Sehnerventzündung


Aktualisiert am 26. Februar 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Eine Sehnerventzündung (fachsprachlich: Neuritis nervi optici; auch: Retrobulbärneuritis) ist eine Autoimmunentzündung des Sehnervs (Nervus opticus).

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Sehnerventzündung?

Sie tritt häufig als Frühsymptom der Multiplen Sklerose auf, kommt aber auch ohne diese Grunderkrankung vor. Nach einer Sehnervenentzündung kann eine gewisse Sehnervenatrophie mit Einschränkung der Sehschärfe zurückbleiben.

Bei der Sehnerventzündung liegt eine Autoimmunentzündung des zweiten Hirnnervs (Nervus opticus) vor. Zunächst findet sich eine Schädigung der Myelinscheiden, die den Nerv elektrisch isolieren und seine hohe Nervenleitgeschwindigkeit ermöglichen.

Im fortschreitenden Verlauf sind auch die eigentlichen Nervenfasern (Axone) von der Entzündung betroffen und können untergehen.

Ursachen

Die Sehnerventzündung ist ein noch wenig verstandenes Krankheitsbild. In 70% der Fälle bleibt ihre Ursache ungeklärt. In den übrigen 30% der Fälle ist die Sehnerventzündung Frühsymptom der Multiples Sklerose (MS).

Dabei handelt es sich um eine sogenannte Entmarkungskrankheit, bei der im gesamten Zentralnervensystem (ZNS) die Myelinscheiden durch chronische Entzündungen untergehen. Auch die Ätiologie der MS ist trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt.

Eine Sehnervenentzündung manifestiert sich typischerweise zwischen dem 18. und 45. Lebensjahr. Die Inzidenz liegt bei ca. 3 von 100.000 Personen. Frauen sind drei- bis viermal häufiger betroffen als Männer.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Eine Sehnerventzündung kann sich durch verschiedene Symptome äußern. Zunächst macht sich die Erkrankung durch zunehmende Augenschmerzen bemerkbar, die hinter den Augen lokalisiert sind und bei Augenbewegungen oder Druck stärker werden. Die Schmerzen werden als dumpf oder pochend beschrieben, wobei die Beschwerden im Verlauf der Erkrankung stärker werden.

Daneben kommt es zu Sehstörungen, die im weiteren Verlauf zu einer vollständigen Erblindung führen können. In der Mitte des Auges entwickelt sich eine blinde Stelle, welche das Sichtfeld stark einschränkt. Im Detail äußern sich die Sehbeschwerden dadurch, dass Farben nur noch abgeschwächt wahrgenommen werden und ineinander verschwimmen.

Liegt der Neuritis nervi optici eine Multiple Sklerose zugrunde, wird das Sehvermögen langfristig beeinträchtigt. Zwischenzeitlich kann sich die Sehfähigkeit spontan verbessern, insbesondere nach akuten Krankheitsschüben. Eine Entzündung des Sehnervs führt zudem zu Kopfschmerzen und Schwindel, gelegentlich tritt auch eine Übelkeit auf.

Die eigentliche Entzündung bedingt Allgemeinsymptome wie leichtes Fieber und Unwohlsein. Wird die Sehnerventzündung frühzeitig behandelt, klingen die Symptome rasch wieder ab. Bei fehlender Behandlung können sich chronische Beschwerden entwickeln, und im Extremfall kommt es zur Erblindung eines oder beider Augen. Typischerweise ist nur ein Auge von der Neuritis nervi optici betroffen.

Diagnose & Verlauf

Das erste Symptom einer Sehnerventzündung ist ein rasch einsetzender Sehschärfeverlust (Visusverlust). Die Patienten sehen verschwommen und haben z. T. leichte Schmerzen oder Druckgefühle beim Bewegen der Augen.

Häufig treten Kopfschmerzen und ein Wahrnehmen von Lichtblitzen auf. Typisch ist auch eine vorübergehende Verschlimmerung der Symptome bei erhöhter Körpertemperatur, z. B. in der Sauna, in der Badewanne oder beim Sport. Im Extremfall kommt es zum völligen Erblinden. In 7% der Fälle tritt die Sehnerventzündung beidseitig auf. Die augenärztliche Untersuchung des Augenhintergrunds kann unauffällig sein; nur in 35% der Fälle ist eine geschwollene Papille sichtbar.

