Usutu-Virus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das Usutu-Virus kann Tiere und Menschen befallen und verursacht in schweren Fällen eine Hirnentzündung. Es zählt zur Gruppe der Flaviviren und wird von Mücken auf den Menschen übertragen.
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Was ist das Usutu-Virus?
Das aus Afrika stammende Usutu-Virus kann Vögel und Säugetiere infizieren sowie mittels Übertragung durch die Stechmücke auch den Menschen. Der Name des Erregers ist vom längsten Fluss in Swasiland (heute Eswatini) abgeleitet worden. Usutu gehört zur Gattung Flavivirus, greift das Gehirn von Tier und Mensch an und ist verwandt mit dem Japanischen-Enzephalitis-Virus sowie dem West-Nil-Virus. Bei mehreren Vogelarten ist die Infektion bereits tödlich verlaufen.
Usutu-Fieber bei Menschen wurde in Europa zum ersten Mal im Jahr 2009 in Italien festgestellt. In Afrika waren einzelne Infektionen beim Menschen schon deutlich früher beschrieben worden, erstmals 1981 in der Zentralafrikanischen Republik. Am schwersten verlief diese Krankheit in der Folgezeit bei immungeschwächten und älteren Patienten. Sie äußert sich mit heftigem Fieber, starken Kopfschmerzen und Hautausschlägen. Das Usutu-Virus kann beim Menschen im gravierendsten Fall zu einer gefährlichen Gehirnentzündung (Enzephalitis) führen.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Vergleichbare Phänomene gab es wahrscheinlich schon 1996 in der Toskana. Sie wurden jedoch erst durch retrospektive Untersuchungen mit dem Usutu-Virus in Verbindung gebracht. In Italien, der Schweiz und Ungarn sind ab 2005 beziehungsweise 2006 frei lebende Wildvögel an dem Virusbefall gestorben.
Im Sommer des Jahres 2011 fielen nach Schätzungen in Deutschland mehrere hunderttausend Amseln dem Usutu-Virus zum Opfer. Dieses bis dahin größte Vogelsterben solcher Art wurde auf infizierte exotische Stechmücken zurückgeführt, die mit Warentransporten nach Deutschland gekommen waren. Gleichfalls kamen Spezialisten anhand dieser Vorfälle zur Erkenntnis, dass auch einheimische Stechmückenarten sowie deren Eier und Larven das Usutu-Virus beherbergen können.
Die Übertragung auf die Vögel geschieht durch Stiche der Mücken. Hauptüberträger ist in Mitteleuropa die heimische Hausmücke der Gattung Culex. Der massenhafte Vogeltod war im Jahr 2011 auf Flusstäler des Rhein-Neckar-Gebiets sowie weiterer Regionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen konzentriert. Die angesteckten Vögel wirkten zunächst außergewöhnlich apathisch und unsicher auf den Beinen, ließen zunehmend ihr Fluchtverhalten vermissen und bekamen ein zerzaustes Gefieder, ehe sie starben. Auffällig waren ebenso kahle Stellen an Kopf und Hals. Nervensystem, Leber, Milz und Herzmuskel der erkrankten Tiere hatten sich entzündlich verändert.
In den betroffenen Gebieten Deutschlands wurden massive Populationseinbrüche bei Amseln registriert. Weit weniger reduziert wurden Arten wie Eulen und Rabenvögel. Einige Teilbestände der Amseln konnten sich nur langsam und erst Jahre später von dem großen Einbruch erholen. Die Vögel hatten noch nie Kontakt mit dem Usutu-Erreger aufgenommen und somit keine Immunität dagegen entwickeln können. Zunehmend wurden sie jedoch immun gegen dieses neu aufgetauchte Virus. In den Jahren unmittelbar nach 2011 wurden keine weiteren großen Verluste der Vogelpopulation bekannt. Seit 2016 kam es jedoch erneut zu großen Ausbrüchen mit einem Massensterben unter Amseln, am stärksten im Sommer 2018; das Usutu-Virus ist in Deutschland inzwischen heimisch und wird jedes Jahr nachgewiesen.
