Pestivirus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Gattung Pestivirus umfasst mehrere Viren aus der Familie der Flaviviridae. Diese Viren sind auf Säugetiere spezialisiert. Pestiviren befallen insbesondere Rinder und Schweine und lösen bei diesen schwerwiegende Erkrankungen aus, die teilweise zu beträchtlichem wirtschaftlichen Schaden führen.
Was sind Pestiviren?
Bei Viren der Gattung Pestivirus handelt es sich, wie bei allen Flaviviridae, um einsträngige RNA-Viren. Ihre Virushülle besteht aus den Lipiden ihrer Wirtszelle. Darin wird das Genmaterial des Virus eingelagert. Auch die Vermehrung der Viren erfolgt innerhalb der ursprünglichen Wirtszelle. Zu diesem Zweck lagern sich die Pestiviren zunächst an Zellen des Wirtsorganismus an und durchdringen die Zellmembran. Nach der Duplikation des positivsträngigen viralen RNA-Strangs erfolgt eine Ausknospung des neuen Virus.
Viren der Gattung Pestivirus sind in der Regel unregelmäßig kugelförmig und haben einen Durchmesser von etwa 40 bis 60 nm.
Die internationale Virustaxonomie hat die Arten der Gattung mehrfach neu benannt. Auf die früheren Namen nach den Wirtstieren folgten 2018 Buchstaben, inzwischen gelten wieder zweiteilige lateinische Artnamen. In der Buchstabenreihe galt: Das Virus der Klassischen Schweinepest wird als Pestivirus C geführt, die beiden Typen des Bovinen Virusdiarrhoe-Virus als Pestivirus A und B, das Border-Disease-Virus als Pestivirus D und das Giraffen-Pestivirus als Pestivirus G.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Während in Europa der zur Gattung Pestivirus zählende Erreger der Schweinepest lange Zeit besonders häufig auftrat, sind in anderen Erdteilen Viren, die Rinder befallen, weiter verbreitet. Besonders problematisch sind diese Erreger in Australien, wo es immer wieder zu großen wirtschaftlichen Schäden durch eine starke Verbreitung von Pestiviren kommt. Auf Afrika beschränkt ist ein Erreger der Gattung Pestivirus, der bevorzugt Giraffen befällt.
Mit der Schweinepest ist dabei die Klassische Schweinepest gemeint; die seit einigen Jahren in Europa auftretende Afrikanische Schweinepest wird dagegen von einem Virus einer ganz anderen Familie verursacht und zählt nicht zu den Pestiviren. Von der Klassischen Schweinepest gelten die Hausschweinebestände in weiten Teilen Europas nach jahrzehntelangen Bekämpfungsprogrammen heute als frei; wirtschaftlich am bedeutsamsten ist hier inzwischen die Bovine Virusdiarrhoe der Rinder.
Pestiviren sind nach heutigem Kenntnisstand für den Menschen nicht krankheitserregend; Erkrankungen durch den Verzehr von Fleisch infizierter Tiere sind nicht bekannt. Fleisch erkrankter Tiere darf dennoch nicht in den Handel gelangen, weil solche Tiere häufig zusätzlich mit anderen Erregern belastet sind.
Krankheiten & Beschwerden
Besonders problematisch ist eine Infektion mit einem Virus der Gattung Pestivirus, wenn zu diesem Zeitpunkt eine Trächtigkeit vorliegt. In diesem Fall kann es zu Fehl- oder Totgeburten kommen. Bei Lebendgeburten sind Missbildungen der Jungtiere und ein frühzeitiges Verenden möglich. Außerdem kann eine Infektion mit Pestiviren bei den betroffenen Tieren eine dauerhafte Unfruchtbarkeit bewirken. Sichtbare Symptome sind in diesem Fall lediglich leichte Anzeichen wie niedriges Fieber und Rötungen der Schleimhäute.
Bei Tieren, die sich erst nach der Geburt anstecken, heilt die Infektion in der Regel aus; die dauerhaft ausscheidenden Tiere gehen dagegen fast immer auf eine Ansteckung vor der Geburt zurück. Neben dem direkten Schaden durch die Unfruchtbarkeit stellen diese Tiere durch fortgesetztes Ausscheiden der Krankheitserreger auch eine dauerhafte Gefahr für den übrigen Bestand dar. Bei älteren und robusten Tieren kann es gelegentlich aber auch zur völligen Genesung kommen.
