Tractus spinocerebellaris

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 24. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei dem Tractus spinocerebellaris handelt es sich um afferente Nervenfaserzüge, die das Kleinhirn vom Rückenmark aus mit Informationen versorgt. Dieser Informationszufluss beinhalten motorische und koordinative Reizgebungen der Muskeln, sowie Stellungen der Gelenke. Dies geschieht über die unterbewusste Tiefensensibilität und ermöglicht so das unbewusste Steuern und Kontrollieren von Muskelaktivitäten und Gelenkstellungen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der Tractus spinocerebellaris?

Der Tractus spinocerebellaris hat die Funktion die unterbewussten tiefensensiblen Reize in Form von Informationen von der Medulla spinalis zum Cerebellum zu leiten.
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Als Tractus spinocerebellaris werden die Kleinhirnseitenstrangbahnen bezeichnet, die propriozeptive Informationen aus dem Rückenmark (Medulla spinalis) zu dem Cerebellum (Kleinhirn) leiten. Übersetzt man den lateinischen Begriff Tractus spinocerebellaris, so kann der Verlauf teilweise hergeleitet werden. Unter dem Begriff Tractus versteht man ein Gewebezug bzw. eine Fasergruppe, unter -spino das Rückenmark und -cerebellaris bezeichnet das Kleinhirn.

Der Tractus spinocerebellaris wird in den Tractus spinocerebellaris anterior (ventral verlaufender Nervenstrang) und in den Tractus spinocerebellaris posterior (dorsal verlaufender Nervenstrang) unterteilt. Der dorsal verlaufende Nervenstrang hat vermutlich die schnellste Reizweiterleitung mit 120m/s im zentralen Nervensystem. Die schnelle Reizweiterleitung hat den Vorteil, dass Bewegungen im Unterbewusstsein in Gefahrensituationen schnell ausgeführt werden können. Dies kann beispielsweise das Wegziehen der Hand von einer heißen Herdplatte oder allgemeine Flucht aus gefährlichen Situationen sein.

Diese Nervenbahnen sind hauptsächlich für die Weiterleitung der unterbewussten Tiefensensibilität vom Rückenmark zum Kleinhirn zuständig und lösen somit unbewusste und routinierte Bewegungsabfolgen aus. Sie bilden eine wichtige Funktion für die sensible Motorik und können in verschiedenen Situationen Lebensnotwendig werden.

Anatomie & Aufbau

Der Tractus spinocerebellaris ist unterteilt in die Kleinhirnseitenstrangbahnen Tractus spinocerebellaris anterior und Tractus spinocerebellaris posterior. Diese leiten gemeinsam propriozeptive Afferenzen aus der Medulla spinalis (Rückenmark) zum Lobus anterior des Spinocerebellums (vorderer Lappen des Kleinhirns). Als propriozeptive Afferenzen wird der Zufluss von Informationen der Tiefensensibilität bezeichnet.

Ursprung der Nervenbahnen ist das Rückenmark. Die Faserzüge des ventral verlaufenden Tractus spinocerebellaris anterior bekommen ihren Input vom Spinalnerven auf Segmenthöhe im Hinterhorn. Hier kreuzen sie zur kontralateralen Seite und zurück. Die Kreuzung hat zur Folge, dass das Kleinhirn nur Impulse einer Seite (Ipsilateral) des Rückenmarks erhält. Die Fasern des Tractus spinocerebellaris posterior bekommen ihren Input von Spinalnerven auf Segmenthöhe im Nucleus thoracicus posterior und kreuzen sich nicht im Rückenmark.

In ihrem Verlauf liegt die erste Nervenzelle (Neuron) beider Faserstränge im Spinalganglion. Das Spinalganglion ist eine Ansammlung von Nervenzellkörpern, welche an der hinteren Nervenwurzel eines Spinalnervs vorzufinden sind. In einer Ganglienzellgruppe, die in der grauen Substanz (Nucleus dorsalis) des Rückenmarks liegt, werden die Faserstränge des Tractus spinocerebellaris posterior auf den Lamina (Nervenzellplatten) V und VI auf das zweite Neuron (Nervenzelle) geschaltet. Die Verschaltung des Tractus spinocerebellaris anterior erfolgt in den Lamina V-VII.