Die Diagnose kann durch Magnetresonanztomografie (MRT) gesichert werden, denn im MRT lassen sich Demyelinisierungsherde erkennen. Neben bildgebenden Verfahren liefert eine Liquordiagnostik Hinweise auf das Vorliegen einer Multiplen Sklerose. Elektrophysiologische Ableitungen können eine verminderte Nervenleitgeschwindigkeit feststellen. Ansonsten wird die Sehnervenentzündung allein aufgrund ihrer klinischen Symptomatik und ihres typischen Verlaufs diagnostiziert.

Nach dem raschen Einsetzen hält die Entzündung in der Regel 1-2 Wochen an und zeigt dann eine Spontanremission. Nach 5 Wochen ist keine Besserung mehr zu erwarten. Das Ausmaß der zurückbleibenden Schädigung hängt davon ab, inwiefern die Entzündung bereits die Axone des Sehnervs befallen hatte. Denn während sich Myelinscheiden regenerieren können, sind Axone des in der Regel irreparabel.

95% der Betroffenen erreichen nach der Abheilung wieder eine Sehschärfe von mindestens 0,5. 70% erzielen nach einer überstandenen Sehnervenentzündung sogar wieder einen Visus von mindestens 1,0.

Komplikationen

Die gefährlichste Komplikation einer Sehnerventzündung ist die vollständige Erblindung des Patienten. Im Allgemeinen verschlechtert sich das Sehvermögen bei einer Entzündung der Sehnerven rasch. Dadurch erhöht sich das Risiko von Unfällen und Stürzen im Alltag und Berufsleben. Wenn sich die Entzündung auf weitere Körperregionen ausbreitet, kann es unter anderem zu Infekten im Nasenrachenraum, Mittelohrentzündungen und selten auch zu Hautirritationen mit Juckreiz, Schwellungen und Rötungen kommen.

Weitere Komplikationen hängen von der Ursache der Entzündung ab. Liegt den Beschwerden eine multiple Sklerose zugrunde, so kommt es zwangsläufig zum Verlust des Sehvermögens. Auch eine Papillits hat Seheinbußen zur Folge, die allerdings meist weniger schwerwiegend ausfallen. Bei einer Retrobulbärneuritis kommt es mitunter zu starken Augenschmerzen und vorübergehenden Sehbeschwerden. Auch die Behandlung einer Sehnerventzündung birgt Risiken.

Im Rahmen der Kortison-Therapie können Nebenwirkungen wie Schwellungen und Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Nach der Einnahme von Antibiotika und Virostatika kann es zu verschiedenen Beschwerden kommen – unter anderem Kopf-, Hals-, Muskel- und Gliederschmerzen, Hautrötungen und Juckreiz sowie allergische Reaktionen. Eine längere Einnahme dieser Präparate hat dauerhafte Schäden an Nieren, Leber und Herz zur Folge.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Sehnerventzündung sollte immer von einem Arzt untersucht und behandelt werden. Nur durch eine richtige medizinische Behandlung können weitere Komplikationen ausgeschlossen werden, die die Heilung verhindern könnten. Daher sollte schon bei den ersten Anzeichen und Symptomen einer Sehnerventzündung ein Arzt aufgesucht werden. Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn der Betroffene unter Schmerzen an den Augen leidet. In den meisten Fällen verstärken sich diese Schmerzen dabei, wenn der Betroffene seine Augen bewegt oder wenn der Druck auf den Augen zunimmt.

Ebenfalls deuten plötzliche Sehbeschwerden auf die Sehnerventzündung hin und müssen ebenfalls durch einen Arzt untersucht werden, falls sie über einen längeren Zeitraum ohne einen besonderen Grund anhalten. Viele Betroffene leiden bei einer Sehnerventzündung auch an Fieber, an Kopfschmerzen und auch an Übelkeit. Sollte die Sehnerventzündung nicht behandelt werden, kann es im schlimmsten Fall auch zu einer Erblindung kommen. Die Krankheit kann durch einen Augenarzt relativ gut behandelt werden.

Behandlung & Therapie

In der Regel bildet sich eine Sehnerventzündung auch ohne ärztliches Eingreifen spontan zurück. Durch medikamentöse Therapie mit hochdosierten Steroiden kann die Dauer der Sehnerventzündung zwar verkürzt werden, jedoch haben Studien gezeigt, dass sich das Endergebnis hierdurch nicht verbessert, die Patienten also keine bessere Sehschärfe zurückbehalten als ohne Behandlung.

Daher muss im Gespräch mit dem Patienten die Krankheitsabkürzung sorgfältig gegen die Nebenwirkungen einer Steroidtherapie abgewogen werden. Sofern im MRT mindestens zwei Demyelinisierungsherde zu sehen sind, sollte die Gabe hochdosierter Steroide auf jeden Fall angeboten werden, um MS-Neumanifestationen hinauszuzögern.

