Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Mit der Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung spezifiziert der Arzt eine Sprechstörung im Zusammenhang mit einer Schädigung des Gehirns oder der Gesichtsnerven, indem er den Patienten in zehn Einzelbereichen bestimmte Bewegungen oder Äußerungen mit den Lippen, dem Gaumensegel, dem Kiefer oder der Zunge ausführen lässt.
Er beurteilt im Testverfahren auch die Stimme, die Respiration (Atmung), die Reflexe und die Verständlichkeit auf einer Skala von eins bis neun, wobei die Ergebnisse als Säulendiagramm festgehalten werden und eine nähere Einordnung der Lähmungsursache sowie der Dysarthrieform zulassen. Das Diagnostikinstrument ermöglicht so die Entscheidung für eine bestimmte Sprachtherapie und die Verlaufskontrolle während der Therapie.
Was ist die Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung?
Die Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung ist ein Test zur Einschätzung von sämtlichen Arten der Dysarthrie. Unter Dysarthrien versteht der Mediziner Sprechstörungen, die mit einer Schädigung des Gehirns oder der fazialen Nerven in Zusammenhang stehen; das Sprachverständnis ist dabei nicht beeinträchtigt.
Bei dem Testverfahren handelt es sich vorwiegend um ein Diagnostikinstrument, das die jeweilige Störung differenziert beschreibt und damit in eine Unterform des Sammelbegriffs Dysarthrie einordnet. Durch diese differenzierte Einordnung werden die Stärken und Schwächen des Patienten dokumentiert, sodass der Sprachtherapeut eine geeignete Therapiemethode zur Verbesserung des Sprachbilds auswählen kann.
Der Test wurde von Pamela M. Enderby am Frenchay Hospital in England entwickelt, von einem Hamburger Logopäden übersetzt und erprobt. 1991 erschien im Gustav Fischer Verlag eine erste Ausgabe des Untersuchungsverfahrens in deutscher Sprache.
Funktion, Wirkung & Ziele
Zu den Einzeltestbereichen des Verfahrens zählen Reflexe, Respiration, Lippenbewegung, Kiefer, Gaumensegel, Stimme, Zunge, Verständlichkeit, beeinflussende Faktoren und andersartige Faktoren. Neben Handanweisungen, einem Formblatt und einem Spatel benötigt der Tester eine Stoppuhr, ein Wasserglas, Kekse und Wort- sowie Satzkarten zur Durchführung. Mit einem Aufnahmegerät zeichnet er die Ergebnisse auf.
Der Arzt führt den Test nach einem Manual durch. Dieses Manual umfasst spezifische Anweisungen, die durch eine Skalierung den Grad der Leistungsunterschiede dokumentierbar machen. In einer Tabelle sind heterogene Untertests festgehalten, sodass sich von der nichtsprachlichen motorischen Leistung des Patienten bis hin zu visuellen Beobachtungen am Patienten viele Einzelbeobachtungen festhalten und eventuell auf dem Formblatt ergänzen lassen.
Zur Überprüfung der Reflexe lässt der Arzt den Patienten zum Beispiel husten und schlucken. Die Respiration beurteilt er auf der Skala von eins bis neun an der Atmung während des Sprechens, aber auch in Ruhe. Bei der Beurteilung der Lippenbewegungen lässt der Mediziner den Patienten die Lippen zum Beispiel breit ziehen und alternierende Lippenbewegungen ausführen. Die motorische Funktionstüchtigkeit des Kiefers wird in Ruhe sowie beim Sprechen beurteilt. Für eine Einschätzung der Gaumensegelmotorik muss der Patient neben dem Sprechen außerdem essen.
Im Bereich der Stimme gebührt unter anderem der Stimmstärke, der Tonhaltefähigkeit sowie der Tondifferenzierung besondere Aufmerksamkeit. Die Zunge wird im Laufe des Tests herausgestreckt, gehoben, in alternierenden sowie lateralen Bewegungen bewegt und beim Sprechen beobachtet. Um die Verständlichkeit in die Testergebnisse mit aufzunehmen, beurteilt der Arzt außerdem die Spontanaussprache und die Ausdrucksfähigkeit von Wörtern und ganzen Sätzen.
Zu den beeinflussenden Faktoren während der Untersuchung zählen neben der allgemeinen Konstitution das Gehör, die Zähne und die Haltung. Andersartige Faktoren können die Sprechgeschwindigkeit oder die kinästhetische Wahrnehmung sein.