Zu den Viren der Gattung Pestivirus zählen insbesondere der Erreger der Schweinepest und das Bovine Virusdiarrhoe-Virus. Auch die Border Disease, die bei Schafen auftreten kann und nach dem englisch-walisischen Grenzgebiet benannt ist, wo sie 1959 zuerst beschrieben wurde, zählt zu den durch Viren der Gattung Pestivirus hervorgerufenen Erkrankungen.
Je nach Tierart und Virus treten unterschiedliche Symptome und Folgen in den Vordergrund. Während die Schweinepest meist tödlich verläuft, treten bei Rindern und vor allem bei Schafen hauptsächlich Probleme mit der Trächtigkeit und der Fruchtbarkeit auf. Für einige dieser Tierseuchen sind inzwischen Impfungen erhältlich. Diese sind aber nicht in allen Ländern zugelassen, da bei Blutuntersuchungen lange Zeit keine Unterscheidung zwischen geimpften und infizierten Tieren möglich war. Inzwischen stehen für die Klassische Schweinepest sogenannte Markerimpfstoffe zur Verfügung, bei denen sich geimpfte und infizierte Tiere im Labor auseinanderhalten lassen. In der Regel erfolgt die Prophylaxe bei Nutztieren dennoch überwiegend durch strikte Kontrolle der Tierbestände, Separierung von Neuzugängen und das Aussondern erkrankter Tiere. Für die Bovine Virusdiarrhoe gilt in Deutschland seit 2011 eine bundesweite Bekämpfungspflicht: Alle neugeborenen Kälber werden auf das Virus untersucht, dauerhaft infizierte Tiere werden aus dem Bestand entfernt; die Zahl der betroffenen Betriebe ist dadurch stark zurückgegangen. Bei Stallhaltung kann der Einsatz von Desinfektionsmitteln die Ausbreitung von Viren der Gattung Pestivirus verhindern, da sie dadurch in einen inaktiven Zustand versetzt werden.
Bei einer Infektion mit Pestiviren ist bislang keine Therapie der eigentlichen Erkrankung bekannt, es können lediglich Sekundärinfektionen behandelt werden. Um den noch gesunden Tierbestand nicht zu gefährden, werden bei der Klassischen Schweinepest die betroffenen Bestände gekeult, zusätzlich die Bestände innerhalb eines festgelegten Radius um den Seuchenherd. Bei der Bovinen Virusdiarrhoe richtet sich das Vorgehen dagegen gezielt gegen die dauerhaft infizierten Tiere.
Um eine ungehinderte Ausbreitung von Erkrankungen, die durch Viren der Gattung Pestivirus hervorgerufen werden, zu verhindern und rechtzeitig erfolgreiche Maßnahmen zur Bekämpfung ergreifen zu können, ist ein Ausbruch einer dieser Seuchen in vielen Ländern meldepflichtig. Die zuständigen Behörden entscheiden dann über die notwendigen Maßnahmen, organisieren gegebenenfalls die Keulung der betroffenen Bestände und nehmen gründliche Untersuchungen vor, bevor an dem jeweiligen Standort wieder erneut Tiere gehalten werden können. Die wirtschaftlichen Schäden sind deshalb bei einem Auftreten von Infektionen mit Pestiviren meist sehr groß.
Stellung innerhalb der Flaviviridae
Die Familie der Flaviviridae gliedert sich in mehrere Gattungen. Neben den Pestiviren gehören dazu die Flaviviren, unter denen sich viele durch Stechmücken und Zecken übertragene Erreger des Menschen finden, sowie die Hepaciviren mit dem Hepatitis-C-Virus. Die Pestiviren nehmen in dieser Verwandtschaft eine Sonderstellung ein: Sie befallen fast ausschließlich Paarhufer und werden nicht durch blutsaugende Insekten weitergegeben, sondern unmittelbar von Tier zu Tier. Ihre nächsten Verwandten unter den Erregern des Menschen sind nicht die durch Mücken übertragenen Flaviviren, sondern die Hepaciviren.
Der gemeinsame Bauplan der Familie zeigt sich im Aufbau des Erbguts. Der RNA-Strang wird in einem Zug zu einem einzigen langen Eiweiß abgelesen, das anschließend durch Enzyme in die Bausteine des Viruspartikels und in die Werkzeuge der Vermehrung zerlegt wird. Zwei Eigenheiten unterscheiden die Pestiviren dabei von allen übrigen Flaviviridae. Zum einen tragen sie in ihrer Hülle ein zusätzliches Eiweiß, das die Fähigkeit besitzt, RNA zu zerschneiden; damit beseitigen die Viren offenbar Bruchstücke, an denen das Immunsystem des Wirtstieres eine Infektion sonst erkennen würde. Zum anderen besitzen sie ein Eiweiß, das gleich zu Beginn der Infektion die Bildung von Interferon unterdrückt, jenes Botenstoffs, mit dem Zellen ihre Nachbarn vor einer Virusinfektion warnen. Beide Eigenschaften erklären, warum sich Pestiviren im Wirtstier so wirkungsvoll der Abwehr entziehen können.
