am 29. September 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Bei dem Oneiroid-Syndrom handelt es sich um einen traumähnlichen Verwirrtheitszustand mit Trübung des Bewusstseins. Die als sehr lebensnah empfundenen Sinnestäuschungen gehren oft mit intensiven Gefühlserlebnissen einher, die zumeist stark negativ konnotiert sind. Betroffene Personen können das scheinbar Erlebte nicht von der Wirklichkeit trennen und sind wegen der vermeintlichen Echtheit dessen nur schwerlich von der Irrealität der Ereignisse zu überzeugen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Oneiroid-Syndrom?

Das Oneiroid-Syndrom ist eng mit den Begrifflichkeiten des Delirs und der Wahnvorstellungen verbunden. Eingeführt in die deutsche Psychiatrie wurde der Begriff von Wilhelm Mayer-Gross, einem Psychopathologen aus Heidelberg, im Jahre 1924. Es handelt sich um äußerst komplexe Träume, bei denen der Erlebende für sein eigenes Befinden wach zu sein scheint.

Die Bezeichnung des Syndroms rührt von dem griechischen Wort „oneiros“ („Traum“) her und heißt so viel wie „traumähnlich“. Das erlebte Traumgeschehen löst bei Betroffenen zumeist starke Angst- oder Beklemmungsgefühle aus. Auch im Nachhinein ist es für ihn nicht möglich, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Für sie war der Oneiroid so real wie der Wachzustand.

Auslöser sind Situationen, in denen das Gehirn intakt und wach ist, die Person sich aber dennoch mit einem Welt- oder Selbstverlust konfrontiert sieht. Erlebnisse werden wahnhaft interpretiert, es kommt zu einer Depersonalisierung. Für das Auftreten des Oneiroid-Syndroms muss der Betroffene jedoch bereits vor der auslösenden Psychose eine phantastische Neigung gehabt haben. Bei der Diagnosestellung ist es für den behandelnden Arzt wichtig, das Syndrom von Schizophrenie und anderen wahnhaften Erkrankungen abzugrenzen.

Ursachen

Die Ursachen für das Oneiroid-Syndrom können vielfältig sein. Typischerweise tritt es dann auf, wenn das Gehirn intakt ist, der Betroffene aber längere Zeit nicht ansprechbar ist. Besonders betroffen sind Menschen mit gelähmtem Körper, die wenig oder keine Möglichkeit haben, zur Außenwelt eigenständig Kontakt aufzunehmen. Dazu gehört unter anderem das Guillain-Barré-Syndrom.

Bei dieser fortschreitenden Lähmung müssen die Betroffenen irgendwann künstlich beatmet werden. Sie träumen vermehrt. In Kombination mit der Beteiligung der Hirnnerven und des Entzugs der Außenwelt, ist es bei fast jedem Erkrankten schon zu oneiroidalen Zuständen gekommen. Daneben kann aber auch bereits ein Komazustand das Oneiroid-Syndrom auslösen.

Andere Risikofaktoren ergeben sich aus Hirnverletzungen, massiven Hungerzuständen, schweren Verbrennungen und traumatischen Psychosen. Wer über einen längeren Zeitraum im Koma liegt, berichtet im Nachhinein häufig von Ereignissen, die nicht geschehen sind, für ihn aber durchaus wirklich waren. Dies führt auch dazu, dass Betroffene sich an ihre eigentliche Zeit im Krankenhaus beispielsweise kaum erinnern können. Stattdessen berichten sie von phantastischen Geschehnissen – den Oneiroiden.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Für einen Außenstehenden ist, insbesondere unter Betrachtung der Risikopatienten, nicht schwer, Oneroide als solche zu diagnostizieren. Die Personen berichten von erlebten Ereignissen, während sie beispielsweise im Krankenbett lagen. In aller Regel sind die Geschehnisse stark negativ. In den meisten Fällen handelt es sich um Entführungen oder Misshandlungen.

