Α-Mannosidose

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Die α-Mannosidose stellt eine sehr seltene lysosomale Speicherkrankheit dar, bei welcher die Anreicherung des Zuckers Mannose im Gewebe eine große Rolle spielt. Die Krankheit ist erblich bedingt und schreitet unaufhaltsam voran. Es gibt einige sehr hoffnungsvolle Therapieansätze; einer davon ist in der Europäischen Union inzwischen als Arzneimittel zugelassen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine α-Mannosidose?

Α Mannosidose
Die Ursache der α-Mannosidose liegt in der Funktionsunfähigkeit des Enzyms α-Mannosidase. Dieses Enzym ist normalerweise für den Abbau der Glykokonjugate der Mannose verantwortlich.
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Bei der α-Mannosidose handelt es sich um eine lysosomale Speicherkrankheit. Bei dieser Störung sammeln sich in allen Körperzellen sogenannte Glykokonjugate an, die aus dem Zucker Mannose und bestimmten Proteinen gebildet werden. Glykokonjugate sind Glykoproteine, die normalerweise abgebaut werden müssen, um eine störungsfreie Funktion der Zellen zu gewährleisten.

Im Falle der α-Mannosidose findet dieser Abbau jedoch nicht oder nur unzureichend statt. In der Folge verstopfen die Zellen regelrecht mit den Abfallprodukten der Mannose. Die ständige Speicherung der Glykokonjugate erfolgt in den sogenannten Lysosomen. Lysosomen sind Zellorganellen, in denen in der Regel Biopolymere in Monomere umgewandelt werden.

Dafür sind spezielle Enzyme notwendig. Bei den Lysosomen handelt es sich also um Gebilde, in denen das Recycling von hochpolymeren Abfallstoffen stattfindet. Werden die Abfallstoffe nicht mehr abgebaut, sammeln sie sich folglich in den Lysosomen immer weiter an und erhöhen das Volumen der Zellen dadurch ständig. Es besteht keine Chance, auf natürlichem Weg das Zellvolumen wieder zu verkleinern.

Im Laufe der Zeit kommt es aus diesem Grund zu immer stärkeren funktionellen Einschränkungen der betroffenen Zellen. Diese Einschränkungen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Zur effektiven Behandlung von lysosomalen Speicherkrankheiten wird im Rahmen von Forschungsprojekten nach Möglichkeiten gesucht, einen Prozess in Gang zu setzen, bei welchem die gespeicherten Stoffe dann doch wieder abgebaut werden können.

Die α-Mannosidose ist eine extrem seltene Erkrankung. Von einer Million lebend geborenen Kindern sind nach vorläufigen Schätzungen im Durchschnitt nur zwei von dieser Krankheit betroffen.

Ursachen

Die Ursache der α-Mannosidose liegt in der Funktionsunfähigkeit des Enzyms α-Mannosidase. Dieses Enzym ist normalerweise für den Abbau der Glykokonjugate der Mannose verantwortlich. Wenn es jedoch durch eine Genmutation defekt ist, kann es seine Funktion nicht oder nicht ausreichend erfüllen.

Das codierende Gen dieses Enzyms wird als MAN2B1-Gen bezeichnet und liegt auf dem Chromosom 19. Der Gendefekt, der zum Ausfall der α-Mannosidase führt, wird autosomal-rezessiv vererbt. Das bedeutet, dass die betroffene Person zwei defekte Gene besitzen muss. Beide Elternteile sind also Träger dieses mutierten Gens, ohne dass sie selber erkrankt sein müssen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die α-Mannosidose zeichnet sich durch vielfältige Symptome aus. Es sind Krankheitsfälle mit speziellen Verläufen bekannt. Als Hauptsymptome zeigen sich jedoch Immunschwäche, Schwerhörigkeit, Skelettveränderungen, Gesichtsanomalien und intellektuelle Entwicklungsverzögerungen.