Auf Basis des erstellten Säulendiagramms ordnet der Arzt die jeweilige Störung in einen von fünf Dysarthrie-Bereichen ein, was ihm einen Rückschluss auf die Ursache der Lähmung ermöglicht. So kann er zum Beispiel Läsionen der oberen Motoneuronen vermuten, falls das Testverfahren eine spastische Dysarthrie ergeben hat. Gemischte Läsionen der oberen und unteren Motoneuronen lassen sich dagegen für eine gemischte Dysarthrie vermuten. Extrapyramidale Störungen hängen demgegenüber oft mit einer hypokinetischen Dysarthrie zusammen. Falls die Dysarthrie in den Bereich der Ataktik eingeordnet wird, kann von zerebellären Funktionsstörungen ausgegangen werden, während bei einer schlaffen Dysarthrie vermutlich eher Läsionen der unteren Motoneuronen vorliegen.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Da dem Test Normwerte des englischsprachigen Raums zu Grunde liegen, eignet sich das originale Verfahren nicht als Diagnostikinstrument für den deutschen Sprachraum. Innerhalb Deutschlands verwenden Mediziner zur Dysarthrie-Diagnostik meist eher die für den Einsatz hierzulande entwickelten Aachener Materialien zur Diagnostik Neurogener Sprechstörungen.
Als Vorteile des Frenchay-Dysarthrie-Tests werden geprüfte Testgütekriterien beschrieben, die sowohl die Reliabilität als auch Validität und klinische Validität umgreifen. Außerdem soll das Verfahren eine Profildarstellung zulassen und Hinweise auf Zusatzbeobachtungen beinhalten, die ein Gesamtbild des Patienten ergeben.
Da der Test aber sowohl auf ätiologischen, als auch symptomatischen Grundlagen aufbaut, ist er zum Teil in Kritik geraten. So sei in der Klinik eine rein symptomatische Einteilung nach tatsächlichen Bewegungsstörungen sinnvoller. Kritikwürdig ist davon abgesehen die Tatsache, dass der Test die Respiration und die Phonation ungleich weniger beachtet, als die Prosodie, die Mundmotorik und die Reflexe. Obwohl die Untersuchung so in erster Linie nichtsprachliche Störungen überprüft, wird sie in den deutschen Heilmittelrichtlinien als einziges Beispiel für eine standardisierte Dysarthrie-Diagnostik genannt.
Rahmen und Ablauf der Untersuchung
Durchgeführt wird die Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung in aller Regel von einer Sprachtherapeutin oder einem Logopäden, häufig auf ärztliche Veranlassung hin. Der Rahmen richtet sich nach der Situation: In der Akutversorgung nach einem Schlaganfall findet die Erhebung am Krankenbett oder in einem Untersuchungsraum der Station statt, in der Rehabilitation und in der ambulanten Versorgung in den Räumen der Praxis oder der Einrichtung. Ein besonderer technischer Aufwand ist nicht nötig; benötigt werden die Testunterlagen, die im Verfahren vorgesehenen Hilfsmittel und ein ruhiger Raum, in dem Nebengeräusche die Beurteilung von Stimme und Verständlichkeit nicht stören.
Eine Vorbereitung im engeren Sinne ist nicht erforderlich. Sinnvoll ist es, Hörhilfen, Brille und Zahnersatz zur Untersuchung mitzubringen, weil Zähne und Gehör als beeinflussende Faktoren ausdrücklich zum Testumfang gehören und ihr Fehlen das Ergebnis verzerren würde. Da die Beurteilung auch das Sprechen im Zusammenhang umfasst, ist es hilfreich, wenn die untersuchte Person ausgeruht ist; Erschöpfung wirkt sich auf Atemführung, Stimmstärke und Artikulation unmittelbar aus.
Der Ablauf folgt den vorgegebenen Teilbereichen in fester Reihenfolge. Die untersuchende Person leitet jede Aufgabe an, führt sie bei Bedarf vor und beurteilt anschließend die Ausführung auf der vorgesehenen Skala. Für Betroffene bedeutet das eine Abfolge kurzer, überschaubarer Aufgaben: husten, schlucken, ein- und ausatmen, die Lippen bewegen, den Kiefer öffnen und schließen, die Zunge herausstrecken und bewegen, Wörter und Sätze vorlesen oder nachsprechen, frei erzählen. Schmerzhaft ist nichts davon. Anstrengend kann die Untersuchung dennoch sein, weil sie genau jene Leistungen abverlangt, die durch die Erkrankung beeinträchtigt sind. Pausen sind deshalb Teil des Vorgehens. Wird das Sprechen zu Dokumentationszwecken aufgezeichnet, geschieht das nur mit vorheriger Zustimmung der untersuchten Person; die Aufnahme dient der späteren Beurteilung und dem Vergleich mit einer erneuten Erhebung.