Oftmals gehen die Vorstellungen mit dem Gefühl des völligen Ausgeliefert-Seins gegenüber der Grunderkrankung einher. Die Personen sind während des Oneiroids zwar wach, erleben das Geschehene aber in erster Linie passiv. Das heißt: Sie haben selbst keinen Einfluss auf die Geschehnisse und haben keinerlei Möglichkeit, selbst einzugreifen oder die Entwicklung des Traumes für sich zu steuern. Auch das Thema Tod wird oftmals aufgegriffen.

Ein Beispiel ist eine Frau, die nach ihrem endgültigen Erwachen von dem Tod ihres Sohnes berichtete und selbst aufgelöst darüber war, ihn wohlauf zu sehen. Nur in seltenen Fällen werden Oneiroide als positiv aufgefasst. Zur typischen Symptomatik gehört auch das Festhalten der Patienten an ihren Geschichten. Für sie sind die Traumzustände real und können nicht von der Wirklichkeit abgegrenzt werden – auch nicht nach dem Erwachen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das Oneiroid-Syndrom ist weniger eine Erkrankung als sich als ein Begleitsymptom verschiedener Krankheiten wie dem Locked-In-Syndrom, Psychosen, Enzephalitiden, Hirnverletzungen und Hirnstammischämie. Es ist selbst nicht im engeren Sinne gefährlich, löst allerdings Verwirrtheitszustände beim Betroffenen aus. Die Personen reagieren gereizt, wenn ihnen nicht geglaubt wird oder sind verzweifelt.

Ein Mediziner wird die Diagnose anhand der Schilderungen des Patienten und dessen Umfelds diagnostizieren. Zuvor muss er allerdings abklären, ob der Betroffene nicht an Wahnvorstellungen oder Schizophrenie leidet. Das Oneiroid-Syndrom ist nicht zu allen psychischen Erkrankungen leicht abgrenzbar. Genauere Studien zu dem Thema gibt es nicht, was an der mangelhaften diagnostischen Abgrenzung liegen mag. Die Prognose ist gut.

Komplikationen

Aufgrund des Oneiroid-Syndroms leiden die Betroffenen an verschiedenen psychischen Beschwerden und Störungen. Diese Beschwerden wirken sich dabei sehr negativ auf die Lebensqualität aus und verringern diese enorm. In der Regel sind die Patienten beim Oneiroid-Syndrom auch auf die Hilfe anderer Menschen in ihrem Leben angewiesen und können den Alltag oft nicht mehr alleine meistern.

Auch für Außenstehende können die Betroffenen bizarr und verwirrt erscheinen, sodass es aufgrund des Syndroms möglicherweise auch zu sozialen Beschwerden kommen kann. Die Patienten selbst können in die Geschehnisse nicht selbst eingreifen und sich von diesen auch nicht allein befreien. Weiterhin kann diese Krankheit zu starken psychischen Beschwerden und zu Depressionen führen, falls die Patienten möglicherweise schon verstorbene Freunde oder Verwandte sehen.

In schwerwiegenden Fällen ist dabei die Einweisung und die Behandlung des Patienten in einer geschlossenen Klinik notwendig. Die Behandlung des Oneiroid-Syndroms erfolgt mit Hilfe von Medikamenten und einer psychologischen Therapie. Dabei treten in der Regel keine besonderen Beschwerden auf. Ob es allerdings zu einem positiven Krankheitsverlauf kommt, kann nicht vorausgesagt werden. In vielen Fällen vergeht ein langer Zeitraum, bis die Behandlung des Oneiroid-Syndroms tatsächlich anschlägt.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Personen, die bei einer anderen Person Anzeichen des Oneiroid-Syndroms bemerken, sollten mit diesem gemeinsam zum Arzt gehen. Verwirrungszustände oder Aggressionen deuten auf ein entsprechendes Leiden hin und müssen in jedem Fall ärztlich abgeklärt werden, bevor ernste Komplikationen auftreten. Es empfiehlt sich, bereits bei ersten Anzeichen einer Erkrankung zum Arzt zu gehen, damit diese möglichst noch behandelt werden kann, bevor sich der Betroffene durch einen Unfall oder Sturz selbst verletzt. Da das Oneiroid-Syndrom sehr selten auftritt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass den Beschwerden ein anderes Leiden zugrunde liegt.

