Flaviviren
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Flaviviren bilden eine Gattung innerhalb der Familie der Flaviviridae und umfassen verschiedene Arten, die unterschiedliche Krankheiten hervorrufen können – darunter Zecken-Enzephalitis, St.-Louis-Enzephalitis, japanische Enzephalitis und Murray-Valley-Enzephalitis sowie Gelbfieber und Dengue-Fieber.
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Was sind Flaviviren?
Das Flavivirus ist kein einzelner Krankheitserreger; der Begriff beschreibt stattdessen eine Gattung von Viren, die beim Menschen verschiedene Erkrankungen auslösen können. Die Flaviviren wurden früher den Togaviridae zugerechnet und waren als ARBO-B-Viren bekannt. Die Abkürzung steht für die englische Bezeichnung arthropod-borne virus und bezieht sich auf Viren, die einen ähnlichen Infektionsmechanismus besitzen, aber ansonsten nicht weiter miteinander verwandt sein müssen und nicht zwingend andere Gemeinsamkeiten besitzen. Heute bilden die Flaviviren eine eigene Gattung innerhalb der Familie der Flaviviridae.
Wie bei Viren üblich befindet sich das Erbgut des Krankheitserregers in einer äußeren Hülle, die keine eigenen Organellen besitzt. Viren verfügen nicht über einen eigenen Stoffwechsel, sondern sind auf einen Wirt angewiesen, in dessen biologische Prozesse sie eingreifen. Im Falle der Flaviviren dienen unter anderem menschliche Zellen als Wirt. Zecken, Mücken und ähnliche Insekten können das Virus übertragen.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Wenn sie anschließend einen anderen Menschen stechen bzw. beißen, können die Viren den neuen Organismus ebenfalls infizieren. Dazu schleust das Virus sein Erbgut in menschliche Zellen ein, die ihm als Wirt dienen. Die genetischen Informationen sind dabei in Form von Ribonukleinsäure (RNA) gespeichert. Auf molekularer Ebene unterscheidet sich die RNA von der Desoxyribonukleinsäure (DNA) nur geringfügig. Anschließend bringt das Virus seine Wirtszelle dazu, Kopien seiner selbst herzustellen und es dadurch zu vermehren. Der Prozess der Vermehrung kann sich je nach Art des Virus unterscheiden.
Die verschiedenen Flaviviren unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihres geografischen Vorkommens, sondern auch in Bezug auf den Überträger, mit dem sie von einem Wirt zum nächsten gelangen. Die Zecken-Enzephalitis geht, wie ihr Name bereits andeutet, für gewöhnlich auf Flaviviren zurück, die durch Zecken in den menschlichen Körper gelangen, wohingegen bei der St.-Louis-Enzephalitis Stechmücken das Flavivirus übertragen.
Japanische Enzephalitis ist in (Süd-)Ost-Asien verbreitet und gelangt über Culex-Mücken insbesondere von Schweinen und Vögeln auf den Menschen. Vor allem Kinder erkranken an dieser Form der Enzephalitis, die mit Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost einhergehen kann. Auch bei der Murray-Valley-Enzephalitis fungieren Stechmücken als Überträger. Die seltene Form der Hirnentzündung ist zum Beispiel in Australien zu finden, wo sie besonders im Norden des Landes präsent ist.
Das Dengue-Virus wird ebenfalls durch Stechmücken übertragen und ist für das Dengue-Fieber verantwortlich. Es ist vor allem in Südostasien verbreitet, wobei die Virologie verschiedene Typen des Virus unterscheidet. Alle vier Typen des Dengue-Virus können ein hämorrhagisches Fieber hervorrufen, das vor allem bei Kindern beobachtet wird. Entscheidend für einen solchen schweren Verlauf ist allerdings weniger der Typ des Virus als die Vorgeschichte: Das hämorrhagische Dengue-Fieber entsteht überwiegend dann, wenn sich ein bereits früher Infizierter ein zweites Mal mit einem anderen Typ ansteckt.
