Paruresis

Letzte Aktualisierung am 21. August 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Für Menschen, die unter Paruresis leiden, ist es schwierig und bisweilen unmöglich, in öffentlichen WC-Anlagen zu urinieren. Knapp 3 Prozent aller Männer sind betroffen, sie konsultieren jedoch aufgrund der Tabuisierung des Problems selten einen Fachmann. Das ist insofern bedauerlich, als es wirksame Methoden zur Bekämpfung der Paruresis gibt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Paruresis?

Paruresis ist eine psychisch bedingte Miktionsstörung. Miktion wird umgangssprachlich auch als „Wasserlassen“ bezeichnet. Betroffene haben Hemmungen, in öffentlichen Toiletten ihre Harnblase zu entleeren. Entweder sie benötigen eine gewisse Zeit, bis es so weit ist oder sie müssen auf Erleichterung verzichten und die Toilette wieder verlassen.

Die Hemmung wird insbesondere durch die Anwesenheit anderer Männer hervorgerufen. Bei dem, was auch schüchterne Blase genannt wird, sind verschiedene Abstufungen und Schweregrade beobachtbar. Manche der betroffenen Männer ziehen es vor, eine Kabine und nicht ein Pissoir aufzusuchen, da sie hier den möglichen Blicken der anderen Toilettenbesucher entzogen sind.

Einige können im Sitzen besser entspannen. Bei schweren Fällen helfen auch diese Maßnahmen nichts mehr und das Urinieren ist nur noch zu Hause möglich. Die Folge ist eine massive Einschränkung der Lebensqualität.

Ursachen

Die Ursache liegt in einer prägenden Situation, die die Betroffenen – meistens in der Pubertät – erlebt und bei der sie Angst, Scham und Stress empfunden haben. Sie haben sich beim Harnlassen beobachtet gefühlt oder wurden ausgelacht, weil sie nicht sofort urinieren konnten.

Dieses Erlebnis kann zur Entwicklung der sogenannten „Erwartungsangst“ beitragen: Es stellt sich Angst ein, beim nächsten Besuch einer öffentlichen Toilettenanlage erneut zu „versagen“. So wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der sich kaum korrigieren lässt. Darüber hinaus kommt es vor, dass psychische Belastungen ohne auslösendes Erlebnis das Problem verursachen können.

Es gelingt nicht, zu entspannen und die Blasenentleerung wird blockiert. Innerer und äußerer Schließmuskel verschließen beim Mann die Harnröhre und sorgen für gewöhnlich dafür, dass sich die Blase nicht gegen den Willen entleert. Beim Toilettengang können Nervosität und Stress jedoch die Entspannung der Schließmuskel und somit die Entleerung der Blase verhindern.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Etwa ein Drittel aller Männer sieht sich gelegentlich mit dem Problem konfrontiert, nicht Wasser lassen zu können, aber jene, die unter einer Paruresis leiden, sind mehrfach leidgeplagt: In Situationen, in denen sie unbedingt urinieren müssen (vor dem Antritt einer längeren Flugreise, während einer Busfahrt), gelingt es ihnen besonders schwer.

Zu den starken körperlichen Beschwerden gesellt sich die psychische Irritation. Erschwerend kommt hinzu, dass andere Menschen das Problem nicht nachvollziehen können und belächeln. Betroffene fühlen sich unverstanden und haben das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Dadurch wächst die Anspannung.

Häufig leiden jene Menschen unter Paruresis, denen einen Hang zu Perfektionismus und zur Selbstbeobachtung eigen ist. Sie legen auch großen Wert darauf, was andere Menschen über sie denken, fühlen sich dadurch aber schnell beobachtet. Und das Gefühl, beobachtet zu werden, spielt bei der schüchternen Blase eine entscheidende Rolle.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Um eine Diagnose zu stellen, ist es zunächst nötig, dass ein Facharzt mögliche körperliche Ursachen (vergrößerte Prostata, Verengung der Harnröhre) ausschließt. Auch diverse Psychopharmaka können für Harnverhaltung verantwortlich sein.

Die Tabuisierung der Krankheit prägt meistens auch ihren Verlauf: Betroffene bemühen sich, sie vor den Mitmenschen zu verheimlichen, sich mit ihr zu arrangieren und sie in ihr Leben zu integrieren. Sie zeigen ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten, das ihre berufliche Tätigkeit, ihre Freizeit und ihr Beziehungsleben erschwert. Nicht selten führen die Schwierigkeiten zu sozialem Rückzug und zu Depressionen.

Komplikationen

Die Paruresis in unterschiedlicher Ausprägung kommt eigentlich nicht so selten vor und stellt in der Regel auch keine ernste Erkrankung dar. Es sind auch nicht die Auswirkungen des Harnverhaltens auf öffentlichen Toiletten, die zu Komplikationen führen. Denn das Harnverhalten bei der schüchternen Blase betrifft ja nur öffentliche Toiletten, wo sich der Betroffene von anderen beobachtet fühlt. Zu Hause funktioniert die Entleerung der Blase problemlos.

Problematisch bei der Paruresis kann aber die Auswirkung auf die psychische Entwicklung der Betroffenen sein. Meist entwickelt sich eine Paruresis während der Pubertät, wo männliche Jugendliche besonderen Wert auf den Körper und das männliche Verhalten legen. Eine Paruresis kann durch ein Trauma ausgelöst werden. Oder es handelt sich um die Angst, das als männliches Verhalten gewertete Pinkeln im Stehen vor den Blicken anderer nicht leisten zu können und deshalb verspottet zu werden.

