Transkutane Vagusnervstimulation
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Mit der transkutanen Vagusnervstimulation (t-VNS) werden medikamentenresistente Epilepsien und Depressionen behandelt. Dabei wird im Bereich der Ohrmuschel durch die Haut hindurch ein Ast des Vagusnervs mit elektrischen Impulsen aktiviert, ohne dass eine Operation erfolgen muss. Das Verfahren zählt zu den neuromodulierenden Behandlungen: Es greift nicht in den Stoffwechsel ein, sondern verändert die Aktivität von Nervenbahnen durch elektrische Reize. Eingesetzt wird es ergänzend zu einer bestehenden Behandlung, nicht an ihrer Stelle.
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Was ist die transkutane Vagusnervstimulation?
Die transkutane Vagusnervstimulation stellt eine Alternative zur herkömmlichen VNS dar, die mit einem Eingriff im Brustbereich verbunden ist. Dabei wird ein herzschrittmacherähnliches Stimulationsgerät implantiert, das mittels einer Elektrode mit dem Nervus vagus in Verbindung steht.
Die Reizapparatur ist mit der Elektrode am Halsabschnitt des Vagusnervs durch ein dünnes Kabel verbunden. Sie sendet regelmäßig elektrische Impulse an das Gehirn, das daraufhin vermehrt Botenstoffe wie Noradrenalin und Serotonin ausschüttet, denen eine anfallsmindernde und stimmungsaufhellende Wirkung zugeschrieben wird. Die Gerätesignale werden gewöhnlich alle fünf Minuten für jeweils 30 Sekunden ausgestrahlt. Wenn die Batterie des Schrittmachergerätes erschöpft ist, muss es in einem erneuten neurochirurgischen Eingriff ersetzt werden. Mit dieser Methode konnte bei einer über zweijährigen Anwendung die Häufigkeit epileptischer Anfälle bei etwa der Hälfte der Behandelten um mindestens die Hälfte reduziert werden. Jedoch treten hier Nebenwirkungen wie Husten, Heiserkeit und Stimmstörungen (Dysphonie) auf. Sie machen sich bemerkbar, wenn das Gerät arbeitet, lassen aber mit der Zeit nach.
Die nicht unerheblichen Folgewirkungen der implantierten VNS liegen in den Reizen begründet, denen die efferenten, zu den inneren Organen führenden Nervenfasern ausgesetzt werden. Verschiedene Studien wiesen nach, dass die Patienten die transkutane VNS gut vertragen, sie sich relativ problemlos in ihren Alltag einfügt und zu einer verbesserten allgemeinen Lebenssituation beiträgt. Jedoch hat sie noch nicht die therapeutische Effektivität der invasiven VNS erreicht. Die Studien zur transkutanen Form sind bislang deutlich kleiner und kürzer angelegt als die zur implantierten VNS, sodass sich ihre Wirksamkeit noch nicht abschließend beurteilen lässt. Zum Einsatz kann die t-VNS bei allen Formen und Schweregraden der zu behandelnden Beeinträchtigungen kommen.
Möglich wird die Reizung durch die Haut, weil der Vagusnerv an einer einzigen Stelle des Körpers bis dicht unter die Körperoberfläche reicht: Ein Ast versorgt einen Teil der Ohrmuschel und des äußeren Gehörgangs. Damit ist das Ohr das einzige Hautgebiet, das von einem Ast des Vagusnervs versorgt wird. Für die Behandlung wird deshalb nicht eine beliebige Stelle des Ohres gereizt, sondern gezielt der Bereich, in dem dieser Ast verläuft. Die Lage der Elektrode ist also keine Nebensache, sondern entscheidet darüber, ob überhaupt der gewünschte Nerv erreicht wird; die Einweisung in das Anlegen gehört deshalb zur ärztlichen Verordnung des Gerätes. In der Fachsprache werden zwei Zugänge unterschieden: die aurikuläre Form am Ohr und die zervikale Form am Hals.