Krankheiten & Beschwerden
Darüber hinaus kann die Enzephalitis zu neurologischen Herdsyndromen führen, bei denen bestimmte funktionelle Systeme betroffen sind. Die Art der resultierenden Störung hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns vom Entzündungsherd betroffen ist. Die Enzephalitis kann sich auch auf die Hirnhäute und das Rückenmark ausweiten, seltener auch auf die Wurzeln der Spinalnerven. In manchen Fällen führt die Enzephalitis zu bleibenden Schäden oder zum Tod.
Gelbfieber geht ebenfalls auf eine Infektion mit einem Flavivirus zurück. Das charakteristischste Merkmal der Krankheit bildet die Kombination von Fieberschüben und Gelbsucht. Weitere mögliche Symptome sind Kreislaufstörungen, Blutungen, Leber- und Nierenstörungen. Das Fieber tritt in der Regel in Schüben auf. Nach dem ersten Fieberschub können ein bis zwei Tage vergehen, in denen der Patient unter keinen akuten Symptomen leidet, bevor die Infektion einen weiteren Fieberschub auslöst. Der zweite Fieberanstieg beruht nach heutigem Kenntnisstand nicht auf einer erneuten Vermehrung des Virus, sondern auf der Schädigung von Leber und Nieren und der Abwehrreaktion des Körpers.
Das Dengue-Fieber, das ebenfalls von einer Flavivirus-Infektion ausgeht, stellt, wie das Gelbfieber, eine subtropische oder tropische Krankheit dar. Neben Fieber treten als häufige Symptome u. a. Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen sowie Schwellung der Lymphknoten und Hautausschlag auf, der dem von Masern gleicht. Das Fieber beginnt in der Regel 5–8 Tage nach der eigentlichen Infektion und nimmt dabei oft den Verlauf einer Sattelkurve an: Die Höhepunkte in der Fieberkurve sind also von einem leichten Abfall der Körpertemperatur voneinander abgrenzbar.
Gliederung der Gattung
Die Gattung wird üblicherweise danach geordnet, auf welchem Weg ihre Vertreter von einem Wirt zum nächsten gelangen. Eine Gruppe wird von Zecken übertragen; zu ihr gehören das FSME-Virus und einige nahe verwandte Erreger, die in Nordeuropa und in Sibirien vorkommen. Eine zweite, deutlich größere Gruppe wird von Stechmücken weitergegeben. Innerhalb dieser Gruppe lassen sich wiederum zwei Zweige unterscheiden. Der eine befällt bevorzugt das Nervensystem und kreist in der Natur zwischen Vögeln und Mücken der Gattung Culex – dazu zählen das West-Nil-Virus, das Usutu-Virus, der Erreger der japanischen Enzephalitis und derjenige der St.-Louis-Enzephalitis. Der andere Zweig kreist zwischen Affen und Mücken der Gattung Aedes und ruft Erkrankungen hervor, bei denen Leber, Nieren und die Blutgerinnung im Vordergrund stehen; hierher gehören das Gelbfieber-Virus und das Dengue-Virus. Eine dritte, kleine Gruppe ist bislang nur aus Fledermäusen und Nagetieren bekannt; für sie wurde kein blutsaugender Überträger gefunden.
Diese Einteilung deckt sich weitgehend mit der Verwandtschaft, wie sie sich aus dem Vergleich der Erbinformation ergibt. Sie ist zugleich praktisch bedeutsam: Aus der Zugehörigkeit zu einer der Gruppen lässt sich abschätzen, welcher Überträger in Frage kommt, welche Tiere als Reservoir dienen und in welcher Jahreszeit mit Erkrankungen zu rechnen ist.
Seit einer Entscheidung der internationalen Kommission für Virustaxonomie im Jahr 2023 lautet der amtliche Gattungsname Orthoflavivirus. Die ältere Bezeichnung Flavivirus wird im Schrifttum und im Alltag weiterhin verwendet und meint dieselbe Gruppe.
Bau des Viruspartikels
Alle Flaviviren sind nach demselben Muster aufgebaut. Im Inneren liegt der RNA-Strang, umgeben von einem Mantel aus dem sogenannten Kapsidprotein. Darüber spannt sich die Hülle aus Fettbestandteilen, die das Virus den Membranen seiner Wirtszelle entnimmt. In diese Hülle sind zwei Eiweiße eingelagert: das Membranprotein und das Hüllprotein E. Beim reifen Teilchen liegen die E-Proteine paarweise flach auf der Oberfläche und bilden ein regelmäßiges, glattes Muster – ein Bild, das die Flaviviren von vielen anderen behüllten Viren unterscheidet, deren Hüllproteine als Stacheln herausragen.
