Point-of-Care-Testing
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Point-of-Care-Testing
Unter dem Point-of-Care-Testing werden diagnostische Untersuchungen zusammengefasst, die außerhalb eines Labors stattfinden. Viele davon lassen sich vom Patienten oder von einem niedergelassenen Arzt durchführen. Die Spezifität und die Sensitivität von Point-of-Care-Testing sind verglichen mit der Labordiagnostik aber geringer.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist Point-of-Care-Testing?
Unter dem Begriff des Point-of-Care-Testing versteht die Medizin patientennahe Labordiagnostik. Dazu zählen alle diagnostischen Untersuchungen, die statt in einem Zentrallabor direkt im Krankenhaus, in der Apotheke oder in der Praxis eines niedergelassenen Arztes durchgeführt werden. In Notfällen kann Point-of-Care-Testing sogar in der Wohnung des Patienten stattfinden. Für manche diagnostischen Untersuchungen des Point-of-Care-Testing ist die Durchführung sogar durch den Patienten angedacht.
Ein Beispiel dafür ist der Schwangerschaftstest. Auch die Messung des Blutzuckers, wie Diabetiker sie regelmäßig vornehmen, wird vom Patienten eigenständig vorgenommen. Teilweise werden synonym zum Point-of-Care-Testing die Begriffe des Vor-Ort-Tests oder Schnelltests verwendet. Eine vollkommen einheitliche Definition der einzelnen Begriffe gibt es bislang nicht. Letztlich ist daher auch der Begriff des Point-of-Care-Testing bislang ein eher offener und schwammiger Begriff.
Der englische Ausdruck bedeutet wörtlich „Testen am Ort der Versorgung“. Im deutschsprachigen Raum stehen daneben Bezeichnungen wie patientennahe Sofortdiagnostik oder Vor-Ort-Diagnostik, im Krankenhaus auch der Ausdruck Bettseitentest. Gemeint ist stets dasselbe Grundprinzip: Die Untersuchung kommt zum Patienten, statt dass die Probe zum Untersucher gebracht wird. Damit ist zugleich gesagt, was das Verfahren nicht leistet — ein Schnelltest liefert einen Messwert oder ein Ja-Nein-Ergebnis; ob dieses Ergebnis zum Beschwerdebild passt und was daraus folgt, ist eine davon getrennte Frage.
Technisch beruhen die meisten dieser Verfahren auf einem von zwei Prinzipien. Bei der Trockenchemie sind die Reagenzien in getrockneter Form auf ein Trägerfeld aufgebracht. Sie lösen sich, sobald die Probe aufgetragen wird, und rufen eine Farbreaktion hervor, deren Stärke entweder mit einer aufgedruckten Farbskala verglichen oder von einem Gerät gemessen wird; so arbeiten die klassischen Harnteststreifen. Das zweite Prinzip ist der immunchromatographische Streifentest. Bei ihm wandert die Flüssigkeit an einer Membran entlang und nimmt dabei markierte Antikörper mit, die den gesuchten Stoff binden. In einer schmalen Zone der Membran sitzen weitere Antikörper, die diesen Verbund festhalten — dort sammelt sich die Markierung an, und es erscheint der bekannte Strich. Eine zweite Linie belegt, dass die Flüssigkeit die Membran vollständig durchlaufen hat. Bleibt sie aus, ist der Test ungültig, gleichgültig, was in der Ergebniszone zu sehen ist.
Ebenso unterschiedlich sind die Geräte. Am einen Ende stehen Streifen, die ganz ohne Gerät auskommen und mit bloßem Auge abgelesen werden. Daneben gibt es kleine Handmessgeräte, wie sie zur Messung des Blutzuckers verbreitet sind, sowie Tischgeräte, die eine Einmalkassette einlesen und mehrere Werte zugleich bestimmen. Am anderen Ende stehen Analysegeräte in Notaufnahmen und auf Intensivstationen, die einem Laborgerät nahekommen, aber unmittelbar am Ort der Behandlung stehen. Allen gemeinsam ist, dass die Probe nicht aufbereitet werden muss: Gemessen wird in der Regel aus Vollblut, ohne dass es zuvor zentrifugiert und getrennt werden müsste — und gerade dieser Arbeitsschritt macht im Labor einen beträchtlichen Teil der Wartezeit aus.
Auch das Probenmaterial unterscheidet sich vom Laborweg. Für die meisten Handmessgeräte genügt ein Tropfen Kapillarblut aus der Fingerbeere oder aus dem Ohrläppchen, für die Blutgasanalyse wird dagegen arterielles oder arterialisiertes Blut benötigt. Kapillarblut ist dabei kein Ersatz für venöses Blut: Bei einzelnen Messgrößen weichen die Werte aus beiden Gewinnungsarten voneinander ab, weshalb der zugehörige Bezugsbereich immer zur Gewinnungsart gehört und mit angegeben wird.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die Reagenzien der Tests sind einsatzbereit; vielfach kommen Teststreifen oder Messgeräte für den einmaligen Gebrauch zum Einsatz. Um viele dieser Tests durchzuführen, ist kein medizinisches Fachwissen notwendig. Das heißt, der Patient kann die Untersuchungen auch eigenständig erledigen und richtet sich dabei in der Regel nach der Packungsbeilage aus. Die Ergebnisse der Untersuchung sind rasch verfügbar. Aus den unmittelbar vorliegenden Ergebnissen lässt sich somit in kürzester Zeit eine diagnostische Konsequenz ziehen. Schwangerschaftstests sind mit die bekanntesten Beispiele für Point-of-Care-Testing. Die Testsubstanz ist bei diesem Diagnoseverfahren der Urin. In der Regel wird die Untersuchung des Morgenurins empfohlen.