Allen Erkrankten ist gemeinsam, dass die Störung ohne Chance auf Heilung unaufhaltsam weiter voranschreitet. Alle Symptome verschlimmern sich mit der Zeit. Die Schwerhörigkeit nimmt zu. Bei den schwereren Verlaufsformen sind die Patienten wegen der fortschreitenden Skelettveränderungen später häufig auf den Rollstuhl angewiesen.

Fachleute unterscheiden nach Beginn und Verlauf drei Schweregrade. Die milde Form fällt oft erst nach dem zehnten Lebensjahr auf, schreitet nur langsam voran und geht nicht mit Skelettveränderungen einher. Die mittelschwere Form zeigt sich vor dem zehnten Lebensjahr, führt zu Skelettveränderungen und zu einer langsam zunehmenden Muskelschwäche; im jungen Erwachsenenalter kommt häufig eine Gangunsicherheit durch eine Störung des Kleinhirns (Ataxie) hinzu. Die seltene schwere Form ist bereits im Säuglings- und Kleinkindalter erkennbar, schreitet rasch voran und führt früh zu schweren Beeinträchtigungen. Wie stark die Behinderung ausfällt und ob ein Rollstuhl nötig wird, hängt deshalb wesentlich davon ab, welche dieser Formen vorliegt.

Bei jedem Patienten nimmt die Erkrankung jedoch einen individuellen Verlauf. Einzelne Kinder werden bereits mit einem Klumpfuß geboren. Manche entwickeln innerhalb des ersten Lebensjahres einen Wasserkopf. Aufgrund der Immunschwäche können in den ersten Lebensjahren zahlreiche schlecht heilende Infekte auftreten, die sich ihrerseits wieder prägend auf den allgemeinen Krankheitsverlauf auswirken.

Deformationen der Wirbelsäule mit Ausbildung einer Skoliose und Veränderungen des Brustbeins sind häufig. Es zeigen sich oft ein vergrößerter Schädel, weit auseinanderstehende Zähne, eine vergrößerte Zunge und Kiefernfehlbildungen. Die Motorik ist durch eine bestehende Muskelschwäche und die Skelettanomalien gestört.

In der Mehrzahl der Fälle besteht eine zunehmende Schwerhörigkeit, welche den Einsatz eines Hörgerätes meist notwendig macht. In Einzelfällen kommt es zu äußerst ungewöhnlichen Krankheitsverläufen, die auch mit psychotischen Störungen verbunden sein können.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die α-Mannosidose kann durch die Bestimmung der Enzymaktivität von α-Mannosidase diagnostiziert werden. Ist die Aktivität dieses Enzyms in den Leukozyten sehr gering, handelt es sich um eine α-Mannosidose. Dieses Ergebnis kann auch noch durch einen Gentest bestätigt werden.

Auch eine pränatale Diagnose dieser Erkrankung ist möglich. Wenn im Urin eine erhöhte Menge an Oligosacchariden aus Mannose gemessen wird, handelt es sich um ein Indiz, das auf eine α-Mannosidose hindeuten könnte. Es gibt jedoch auch noch andere Ursachen, die zu diesen erhöhten Werten führen können.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei der α-Mannosidose handelt es sich um eine genetische Erkrankung. Daher können erste Auffälligkeiten bereits unmittelbar nach der Niederkunft vorhanden sein. Auffälligkeiten des Körperbaus, Fehlbildungen oder Anomalien im Bereich des Gesichtes deuten auf eine vorliegende Erkrankung hin. Die Abklärung der Ursache ist notwendig, damit eine Diagnosestellung erfolgen kann. Bei den milderen Formen fällt dagegen zunächst jahrelang nichts auf; sie werden mitunter erst im Schulalter oder noch später bemerkt, etwa wegen einer Schwerhörigkeit oder einer Lernschwäche.

