Elektroretinogramm
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Das Elektroretinogramm stellt das Ergebnis einer durchgeführten Elektroretinografie dar, einer speziellen Funktionsuntersuchung der Netzhaut des Auges. Es geht bei der Messung darum, die Funktionstüchtigkeit der Licht-Sinneszellen der Netzhaut (Zapfen und Stäbchen) zu überprüfen. Gemessen werden die Elektroimpulse, die aufgrund vorgegebener Lichtreize von den Stäbchen und Zapfen erzeugt und im Elektroretinogramm festgehalten werden.
Was ist das Elektroretinogramm?
In der Netzhaut (Retina) des menschlichen Auges befinden sich zwei unterschiedliche Typen von Photorezeptoren, Sinneszellen, die auftreffende Lichtreize in elektrische Nervenimpulse umwandeln und zur Bilderstellung und „Bildbearbeitung“ über den Sehnerven (Nervus opticus) weiterleiten. Hauptsächlich im Bereich des Gelben Flecks (Makula/ Fovea), der Zone schärfsten Sehens und des Farbsehens, sind drei verschiedene Typen von Photorezeptoren (Zapfen) angesiedelt.
Sie sind für das Farbsehen im Tageslicht verantwortlich und entsprechend wenig lichtempfindlich. Im Gegensatz dazu sind die hoch lichtempfindlichen Stäbchen für das Sehen bei schwachen Lichtverhältnissen zuständig. Die Stäbchen sind hauptsächlich außerhalb des Gelben Flecks konzentriert und zuständig für monochromatisches, unscharfes, Sehen bei Nacht. Mittels Elektroretinografie können die ordnungsgemäße Funktion der Photorezeptoren überprüft und bestimmte Krankheiten diagnostiziert werden. Das Ergebnis der Elektroretinografie wird im Elektroretinogramm (ERG) festgehalten.
Aufgrund der sehr unterschiedlichen Lichtempfindlichkeit zwischen Zapfen und Stäbchen, wird zwischen helladaptierten (photopischen) Bedingungen zur Überprüfung der Zapfen und dunkeladaptierten (skotopischen) Bedingungen zur Überprüfung der Stäbchen unterschieden. Die von den Photorezeptoren in elektrische Nervenimpulse umgewandelten Lichtreize werden von Elektroden aufgenommen und im ERG aufgezeichnet. Das gängigste Verfahren besteht darin, winzige Gold- oder Platinelektroden in den Bindehautsack einzubringen ohne direkten Kontakt zur Hornhaut.
Die früher angewandten Methoden, Elektroden in einem aufwändigen Verfahren direkt auf der Netzhaut zu platzieren oder Kontaktlinsen mit eingearbeiteten Elektroden zu verwenden, kommen heute nur noch selten zur Anwendung. Ein Verfahren, die Elektroden auf die Haut zu kleben, hat sich aufgrund ungenauer Ergebnisse als nicht effizient erwiesen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Das gesamte Gesichtsfeld wird weißen Lichtblitzen mit variabler Helligkeit und variabler Frequenz ausgesetzt. Spezielle Erkrankungen der Makula können nicht erkannt werden. Bei dem zweiten Verfahren, dem Muster-ERG, werden markante kontrastreiche, meist schachbrettartige Muster in Schwarz-Weiß eingespielt und die Farben innerhalb einer Minute dreimal umgekehrt. Mit dem Verfahren können Funktionsanomalien im Bereich der Makula erkannt werden. Die dritte Variante ist das multifokale ERG, bei dem jeweils kleine sechseckige Bereiche der Netzhaut belichtet werden. Auch dieses Verfahren lässt mögliche Funktionsstörungen im Bereich des Gelben Flecks erkennen. Die verschiedenen ERG-Verfahren stellen ein effektives Diagnoseverfahren dar, um ererbte oder erworbene Krankheiten der Netzhaut und der Aderhaut zu erkennen.
Zusätzlich werden ERG-Verfahren auch zur Verlaufskontrolle nicht heilbarer Netzhauterkrankungen und im positiven Fall zur Überwachung von Therapiefortschritten eingesetzt. Die wichtigste und am häufigsten auftretende Erbkrankheit, die eine allmähliche Degeneration der Netzhaut verursacht, ist die Retinitis pigmentosa, die beide Arten von Photorezeptoren betrifft, meist beginnend an den Stäbchen und eine allmähliche Verschlechterung des Sehvermögens bis zur völligen Erblindung zur Folge hat. Auch andere, zum Teil sehr seltene degenerative Erkrankungen der Netz- oder Aderhaut, die durch genetische Defekte verursacht werden, können durch ein ERG diagnostiziert werden.