Krankheiten & Beschwerden
Für zwei Menschen ging bisher eine größere Gefahr von der Ansteckung aus. Es handelte sich nach Berichten von Ärzten um zwei immungeschwächte Personen in Italien. Sie sollen sich im Jahr 2009 angesteckt haben und erkrankten anschließend an einer Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten. Beide blieben am Leben. Auch eine Person in Kroatien soll klinisch im Zusammenhang mit einer Usutu-Infektion behandelt worden sein.
In Deutschland wurde im Jahr 2012 bei einem Patienten die virale Ansteckung nachgewiesen. Es zeigten sich jedoch in der Folge keine Symptome einer Erkrankung. Der Mann war als Blutspender in Hessen erfasst, weshalb die Antikörper gegen das Usutu-Virus in seinem Blut gefunden worden waren.
Um jedes noch so kleine Risiko ausschließen zu können, wird zur Vorbeugung einer Usutu-Infektion von Seiten der Mediziner empfohlen, sich vor Mückenstichen zu schützen. Das geschieht am wirkungsvollsten durch geschlossene Kleidung, den Einsatz geeigneter Abwehrmittel und auch das Verwenden eines Moskitonetzes. Gegebenenfalls vermieden werden sollten größere Wasseransammlungen an Häusern oder in Gärten, da sich zum Beispiel in Regenwassertonnen hunderte Hausmücken aufhalten oder aus Larven entwickeln. Möglich ist hier auch die Verwendung spezieller Eiweißtabletten, die für Mensch und Tier ungefährlich sind, jedoch Mückenlarven im Wasser abtöten.
Mit lebenden oder toten Wildvögeln sollte stets vorsichtig umgegangen werden, auch wenn sie das Virus nicht direkt auf den Menschen übertragen können. Der unmittelbare Kontakt mit frei lebenden Vögeln sollte immer vermieden werden. Ihre Berührung erfolgt am besten nur mit Handschuhen. Nach einem solchen Vorfall ist es erforderlich, die Hände gründlich zu waschen und sie zu desinfizieren. Tot aufgefundene Vögel sollten nicht vergraben oder in den Hausmüll gegeben, sondern den Untersuchungsstellen gemeldet und auf Wunsch eingesandt werden. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn Haustiere mit infizierten Vögeln Kontakt haben oder hatten.
Nachgewiesenermaßen hat das Usutu-Virus die Fähigkeit erworben, selbst in harten Wintern zu überleben. Damit gilt es als in Westeuropa dauerhaft etabliert. Es weist ein vergleichsweise hohes Verbreitungspotenzial auf, da die Mückenweibchen das Virus auch auf ihre Eier und damit auf die nächste Mückengeneration übertragen können. Das umhüllte, einzelsträngige Virus gehört zur RNA-Gruppe, das heißt, sein Erbmaterial besteht aus Ribonukleinsäure. Die Verwandten des Usutu-Virus haben in Süd- und Südosteuropa beziehungsweise auf dem asiatischen Kontinent seit längerer Zeit Fuß gefasst.
Systematik und Verwandtschaft
Innerhalb der großen Gattung Flavivirus gehört das Usutu-Virus zu einer engeren Gruppe, die nach dem Erreger der Japanischen Enzephalitis benannt ist. Zu ihr zählen neben diesem auch das West-Nil-Virus, das Saint-Louis-Enzephalitis-Virus aus Nordamerika und das Murray-Valley-Enzephalitis-Virus aus Australien. Allen gemeinsam ist, dass sie zwischen Vögeln und Stechmücken kreisen und gelegentlich das Nervensystem von Säugetieren befallen.
Diese enge Verwandtschaft ist mehr als eine Ordnungsfrage. Die Oberflächen der Viren ähneln einander so stark, dass Antikörper gegen den einen Erreger auch an die anderen binden. Für die Labordiagnostik bedeutet das eine erhebliche Schwierigkeit, denn ein positiver Antikörperbefund kann ebenso gut von einer früheren Infektion mit einem verwandten Virus oder von einer Impfung gegen Gelbfieber oder FSME herrühren. Für den Menschen hat die Ähnlichkeit auch eine günstige Seite: Wer eine dieser Infektionen durchgemacht hat, ist gegen die verwandten Erreger vermutlich zumindest teilweise geschützt.