Die 2018 eingeführte Benennung der Arten mit Buchstaben ist seither erweitert worden. Beschrieben wurden unter anderem Pestiviren bei Schafen und Ziegen außerhalb Europas sowie ein Erreger, der bei neugeborenen Ferkeln ein anhaltendes Zittern hervorruft und in dieser Reihe als Pestivirus K geführt wird.
Zwei Biotypen desselben Virus
Die im Abschnitt zu den Krankheitszeichen erwähnte Beobachtung, dass die befallenen Zellen nicht in jedem Fall zerstört werden, hat einen Namen: Von jedem Bovinen Virusdiarrhoe-Virus gibt es zwei Erscheinungsformen, die als Biotypen bezeichnet werden. Der nicht zerstörende Biotyp vermehrt sich in der Zellkultur, ohne dass die Zellen zugrunde gehen. Der zerstörende Biotyp lässt die befallenen Zellen absterben.
Beide Formen sind nicht verschiedene Arten, sondern gehen auseinander hervor: Der zerstörende Biotyp entsteht aus dem nicht zerstörenden durch Veränderungen im Erbgut, häufig dadurch, dass ein Stück Erbgut des Wirtstieres eingebaut wird oder Abschnitte des Virusgenoms verdoppelt werden. Die Folge ist, dass ein bestimmtes virales Schneidewerkzeug ungebremst arbeitet. In der Natur kommt fast ausschließlich der nicht zerstörende Biotyp vor; gerade er ist für die Seuchenlage entscheidend, denn nur er kann dauerhafte Infektionen begründen.
Dauerhaft infizierte Tiere
Der Schlüssel zum Verständnis der Bovinen Virusdiarrhoe liegt in einer Besonderheit des ungeborenen Kalbes. Steckt sich ein Muttertier, das noch nie Kontakt mit dem Virus hatte, in einem frühen Abschnitt der Trächtigkeit mit dem nicht zerstörenden Biotyp an, so gelangt das Virus über die Nachgeburt zum Fötus, dessen Abwehr noch nicht vollständig ausgebildet ist. Der heranwachsende Organismus stuft das Virus daraufhin nicht als fremd, sondern als körpereigen ein. Er bildet keine Antikörper dagegen und wird das Virus zeitlebens nicht mehr los.
Solche Tiere kommen häufig äußerlich unauffällig zur Welt. Manche bleiben klein und anfällig, andere entwickeln sich zunächst normal und werden in der Herde nicht bemerkt. Sie scheiden das Virus jedoch fortlaufend und in großen Mengen mit Nasensekret, Speichel, Harn, Kot, Milch und Samen aus. Ein einziges solches Tier genügt, um einen ganzen Bestand zu durchseuchen. Weil es keine Antikörper bildet, fällt es bei den üblichen Blutuntersuchungen auf Antikörper gerade nicht auf – ein Umstand, der die Bekämpfung lange erschwert hat.
Aus dieser Einsicht ergibt sich der Aufbau der heutigen Bekämpfungsprogramme: Nicht die erkrankten, sondern die unauffälligen Dauerausscheider sind das eigentliche Ziel. Sie werden gesucht, indem bei jedem neugeborenen Kalb das Virus selbst nachgewiesen wird, und anschließend aus dem Bestand entfernt. Steckt sich ein Muttertier dagegen erst in einem späteren Abschnitt der Trächtigkeit an, hat der Fötus bereits eine eigene Abwehr und kommt entweder gesund oder mit Missbildungen, aber mit Antikörpern zur Welt.
Mucosal Disease
Für dauerhaft infizierte Rinder besteht eine besondere Gefahr, die für kein anderes Tier des Bestandes gilt. Wandelt sich das in ihnen lebende Virus in den zerstörenden Biotyp um, oder stecken sie sich zusätzlich mit einem eng verwandten zerstörenden Stamm an, entsteht ein Krankheitsbild, das nach dem englischen Ausdruck für Schleimhaut als Mucosal Disease bezeichnet wird. Weil die Abwehr des Tieres dieses Virus von Geburt an als körpereigen behandelt, kann sie ihm nichts entgegensetzen.