In jedem Fall muss der typische traumartige Verwirrtheitszustand ärztlich untersucht werden. Sollte es während der Therapie zu Neben- und Wechselwirkungen durch die verordneten Medikamente kommen, ist ebenfalls ärztlicher Rat gefragt. Personen, die bereits an einer psychischen Erkrankung leiden oder eine entsprechende Familiengeschichte haben, sind besonders gefährdet. Auch Menschen, die Drogen konsumieren oder aus anderen Gründen psychischen Belastungen ausgesetzt sind, gehören zu den Risikogruppen und sollten beim Verdacht auf das Oneiroid-Syndrom einem Arzt vorgestellt werden. Neben dem Hausarzt muss ein Neurologe oder ein Facharzt für psychische Erkrankungen aufgesucht werden. Begleitend zur medikamentösen Therapie ist immer auch eine therapeutische Beratung notwendig.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung des Oneiroid-Syndroms erfolgt in erster Linie über die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache, sofern dies möglich ist. Wichtig für Patienten, die unter Oneiroiden leiden, ist der psychische Halt ihrer Mitmenschen oder engen Vertrauten. Dabei ist besonders Geduld gefragt. Die betroffenen Personen sind der Meinung, reale Ereignisse erlebt zu haben. Dessen müssen sich die Menschen in ihrer Umgebung bewusst sein.

Genervte oder gar aggressive Reaktionen auf die ihnen erzählten Geschichten sind kontraproduktiv und lösen bei den Betroffenen Unverständnis und Abwehrreaktionen aus. Psychopharmakologisch wird ein Arzt beispielsweise mit Neuroleptika therapieren. Im Vordergrund allerdings sollte immer das jeweilige Grundleiden stehen. Zur ergänzenden Behandlung ist eine Stabilisierung des Flüssigkeits- und Vitaminhaushalts des Patienten wichtig.

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Vorbeugung

Bislang gibt es keine zuverlässigen Studien, die von einer wirksamen Vorbeugung des Oneiroid-Syndroms berichten. Eine Prophylaxe ist fraglich.

Das können Sie selbst tun

Personen, die am Oneiroid-Syndrom leiden, sind während der traumähnlichen Zustände nicht ansprechbar. Die wichtigste Maßnahme besteht darin, die erkrankte Person nach dem Erwachen zu betreuen. Die Angehörigen und Freunde sollten viel mit dem Erkrankten sprechen und dadurch dazu beitragen, dass dieser die oftmals traumatischen Erlebnisse aufarbeiten kann.

Begleitend dazu muss sich der Betroffene schonen. In Rücksprache mit dem Arzt kann unter Umständen leichter Sport getrieben werden. Dadurch kann der seelische Leidensdruck gelindert und die traumähnlichen Zustände abgeschwächt werden. Je nach Krankheitsbild kann auch eine Umstellung der Ernährung sinnvoll sein. Da das Oneiroid-Syndrom im Zusammenhang mit verschiedensten Erkrankungen auftreten kann, müssen die Selbsthilfe-Maßnahmen immer gemeinsam mit dem Arzt und im Hinblick auf das Symptombild erarbeitet werden.

Grundsätzlich sollten sich die Angehörigen über das Syndrom informieren, damit bei einem Anfall die notwendigen Schritte eingeleitet werden können. Es empfiehlt sich, Bücher über das Syndrom zu lesen und gegebenenfalls ein Schlaflabor aufzusuchen, um das Oneiroid-Syndrom besser zu verstehen. Auch der Erkrankte sollte über das Leiden aufgeklärt werden und sich im Rahmen einer Selbsthilfegruppe mit anderen Betroffenen unterhalten.

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013


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