Beispiele hierfür sind die juvenile Makuladegeneration, die ausschließlich den Gelben Fleck betrifft oder die Zapfendystrophie, eine Erbkrankheit, in deren Verlauf besonders die für das Farbsehen und das Sehen bei Tageslicht wichtigen Zapfen degenerieren und funktionsuntüchtig werden. Einige erworbene Funktionsstörungen und Krankheiten der Netz- und Aderhaut können ebenfalls per ERG diagnostiziert werden. Beispielsweise lassen sich eine Netzhautentzündung (Retinitis), Netzhautablösungen (Ablatio retinae) und die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) diagnostizieren.
Auch bei Verdacht auf Schädigungen der Netzhaut durch chronischen Bluthochdruck (hypertensive Retinopathie) oder bei Verdacht auf eine diabetische Retinopathie kann das ERG einen wichtigen Beitrag zu einer korrekten Diagnose liefern. Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet des ERG liegt in der Erkennung einer Schädigung des Sehnervs durch chronisch erhöhten Augeninnendruck wie er symptomatisch beim Grünen Star (Glaukom) ist. Netzhautschäden, die durch einen Mangel an Vitamin A oder durch unerwünschte Nebenwirkungen bestimmter Medikamente oder durch Toxine ausgelöst werden, können anhand eines ERGs eingegrenzt und diagnostiziert werden.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Alle ERG-Verfahren sind schmerzfrei und können auch als nicht-invasiv eingestuft werden, abgesehen von den feinen Fadenelektroden, die in den Bindehautsack eingebracht werden. In seltenen Fällen kann es passieren, dass die Messergebnisse verfälscht sind, weil die eingebrachten Elektroden verrutscht sind und dieser Umstand nicht bemerkt wurde. In wenigen Fällen kommt es zu leichten Reizungen, Rötungen oder Brennen der Augen, Symptome, die sich in der Regel nach kurzer Zeit von selbst zurückbilden. Weitere Risiken sind nicht erkennbar.
Vorbereitung und Ablauf der Untersuchung
Vor der Messung werden die Pupillen mit Augentropfen weitgestellt, damit möglichst viel Licht auf die Netzhaut fällt und die Reizbedingungen für beide Augen vergleichbar sind. Sollen die Stäbchen beurteilt werden, schließt sich ein Aufenthalt in einem abgedunkelten Raum an: Erst wenn sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hat, erreichen die hoch lichtempfindlichen Zellen ihre volle Empfindlichkeit. Diese Dunkeladaptation ist der Grund, weshalb die Untersuchung insgesamt viel Zeit beansprucht, während die einzelnen Messungen kurz sind.
Werden Elektroden verwendet, die die Hornhaut berühren, wird diese zuvor mit Tropfen betäubt (Lokalanästhesie). Fadenelektroden im Bindehautsack kommen häufig ohne Betäubung aus. Zusätzlich werden Bezugs- und Erdungselektroden auf die Haut an Stirn oder Schläfe geklebt.
Für die Messung stützt der Patient Kinn und Stirn vor einer von innen gleichmäßig beleuchteten Halbkugel, dem sogenannten Ganzfeldstimulator. Er blickt ruhig geradeaus, während Lichtblitze unterschiedlicher Helligkeit und Folge abgegeben werden. Nach dem Dunkelteil folgt eine Phase mit heller Hintergrundbeleuchtung, die die Stäbchen ausblendet, so dass die Zapfen für sich beurteilt werden können. Ruhiges Sitzen und sparsames Blinzeln sind wichtig, weil Lidschläge und Muskelanspannung das schwache Signal überlagern.
Was im Elektroretinogramm abgelesen wird
Die aufgezeichnete Kurve hat einen typischen Verlauf, dessen Abschnitte unterschiedlichen Zellschichten der Netzhaut zugeordnet werden. Auf den Lichtblitz folgt zunächst eine negative Auslenkung, die a-Welle; sie geht auf die Antwort der Photorezeptoren zurück. Ihr schließt sich die positive b-Welle an, die in der inneren Netzhaut entsteht, vor allem an den nachgeschalteten Bipolarzellen und den stützenden Müller-Zellen. Auf dem ansteigenden Schenkel der b-Welle liegen kleine, rasche Zacken, die oszillatorischen Potenziale, die ebenfalls der inneren Netzhaut zugerechnet werden.