Bei einer sogenannten atypischen Sehnerventzündung, die auch nach 4 Wochen keine Besserung zeigt, muss an einen infektiösen Hintergrund gedacht werden. Hier können Antibiotika und/oder Steroide helfen. Liegt der Sehnerventzündung eine Multiple Sklerose zugrunde, muss selbstverständlich die Grundkrankheit behandelt werden. Diese ist nicht heilbar, kann aber verzögert und gelindert werden.

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Vorbeugung

Da weder die Sehnervenentzündung noch die ihr häufig zugrunde liegende Multiple Sklerose ganz verstanden sind, ist auch unbekannt, wie man dieser Erkrankung vorbeugen kann. Als Auslöser der nicht MS-bedingten Sehnervenentzündung werden allerdings u. a. chronische Intoxikationen mit Alkohol, Tabak oder Chinin, diverse Infektionskrankheiten und arterielle Hypotonie diskutiert. Zur Prävention einer Sehnervenentzündung sollten also diese Risikofaktoren vermieden werden.

Nachsorge

Eine Sehnerventzündung muss vollständig auskuriert werden. Die Nachsorge durch den behandelnden Augenarzt stellt sicher, dass das Leiden entsprechend auskuriert wurde. Zunächst findet ein Patientengespräch statt. Hierbei wird geklärt, ob der Patient Beschwerden hat und ob die verordneten Medikamente Nebenwirkungen hervorrufen. Abhängig von den Erkenntnissen kann der Arzt weitere Maßnahmen ergreifen.

Das Ziel der Anamnese ist es, einen möglichst vollständigen Überblick über den Gesundheitszustand des Patienten zu erhalten. Im Rahmen der körperlichen Untersuchung wird der betroffene Sehnerv blickdiagnostisch untersucht und gegebenenfalls mit weiteren bildgebenden Verfahren untersucht. Typische Symptome wie das eingeschränkte Sehvermögen, aber auch Gefühlsstörungen müssen von dem Arzt abgeklärt werden.

Hierfür kommt je nach Bedarf ein Sehtest infrage. Die Nachsorge erfolgt in der Regel durch den Augenarzt, der bereits die Behandlung der Optikus-Neuritis übernommen hat. Sollten im Rahmen der Nachsorge Komplikationen auftreten, müssen unter Umständen weitere Fachärzte hinzugezogen werden.

So kann eine chronische Erkrankung auf ein Virusleiden hindeuten, welches von einem Internisten abgeklärt und behandelt werden muss. Bei anderen Begleiterscheinungen können Neurologen oder HNO-Ärzte in die Behandlung involviert werden. Die Nachsorge orientiert sich an der Schwere der Entzündung und den Symptomen.

Das können Sie selbst tun

Eine Sehnerventzündung beeinträchtigt die Lebensqualität enorm, da die Patienten plötzlich ein herabgesetztes Sehvermögen wahrnehmen und zusätzlich an Schmerzen im Bereich der Augen leiden. Betroffene sollten im eigenen Interesse dazu beitragen, dass die Erkrankung so schnell wie möglich abheilt. Denn andernfalls sind langfristige Schäden des Sehsinns möglich.

Zunächst sind die vom Arzt verschriebenen Medikamente regelmäßig einzunehmen. Bei Nebenwirkungen ist sofort ein Mediziner zu kontaktieren oder eine Notfall-Praxis aufzusuchen. Auch bei ausbleibenden Komplikationen ist es sinnvoll, ärztliche Kontrolluntersuchungen wahrzunehmen. Dadurch kann der Arzt den Stand des Heilungsprozesses feststellen und gegebenenfalls die Dosis der verordneten Medikamente anpassen. Neben der Einnahme der medizinischen Wirkstoffe spielen Ruhe und Schonung eine essenzielle Rolle, um die Heilung zu beschleunigen. Patienten mit Sehnerventzündung bleiben nach Möglichkeit in den eigenen vier Wänden und halten Bettruhe.

Schonung ist nicht nur für das Immunsystem von Bedeutung, sondern vor allem auch für den Sehsinn. Keinesfalls dürfen Patienten Bildschirme wie Handy oder Computer betrachten. Zudem ist das Auge vor reizenden Einflüssen wie Wind, scharfen Essensdämpfen, Wärme, Kälte und grellem Licht zu schützen. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt kann eine Augenklappe oder Schlafmaske sinnvoll sein, um den erkrankten Augen ausreichend Ruhe zu gönnen.