In den meisten Fällen findet die Geburt in Anwesenheit eines Geburtshelferteams statt. Dieses bemerkt etwaige optische Auffälligkeiten des Säuglings und leitet weitere Schritte zur gesundheitlichen Versorgung ein. Im weiteren Verlauf kommt es meist zu Entwicklungsverzögerungen. Die Zusammenarbeit mit einem Arzt ist anzuraten, sobald sich Auffälligkeiten der Bewegungsabläufe oder Einschränkungen der Mobilität zeigen.

Bei einer Schwerhörigkeit, einer Muskelschwäche oder Auffälligkeiten im Bereich von Zähnen und Mund benötigt der Betroffene eine medizinische Versorgung. Menschen, die unter einem schwachen Immunsystem leiden, sollten zudem grundsätzlich die Rücksprache mit einem Arzt suchen. Eine Klärung der Ursache ist notwendig und darüber hinaus sind Vorsichtsmaßnahmen für das Ausbrechen von Folgeerkrankungen rechtzeitig zu treffen.

Darüber hinaus ist Menschen, bei denen innerhalb der Familie die α-Mannosidose diagnostiziert wurde, anzuraten, vor der Planung von Nachwuchs die Rücksprache mit einem Arzt zu suchen. Mögliche Risiken einer Weitervererbung sollten bereits frühzeitig besprochen werden. Auf diesem Weg können schon innerhalb der Schwangerschaft gesonderte medizinische Tests angeboten werden. Ob solche Tests in Anspruch genommen werden und welche Schlüsse ein Paar daraus zieht, entscheidet es allein; die Beratung soll die Entscheidung vorbereiten, nicht vorwegnehmen.

Ein Notfall liegt vor, wenn ein Kind mit α-Mannosidose hohes Fieber mit Atemnot entwickelt, wenn es anhaltend erbricht, wenn der Kopfumfang rasch zunimmt oder wenn ein Krampfanfall, eine zunehmende Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit auftreten. In diesen Fällen ist sofort über die Notrufnummer 112 der Rettungsdienst zu rufen.

Behandlung & Therapie

Eine Heilung der α-Mannosidose ist nicht möglich, da die Erkrankung genetisch bedingt ist. Allerdings werden zur Verbesserung der Lebensqualität vielfältige symptomatische Therapien durchgeführt. So ist es unter Umständen notwendig, bei Gelenkveränderungen orthopädische Korrekturen durchzuführen.

Im Rahmen der Therapie der α-Mannosidose ist auch eine ständige Infektbehandlung notwendig. Proaktiv wird oft Krankengymnastik durchgeführt. Durch die Gabe von Zinksulfat kann bisweilen die Restaktivität von α-Mannosidase erhöht werden, wobei sich jedoch keine langfristigen Erfolge einstellen.

Für einige jüngere Patienten hat sich eine allogene Stammzelltransplantation bewährt. Allerdings darf hier die Erkrankung noch nicht so weit fortgeschritten sein. Auch die Risiken dieser Therapie sind zu beachten. Ein echter vielversprechender Therapieansatz ist die Enzymersatztherapie. In Tierversuchen konnte durch Enzymgaben teilweise die Ansammlung der Mannoseoligosaccharide verringert werden.

Lange Zeit kam die Enzymersatztherapie über dieses Versuchsstadium nicht hinaus. Seit März 2018 ist mit Velmanase alfa jedoch ein künstlich hergestelltes α-Mannosidase-Präparat in der Europäischen Union zugelassen. Die Zulassung gilt ausdrücklich nur für die nicht-neurologischen Krankheitszeichen bei leichter bis mittelschwerer α-Mannosidose; auf die Beeinträchtigung des Gehirns wirkt das Medikament nicht, weil es nicht ins Nervengewebe gelangt. Es wird einmal wöchentlich als Infusion in eine Vene gegeben und muss dauerhaft fortgeführt werden. Geheilt wird die Erkrankung dadurch nicht.


