Selbstinstruktionstraining
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Selbstinstruktionstraining trägt der Tatsache Rechnung, dass Menschen bewusst oder unbewusst immerfort innere Dialoge führen.
Selbstgespräche demotivierender, ängstlicher und negativer Art führen zu entsprechenden Emotionen und Verhaltensweisen. Wem es hingegen durch gezieltes Selbstinstruktionstraining gelingt, innerlich anders, aufmunternder, motivierender mit sich reden zu können, der bereitet die Voraussetzungen, um äußerlich anders handeln zu können.
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Was ist das Selbstinstruktionstraining?
Selbstinstruktionstraining hat zum Ziel, anhand eingeübter Selbstanweisungen das Verhalten einer Person so zu steuern, dass sie ihre alltäglichen Anforderungen besser bewältigen kann. Donald W. Meichenbaum hat diese Bewältigungstechnik in den 1970er-Jahren entwickelt.
Auslöser war die Beobachtung schizophrener Patienten, die ihnen gestellte Aufgaben besser meistern konnten, wenn sie die diesbezüglichen Anweisungen nachsprachen. Im Zuge solcher "Selbstgespräche" oder Monologe ist ein und dieselbe Person zugleich der Sender und auch der Empfänger ihrer eigenen Mitteilungen. Psychische Störungen werden nach Ansicht Meichenbaums auch durch die Art, wie diese inneren Monologe ablaufen, aufrechterhalten. Problematisches, verunsicherndes und realitätsfremdes Sprechen zu sich selbst ruft entsprechend negative Emotionen und Verhaltensweisen hervor.
Diese können psychische Störungen nicht nur aufrechterhalten, sondern nach Meichenbaums Ansicht auch erst entstehen lassen. Umgekehrt unterstützen die steuernden Inhalte positiv anleitender Selbstinstruktionen den Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins. Patienten verhelfen sich mit aufmunternden, bestätigenden Anweisungen eher zu einer angemessenen Wahrnehmung der Wirklichkeit und zu einer entsprechend angepassten Emotionslage.
Die theoretische Grundlage des Verfahrens ist älter als das Verfahren selbst. Die sowjetischen Psychologen Lew Wygotski und Alexander Lurija hatten beschrieben, wie ein Kind sein Handeln zunächst durch die Anweisungen Erwachsener steuert, diese Anweisungen dann in Form von hörbaren Selbstgesprächen übernimmt und sie schließlich verinnerlicht, bis aus dem lauten Sprechen ein stummer innerer Kommentar geworden ist. Handlungssteuerung durch Sprechen ist danach kein Sonderfall, sondern der Normalfall menschlicher Selbstregulation. Meichenbaum machte daraus ein Trainingsverfahren, indem er diesen Entwicklungsweg im Zeitraffer nachbilden ließ: vom lauten Vorsprechen über das eigene laute Sprechen bis zur verinnerlichten Anweisung.
Innerhalb der Psychotherapie gehört das Selbstinstruktionstraining zu den kognitiven Verfahren der Verhaltenstherapie und ist damit ein Baustein der kognitiven Verhaltenstherapie. Es unterscheidet sich allerdings von den bekannteren kognitiven Techniken. Die kognitive Umstrukturierung setzt am Inhalt von Überzeugungen an und prüft, ob eine Annahme über sich selbst oder die Welt der Wirklichkeit standhält. Das Selbstinstruktionstraining greift dagegen dort ein, wo eine Handlung gerade abläuft: Es verändert nicht in erster Linie, was jemand über sich denkt, sondern wie er sich durch eine Aufgabe hindurchführt. Beide Zugänge lassen sich verbinden und werden in der Praxis häufig gemeinsam eingesetzt.
Vom bloßen positiven Denken ist das Verfahren ebenfalls zu trennen. Es arbeitet nicht mit allgemeinen Bekräftigungsformeln, sondern mit knappen, konkreten und auf die jeweilige Aufgabe bezogenen Anweisungen, die ausdrücklich auch Zwischenschritte, Fehler und deren Korrektur benennen. Entscheidend ist außerdem, dass diese Sätze nicht nur gedacht, sondern in der Übungssituation tatsächlich gesprochen und wiederholt werden, bis sie ohne bewusste Anstrengung zur Verfügung stehen.
