Münchhausen-Syndrom

Unter dem Münchhausen-Syndrom wird eine psychische Störung verstanden. Dabei erfinden die betroffenen Personen Krankheiten und Beschwerden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Münchhausen-Syndrom?

Das Hauptsymptom des Münchhausen-Syndroms ist das Erfinden von Lügengeschichten über den eigenen Gesundheitszustand. Dabei suchen die Patienten einen Arzt auf und beschreiben ihm Beschwerden, unter denen sie gar nicht oder kaum leiden.
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Das sogenannte Münchhausen-Syndrom zählt zu den artifiziellen Störungen. Es ist auch als Koryphäen-Killer-Syndrom bekannt. Typisches Merkmal der psychischen Störung ist das absichtliche Erfinden von Erkrankungen und physischen Beschwerden. Diese werden von den Betroffenen dramatisch, aber durchaus plausibel, dargestellt.

Als Sonderform gilt das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Dabei wird der Schaden nicht dem Patienten selbst, sondern einem Stellvertreter zugefügt. Dabei handelt es sich in der Regel um nahe Angehörige wie die eigenen Kinder. Die Bezeichnung Münchhausen-Syndrom wurde erstmals 1951 von dem englischen Psychiater Richard Asher (1912-1969) gebraucht. Als Namensgeber diente der berühmte Lügenbaron Münchhausen, der seine Zuhörer immer wieder mit seinen Lügengeschichten in den Bann zog.

Ursachen

Mediziner führen die Entstehung des Münchhausen-Syndroms auf heftige traumatische Erfahrungen in der Kindheit der betroffenen Person zurück. So wurden manche Patienten das Opfer von körperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Aber auch Vernachlässigung kann eine bedeutende Rolle spielen. So leiden viele Betroffene unter einem Mangel an Zuwendung oder fühlen sich zu wenig beachtet.

Ein typisches Merkmal des Münchhausen-Syndroms ist der häufige Aufenthalt der Patienten in Arztpraxen oder Krankenhäusern. Während normale Patienten diese Einrichtungen nicht gerne aufsuchen, begeben sich Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom durchaus mit Freude dorthin. Auf diese Weise beabsichtigen sie, die Zuwendung, die ihnen bisher nicht zuteil wurde, auszugleichen. Um finanzielle Vorteile oder Krankschreibungen geht es ihnen dabei nicht.

Vielmehr erleben sie durch die zahlreichen Untersuchungen eine Form von Zuwendung, die sie genießen. Besonders betroffen vom Münchhausen-Syndrom sind ältere Menschen, denen es an Familie oder sozialen Kontakten mangelt. Stattdessen nehmen sie den Arzt oder das Pflegepersonal als Helfer wahr. Dabei steigern sich die Betroffenen mitunter derart in ihre Krankengeschichten hinein, dass sie sogar ins Krankenhaus kommen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Hauptsymptom des Münchhausen-Syndroms ist das Erfinden von Lügengeschichten über den eigenen Gesundheitszustand. Dabei suchen die Patienten einen Arzt auf und beschreiben ihm Beschwerden, unter denen sie gar nicht oder kaum leiden. Nicht selten werden Wahrheit und Unwahrheit miteinander vermischt. Außerdem kommt es häufig zum Abbruch von sozialen Kontakten. Auch Ärzte und Kliniken werden wiederholt ausgetauscht. Nicht selten folgen dabei exzessive Reisen.

Dabei hat der Patient das ständige Verlangen, einen Arzt aufzusuchen und die Rolle des Kranken einzunehmen. In manchen Fällen gehen die Patienten sogar soweit, sich selbst körperlichen Schaden zuzufügen. Dazu gehören das Beibringen von Schürf- oder Schnittwunden, das Einspritzen von infektiösen Stoffen, sowie das Injizieren von Insulin, um eine Unterzuckerung hervorzurufen. Außerdem werden Schmerzen vorgetäuscht und operative Eingriffe verlangt, die gar nicht nötig sind.

Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom erleidet nicht der Betroffene selbst diese Schädigungen, sondern ein Stellvertreter wie ein Kind. Meist handelt es sich bei den ausübenden Personen um die Mütter, die die Messdaten ihrer Kinder fälschen, ihnen Medikamente wie Abführmittel darreichen oder Zucker in eine Urinprobe mischen, damit der Arzt an eine Krankheit glaubt.