Der von Paruresis betroffene männliche Jugendliche vermeidet aus dieser Angst heraus das Benutzen öffentlicher Toiletten, weil er denkt, die anderen bewerten ihn als unmännlich oder gar unnormal. Daraus entwickelt sich oft ein gefährlicher Minderwertigkeitskomplex, welcher das gesamte Leben überschatten kann. In schweren Fällen kommt es zur vollständigen sozialen Isolierung der betroffenen Person, nur um immer zu Hause auf Toilette gehen zu können. Unbehandelt können sich als Spätfolgen Depressionen bis zur Suizidgefahr entwickeln.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Personen, die große Angst davor haben, öffentliche Toiletten zu benutzen, sollten dieses Problem mit einem Psychologen oder Psychotherapeuten besprechen. Wenn eine Paruresis vorliegt, ist grundsätzlich eine Behandlung zu empfehlen, denn die Phobie kann sich negativ auf die Lebensqualität auswirken, wenn der Betroffene beispielsweise im Flugzeug oder im Bus nicht in der Lage ist, auf die Toilette zu gehen. Ein Arztbesuch ist notwendig, wenn das Vermeidungsverhalten im Alltag zu merklichen Einschränkungen führt.

Wer sich aufgrund der Phobie einen Arbeitsplatz in der Nähe der eigenen Wohnung sucht oder auf längere Reisen verzichtet, bei dem liegt womöglich eine behandlungsbedürftige Paruresis vor. Personen, die an den beschriebenen Ängsten leiden, sollten zunächst den Hausarzt aufsuchen. Dieser kann eine erste Verdachtsdiagnose stellen und gegebenenfalls einen Facharzt hinzuziehen. Das Leiden wird im Rahmen einer Verhaltens- oder Gesprächstherapie aufgearbeitet und kann dadurch effektiv therapiert werden. Bei schweren Phobien ist eine stationäre Behandlung in einem Fachzentrum für Angsterkrankungen vonnöten.

Behandlung & Therapie

Das Vermeidungsverhalten ist ein deutliches Anzeichen für die Krankheit und hier setzt auch die Behandlung an. Im Rahmen einer Verhaltenstherapie stellen sich die Betroffenen unter Anleitung eines Experten den belastenden und Angst machenden Situationen.

Dabei wird versucht, den Schwierigkeitsgrad behutsam zu erhöhen: Am Beginn stehen der Besuch einer leeren öffentlichen Toilette und das Urinieren im Sitzen in einer Kabine, das Ende einer erfolgreichen Therapie besteht im Wasserlassen beim Urinal in einer viel frequentierten öffentlichen Toilette. Das Ziel ist Beseitigung der Versagensängste und die Reifung des Bewusstseins, dass es gleichgültig ist, was andere Toilettenbesucher (eventuell) denken.

Ein weiteres – oft zur Begleitung einer Verhaltenstherapie eingesetztes – Mittel sind Entspannungsübungen, die auch zu Hause durchgeführt werden können. Dazu zählen etwa die Progressive Muskelentspannung nach Edmund Jacobson oder das Beckenbodentraining nach Arnold H. Kegel.

Diese helfen, die An- und Entspannung der an der Blasenentleerung beteiligten Schließmuskeln zu trainieren und gezielt einzusetzen. Die Erfolgsaussichten einer Behandlung sind sehr gut und sollten die Betroffenen dazu ermutigen, ihre Scham zu überwinden und sich einem Fachmann anzuvertrauen.

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Vorbeugung

Da in den meisten Fällen ein traumatisches Ereignis die Paruresis ausgelöst hat, ist eine Vorbeugung schwierig. Die weit verbreitete Ansicht, dass ein Mann nur dann ein „echter“ Mann sei, wenn er seine Blase im Stehen entleert, erhöht den Leidensdruck. Stereotype wie diese führen zur Verunsicherung und Gefährdung labiler und auf die Meinung ihrer Mitmenschen bedachter Menschen. Die beste Vorbeugung besteht darin, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und die kursierenden Ansichten darüber, was ein „echter“ Mann beherrschen sollte, nicht wichtig zu nehmen.

Das können Sie selbst tun

Eine Parureris bedarf immer einer Verhaltenstherapie. Die Betroffenen müssen gemeinsam mit einem Therapeuten lernen, öffentliche Toiletten zu benutzen, ohne dabei die typischen Ängste zu empfinden. Dies gelingt durch schrittweises Heranführen. Die Patienten besuchen dann beispielsweise zunächst eine leere öffentliche Toilette, bevor sie schließlich eine stärker frequentierte Toilette aufsuchen und dort langsam an das Wasserlassen gewöhnt werden. Ziel dieser Therapie ist es, etwaige Versagensängste zu beseitigen.

Begleitend zur Therapie bieten sich Entspannungsübungen an. Diese können sowohl unter therapeutischer Aufsicht als auch auch alleine zu Hause durchgeführt werden. Bewährte Methoden sind etwa Progressive Muskelentspannungen oder Beckenbodentraining. Beide Methoden erleichtern die Blasenentleerung und machen die Betroffenen insgesamt ruhiger und entspannter.

Ist eine Therapie nicht möglich, da der Patient beispielsweise an einer stark ausgeprägten Paruresis leidet, der womöglich sogar ein schweres Trauma zugrunde liegt, müssen öffentliche Toiletten gemieden werden. Die wichtigste Maßnahme besteht dann in der Vorbeugung. So sollte vor längeren Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln sichergestellt werden, dass es während der Reise nicht zu Harndrang kommt. Im Zweifelsfall müssen die Betroffenen Erwachsenenwindeln tragen oder Maßnahmen ergreifen, um längere Reisen ohne Zugang zu einer privaten Toilette gänzlich zu vermeiden.

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Morschitzky, H.: Angststörungen – Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer, Wien 2009
  • Möller, H.-J.: Therapie psychischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2006


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