Beurteilt werden zwei Größen: die Amplitude, also die Höhe der Auslenkung, und die Gipfelzeit, also die Zeit vom Reiz bis zum Maximum. Eine verringerte Amplitude spricht dafür, dass weniger funktionsfähige Zellen antworten; eine verzögerte Gipfelzeit spricht für eine verlangsamte Verarbeitung.
Aufschlussreich ist vor allem das Verhältnis der Wellen zueinander, weil es die Etage der Störung eingrenzt. Sind die Photorezeptoren selbst betroffen, fallen a- und b-Welle gemeinsam ab. Bleibt die a-Welle dagegen erhalten, während die b-Welle vermindert ist, liegt die Störung hinter den Sinneszellen in der Signalweitergabe – eine Konstellation, die etwa bei bestimmten angeborenen Formen der Nachtblindheit auftritt. Auch die Trennung zwischen Stäbchen- und Zapfensystem, die über Dunkel- und Helladaptation erreicht wird, dient dieser Zuordnung: Bei einer angeborenen Farbsinnstörung und bei Erkrankungen des Gelben Flecks steht die Zapfenantwort im Vordergrund, bei Nachtsehstörungen die Stäbchenantwort.
Standardisierung und Vergleichbarkeit
Ein Elektroretinogramm ist nur so aussagekräftig wie die Bedingungen, unter denen es aufgezeichnet wurde. Reizstärke, Hintergrundhelligkeit, Dauer der Adaptation, Elektrodentyp und Filtereinstellungen beeinflussen das Ergebnis erheblich. Damit Befunde zwischen Untersuchungszeitpunkten und zwischen Einrichtungen überhaupt vergleichbar sind, richten sich die Abläufe nach international abgestimmten Vorgaben; maßgeblich sind die Standards der International Society for Clinical Electrophysiology of Vision, die einzelne Messprotokolle und ihre Randbedingungen festlegen.
Zusätzlich arbeitet jedes Labor mit eigenen Normwerten, die an einer gesunden Vergleichsgruppe unter der dort verwendeten Technik gewonnen wurden. Für Verlaufskontrollen bedeutet das eine praktische Konsequenz: Wiederholungsmessungen sind am aussagekräftigsten, wenn sie in derselben Einrichtung und mit demselben Verfahren erfolgen. Werte aus verschiedenen Quellen lassen sich nicht ohne Weiteres nebeneinanderlegen.
Wer die Untersuchung durchführt
Die Elektroretinografie ist keine Routineleistung der augenärztlichen Grundversorgung. Sie erfordert einen abschirmbaren Raum, einen Ganzfeldstimulator, empfindliche Verstärker und geschultes Personal und wird deshalb überwiegend an Augenkliniken sowie in spezialisierten Praxen und Sehzentren angeboten. Durchgeführt wird die Messung meist von medizinisch-technischem Personal, während die Auswertung beim Augenarzt liegt; in vielen Häusern hat sich die Netzhautelektrophysiologie zu einem eigenen Schwerpunkt entwickelt, der Elektroretinogramm, Elektrookulografie und visuell evozierte Potenziale zusammenführt.
Die Untersuchung findet ambulant statt und ist bei entsprechender ärztlicher Fragestellung eine Leistung der Krankenversicherung. Da spezialisierte Einrichtungen nicht flächendeckend vorhanden sind, ist mit Wartezeiten und mit einer Anfahrt zu rechnen. Wegen der nachwirkenden Pupillenerweiterung und der Adaptationsphasen sollte für den Termin ausreichend Zeit eingeplant und die Rückfahrt vorab geregelt werden.
Besonderheiten bei Kindern
Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern ist das Verfahren wertvoll, weil es keine Auskunft des Untersuchten verlangt. Der Verdacht auf eine Netzhauterkrankung entsteht in diesem Alter oft indirekt: durch fehlenden Blickkontakt, durch auffälliges Augenzittern, durch ein Kind, das sich im Dämmerlicht auffallend unsicher bewegt. Wo die Frage nach dem Sehen nicht beantwortet werden kann, gibt die Messung eine objektive Antwort.
Angepasst werden dafür sowohl die Technik als auch die Erwartung an das Ergebnis. Verwendet werden besonders dünne Faden- oder Hautelektroden, die Abläufe werden gekürzt, und je nach Alter und Mitarbeit erfolgt die Untersuchung in Sedierung oder in Narkose – eine Entscheidung, die der Arzt gegen den erwartbaren Erkenntnisgewinn abwägt und mit den Eltern bespricht. Die Antworten der Netzhaut reifen zudem in den ersten Lebensmonaten noch nach; sie werden deshalb mit altersbezogenen Normwerten verglichen und nicht mit denen Erwachsener.