Für den Patienten unterscheiden sich die invasive und die transkutane Form vor allem darin, was am Anfang und am Ende der Behandlung steht. Die implantierte VNS setzt eine Operation in Narkose voraus, hinterlässt Narben am Hals und im Brustbereich und lässt sich nicht ohne Weiteres rückgängig machen; das Gerät arbeitet danach nach einem Programm, das der behandelnde Arzt einstellt. Die transkutane Form kommt ohne Operation und ohne Wunde aus, und sie endet, sobald der Patient die Ohrelektrode abnimmt. Dieser Unterschied ist einer der Gründe, warum sie vor allem dort erprobt wird, wo ein Eingriff nicht infrage kommt oder nicht gewünscht ist.
Von der transkutanen elektrischen Nervenstimulation (TENS), die ebenfalls mit Elektroden auf der Haut arbeitet, unterscheidet sich die t-VNS durch das Ziel des Reizes: TENS reizt Nerven in der Nähe der schmerzenden Körperregion, die t-VNS dagegen einen Hirnnervenast, dessen Signale in den Hirnstamm laufen. Auch von den transkraniellen Verfahren, die Magnetfelder oder schwache Ströme von außen auf die Hirnrinde richten, ist sie zu trennen: Die t-VNS setzt nicht am Gehirn selbst an, sondern an einem Nerv, der zu ihm führt.
Wer für das Verfahren infrage kommt, entscheidet sich damit weniger am Schweregrad als an der Vorgeschichte. Bei der Epilepsie richtet sich der Blick auf Patienten, deren Anfälle sich mit Medikamenten nicht ausreichend beherrschen lassen; als pharmakoresistent gilt eine Epilepsie üblicherweise dann, wenn zwei geeignete und angemessen eingesetzte Mittel nacheinander nicht zum Ziel geführt haben. Am Anfang steht deshalb keine Selbsteinschätzung, sondern eine gesicherte Diagnose in neurologischer Behandlung, in aller Regel einschließlich einer Ableitung der Hirnströme und einer Bildgebung des Kopfes.
Funktion, Wirkung & Ziele
Durch eine spezielle Ohrelektrode, die wie ein kleiner Kopfhörer getragen wird, werden die elektrischen Reize durch die Haut an den Ramus auricularis nervi vagi (Vagusnervast RANV) übertragen. Dieser Ast kann den Vagusnerv erregen und damit über den Hirnstamm Signale in die oberen Bereiche des Gehirns übermitteln, denen eine anfallsmindernde Wirkung zugeschrieben wird. Ein Test ergab, dass auf diese Weise rund 23 von 100 Epilepsiekranken weniger Anfälle zu erleiden hatten. Bei einzelnen Probanden verschwanden die epileptischen Anfälle sogar völlig. Jeder Patient kann mit einem solchen Gerät die Therapie einmal täglich an einem beliebigen Ort selbst durchführen. Die Stärke der elektrischen Stimulierung lässt sich regulieren. Gewöhnlich ist ein leichtes Kribbeln oder Pulsieren an der Einsatzstelle des Gerätes zu spüren.
Auch bei schweren Migräneanfällen wurde die Technik erprobt; erste Untersuchungen berichten von Erfolgen. Erste praktische Untersuchungen lassen ebenso mögliche Behandlungserfolge bei Angststörungen, Alzheimer und einseitigem Kopfschmerz erkennen. In einem weiteren Verfahren der nichtinvasiven transkutanen Vagusnervstimulation wird auf der Höhe der Halsschlagader ein elektrisches Feld aufgebaut. Mit dem Anlegen eines etwa handgroßen Apparates kann dann der Vagusnerv für zwei Minuten angeregt werden. Diese Methode ist in Europa bereits zur Behandlung von Angststörungen, Depression, Epilepsie und primären Kopfschmerzen erlaubt.
Testversuche mit der funktionellen Magnetresonanztomographie haben zu dem Nachweis geführt, dass mittels der transkutanen Vagusnervstimulation genau dieselben Hirnbereiche angesprochen werden wie bei einem operativen Verfahren. Beide Methoden wirken auf ein bestimmtes Nervenbündel im Hirnstamm, das für die Entstehung und die Häufigkeit von epileptischen Anfällen eine wesentliche Rolle spielt. Rund ein Drittel aller Epilepsiekranken erfahren bei der Gabe entkrampfender (antikonvulsiver) Medikamente keine Besserung ihres Zustandes. Diese Situation hat sich trotz mehrfach veränderter Mittel und Forschungen in den vergangenen Jahren nicht wesentlich verändert.