In der Fachliteratur begegnen dem Leser für dieselbe Sache mehrere Bezeichnungen: Selbstinstruktion, Selbstverbalisation oder auch Selbstanleitung. Gemeint ist jeweils das gezielte Sprechen mit sich selbst zur Steuerung des eigenen Handelns. Der Bestandteil „Training“ ist dabei kein Beiwerk. Er kennzeichnet das Verfahren als übendes Vorgehen mit festgelegten Schritten, überprüfbaren Aufgaben und Wiederholung über mehrere Sitzungen hinweg. Ein einmaliges Gespräch darüber, wie man freundlicher mit sich reden könnte, ist noch kein Selbstinstruktionstraining; die Wirkung entsteht erst dadurch, dass die neuen Sätze so oft im Vollzug benutzt werden, bis sie die alten ablösen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Impulsiv handelnde Kinder erlernen im Selbstinstruktionstraining die Wahrnehmung alternativer Verhaltensweisen unter Zuhilfenahme von Sprache in Form von Selbstanweisungen. Meichenbaum hat in den 1970er-Jahren für die praktische Anwendung dieses Trainings ein Fünf-Schritte-Modell entworfen. Zuerst macht ein Modell das erwünschte Zielverhalten unter laut ausgesprochenen Kommentaren deutlich. Danach werden die Kinder bei der Ausführung der gestellten Aufgaben durch den Trainer mittels laut ausgesprochener Anleitungen begleitet. Auf der dritten Stufe wiederholt das Kind die Aufgabe, indem es sich bereits selbst dabei Schritt für Schritt laut anleitend instruiert. Darauf aufbauend wird die Übung unter nur noch flüsternder Selbstanleitung wiederholt. Auf der fünften und letzten Stufe des Modells lenkt das Kind sein Verhalten zur Umsetzung der Aufgabe lautlos.
Selbstinstruktion funktioniert, weil das innere Selbstgespräch ganz gezielt beeinflusst werden kann. Durch konkrete Anweisungen kann sich ein Mensch darauf konzentrieren, wie er eine bestimmte Situation wahrnehmen und meistern möchte. Der innere Dialog selbst folgt dabei ebenfalls einem Fünf-Schritt-Aufbau und richtet sich zuallererst auf die Bestimmung des Problems. Die Person analysiert die ihr gestellte Anforderung und fragt sich: „Was soll ich tun?“ Im zweiten Schritt erfolgt die Wiederholung des Auftrages in eigenen Worten, um die exakten Anforderungen und die Planung des Vorhabens festzulegen.
Der dritte Schritt betrifft die Schritt-für-Schritt-Umsetzung, die von lautem, motivierendem Denken begleitet wird. Die vierte Etappe ist ein selbstkontrollierendes, fokussierendes Überprüfen des Ergebnisses. Korrekturen sind, falls erforderlich, durch einen Rückschritt auf die jeweils davorliegende Stufe des Modells jederzeit möglich.
Der fünfte Schritt schließt das Modell mit selbstverstärkendem Eigenlob ab und ermöglicht somit die Verstärkung der positiven Erfahrung, eine Aufgabe selbstständig bearbeitet und erfolgreich abgeschlossen zu haben. Am Ende steht das Ziel, dass der Mensch sein eigener Therapeut ist, der unabhängig von äußeren Anleitungen seine Emotionen und vor allem sein Verhalten bestimmt.
Bei Kindern ist hingegen der Einsatz eines offensichtlichen Belohnungssystems wichtig. Bedachtes, konzentriertes, sorgfältiges Vorgehen ist als erwünschtes Verhalten bei ADHS-Kindern durch den Trainer gezielt zu belohnen. Das Selbstinstruktionstraining wird heutzutage mit dem Einsatz von Signalkarten ergänzt, die die Kinder dazu anleiten sollen, sich selbst die auf den Karten symbolisch dargestellten Anweisungen vorzusprechen: innehalten, überlegen, sich konzentrieren, nachdenken.
Selbstinstruktionstraining findet heute neben der ADHS-Therapie vor allem bei Angststörungen Anwendung. Es erzielt außerdem Erfolge in der therapeutischen Behandlung von Depressionen, dem Abbau von Wut, dem Aufbau von Frustrationstoleranz, aber auch bei Schmerzzuständen und in der Vorbereitung auf Stresssituationen.