In Extremfällen werden dem Kind sogar Knochen gebrochen, was eine schwere Form von Kindesmisshandlung darstellt. Problematischerweise arbeiten einige Menschen, die unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden, selbst in medizinischen Berufen, wodurch es ihnen leichter fällt, Erkrankungen vorzutäuschen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das Münchhausen-Syndrom zu diagnostizieren, ist nicht einfach. Da die Betroffenen ihre Beschwerden täuschend echt vorbringen, fällt es schwer, ihnen Absicht zu unterstellen. Als Indiz für die psychischen Störungen gilt das ständige Beklagen von Symptomen. Häufig kommt es dabei zu Abweichungen und immer wieder neuen Versionen.

Kann der Arzt jedoch keine Grundlage für die vorgebrachten Symptome entdecken, wechseln die Betroffenen ihn zumeist rasch aus und beginnen ihr Spiel wieder von vorne. Ein weiterer Hinweis ist das Vermeiden von Treffen mit Verwandten oder Freunden in einem Krankenhaus. Oftmals werden auch überhaupt keine Bezugspersonen angegeben.

In manchen Fällen kann das Münchhausen-Syndrom schwere Folgen für die Betroffenen haben. So besteht unter anderem die Gefahr von unnötigen operativen Eingriffen, die wiederum gesundheitliche Schäden hervorrufen. Auch Selbstverletzungen des eigenen Körpers haben mitunter erhebliche Beeinträchtigungen zur Folge. Schließlich drohen soziale Probleme, wenn der Schwindel letztlich auffliegt. In der Regel nimmt das Münchhausen-Syndrom einen chronischen Verlauf.

Komplikationen

Menschen mit einem Münchhausen-Syndrom sind schwierig zu behandeln. Sie schrecken beim Vortäuschen von Krankheiten auch nicht davor zurück, sich selbst zu schädigen. Sie suchen bevorzugt Notfallsprechstunden im Krankenhaus auf und tragen ihre Symptome vor, weil sie wissen, dass Notfallmediziner sie aufgrund der umfassend vorgetragenen Beschwerden eingehender untersuchen müssen und sie deshalb erst einmal stationär aufnehmen.

In den meisten Fällen haben sich die Erkrankten ausgiebig mit medizinischer Fachliteratur beschäftigt und liefern die Erklärung für ihre Beschwerden gleich mit. Um eine stationäre Einweisung zu erreichen, sind sie sehr kreativ im Vortäuschen von Krankheitssymptomen und schrecken dabei vor nichts zurück. Sie verätzen ihre Haut durch Säure, führen selbst Quetschungen herbei, sorgen künstlich für Fieber, hemmen medikamentös die Blutgerinnung und spritzen sich sogar Insulin, um eine Unterzuckerung zu simulieren.

Meistens haben sie kurzfristig Erfolg damit, aber Ärzte durchschauen diese Strategie schnell und versuchen, eine psychotherapeutische Behandlung einzuleiten. Doch dafür sind diese Menschen nicht zugänglich. Sie wollen nicht behandelt und geheilt werden, sondern Aufmerksamkeit, die sie nicht mehr bekommen, wenn sie geheilt werden. Das wissen sie und wechseln deshalb häufig den Arzt. Ihr selbstschädigendes Verhalten kann gefährliche Ausmaße annehmen, wenn sie zum Beispiel eine Sepsis manipulieren. Menschen mit Münchhausen-Syndrom sind auch in erhöhtem Maße selbstmordgefährdet.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das Münchhausen-Syndrom ist eine schwer zu diagnostizierende psychische Erkrankung. Zudem mangelt es dem Betroffenen an einer Krankheitseinsicht. Oft wird in diesen Fällen die Hilfe und Mitarbeit von Familienmitgliedern, Freunden oder Menschen aus dem sozialen Umfeld benötigt. Da die Erkrankten sich permanent in eine wechselnde ärztliche Behandlung begeben und Krankheiten oder Verletzungen vortäuschen, ist es den behandelnden Ärzten oft nicht möglich, die notwendigen Schritte einzuleiten. Aufgrund der Schweigepflicht und einem nicht vorhandenen Austausch zwischen Arztpraxen untereinander, bleiben Zusammenhänge verborgen und erschweren eine Krankheitsfeststellung.