Die Faserzüge enden im Kleinhirn. Die dorsal verlaufende Nervenbahn tritt durch den unteren Kleinhirnstiel (Pedunculus cerebellaris inferior) und die ventral verlaufende Nervenbahn durch den oberen Kleinhirnstiel (Pedunculus cerebellaris superior) in das Cerebellum ein. Beide Faserzüge enden im Lobus anterior und der intermediären Längszone. Beide Anteile gehören zum Kleinhirn und geben Kollateralen zum Nucleus emboliformis und Nucleus globosus ab.

Funktion & Aufgaben

Der Tractus spinocerebellaris hat die Funktion die unterbewussten tiefensensiblen Reize in Form von Informationen von der Medulla spinalis zum Cerebellum zu leiten. Die geführte Information beinhaltet prinzipiell die sensible Steuerung und Abstimmung der Feinmotorik aus der Peripherie.

Die Faserstränge unterscheiden sich nicht nur durch die Verschaltung auf die Neuronen, sondern auch in ihren Hauptfunktionen. Der Tractus spinocerebellaris anterior leitet hauptsächlich die Reize aus der Peripherie an das Kleinhirn. Aber auch Feedbackimpulse der absteigenden Pyramidenbahnen werden so dem Cerebellum zugeführt, um dieses über eine aktuell eingeleitete motorische Bewegungsabfolge zu informieren.

Der Tractus spinocerebellaris posterior leitet propriozeptive Afferenzen in unbewusster Form an des Kleinhirn. Hauptmerkmal ist hier der Spannungszustand der Muskelspindeln und die einzelnen Gelenkstellungen mit ihren Sehnen und Gelenkkapseln. Die Impulse aus den tieferliegenden Körperschichten gelangen so über die spinocerebellären Bahnen zum Gleichgewichtsorgan. Aber auch Informationen der propriozeptiven Wahrnehmung der Hautrezeptoren werden über den dorsalen Nervenstrang zum Cerebellum geleitet.

Das Kleinhirn wird somit über alle propriozeptiven Afferenzen informiert und kann über die polysynpatischen Effernzen Einfluss auf den Muskeltonus im Zusammenhang mit der jeweiligen Gelenkstellung nehmen.


Krankheiten

Kommt es zu einer Funktionsstörung des Tractus spinocerebellaris durch eine Erkrankung oder einem massiven Trauma, sind immer Funktionen der unbewussten Tiefensensibilität gestört. Dies kann beispielsweise eine Asynergie zur Folge haben. Unter einer Asynergie versteht man eine Störung der Koordination von Muskelgruppen.

Das zeitliche Koordinieren der Muskelgruppen für eine willkürliche Bewegungsabfolge ist hier besonders betroffen. Außerdem können Bewegungsstörungen in Form einer Dysmetrie auftreten. Hierbei kommt es zu einer Hypermetrie oder einer Hypometrie. Die Ausführung und Abfolge der Bewegungen können nicht zielgerecht angesteuert und durchgeführt werden. Eine weitere Folge kann die sogenannte Dys-Diadochokinese sein. Die Bewegungskoordination ist gestört, das heißt, es können keine Bewegungsabläufe hintereinander durchgeführt werden.

Weitere Beschwerden können Gangataxie (allgemeine Gangunsicherheiten), Fallneigung, Intensionstremor (Zittern der Gliedmaßen), Phonationsstörung und andere Sprachstörungen sein. Grundsätzlich kommt es bei einer Störung des Tractus spinocerebellaris immer zu Ausfällen im Bereich der Motorik. Das Hauptmerkmal liegt bei allen Bewegungsabläufen die in der Peripherie durch Muskelaktivität und Gelenkbewegungen erfolgen. Das Ansteuern der dazu notwendigen Strukturen kann nicht adäquat umgesetzt werden. Das hat Unsicherheit, Instabilität oder überschießende Bewegungsabläufe zur Folge.

Quellen

  • Baenkler, H.-W., et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. Thieme Verlag, Stuttgart 2010
  • Frotscher, M., et al.: Taschenatlas Anatomie, Band 3: Nervensystem und Sinnesorgane. Thieme, Stuttgart 2018
  • Mumenthaler, M., Mattle, H.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012

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