In der praktischen Durchführung ist das Training überschaubar organisiert. Es findet in Einzelsitzungen oder in kleinen Gruppen statt, oft im Rahmen einer umfassenderen Behandlung, und wird von Psychotherapeuten, aber ebenso in der Ergotherapie oder in schulischen Fördersettings angeboten. Geübt wird an Aufgaben, deren Schwierigkeit langsam ansteigt: Zu Beginn stehen einfache, klar begrenzte Tätigkeiten wie das Nachzeichnen einer Figur oder das Sortieren von Karten, weil sich an ihnen der Ablauf der Selbstanweisung einprägen lässt, ohne dass die Aufgabe selbst überfordert. Erst danach folgen Anforderungen, die dem Alltag des Betroffenen entsprechen, etwa das Bearbeiten einer Rechenseite, das Packen der Schultasche oder das Abwarten in einer Gesprächsrunde.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei, wie der Trainer die Aufgabe vormacht. Er arbeitet sie nicht fehlerfrei vor, sondern lässt bewusst erkennen, wie er stockt, sich korrigiert und den Faden wieder aufnimmt. Das Kind soll gerade nicht den Eindruck gewinnen, richtiges Vorgehen bedeute, keine Fehler zu machen; es soll lernen, wie man einen Fehler bemerkt und behebt. Aus demselben Grund gehört zu den eingeübten Sätzen ausdrücklich eine Formulierung für den Fall des Misslingens.
Damit das Gelernte über die Sitzung hinaus wirkt, werden die Bezugspersonen einbezogen. Eltern und Lehrkräfte erfahren, welche Anweisungen geübt wurden, und erinnern in der jeweiligen Situation eher an das vereinbarte Vorgehen, als die Aufgabe selbst zu übernehmen. Bei ADHS ist das Selbstinstruktionstraining ohnehin nur ein Teil eines mehrgleisigen Vorgehens, zu dem die Beratung der Eltern, Absprachen mit der Schule und je nach Ausprägung auch eine medikamentöse Behandlung etwa mit Methylphenidat gehören.
Bei Jugendlichen und Erwachsenen wird dieselbe Technik in verkürzter Form angewandt: Die Stufenfolge vom lauten über das flüsternde bis zum stummen Sprechen wird nicht vollständig durchlaufen, das erste laute Durchsprechen der Sätze in der Übungssituation aber beibehalten. Diese Technik kommt bei Prüfungsangst und Lampenfieber zum Einsatz, bei der sozialen Phobie, im Umgang mit chronischen Schmerzen sowie überall dort, wo unter Anspannung eine geordnete Handlungsfolge eingehalten werden muss. Häufig wird sie mit einem Entspannungsverfahren wie der progressiven Muskelentspannung verbunden, weil sich die eingeübten Sätze bei sehr hoher körperlicher Anspannung schlechter abrufen lassen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Hier muss es zu ergänzenden Interventionen kommen, da bei derartig komplexen Störungen das Selbstinstruktionstraining kaum Aussichten auf Erfolg bietet. Gemessen an dem Umstand, dass Selbstinstruktionen immer nur Vermittler zwischen Reiz und Reaktion sein können, können sie Emotionen und Verhalten auch nur bedingt steuern. Die Veränderung problematischer „innerer Dialoge“ durch Training zugunsten einer Einstellungsänderung kann daher in den meisten Fällen psychischer Störungen nur eine begleitende Therapie, eine Hilfestellung, nicht jedoch ausschließliche Behandlungsmethode sein.
Die therapeutische Behandlung von Menschen mit Schizophrenie wird ohne wenigstens vorübergehende pharmakologische Intervention in der Regel nicht von nachhaltigem Erfolg gekrönt sein. Bei Aggressionsstörungen und Panikattacken gilt dagegen die Psychotherapie als Mittel der ersten Wahl; Medikamente kommen dort nur ergänzend oder bei schweren Verläufen hinzu. Meichenbaum hat selbst früh verstanden, dass Selbstinstruktionstraining sehr gut mit anderen Therapieansätzen zur Angstbewältigung kombiniert werden kann. Das von ihm ebenfalls noch in den 1970er-Jahren entwickelte Stressimpfungstraining baut auf Selbstinstruktionen auf.
Es ermöglicht Patienten mit Angstsituationserwartungen, entsprechende Kompetenzen im Angstmanagement zu entwickeln und anzuwenden. Nicht zuletzt ist Donald Meichenbaum heute in erster Linie als Mitbegründer der kognitiven Verhaltenstherapie geläufig, bei der die Kontrolle der inneren Dialoge lediglich einen Teil des therapeutischen Repertoires ausmacht.