Ein Arzt sollte von Angehörigen aufgesucht werden, sobald sie bemerken, dass die betroffene Person regelmäßig lügt oder sich selbst einen gesundheitlichen Schaden zufügt. Wird einer dritten Person durch den Erkrankten Schaden zugefügt, muss unverzüglich gehandelt werden. Da die Betroffenen ihre Vorhaben gut planen und verschleiern können, werden Unregelmäßigkeiten oftmals über Jahre oder Jahrzehnte nicht bemerkt. Wird ein regelmäßiger Wechsel an Ärzten oder den Mitgliedern des sozialen Umfeldes wahrgenommen, besteht Anlass zur Besorgnis. Dieser Vorgang ist Anzeichen einer Störung, es sollte ihm vorsichtig und unauffällig nachgegangen werden. Häufig finden Zufallsbefunde statt oder Menschen aus dem Umfeld, die jedoch keinen intimen Kontakt zu dem Betroffenen pflegen, können die entscheidenden Hinweise geben.

Therapie & Behandlung

Obwohl die Beschwerden der Menschen, die unter dem Münchhausen-Syndrom leiden, nur erfunden sind, benötigen sie dennoch eine umfangreiche Therapie. Ihr eigentliches Leiden wird jedoch während der Arztbesuche nicht behandelt. Es ist ein großes Problem, dass sich die Patienten einer Therapie oft entziehen, weil sie deren Notwendigkeit nicht einsehen. Aus diesem Grund muss eine sehr vorsichtige Herangehensweise des Arztes erfolgen.

Außerdem bedarf es meist einer Zusammenarbeit mit einem Psychiater, in deren Rahmen eine stationäre Therapie erfolgt. Gelingt es dabei, ein Vertrauensverhältnis zu dem Patienten herzustellen, kann anschließend eine Psychotherapie durchgeführt werden. Im Laufe der Behandlungen wechseln sich mehrere stationäre und ambulante Phasen ab.

Wichtig ist zudem der sichere Ausschluss von tatsächlichen organischen Erkrankungen. Nicht selten bedarf es auch einer Therapie der physischen Schäden, die sich der Betroffene selbst beigebracht hat. Um den Therapieverlauf zu kontrollieren, wird der Patient eingehend beobachtet und muss verschiedene Fragebögen ausfüllen. Bei manchen Patienten bestehen auch weitere psychische Erkrankungen wie eine Persönlichkeitsstörung, die ebenfalls einer speziellen Therapie bedarf. Hilfreich können zudem die Gabe von Psychopharmaka sowie die Anwendung von Entspannungsmethoden sein.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose beim Münchhausen-Syndrom gilt allgemein als schlecht. Dies ist damit zu begründen, dass Betroffene mit dieser Wahrnehmungsverschiebung überhaupt keine Einsicht zeigen, wenn Sie mit Ihrem Leiden konfrontiert werden. Zwar wird medizinische Hilfe oft in Anspruch genommen. Dies gilt aber allenfalls für (angebliche) Leiden und zum Erhalt von Aufmerksamkeit. Psychotherapeutische Ansätze drängen Betroffene von der Rolle des Fordernden in die Rolle des Hilfsbedürftigen. Dies stößt dann in den meisten Fällen auf Ablehnung.

Zudem werden Ärzte von Betroffenen häufig gewechselt, was sogar den Zeitpunkt einer Verdachtsdiagnose durch den behandelnden Arzt erheblich hinauszögern kann. Kommt es dann so weit, dass ein behandelnder Arzt den Patienten mit einem eventuellen Münchhausen-Syndrom konfrontiert, wechselt dieser zumeist den Arzt.

Weiterhin besteht beim Münchhausen-Syndrom die Möglichkeit, dass es durch eigentlich überflüssige Medikamente oder gar Operationen zu tatsächlichen Schäden kommt. Diese werden in das Verhalten des Betroffenen mit eingeflochten und untermauern das Selbstbild der Rolle als Patient zusätzlich.