Vom Usutu-Virus sind mehrere Abstammungslinien beschrieben, die sich in kleinen Unterschieden des Erbguts voneinander abgrenzen lassen. Einige stammen unmittelbar aus Afrika, andere haben sich in Europa festgesetzt. Anhand dieser Linien lässt sich nachvollziehen, dass das Virus mehrfach und unabhängig voneinander nach Europa gelangt ist und nicht auf eine einzige Einschleppung zurückgeht.
Aufbau und Vermehrung
Das Usutu-Virus ist ein sehr kleines, von einer Fetthülle umgebenes Teilchen, das sich nur im Elektronenmikroskop darstellen lässt. Unter der Hülle liegt ein regelmäßig gebautes Eiweißgehäuse, das Kapsid, und darin das Erbgut. Dieses besteht aus einem einzigen Strang Ribonukleinsäure, der von der Wirtszelle unmittelbar als Bauanleitung abgelesen werden kann.
In der Hülle stecken Eiweiße, die den Kontakt zur Wirtszelle herstellen. Das größere von ihnen bindet an deren Oberfläche; das Virus wird daraufhin in ein Bläschen eingeschlossen und ins Zellinnere befördert. Die dort herrschende saure Umgebung verändert die Gestalt dieses Eiweißes so, dass die Virushülle mit der Bläschenwand verschmilzt und das Erbgut frei wird.
Anders als Herpesviren benötigt das Usutu-Virus für seine Vermehrung den Zellkern nicht. Der gesamte Vorgang läuft im Zellplasma an eigens umgebauten Membranen ab. Das Erbgut wird zunächst in ein einziges großes Eiweiß übersetzt, das anschließend – teils durch Werkzeuge der Zelle, teils durch das Virus selbst – in seine Einzelteile zerlegt wird. Aus ihnen entstehen die Bausteine neuer Viruspartikel sowie eine Reihe von Eiweißen, die nicht in das fertige Virus eingebaut werden, sondern die Vermehrung steuern und die Abwehr der Zelle behindern. Eines dieser Eiweiße vervielfältigt das Erbgut. Es arbeitet ohne Korrekturmechanismus, weshalb sich bei jeder Vermehrungsrunde Fehler einschleichen. Diese hohe Fehlerrate erklärt, warum sich das Virus rasch in verschiedene Linien aufspaltet.
Der Kreislauf zwischen Vögeln und Stechmücken
Das Usutu-Virus erhält sich in der Natur in einem Kreislauf, an dem der Mensch nicht beteiligt ist. Stechmücken nehmen das Virus beim Blutsaugen an einem infizierten Vogel auf. In der Mücke vermehrt es sich und wandert bis in deren Speicheldrüsen, sodass sie es beim nächsten Stich weitergibt. Vögel eignen sich für diesen Kreislauf besonders gut, weil das Virus sich in ihrem Blut stark vermehrt: Eine Mücke, die an ihnen sticht, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst infiziert.
Beim Menschen und bei Pferden ist das anders. Bei ihnen erreicht das Virus im Blut nur geringe Mengen und verschwindet rasch wieder. Eine Mücke, die einen infizierten Menschen sticht, nimmt daher zu wenig Virus auf, um es weiterzugeben. Fachleute sprechen von Fehlwirten oder Sackgassenwirten: Der Mensch kann erkranken, trägt zur Verbreitung des Erregers aber nichts bei. Aus demselben Grund ist eine Ansteckung von Mensch zu Mensch durch gewöhnlichen Kontakt nicht zu befürchten.
Entscheidend für die Übertragung auf den Menschen ist, dass die heimische Hausmücke sowohl Vögel als auch Säugetiere sticht. Sie bildet die Brücke zwischen dem Kreislauf in der Vogelwelt und dem Menschen. Mückenarten, die ausschließlich an Vögeln saugen, können das Virus zwar unter den Vögeln verbreiten, aber nicht auf den Menschen übertragen.