Bei welchen Erkrankungen der Test eingesetzt wird
Eine Dysarthrie ist keine eigenständige Krankheit, sondern die Folge einer Schädigung jener Anteile des Nervensystems, die das Sprechen steuern. Entsprechend breit ist das Feld der Grunderkrankungen. Häufigster Anlass ist der Schlaganfall, gleich ob durch eine Durchblutungsstörung oder eine Hirnblutung verursacht. Ebenfalls regelmäßig betroffen sind Menschen nach einem Schädel-Hirn-Trauma und nach Operationen oder Bestrahlungen im Bereich eines Hirntumors.
Bei den fortschreitenden Erkrankungen des Nervensystems steht der Morbus Parkinson im Vordergrund, bei dem sich das Sprechen typischerweise leiser, undeutlicher und in der Betonung flacher darstellt. Auch die Multiple Sklerose und die Amyotrophe Lateralsklerose gehen häufig mit einer Dysarthrie einher, ebenso Erkrankungen des Kleinhirns, bei denen das Sprechen abgehackt und in der Koordination gestört wirkt. Bei der Myasthenia gravis fällt auf, dass die Verständlichkeit im Verlauf des Sprechens nachlässt und sich nach einer Pause wieder bessert. Im Kindes- und Jugendalter ist die Zerebralparese die wichtigste Ursache. Schädigungen einzelner Hirnnerven, etwa im Sinne einer Fazialisparese, können umschriebene Anteile des Sprechens betreffen.
Für alle diese Konstellationen erfüllt das Verfahren denselben Zweck: Es beschreibt, welche Teilleistungen wie stark betroffen sind, und macht diesen Zustand vergleichbar – gegenüber einer späteren Erhebung an derselben Person und gegenüber dem Muster, das für eine bestimmte Dysarthrieform typisch ist.
Abgrenzung zu ähnlichen Störungsbildern
Für Angehörige ist der Unterschied zwischen einer Dysarthrie und anderen Störungen des Sprechens und der Sprache oft nicht auf Anhieb erkennbar, für die Behandlung ist er aber wesentlich. Bei einer Dysarthrie ist die Ausführung der Sprechbewegungen gestört, nicht die Sprache selbst: Wortschatz, Satzbau und Verständnis bleiben erhalten. Bei einer Aphasie verhält es sich umgekehrt; dort ist der Zugriff auf Wörter und Regeln betroffen, während die Sprechmuskulatur arbeiten kann. Beides kann gleichzeitig vorliegen, etwa nach einem ausgedehnten Schlaganfall, und muss dann getrennt beurteilt werden.
Von beiden zu unterscheiden ist die Sprechapraxie, bei der weder eine Lähmung noch ein Sprachverlust vorliegt, sondern die Planung der Sprechbewegungen misslingt; kennzeichnend sind Suchbewegungen und wechselnde Fehler bei denselben Wörtern. Ebenfalls abzugrenzen ist das Stottern, das einen anderen Entstehungsweg hat. Eng verwandt und häufig gemeinsam auftretend ist dagegen die Schluckstörung, weil Schlucken und Sprechen dieselbe Muskulatur beanspruchen; die Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung berührt diesen Bereich über die Prüfung von Husten, Schlucken und Gaumensegel, ersetzt aber keine eigenständige Untersuchung bei Schluckstörungen.