Das Hüllprotein E erfüllt mehrere Aufgaben zugleich. Es heftet das Virus an die Oberfläche der nächsten Zelle, es lässt nach der Aufnahme in die Zelle die Virushülle mit der Zellmembran verschmelzen, und es ist der wichtigste Angriffspunkt der Antikörper. Weil sich die E-Proteine der verschiedenen Flaviviren ähneln, erkennen Antikörper gegen den einen Vertreter oft auch andere – allerdings meist zu schwach, um sie unschädlich zu machen. Diese Teilähnlichkeit ist der Grund für zwei praktisch bedeutsame Erscheinungen: für die Kreuzreaktionen, die Antikörpertests im Labor erschweren, und für den bereits geschilderten Umstand, dass beim Dengue-Fieber gerade die zweite Infektion mit einem anderen Typ schwerer verlaufen kann als die erste.
Das Erbgut der Flaviviren wird von der Wirtszelle unmittelbar abgelesen, und zwar in ein einziges langes Eiweiß, das anschließend zerschnitten wird. Neben den drei Bausteinen des fertigen Teilchens entstehen dabei sieben weitere Eiweiße, die nur innerhalb der Zelle gebraucht werden; eines von ihnen ist die Kopiermaschine, die neue Erbgutstränge herstellt. Die Vermehrung läuft an eigens umgebauten Membranen im Zellinneren ab, der Zellkern bleibt unbeteiligt. Ein Einbau des Virus-Erbguts in das Erbgut des Menschen findet nicht statt.
Der Kreislauf in der Natur
Flaviviren werden nur in Ausnahmefällen dauerhaft von Mensch zu Mensch weitergereicht. In aller Regel erhält sich der Erreger in einem Kreislauf zwischen bestimmten Tieren und ihren blutsaugenden Überträgern; der Mensch gerät nur zufällig hinein.
Für die Erreger der japanischen Enzephalitis und des West-Nil-Fiebers sind Vögel die eigentlichen Wirte, bei der japanischen Enzephalitis zusätzlich Schweine, in denen sich das Virus stark vermehrt. Der Mensch trägt in diesen Fällen zu wenige Viren im Blut, als dass eine stechende Mücke sich bei ihm anstecken könnte. Man bezeichnet ihn deshalb als Fehlwirt: Er erkrankt, gibt den Erreger aber nicht weiter.
Anders liegt es beim Dengue- und beim Gelbfieber-Virus. Beide unterhalten in den tropischen Wäldern einen Kreislauf zwischen Affen und Mücken, können darüber hinaus aber auch einen städtischen Kreislauf bilden, in dem der Mensch selbst die Rolle des Wirtes übernimmt, in dem sich das Virus vermehrt. Genau darin liegt die Voraussetzung für die großen Ausbrüche in dicht besiedelten Gebieten.
Beim FSME-Virus schließlich sind kleine Nagetiere die Träger, und die Zecke ist Überträger und dauerhaftes Reservoir zugleich, weil sie den Erreger über ihre Häutungen hinweg und sogar an ihre Eier weitergeben kann. Eine Sonderstellung nimmt das Zika-Virus ein: Es wird zwar ebenfalls von Mücken übertragen, kann daneben aber auch beim Geschlechtsverkehr und von der schwangeren Frau auf das ungeborene Kind weitergegeben werden – eine Ausnahme innerhalb der Gattung. Für alle diese Kreisläufe gilt, dass sie unabhängig vom Menschen fortbestehen. Das ist der wesentliche Grund, warum sich keiner dieser Erreger ausrotten lässt.