Kennzeichnend sind ausgedehnte Geschwüre an den Schleimhäuten von Maul und Verdauungstrakt, starker, oft blutiger Durchfall, hohes Fieber und rasche Abmagerung; auch die Klauen können betroffen sein. Die Erkrankung tritt meist bei Jungtieren auf und endet nahezu immer tödlich. Für die Bestandsbetreuung ist sie ein wichtiges Warnzeichen, denn sie belegt, dass in der Herde dauerhaft infizierte Tiere vorhanden sind.
Nachweis
Bei den Pestivirusinfektionen laufen zwei Untersuchungswege nebeneinander her, deren Aussage sich unterscheidet. Der Nachweis von Antikörpern zeigt an, dass ein Tier Kontakt zum Virus hatte oder geimpft wurde; er eignet sich, um den Durchseuchungsgrad einer Herde einzuschätzen, und wird auch an Sammelmilchproben durchgeführt. Der Nachweis des Virus selbst oder seiner Bestandteile zeigt dagegen an, dass ein Tier den Erreger gerade in sich trägt.
Für die Suche nach dauerhaft infizierten Rindern wird üblicherweise bei der Kennzeichnung des neugeborenen Kalbes eine kleine Gewebeprobe aus dem Ohr gewonnen und darin ein Bestandteil des Virus nachgewiesen; ergänzend oder alternativ kommt der Nachweis des Viruserbguts mittels Polymerase-Kettenreaktion zum Einsatz, der sich auch an zusammengefassten Proben mehrerer Tiere durchführen lässt. Ein einzelner positiver Befund genügt allerdings nicht: Auch ein vorübergehend infiziertes Tier ist zeitweise positiv. Erst eine zweite Untersuchung nach einigen Wochen unterscheidet die dauerhafte von der vorübergehenden Infektion. Bei jungen Kälbern ist zudem zu berücksichtigen, dass die mit der ersten Muttermilch aufgenommenen Antikörper des Muttertieres die Antikörperuntersuchung verfälschen können.
Widerstandsfähigkeit und ein Problem der Laboratorien
Die Fetthülle macht Pestiviren empfindlich gegenüber fettlösenden Stoffen, Seifen und den gebräuchlichen Desinfektionsmitteln; auch Erhitzen und Austrocknen zerstören sie. In feuchter Umgebung, in Kälte und geschützt durch eiweißreiches Material wie Kot, Schleim oder Blut überdauern sie dagegen erheblich länger, weshalb Ställe, Gerätschaften, Fahrzeuge und Kleidung eine Rolle bei der Verschleppung spielen können.
Eine Eigenheit hat den Pestiviren über die Tierhaltung hinaus Bedeutung verschafft. Für die Anzucht von Zellen im Labor wird üblicherweise Blutserum von Kälbern verwendet. Stammt es von dauerhaft infizierten Tieren, enthält es Pestiviren, ohne dass die Zellen erkennbar Schaden nehmen, denn der in der Natur vorherrschende Biotyp zerstört sie ja nicht. Zahlreiche Zellkulturen und daraus hergestellte Erzeugnisse, darunter auch Impfstoffe für Tiere, waren auf diesem Weg unbemerkt verunreinigt. Seither gehört die Prüfung auf Pestiviren zu den Standarduntersuchungen von Zellkulturmaterial.
Wildtiere und rechtliche Einordnung
Pestiviren sind nicht auf Nutztiere beschränkt. Beim Erreger der Klassischen Schweinepest bildet das Schwarzwild in Europa ein eigenständiges Reservoir, aus dem heraus Hausschweinebestände immer wieder angesteckt werden können; die Bekämpfung schließt deshalb die Überwachung der Wildbestände ein. Auch bei wild lebenden Wiederkäuern wie Rehen und Hirschen sind Pestiviren nachgewiesen worden. Zwischen Schafen und Rindern können die Erreger die Wirtsart wechseln: Das Border-Disease-Virus der Schafe ist gelegentlich bei Rindern gefunden worden und umgekehrt, was bei gemeinsamer Weidehaltung zu berücksichtigen ist.
Rechtlich sind die von Pestiviren verursachten Seuchen in Deutschland unterschiedlich eingestuft. Die Klassische Schweinepest zählt zu den anzeigepflichtigen Tierseuchen; jeder Verdacht ist der zuständigen Behörde unverzüglich mitzuteilen, und die Maßnahmen bis hin zu Sperrbezirken sind gesetzlich vorgegeben. Auch die Bovine Virusdiarrhoe ist mit der Einführung der bundesweiten Bekämpfung in diese Gruppe aufgenommen worden. Für den Handel mit Tieren hat das erhebliche Folgen: Rinder dürfen in der Regel nur mit einem Nachweis abgegeben werden, dass sie nicht dauerhaft infiziert sind.
Quellen
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