Uhthoff-Phänomen

Letzte Aktualisierung am 11. Oktober 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Beim Uhthoff-Phänomen handelt es sich um eine durch Temperaturerhöhung verursachte vorübergehende Verschlechterung neurologischer Symptome bei demyelinisierenden Erkrankungen. Festgestellt wurde das Phänomen erstmalig bei der multiplen Sklerose. Das Uhthoff-Phänomen muss allerdings von einem echten Krankheitsschub der MS diagnostisch abgegrenzt werden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Uhthoff-Phänomen?

Der Augenarzt Wilhelm Uhthoff (1853-1927) beschrieb im Jahre 1890 erstmalig ein merkwürdiges Phänomen bei Patienten mit Multipler Sklerose. Dabei handelte es sich um eine vorübergehende Schwächung der Sehstärke bei körperlicher Anstrengung. Er erkannte, dass das Symptom im Zusammenhang mit einer Erhöhung der Körpertemperatur stand.

Die Verschlechterung der Sehschärfe durch Temperaturerhöhung gilt als Uhthoff-Phänomen im engeren Sinne. Im weiteren Sinne werden auch die Verschlechterungen anderer neurologischer Symptome bei allen demyelinisierenden Erkrankungen durch Erhöhung der Körpertemperatur als Uhthoff-Phänomen bezeichnet.

Es treten ähnliche Symptome auf wie bei einem echten Krankheitsschub. Allerdings handelt es sich dabei um einen sogenannten Pseudoschub, weil keine Entmarkungsprozesse stattfinden. Die Leitfähigkeit in den betroffenen Nervenfasern wird lediglich durch die Wärmeeinwirkung herabgesetzt.

Ursachen

Die Ursache für das Uhthoff-Phänomen liegt in der Verschlechterung der elektrischen Leitfähigkeit in den geschädigten Nerven durch die Körpererwärmung im Rahmen demyelinisierenden Erkrankungen. Normalerweise werden die Nervenfasern durch eine Schicht Markscheiden (Myelinscheiden) elektrisch voneinander isoliert. Bei der Multiplen Sklerose und den anderen demyelinisierenden Erkrankungen wird die Myelinscheide aber durch entzündliche Prozesse angegriffen.

Dabei kommt es zu deren Zerstörung. Durch äußere Einflüsse kann in den freiliegenden Nervenfasern die Leitfähigkeit reduziert werden. So verringert diese sich unter anderem bei der Erwärmung des Körpers. Die Körpertemperatur kann sich durch körperliche Anstrengung, Fieber oder äußere Wärmeeinflüsse erhöhen. So ist das Risiko für das Uhthoff-Phänomen bei heißen Temperaturen im Sommer oder bei Saunabesuchen erhöht.

Wenn die Temperatur absinkt, verschwinden in der Regel auch die neurologischen Ausfälle wieder. In Einzelfällen ist die Zerstörung der Myelinscheide jedoch so gravierend, dass nach Temperaturerhöhung oder körperlicher Anstrengung die Beschwerden nicht mehr reversibel sind. Die Symptome beim Uhthoff-Phänomen können äußerlich nicht von denen eines echten Krankheitsschubs unterschieden werden.

Bei einem echten Schub kommt es aber jedes Mal durch Autoimmunprozesse zur Zerstörung von Myelinscheiden an bestimmten Stellen des Nervensystems, während beim Uhthoff-Phänomen, wie erwähnt, eine Erhöhung der Körpertemperatur an den beschädigten Stellen nur die Leitfähigkeit der Nervenfasern verringert. Weil Temperaturschwankungen nie auszuschließen sind, tritt bei circa 85 Prozent aller Patienten mit MS auch mal das Uhthoff-Phänomen auf.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Uhthoff-Phänomen zeigt sich durch unterschiedliche vorübergehende Ausfallerscheinungen im Rahmen einer multiplen Sklerose oder einer anderen demyelinisierenden Erkrankung. Ursprünglich wurde es als Abschwächung der Sehstärke bei körperlicher Anstrengung durch den Augenarzt Wilhelm Uhthoff beschrieben.

Allerdings kann es auch zu anderen neurologischen Ausfällen kommen. Diese sind davon anhängig, welche Abschnitte des Nervensystems geschädigt sind. Das Uhthoff-Phänomen äußert sich genauso wie ein echter Schub. Neben Sehstörungen und Augenschmerzen können auch Missempfindungen (Parästhesien), Schmerzen und Taubheitsgefühle in den Händen oder Beinen auftreten.

Des Weiteren kann es zu Gesichtsschmerzen kommen, wenn der Trigeminusnerv betroffen ist. Auch Muskelkrämpfe und Lähmungserscheinungen werden beobachtet. Hinzu kommen je nach betroffenem Bereich Doppeltsehen, Schwindelanfälle, Sprechstörungen oder Schluckstörungen.

Darm-, Blasen- und Sexualfunktionen können gestört sein. Insgesamt zeichnet sich das Uhthoff-Phänomen auch durch eine zunehmende Müdigkeit (Fatigue) und Erschöpfung bei körperlicher Belastung aus. Kognitive Störungen und psychische Auffälligkeiten sind ebenfalls möglich. In der Regel klingen die Symptome bei diesem Phänomen schnell wieder ab, wenn die Körpertemperatur absinkt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Da das Uhthoff-Phänomen als Erscheinungsbild einer MS oder anderen demyelinisierenden Erkrankungen auftritt, müssen diese Erkrankungen vorrangig diagnostiziert werden. Innerhalb der zugrunde liegenden Erkrankung ist allerdings eine Differenzialdiagnose zur Abgrenzung gegen echte Krankheitsschübe notwendig, um die richtigen Behandlungsmaßnahmen ergreifen zu können.