Nachweis im Labor
Für alle Flaviviren gilt derselbe zeitliche Ablauf: Zu Beginn der Beschwerden lässt sich das Erbgut des Virus mit der Polymerase-Kettenreaktion im Blut finden, einem Verfahren, das kleinste Mengen an Erbmaterial so lange vervielfältigt, bis sie messbar werden. Später gelingt nur noch der Nachweis der Antikörper, die der Körper gebildet hat. Bei den Erregern, die das Nervensystem befallen, verschiebt sich dieses Zeitfenster ungünstig: Wenn die neurologischen Beschwerden einsetzen, ist das Virus aus dem Blut meist schon verschwunden, und es bleibt allein der Antikörpernachweis, ergänzt durch die Untersuchung des Nervenwassers.
Die eigentliche Schwierigkeit liegt in der bereits erwähnten Ähnlichkeit der Gattungsmitglieder. Ein Antikörpertest, der auf ein Flavivirus anspricht, beweist noch nicht, um welches es sich handelt – zumal auch zurückliegende Impfungen gegen Gelbfieber, gegen die japanische Enzephalitis oder gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis mitreagieren können. In unklaren Fällen wird deshalb ein aufwendigeres Verfahren angeschlossen, bei dem geprüft wird, welches Virus die Antikörper einer Blutprobe tatsächlich unschädlich machen. Solche Untersuchungen bleiben besonderen Laboren vorbehalten.
Vorbeugung und Impfungen
Gegen einen Teil der Flaviviren stehen Impfungen zur Verfügung: gegen das Gelbfieber-Virus, gegen das FSME-Virus, gegen den Erreger der japanischen Enzephalitis und, mit eingeschränkter Empfehlung, gegen das Dengue-Virus. Gegen das West-Nil-Virus und das Zika-Virus gibt es für den Menschen bislang keinen zugelassenen Impfstoff; Pferde, die am West-Nil-Fieber schwer erkranken können, werden dagegen geimpft.
Wo eine Impfung fehlt, bleibt der Schutz vor Stich und Biss die wesentliche Maßnahme. Er unterscheidet sich je nach Überträger: Die Aedes-Mücken, die Dengue- und Gelbfieber-Viren weitergeben, stechen vorwiegend am Tag, die Culex-Mücken des West-Nil-Fiebers eher in der Dämmerung und nachts, und Zecken werden in Gras und Unterholz aufgenommen. Entsprechend liegen die Schwerpunkte zu unterschiedlichen Tageszeiten und bei unterschiedlichen Mitteln – Kleidung, Mückenschutzmittel, Netze über dem Schlafplatz oder das Absuchen des Körpers nach dem Aufenthalt im Freien.
Widerstandsfähigkeit
Die Fetthülle macht die Flaviviren außerhalb eines Wirtes empfindlich. Austrocknung, Wärme, Seifen sowie alkoholische und die sonst gebräuchlichen Desinfektionsmittel zerstören sie zuverlässig. Eine Übertragung über Gegenstände, Trinkwasser oder Lebensmittel spielt deshalb keine Rolle – mit der Ausnahme roher Milch, in der sich das FSME-Virus eine Zeit lang hält. Umgekehrt überstehen die Viren tiefe Temperaturen gut, weshalb Blutproben für die Untersuchung eingefroren werden können. Auch in Blutkonserven bleiben sie erhalten, was die seltenen Übertragungen durch Bluttransfusionen und durch verpflanzte Organe erklärt.
Herkunft des Namens
Der Name der Gattung geht auf das lateinische Wort „flavus“ für „gelb“ zurück. Er nimmt Bezug auf das Gelbfieber-Virus, den zuerst beschriebenen Vertreter der Gruppe, und auf die Gelbfärbung von Haut und Augen, die bei schwerem Gelbfieber durch die Schädigung der Leber entsteht. Die Farbe kennzeichnet damit nur einen einzigen Vertreter der Gattung; auf die übrigen, etwa das FSME-Virus, trifft sie nicht zu. Dass eine ganze Verwandtschaftsgruppe nach dem Merkmal ihres bekanntesten Mitglieds benannt wurde, ist in der Virologie kein Einzelfall und rührt daher, dass die Namen älter sind als die Möglichkeit, Verwandtschaft am Erbgut abzulesen.
Quellen
- Modrow, S., Falke, D., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
ISBN: 9783662617809
- Doerr, H. W., Gerlich, W. H. (Hrsg.): Medizinische Virologie.
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- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
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- Löscher, T. et al. (Hrsg.): Tropenmedizin.
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- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
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