Die Aussicht darauf, einen Betroffenen von seinem Münchhausen-Syndrom zu befreien, ist deshalb sehr gering. Es ist in seltenen Fällen so, dass Angehörige oder medizinisches Personal den Betroffenen von seinem Leid überzeugen können oder ihm erklären können, dass er eine psychotherapeutische Behandlung bräuchte.

Vorbeugung

Vorbeugemaßnahmen gegen das Münchhausen-Syndrom sind nicht bekannt.

Nachsorge

In der Regel stehen Betroffenen beim Münchhausen-Syndrom nur eingeschränkte Maßnahmen einer Nachsorge zur Verfügung. Dabei sind Betroffene in erster Linie auf eine frühzeitige Diagnose dieser Krankheit angewiesen, damit eine weitere Verschlechterung der Beschwerden verhindert werden kann. Daher sollten vor allem auch die Angehörigen des Patienten diesen auf die Symptome hinweisen, wobei in einigen Fällen sogar eine Zwangseinweisung in eine geschlossene Klinik notwendig sein kann.

Die Betroffenen sind dabei auf die dauerhafte Unterstützung der eigenen Familie angewiesen. Hierbei wirken sich vor allem liebevolle und intensive Gespräche mit der eigenen Familie sehr positiv auf den weiteren Verlauf der Erkrankung aus. Mit Hilfe von Entspannungsübungen können die Beschwerden ebenso gelindert werden. Viele der Übungen können dabei auch im eigenen Zuhause wiederholt werden, sodass die Behandlung des Münchhausen-Syndroms beschleunigt wird.

Ebenso sollten die Auslöser für dieses Syndrom möglichst verhindert und eingeschränkt werden. In vielen Fällen ist dabei auch der Kontakt zu anderen Betroffenen des Syndroms sinnvoll. Es kommt nicht selten zu einem Austausch an Informationen, welcher den Alltag des Betroffenen erleichtern kann. In der Regel verringert diese Krankheit nicht die Lebenserwartung des Patienten.

Das können Sie selbst tun

Menschen, die unter dem Münchhausen-Syndrom leiden, benötigen eine umfangreiche Therapie. Die Behandlung konzentriert sich darauf, den Betroffenen im alltäglichen Leben zu unterstützen. Freunde und Angehörige können helfen, indem sie Verständnis zeigen und den Betroffenen immer wieder sachlich auf die offensichtlich eingebildeten Beschwerden hinweisen.

In Zusammenarbeit mit einem Psychiater können weitere Maßnahmen ergriffen werden, um die Symptome zu lindern. Langfristig kann nur durch ein umfassendes Therapiekonzept, bestehend aus psychologischen Gesprächen, Entspannungsübungen und einer medikamentösen Behandlung, eine Linderung erzielt werden. Vor allem regelmäßige Entspannung ist wichtig, um Stress und anderen typischen Auslösern entgegenzuwirken. Menschen, die infolge einer traumatischen Erfahrung am Münchhausen-Syndrom erkrankt sind, müssen auf lange Sicht auch die Ursachen aufarbeiten. Dies gelingt durch den Besuch von Selbsthilfegruppen und Therapiegespräche, aber auch durch das Führen eines Tagebuchs oder Gespräche mit einem engen Vertrauten.

Ein Mangel an Zuwendung ist ein häufiger Auslöser für akute Symptome, weshalb Angehörige und Freunde viel Zeit mit dem Erkrankten verbringen sollten. Bei starken Beschwerden kann die vorübergehende Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik sinnvoll sein. Welche Maßnahmen im Detail zu ergreifen sind, kann aufgrund der vielen möglichen Symptome und Ausprägungen des Münchhausen-Syndroms nur ein Facharzt beantworten.

Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Möller. H.-J., Laux, G., Deister, A., Braun-Scharm, H., Schulte-Körne, G.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

Dieser Artikel wurde unter Maßgabe der aktuellen medizinischen Fachliteratur und fundierter wissenschaftlicher Quellen verfasst.
Qualitätssicherung durch: Dr. med. Nonnenmacher
Letzte Aktualisierung am: 18. Januar 2020

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