Vorbeugung

Da die α-Mannosidose genetisch bedingt ist, gibt es keine Vorbeugungsmaßnahmen zur Verhinderung der Krankheit. Wenn in der Familie jedoch bereits Fälle dieser Krankheit aufgetreten sind, kann eine humangenetische Beratung Aufschluss über das Risiko für die Nachkommen geben. Auch eine pränatale Diagnostik der α-Mannosidose ist möglich.

Das können Sie selbst tun

Die α-Mannosidose ist eine schwere Erkrankung, die bislang nicht geheilt werden kann. Dennoch können die Patienten einige Maßnahmen ergreifen, um die Beschwerden zu lindern.

Sehstörungen sollten augenärztlich abgeklärt werden; bei der α-Mannosidose kommen unter anderem Trübungen von Hornhaut und Linse vor. Eine Brille kann eine Fehlsichtigkeit ausgleichen, und ein Schielen lässt sich im Kindesalter oft gut behandeln, wenn es früh erkannt wird. Ein „Sehtraining“ ersetzt diese Behandlung nicht. Die vielgestaltigen Fehlbildungen müssen zum Teil operativ behandelt werden. Diese Eingriffe stellen vor allem für die jüngeren Patienten eine große Belastung dar. Umso wichtiger sind eine gute Schmerzbehandlung und eine geplante Nachsorge; strenge Bettruhe gehört heute nicht mehr dazu. Nach Operationen wird heute allerdings eine möglichst frühe Mobilisierung angestrebt: Längere Bettruhe schwächt die bei dieser Erkrankung ohnehin beeinträchtigte Muskulatur zusätzlich und wird deshalb nur so lange eingehalten, wie der Eingriff es erfordert. Krankengymnastik und Gesprächstherapien sind wesentliche Bestandteile der Behandlung und können zu Hause von den Betroffenen selbstständig fortgeführt werden.

Wichtig sind außerdem regelmäßige Hörtests und das konsequente Tragen der verordneten Hörgeräte, weil eine unbemerkte Schwerhörigkeit die Sprachentwicklung zusätzlich bremst. Wegen der Infektanfälligkeit sollten die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen vollständig wahrgenommen und Atemwegsinfekte früh ärztlich abgeklärt werden. Der Impfplan gehört jedoch mit dem behandelnden Zentrum abgesprochen: Nach einer Stammzelltransplantation muss er neu aufgebaut werden, und Lebendimpfstoffe sind dann zeitweise nicht erlaubt. Die Betreuung gehört in ein Stoffwechselzentrum, wie es an vielen Universitätskliniken angesiedelt ist; dort erhalten Familien auch die Anschrift von Selbsthilfeorganisationen für seltene Stoffwechselerkrankungen.

Wie viel Hilfe im Alltag nötig wird, hängt stark von der Verlaufsform ab: Bei der milden Form bleiben viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter weitgehend selbstständig. Bei den schwereren Formen sollten sich die Angehörigen frühzeitig über einen Pflegedienst und über die Leistungen der Pflegeversicherung informieren. Sollten die Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen, wird am besten der Arzt konsultiert. Ein Facharzt für erbliche Erkrankungen kann Tipps für eine unterstützende Behandlung geben. Bei Bedarf kann er auch den Kontakt zu anderen Betroffenen herstellen.

Quellen

  • Mayatepek, E. (Hrsg.): Angeborene Stoffwechselkrankheiten.
    ISBN: 9783837415100
  • Vom Dahl, S., Lammert, F., Ullrich, K., Wendel, U. (Hrsg.): Angeborene Stoffwechselkrankheiten bei Erwachsenen.
    ISBN: 9783642451874
  • Zschocke, J., Hoffmann, G.F.: Vademecum metabolicum.
    ISBN: 9783132435506
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
    ISBN: 9783132416871
  • Hoffmann, G.F., Lentze, M.J., Spranger, J., Zepp, F. (Hrsg.): Pädiatrie.
    ISBN: 9783662603062

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