Nicht jede auffällige Stimme beruht auf einer Dysarthrie. Eine reine Stimmstörung geht auf Veränderungen an den Stimmlippen oder auf eine ungünstige Stimmgebung zurück und betrifft Klang, Belastbarkeit und Tonhöhe, ohne dass die Beweglichkeit von Lippen, Kiefer und Zunge eingeschränkt wäre. Ein auffälliges Näseln wiederum entsteht, wenn sich der Nasenraum beim Sprechen nicht ausreichend abschließen lässt, und kann sowohl bauliche als auch nervlich bedingte Ursachen haben. Die Frenchay-Dysarthrie-Untersuchung erfasst Stimme und Gaumensegel als eigene Teilbereiche und trägt damit zur Unterscheidung bei; die abschließende Klärung erfordert jedoch eine Untersuchung des Kehlkopfs und des Rachens durch die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Was das Ergebnis bedeutet
Das Ergebnis der Untersuchung ist kein einzelner Wert, sondern ein Profil. Es zeigt, welche Teilbereiche nahe am oberen Ende der Skala liegen und welche deutlich abfallen. Erst die Gestalt dieses Profils erlaubt die Zuordnung zu einer Dysarthrieform, und aus dieser Zuordnung ergibt sich eine Vermutung über den Ort der zugrunde liegenden Schädigung. Diese Vermutung ersetzt keine Bildgebung und keine neurologische Untersuchung; sie ordnet das Beschwerdebild ein und lenkt die weitere Abklärung.
Ein weitgehend unauffälliges Profil bedeutet, dass sich in den geprüften Teilleistungen keine deutliche Beeinträchtigung zeigt. Es schließt eine Erkrankung des Nervensystems nicht aus. Eine leichte Dysarthrie kann sich in einem standardisierten Testablauf der Beobachtung entziehen und erst dann auffallen, wenn längere Zeit gesprochen wird, wenn die Sprechgeschwindigkeit steigt oder wenn Erschöpfung hinzukommt. Auch eine Störung, die überwiegend die Betonung und den Sprechrhythmus betrifft, bildet sich in einer Beurteilung einzelner Bewegungen nur unvollständig ab. Umgekehrt ist ein auffälliges Profil für sich genommen noch keine Aussage über die Ursache: Ein schlecht sitzender Zahnersatz, eine ausgeprägte Mundtrockenheit oder eine Schwerhörigkeit können Teilbereiche verschlechtern, ohne dass eine Schädigung der Sprechsteuerung vorliegt.
Aus diesem Grund wird das Ergebnis stets zusammen mit der Vorgeschichte, dem klinischen Eindruck und den übrigen Befunden bewertet. Ein Profil, das nicht zum Gesamtbild passt, ist ein Anlass, die Untersuchung zu wiederholen, nicht ein Grund, das Gesamtbild zu ändern.
Was nach der Untersuchung folgt
Die Untersuchung ist ein Ausgangspunkt für die Behandlung. Aus dem Profil ergibt sich, an welchen Teilleistungen eine Sprachtherapie ansetzt: an der Atemführung und der Stimmgebung, an der Beweglichkeit von Lippen, Kiefer und Zunge, an der Deutlichkeit der Aussprache, am Sprechtempo oder an der Betonung. Bei fortschreitenden Erkrankungen tritt neben das Üben die Anpassung: Strategien, die die Verständlichkeit im Alltag erhöhen, die Beratung von Angehörigen und, wenn das Sprechen nicht mehr ausreicht, die Versorgung mit Hilfsmitteln der unterstützten Kommunikation. Häufig arbeiten Sprachtherapie, Physiotherapie und Ergotherapie dabei zusammen.
Da das Verfahren ausdrücklich auch zur Verlaufskontrolle vorgesehen ist, wird es im Behandlungsverlauf wiederholt. Der Vergleich zweier Profile zeigt, ob sich einzelne Teilbereiche verändert haben, und dient damit zugleich der Begründung, eine Behandlung fortzuführen, umzustellen oder zu beenden. Für Betroffene hat dieser Vergleich einen weiteren Nutzen: Er macht Fortschritte sichtbar, die im Alltag leicht untergehen, weil sie sich langsam einstellen.
Wie viele Behandlungseinheiten sich anschließen und in welchem Abstand die Untersuchung wiederholt wird, richtet sich nach der Grunderkrankung, dem Verlauf und den geltenden Regelungen zur Verordnung von Heilmitteln. Angaben dazu lassen sich nicht allgemein machen und werden mit der behandelnden Praxis oder Einrichtung besprochen.
Quellen
- Wendler, J. (Hrsg.): Lehrbuch der Phoniatrie und Pädaudiologie.
ISBN: 9783131022950
- Probst, R., Grevers, G., Iro, H.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783131190338
- Masuhr, K. F., Masuhr, F., Neumann, M.: Neurologie.
ISBN: 9783131359476
- Lenarz, T., Boenninghaus, H.-G.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
ISBN: 9783642211300
- Lehnhardt, E., Laszig, R. (Hrsg.): Praxis der Audiometrie.
ISBN: 9783133690096