Deshalb ist die Klärung der Frage wichtig, bei welchen Anlässen die Beschwerden auftreten. Erscheinen die Symptome nach einer körperlichen Anstrengung, nach Fieber, nach Saunabesuchen, heißem Baden oder sehr hohen sommerlichen Temperaturen, kann in der Regel von einem Uhthoff-Phänomen ausgegangen werden. Im vorigen Jahrhundert wurde sogar ein sogenannter Heißbadtest durchgeführt, um das Uhthoff-Phänomen zu diagnostizieren.

Da es aber in seltenen Einzelfällen nicht mehr zur Rückbildung der Symptome kam, darf dieser Test nicht mehr angewendet werden. Wenn die Beschwerden erstmalig unter den Bedingungen der Körpertemperaturerhöhung beobachtet werden, muss die zugrunde liegende Erkrankung durch bildgebende Verfahren wie MRT-Untersuchungen des Gehirns und des Rückenmarks, Blutuntersuchungen, Liquoruntersuchungen sowie neurophysiologische Untersuchungen bestimmt werden.

Komplikationen

Die Beschwerden beim Uhthoff-Phänomen können sehr unterschiedlich sein, sodass es häufig erst zu einer verspäteten Diagnose und Behandlung bei dieser Erkrankung kommt. Die Betroffenen leiden dabei an starken Augenschmerzen und ebenso an Sehstörungen. Sollte das Uhthoff-Phänomen nicht behandelt werden, so können diese Sehbeschwerden auch dauerhaft eintreten.

Weiterhin treten auch verschiedene Missempfindungen oder sogar Lähmungen auf, die sich negativ auf die Lebensqualität des Patienten auswirken. In vielen Fällen leiden die Betroffenen dabei auch an Schmerzen in den Beinen oder ebenso an Störungen des Temperaturempfindens. Dadurch können eventuell Gefahren nicht mehr richtig eingeschätzt werden.

Ebenfalls kann das Uhthoff-Phänomen zu einer gestörten Sexualfunktion oder ebenso zu Beschwerden an der Blase führen. Die Patienten selbst fühlen sich häufig müde und erschöpft und können keine anstrengenden Tätigkeiten mehr ausführen. In einigen Fällen leiden die Patienten bei dieser Krankheit auch an psychischen Störungen und Depressionen und benötigen daher auch eine psychologische Behandlung.

Die Behandlung des Uhthoff-Phänomens erfolgt mit Hilfe von Medikamenten. Dabei kann nicht immer eine vollständige Heilung garantiert werden. In den meisten Fällen sind die Betroffenen immer auf fremde Hilfe angewiesen. Ob es aufgrund des Uhthoff-Phänomens zu einer verringerten Lebenserwartung kommt, kann nicht im Allgemeinen vorhergesagt werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Beim Uhthoff-Phänomen muss immer eine Behandlung durch einen Arzt durchgeführt werden. Je früher die Krankheit dabei erkannt wird, desto besser ist in der Regel auch der weitere Verlauf. Der Betroffene sollte daher schon bei den ersten Symptomen und Anzeichen der Krankheit einen Arzt aufsuchen, damit weitere Komplikationen vermieden werden können. Ein Arzt ist dann zu kontaktieren, wenn der Betroffene an starken Schmerzen in den Augen leidet. Dabei können auch Missempfindungen oder Taubheitsgefühle auf die Krankheit hinweisen und sollten ebenfalls von einem Arzt kontrolliert werden. In vielen Fällen können sich die Schmerzen auch über das gesamte Gesicht ausbreiten. Auch Krämpfe in den Muskeln oder eine gestörte Sexualfunktion kann auf das Uhthoff-Phänomen hindeuten. Nicht selten leiden die Betroffenen dabei auch an Schluckbeschwerden oder sogar an Sprechstörungen.

Treten diese Symptome auf, so sollte der Betroffene einen Allgemeinarzt aufsuchen. Die weitere Behandlung richtet sich stark nach der genauen Ausprägung der Beschwerden. Es kann dabei keine allgemeine Voraussage über den weiteren Verlauf der Krankheit gemacht werden.

Behandlung & Therapie

Bei der Therapie wird hauptsächlich die zugrunde liegende Erkrankung behandelt. Viele neurologische Erkrankungen wie die multiple Sklerose können derzeit noch nicht ursächlich therapiert werden. Es ist nur eine symptomatische Behandlung möglich. Bei echten Krankheitsschüben innerhalb der MS kommen hoch dosierte Glucocorticoide zum Einsatz, um die Entzündungsprozesse zu dämpfen.

Da es sich um Immunsuppressiva handelt, sind bei dieser Therapie auch Nebenwirkungen zu erwarten. Pseudoschübe in Form eines Uhthoff-Phänomens bedürfen nicht solcher drastischen Maßnahmen. Entscheidend ist hier die Senkung der Körpertemperatur. Das kann durch das Tragen von Kühlhauben, Kühlwesten oder Kühlstrümpfen erreicht werden. Dann verschwinden die Symptome fast immer von alleine.

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Vorbeugung

Vorbeugende Maßnahmen gegen das Uhthoff-Phänomen sind immer nur im Rahmen der zugrunde liegenden Erkrankungen möglich, weil es niemals isoliert auftritt. Wenn eine schwere demyelinisierende Erkrankung wie die multiple Sklerose diagnostiziert wurde, sollte alles vermieden werden, was eine Erhöhung der Körpertemperatur hervorrufen würde. Dazu zählen körperliche Anstrengungen, heißes Baden, Saunabesuche und der Einfluss von heißen sommerlichen Temperaturen.

Quellen

  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013


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