Der Kreislauf folgt den Jahreszeiten. Er beginnt im Frühjahr, wenn die überwinterten Mückenweibchen wieder aktiv werden, verstärkt sich über den Sommer und erreicht im Spätsommer seinen Höhepunkt – dann werden auch die meisten toten Vögel gefunden. Wärme beschleunigt sowohl die Entwicklung der Mücken als auch die Vermehrung des Virus in ihnen; heiße Sommer gehen deshalb regelmäßig mit stärkeren Ausbrüchen einher. Über den Winter überdauert das Virus vor allem in Mückenweibchen, die in Kellern, Ställen und Höhlen Schutz suchen. Ziehende Vögel können den Erreger zusätzlich über weite Strecken tragen und in Gebiete einbringen, in denen er zuvor nicht vorkam.
Nachweis und Diagnostik
Beim Menschen wird das Usutu-Virus in den ersten Krankheitstagen durch den direkten Nachweis seines Erbguts mit der Polymerase-Kettenreaktion gefunden, im Blut und im Urin, bei Beteiligung des Nervensystems auch in der Rückenmarksflüssigkeit. Danach ist das Virus meist nicht mehr auffindbar, und man ist auf den Nachweis von Antikörpern angewiesen. Wegen der beschriebenen Kreuzreaktionen mit verwandten Erregern gilt ein solcher Befund erst dann als gesichert, wenn er in einem Spezialverfahren bestätigt wurde, bei dem geprüft wird, ob die Antikörper das Virus tatsächlich unschädlich machen. Weil die Krankheit beim Menschen selten und meist mild verläuft, wird gezielt vor allem dann untersucht, wenn eine ungeklärte Entzündung des Gehirns oder der Hirnhäute vorliegt und die naheliegenden Ursachen ausgeschlossen sind.
Bei Vögeln stützt sich die Untersuchung auf eingesandte Tierkörper. In Gehirn, Leber, Milz und Herzmuskel lässt sich das Erbgut des Virus nachweisen; zusätzlich kann das Virus in Gewebeschnitten mit farbstoffgekoppelten Antikörpern sichtbar gemacht werden. Ergänzt wird dies durch das Fangen und Untersuchen von Stechmücken sowie durch Blutuntersuchungen an lebend gefangenen Vögeln, aus denen sich ablesen lässt, welcher Anteil eines Bestandes die Infektion bereits überstanden hat. In Regionen mit aktivem Virusgeschehen werden zeitweise auch Blutspenden mit untersucht, weil eine Übertragung über Blutprodukte beim West-Nil-Virus belegt ist und beim nah verwandten Usutu-Virus für möglich gehalten wird.
Bedeutung für die Vogelwelt und die Überwachung
Unter den europäischen Vogelarten trifft das Usutu-Virus die Amsel am härtesten; auch Bartkäuze erkranken häufig tödlich. Andere Arten stecken sich ebenfalls an, überstehen die Infektion aber öfter. Warum die Empfindlichkeit so unterschiedlich ausfällt, ist nicht abschließend geklärt.
Weil die Amsel ein häufiger und leicht zu beobachtender Gartenvogel ist, eignet sie sich als Anzeiger für das Ausbruchsgeschehen. Naturschutzverbände und Forschungseinrichtungen rufen in Deutschland deshalb dazu auf, tot aufgefundene Amseln zu melden und für Untersuchungen einzusenden. Aus diesen Meldungen entsteht Jahr für Jahr ein Bild davon, wo das Virus gerade aktiv ist. Wo ein Ausbruch stattgefunden hat, überleben zunehmend Vögel mit Antikörpern; die Bestände erholen sich, und das Geschehen verlagert sich in Gebiete, deren Vögel noch keinen Kontakt mit dem Erreger hatten. Das erklärt, warum sich die Schwerpunkte des Vogelsterbens von Jahr zu Jahr verschieben.
Diese Überwachung dient nicht allein dem Naturschutz. Weil das Usutu-Virus dieselben Mückenarten und dieselben Vogelarten nutzt wie das West-Nil-Virus, sich aber früher und weiter ausgebreitet hat, gilt es als eine Art Frühwarnsystem: Wo Usutu-Viren in Vögeln und Mücken gefunden werden, sind die ökologischen Voraussetzungen auch für das für den Menschen gefährlichere West-Nil-Virus gegeben.
Quellen
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