Das Stressimpfungstraining zeigt gut, wie die Selbstinstruktion in ein größeres Vorgehen eingebettet wird. Es gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst erarbeiten Therapeut und Patient gemeinsam ein Verständnis davon, was die belastende Situation ausmacht, welche Gedanken sie begleiten und an welcher Stelle sie beeinflussbar ist. Im zweiten Abschnitt werden die Mittel eingeübt, die später zur Verfügung stehen sollen: Selbstanweisungen für die Vorbereitung, für den Beginn und für den Höhepunkt der Belastung, dazu Entspannungstechniken und Formen der Aufmerksamkeitslenkung. Der dritte Abschnitt bringt das Eingeübte in die Wirklichkeit, zuerst in abgestuften Übungen, dann in tatsächlichen Belastungssituationen. Der Name des Verfahrens spielt auf diese Abstufung an: Wer sich an kleinen, bewältigbaren Belastungen erprobt hat, soll den größeren besser gewachsen sein.
Damit ist zugleich die eigentliche Schwierigkeit des Verfahrens benannt. Im geschützten Rahmen der Sitzung gelingen die Selbstanweisungen fast immer; ob sie in der Klassenarbeit, im Streit oder auf dem Weg zur Prüfung tatsächlich abgerufen werden, ist eine andere Frage. Die Übertragung in den Alltag stellt sich nicht von selbst ein, sondern muss eigens geplant werden, etwa durch Übungen in der realen Umgebung, durch Erinnerungshilfen und durch Bezugspersonen, die das vereinbarte Vorgehen kennen und ansprechen. Trainings, die sich auf die Sitzung beschränken, verpuffen erfahrungsgemäß.
Das Verfahren setzt außerdem einiges voraus. Der Betroffene muss die Anweisungen sprachlich verstehen, sie sich merken und über einen ausreichenden Zeitraum aufmerksam bei einer Aufgabe bleiben können. Sehr junge Kinder, Menschen mit erheblicher Intelligenzminderung und Patienten in akuten Krisen erfüllen diese Voraussetzungen nicht oder nur eingeschränkt. Ebenso wenig hilft ein Training gegen Anforderungen, die objektiv zu hoch sind: Wenn ein Kind an einer Aufgabe scheitert, weil ihm die fachlichen Grundlagen fehlen, ist eine bessere Selbstanleitung nicht die passende Antwort, sondern eine gezielte Förderung, wie sie etwa bei einer Legasthenie erforderlich ist.
Zwei Fehlentwicklungen werden in der Anwendung regelmäßig beschrieben. Die erste ist das mechanische Aufsagen: Die Sätze werden korrekt wiedergegeben, ohne dass sie das Handeln noch steuern; die Anweisung ist dann zur Formel geworden. Die zweite ist heikler. Selbstanweisungen können in Selbstvorwürfe umschlagen, wenn eine Aufgabe trotz richtiger Anleitung misslingt. Gerade bei Depressionen und bei Kindern mit lange bestehenden Misserfolgserfahrungen besteht die Gefahr, dass das Training als eine weitere Gelegenheit zum Versagen erlebt wird. Deshalb wird darauf geachtet, dass sich das Eigenlob des letzten Schrittes auf das Vorgehen bezieht und nicht allein auf das Ergebnis, und dass der Fall des Scheiterns von vornherein mit eingeübt ist.
Nebenwirkungen im Sinne körperlicher Beschwerden sind von einem Selbstinstruktionstraining nicht zu erwarten. Das eigentliche Risiko liegt darin, es an der falschen Stelle einzusetzen: als alleinige Maßnahme dort, wo eine umfassendere Behandlung nötig wäre, oder als Aufforderung an den Betroffenen, sich mit den richtigen inneren Sätzen aus einer Lage zu befreien, deren Ursachen woanders liegen. Vor dem Beginn steht deshalb eine sorgfältige Klärung, welche Störung vorliegt und welchen Platz das Training in der Gesamtbehandlung einnehmen soll. Richtig eingeordnet ist es ein wenig aufwendiges, gut verträgliches und vergleichsweise leicht vermittelbares Verfahren, dessen Übungen sich ohne Hilfsmittel im Alltag fortsetzen lassen.
Quellen
- Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
ISBN: 9783662549100
- Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual - Erwachsene.
ISBN: 9783662622971
- Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
ISBN: 9783662618134
- Rief, W.: Psychotherapie.
ISBN: 9783437226014
- Schneider, S., Margraf, J. (Hrsg.): Psychologische Therapie bei Indikationen im Kindes- und Jugendalter.
ISBN: 9783662573686