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Dahlmann, C., Patzelt, J.: Basics Augenheilkunde. Urban & Fischer, München 2014
  • Lang, G. K.: Augenheilkunde. Thieme, Stuttgart 2014


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Kommentare und Erfahrungen von anderen Besuchern

Rahman kommentierte am 22.05.2014

Meine Mutter (58 Jahre) ist seit dem 26.April 2014 erblindet. Die Erblindung wurde durch eine Sehnervenentzündung ausgelöst. Keine Untersuchung konnte zeigen woher die Entzündung kam. Bisherige Therapien haben nichts gebracht. Jetzt wurde sie in eine Rehabilitation geschickt. Kann mir jemand helfen?

Nina kommentierte am 13.07.2014

Vor etwa vier Wochen sah ich auf dem linken Auge plötzlich nicht mehr richtig, nur noch schwarze Flecken/Schatten.
Als es dann von Tag zu Tag schlimmer wurde und ich Kopf- und Bewegungsschmerzen im Auge bekam, schickten meine Eltern mich in das Krankenhaus. Man sagte mir, dass das bei Jugendlichen schon einmal vorkäme und es schon wieder wegginge. Bei einem Augenarzt wollten wir uns dann eine zweite Meinung einholen, dieser sagte, es sei wahrscheinlich eine Sehnerventzündung. Ich wurde von einem Krankenhaus ins nächste geschickt und schließlich für acht Tage stationär aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon fast ganz erblindet. Es wurden viele Sehtests gemacht, Gehirnwasser durch das Rückenmark entnommen und zwei MRT gemacht. Nun stehen noch weitere Tests an und gegen die Entzündung nehme ich täglich Cortison. Ich gebe jedem den Rat, sich immer eine zweite Meinung einzuholen, nicht nur bei einer Sehnerventzündung. Hätte ich das nicht gemacht, wäre ich auf dem linken Auge wohl blind.

David kommentierte am 01.11.2014

Mein Vater hat auch eine Sehnerventzündung. Es fing zunächst mit einem Auge an. Er ist erstmal in eine Klinik gekommen, wo er Cortison bekommen hat und jede Menge Tests wurden durchgeführt. Doch das Leiden wurde nicht besser und ist da wieder entlassen worden. Jetzt fängt das andere Auge auch an zu erblinden. Er ist dann nochmal in ein anderes Krankenhaus gefahren, leider wissen die da auch nicht weiter und er bekommt weiter Cortison. Es soll jetzt noch eine spezielle Blutprobe genommen werden und wenn da auch nichts rauskommt, meinten die Ärzte, wäre es nicht heilbar.
Falls jemand eine gute Klinik kennt, die sich mehr mit sowas beschäftigt und spezialisiert ist, soll es mir bitte schreiben. Unter der eMail luckydc(AT)gmx.de. Danke.

dani kommentierte am 01.03.2015

Ich bekomme seit 2010 immer wieder Schübe, mal rechtes Auge, mal linkes Auge. 2010 wurde mir im Krankenhaus auch Cortison verabreicht. Man hat alle möglichen Untersuchungen gemacht und mich zu wirklich jedem Facharzt geschickt, ohne die Ursache zu finden. Mit jedem Schub verschlechtern sich meine Augen. Ich war in drei Unikliniken stationär, aber man sagt mir nur: Wir wissen die Ursache nicht, aber wir wissen Ihr Sehvermögen schwindet. Ich halte von Cortison überhaupt nichts. Ich habe jede erneute Behandlung damit abgelehnt. Ich habe bis jetzt kein MS und hoffe das bleibt auch so.

PDS 56 kommentierte am 21.03.2019

Wie im Artikel beschrieben, ist die Diagnose sehr schwierig. Benachteiligt ist derjenige, der nicht in einer Stadt mit einer Augenklinik wohnt. Umso ärgerlicher ist es, dass eine Untersuchung, die bestimmte Krankheitsbilder ausschließen kann und auch in einer kleineren Praxis vorgenommen werden kann, die Kohärenztomographie, nicht von der GKV übernommen wird. Bei mir war es eine Papillitis, ausgelöst durch Bartonellen. Auch hier kam die Diagnose erst nach einem Aufenthalt in der Augenklinik Freiburg zustande. Die wollte mich zunächst aber trotz Überweisung dorthin gar nicht aufnehmen. Die volle Sehschärfe habe ich nie mehr zurückbekommen. Die Nachsorge liegt in eigenen Händen.