Für pharmakoresistente Patienten gewinnen die stimulierenden Verfahren deshalb an Bedeutung. Ihre Risiken sind als sehr gering einzuschätzen, vor allem im Vergleich zu chirurgischen Eingriffen, bei denen ein Teil des Hirngewebes entfernt wird, um die epileptischen Anfälle abzuschwächen. Auch das Implantieren von Elektroden im Gehirn ist ein relativ riskantes Verfahren.
Der Weg des Reizes lässt sich genauer in Stufen beschreiben. Die Fasern des Ohrastes enden im Hirnstamm in einem Kerngebiet, in dem die Meldungen der inneren Organe zusammenlaufen. Von dort bestehen Verbindungen zu weiteren Kerngebieten, aus denen die Botenstoffe Noradrenalin und Serotonin in weite Teile des Gehirns abgegeben werden – dieselben Neurotransmitter, mit denen auch die Wirkung der implantierten VNS erklärt wird. Dem Vagusnerv wird darüber hinaus eine dämpfende Wirkung auf Entzündungsvorgänge zugeschrieben; ob sich daraus Behandlungsmöglichkeiten ergeben, ist offen.
Der Ablauf einer Anwendung ist einfach. Der Patient setzt die Ohrelektrode ein, verbindet sie mit dem Steuergerät und erhöht die Reizstärke langsam, bis er das beschriebene Kribbeln deutlich, aber nicht schmerzhaft wahrnimmt. Diese Schwelle ist von Mensch zu Mensch verschieden und kann sich im Verlauf der Behandlung verschieben, weshalb die Einstellung nicht ein für alle Mal festgelegt wird. Während der Anwendung kann der Patient sitzen und ruhigen Tätigkeiten nachgehen; ein Untersuchungsraum ist dafür nicht nötig.
Das Behandlungsziel richtet sich nach der Erkrankung. Bei der Epilepsie geht es nicht darum, Anfälle vollständig zu beseitigen, sondern ihre Zahl und Schwere zu verringern; bei den depressiven Erkrankungen steht die Besserung der Beschwerden im Vordergrund. In beiden Fällen wird die t-VNS ergänzend eingesetzt: Die Behandlung mit Antiepileptika oder mit stimmungsaufhellenden Mitteln läuft weiter und wird nur vom behandelnden Arzt verändert. Ein Erfolg zeigt sich nach den vorliegenden Berichten nicht sofort, sondern erst, wenn die Behandlung über einen längeren Zeitraum regelmäßig durchgeführt wurde – ein Umstand, der Geduld verlangt und die Mitarbeit des Patienten zur Voraussetzung der Behandlung macht.
Die Beleglage unterscheidet sich dabei deutlich zwischen den einzelnen Anwendungsgebieten und lässt sich nicht pauschal beschreiben. Die Geräte sind Medizinprodukte und tragen eine CE-Kennzeichnung; diese besagt, dass sie in den Verkehr gebracht werden dürfen, nicht aber, dass für jedes genannte Anwendungsgebiet ein Nutzen im selben Umfang belegt wäre. Am besten untersucht ist die Anwendung bei der Epilepsie; für die übrigen genannten Anwendungsgebiete stützt sich die Anwendung überwiegend auf kleinere Untersuchungen. Ob die Kosten von der Krankenkasse getragen werden, hängt vom Einzelfall ab und wird vor Beginn der Behandlung geklärt.
Das Gerät besteht aus zwei Teilen: der Ohrelektrode und einem tragbaren Steuergerät, das die Impulse erzeugt. Beide werden dem Patienten nicht einfach ausgehändigt, sondern in einer Einweisung erklärt, bei der die Elektrode angepasst und die Einstellung gemeinsam gesucht wird. Weil die Wirkung nicht unmittelbar spürbar ist, kommt der Aufzeichnung besondere Bedeutung zu: Ein Anfallskalender oder ein Beschwerdetagebuch macht sichtbar, ob sich über Wochen etwas verändert hat, und zwar unabhängig davon, wie der Patient den Verlauf im Rückblick einschätzt. Erst eine solche Aufzeichnung erlaubt die begründete Entscheidung, ob die Behandlung fortgesetzt oder beendet wird.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Bei der optimalen Einstellung der Stimulationsstärke seines Gerätes spürt der Patient höchstens nur ein leichtes Kribbeln am Ohr. Das sinnvolle Tagespensum für die Stimulierung des Vagusnervs liegt bei vier Stunden, die auch über den Tag verteilt werden können. Die Stärke der elektrischen Reize kann der Inhaber des Stimulationsgerätes jederzeit verändern, so dass sie immer am besten seinem eigenen Wohlempfinden entspricht. Vom Display des Apparates erhält der Patient regelmäßig alle wichtigen Informationen über die Wirksamkeit und Dauer der therapeutischen Maßnahmen.