Was aus einem auffälligen Befund folgt
Ein auffälliges Elektroretinogramm zeigt, dass eine Funktionsstörung besteht und in welcher Schicht der Netzhaut sie am ehesten liegt. Es sagt in der Regel nicht, wodurch sie verursacht ist. Der Befund ist deshalb ein Zwischenschritt und kein Abschluss.
Weiterführend kommen die Spiegelung des Augenhintergrundes, die Untersuchung des Gesichtsfeldes (Perimetrie), Schichtaufnahmen der Netzhaut mittels optischer Kohärenztomographie sowie Verfahren zur Darstellung der Netzhautgefäße in Betracht. Ergibt sich der Verdacht auf eine erbliche Netzhautdystrophie, schließen sich eine humangenetische Beratung und gegebenenfalls eine molekulargenetische Untersuchung an. Sie ist auch für Angehörige von Bedeutung und kann darüber entscheiden, ob eine gezielte Behandlung überhaupt in Frage kommt.
Für einen erheblichen Teil der erblichen Netzhauterkrankungen steht bislang keine ursächliche Behandlung zur Verfügung. Der Befund behält seinen Wert dennoch: Er ordnet die Beschwerden ein, erlaubt eine Einschätzung des zu erwartenden Verlaufs und ist Grundlage für praktische Entscheidungen – für vergrößernde Sehhilfen und andere Hilfsmittel, für Nachteilsausgleiche in Ausbildung und Beruf, für die Beurteilung der Eignung zum Führen eines Fahrzeugs und für die Anbindung an Beratungsstellen.
Grenzen des Verfahrens
Das Ganzfeldverfahren summiert die Antworten der gesamten Netzhaut. Weil der Gelbe Fleck nur einen kleinen Teil ihrer Fläche einnimmt, kann eine auf ihn beschränkte Schädigung in der Gesamtkurve untergehen, obwohl sie das Sehen im Alltag stark beeinträchtigt. Genau dafür gibt es die auf einzelne Bereiche gerichteten Varianten des Verfahrens.
Nicht erfasst wird alles, was hinter der Netzhaut liegt. Erkrankungen des Sehnervs und der Sehbahn im Gehirn schlagen sich im Elektroretinogramm nicht nieder; dafür werden die visuell evozierten Potenziale abgeleitet, die die Antwort der Sehrinde messen. Ein normales Elektroretinogramm bedeutet deshalb nicht, dass das Sehen in Ordnung ist.
Trübungen im Strahlengang dämpfen das Signal und können ein zu schlechtes Ergebnis vortäuschen; das gilt für einen ausgeprägten Grauen Star ebenso wie für eine Einblutung in den Glaskörper. Störanfällig ist die Messung außerdem gegenüber Unruhe, häufigem Lidschlag und schlecht sitzenden Elektroden. Die Beurteilung der Kurve setzt daher Erfahrung voraus, und ein unerwarteter Befund wird eher wiederholt als sofort als Krankheitszeichen gewertet.
Nach der Untersuchung
Die weitgestellten Pupillen wirken für mehrere Stunden nach. In dieser Zeit sind die Betroffenen blendempfindlich und sehen in der Nähe unscharf, so dass Lesen und Bildschirmarbeit erschwert sind. Ein Fahrzeug sollte in diesem Zustand nicht geführt werden; eine Begleitperson und eine Sonnenbrille sind sinnvoll.
Wurde die Hornhaut betäubt, ist der Schutzreflex des Auges vorübergehend außer Kraft gesetzt. Bis die Betäubung nachgelassen hat, sollte das Auge deshalb nicht gerieben werden, weil Verletzungen sonst nicht bemerkt würden. Ein kurzzeitiges Fremdkörpergefühl, leichtes Brennen oder eine Rötung nach dem Entfernen der Elektroden sind nicht ungewöhnlich und klingen üblicherweise rasch ab. Halten Schmerzen, Rötung oder eine Sehverschlechterung an, ist eine augenärztliche Kontrolle angezeigt.
Quellen
- Grehn, F.: Augenheilkunde.
ISBN: 9783662591536
- Lang, G. K., Lang, S. J., Lang, G. E., et al.: Augenheilkunde.
ISBN: 9783132454446
- Pape, H.-C., Kurtz, A., Silbernagl, S. (Hrsg.): Physiologie.
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- Speckmann, E.-J., Hescheler, J., Köhling, R. (Hrsg.): Physiologie.
ISBN: 9783437411045
- Bischoff, C., Buchner, H. (Hrsg.): SOPs Neurophysiologische Diagnostik.
ISBN: 9783132410596