Alle Daten werden in dem Gerät fortlaufend gespeichert, so dass der behandelnde Arzt den Therapieverlauf jederzeit verfolgen und wirksam beeinflussen kann. Ein Abbruch der Maßnahme ist zu jedem Zeitpunkt möglich. Selbst bei Kindern, die unter Epilepsie-Anfällen leiden, kann die t-VNS-Behandlung in Kombination mit medikamentösen Mitteln durchgeführt werden.
Die Beschwerden, die auftreten können, bleiben nach den vorliegenden Berichten örtlich begrenzt und enden mit der Anwendung. Neben dem genannten Juckreiz werden Rötungen der Haut an der Auflagestelle beschrieben, wie sie auch von anderen Hautelektroden bekannt sind. Eine gereizte oder verletzte Haut an der Ohrmuschel und eine Entzündung des äußeren Gehörgangs sprechen deshalb dafür, die Anwendung bis zum Abklingen auszusetzen und den behandelnden Arzt zu fragen.
Ein eigener Punkt betrifft Patienten mit elektrisch arbeitenden Implantaten. Wer einen Herzschrittmacher, einen implantierten Defibrillator oder ein anderes aktives Implantat trägt, klärt die Anwendung vorher ärztlich ab, weil sich elektrische Felder und Implantatelektronik gegenseitig beeinflussen können. Dasselbe gilt, wenn bereits eine implantierte Vagusnervstimulation besteht.
Bemerkenswert ist ferner die Seitenwahl. Die rechte Seite des Vagusnervs ist stärker an der Steuerung des Herzschlags beteiligt als die linke; bei der implantierten VNS wird deshalb regelmäßig die linke Halsseite gewählt, und auch die Ohrstimulation wird überwiegend am linken Ohr durchgeführt. Die Seitenwahl folgt damit der Vorsicht gegenüber dem Herzen; bei einer bekannten Herzerkrankung gehört die Frage deshalb in das ärztliche Vorgespräch.
Schließlich hat das Verfahren eine Grenze, die keine Nebenwirkung ist: Es hilft nicht jedem. Bleibt eine Besserung über einen angemessenen Zeitraum aus, ist das kein Anwendungsfehler, sondern ein Ergebnis, aus dem der behandelnde Arzt Schlüsse für das weitere Vorgehen zieht. Bei fortbestehender Pharmakoresistenz steht dann erneut die Frage im Raum, ob eines der eingreifenderen Verfahren geprüft werden soll.
Offen bleibt bei alledem, was sich über lange Zeiträume sagen lässt. Die implantierte Vagusnervstimulation wird seit Jahrzehnten angewendet, sodass zu ihr Erfahrungen über viele Jahre vorliegen; für die Reizung durch die Haut ist der Beobachtungszeitraum kürzer. Aussagen darüber, wie sich eine über Jahre fortgesetzte Ohrstimulation auswirkt, stützen sich deshalb auf eine schmalere Grundlage als die entsprechenden Aussagen zum operativen Verfahren. Für den Patienten bedeutet das keine besondere Gefahr – dagegen spricht die geringe Eingriffstiefe –, wohl aber, dass die Behandlung ärztlich begleitet und in Abständen überprüft wird, statt unbefristet zu laufen.
Quellen
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Diener, H.-C., Steinmetz, H., Kastrup, O. (Hrsg.): Referenz Neurologie.
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- Diener, H.-C., Gerloff, C., Dieterich, M., et al. (Hrsg.): Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen.
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- Falkai, P., Laux, G., Kapfhammer, H.-P., Möller, H.-J. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie.
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- Göbel, H.: Die Kopfschmerzen.
ISBN: 9783662688724