Der Teststreifen des Schnelltests misst die Konzentration von hCG. Dabei handelt es sich um ein Schwangerschaftshormon. Wenn dieses Hormon in einer bestimmten Konzentration vorliegt, zeigt der Vor-Ort-Test ein positives Ergebnis an. Mittlerweile gibt es verschiedene Varianten des Schwangerschaftstests. Entweder verfärbt sich der Teststreifen ab einer bestimmten Konzentration des Schwangerschaftshormons in eine auf der Packungsbeilage angegebene Farbe und deutet so ein positives Ergebnis an oder ein Display an dem Messgerät setzt die Anwenderin über das Testergebnis in Kenntnis. Eventuell erscheinen auch bestimmte Symbole, um ein positives Ergebnis zu verdeutlichen. Anders als bei Schwangerschaftstests ist bei Blutzuckermessungen das Blut die untersuchungsrelevante Körperflüssigkeit.
Mit einer Stechhilfe sticht sich der Anwender in den Finger. In das Messgerät legt er einen Teststreifen ein, der das Blut aus der Stichwunde aufnimmt und daraus die Zuckerwerte ermittelt. Die Ergebnisse liegen beim Point-of-Care-Testing unmittelbar vor. Die meisten Tests dieses Bereichs liefern innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis, während im Labor eine halbe Ewigkeit verstreichen kann, bis dem Patienten Ergebnisse vorliegen. Die schnelle Verfügbarkeit ist so eine der größten Stärken des methodischen Diagnoseverfahrens. Gerade die Blutzuckermessung von Diabetikern darf zum Beispiel nicht viel Zeit in Anspruch nehmen, um noch sinnvoll zu sein.
Auch auf Intensivstationen, bei der Anästhesie oder in der Dialyse ist der Zeitvorteil der Schnelltests wichtig, da hier schnelle Entscheidungen auf Basis von Untersuchungswerten getroffen werden müssen. Hier werden vor allem Blutgasanalysen und Schnelltests auf bestimmte Krankheitserreger angewandt, aber auch Gerinnungswerte oder Nierenfunktionswerte werden in den genannten Bereichen oft über Schnelltests ermittelt, die eine schnelle Reaktion auf etwaige Testergebnisse zulassen. Neben der Wartezeit entfällt beim Point-of-Care-Testing ebenso viel Aufwand, denn die Teststreifen und Testgeräte sind benutzerfreundlich und hoch automatisiert gestaltet.
Das Spektrum der verfügbaren Tests reicht weit über Blutzucker und Schwangerschaft hinaus. In der Notaufnahme und im Rettungsdienst gehören dazu Marker einer Schädigung des Herzmuskels wie das Troponin, das bei Verdacht auf einen Herzinfarkt bestimmt wird, ferner das Hämoglobin zur Abschätzung eines Blutverlusts sowie Elektrolyte und Werte des Säure-Basen-Haushalts aus der Blutgasanalyse. In der Praxis niedergelassener Ärzte ist der Nachweis des C-reaktiven Proteins verbreitet, eines Entzündungswerts, der unter anderem mit dem Ziel eingesetzt wird, bei Infekten der Atemwege besser einschätzen zu können, ob eine bakterielle Ursache im Spiel ist. Hinzu kommen Schnelltests auf Streptokokken bei Halsschmerzen sowie auf Influenza und andere Erreger von Atemwegsinfekten.
Über die Praxis und die Klinik hinaus wird patientennahe Diagnostik an weiteren Orten genutzt. Beim Hausbesuch und in Pflegeeinrichtungen erspart sie den Weg über ein Labor und erlaubt es, den Zustand eines Bewohners vor Ort einzuordnen, statt ihn zur Abklärung zu verlegen. Der arbeitsmedizinische Dienst greift auf Schnelltests zurück, Blutspendedienste bestimmen vor der Spende den Blutfarbstoff, und bei Verdacht auf eine Vergiftung oder auf die Einnahme berauschender Mittel liefern Schnelltests aus Urin oder Speichel einen ersten Anhalt. In all diesen Fällen gilt dieselbe Einschränkung: Ein auffälliges Ergebnis ist ein Hinweis, der weiteres Vorgehen begründet, und keine abschließende Feststellung.
Auf der Seite der Selbstanwendung ist neben der Blutzuckermessung die Bestimmung der Gerinnungswerte hervorzuheben. Wer dauerhaft ein gerinnungshemmendes Mittel wie Marcumar einnimmt, kann den zugehörigen Wert nach einer Schulung selbst messen und die Einnahme in Absprache mit der behandelnden Praxis danach ausrichten. Verbreitet sind ferner Teststreifen zur Urinuntersuchung, Tests auf verborgenes Blut im Stuhl im Rahmen der Früherkennung von Darmkrebs, Tests zur Eingrenzung des Zeitpunkts des Eisprungs und Selbsttests auf Infektionen. In Regionen mit geringer Laborinfrastruktur wiegt der Nutzen noch schwerer: Der Nachweis von Malaria oder von Antikörpern gegen HIV wird dort häufig überhaupt nur über Schnelltests geführt, weil ein Zentrallabor nicht in erreichbarer Nähe liegt.
Der eigentliche Gewinn liegt dabei weniger in der Dauer der Messung selbst als in der Zeit bis zur Entscheidung. Im Laborbetrieb entfällt ein großer Teil der Wartezeit nicht auf die Analyse, sondern auf Transport, Annahme, Vorbereitung der Probe und die Rückmeldung des Befundes — und genau diese Kette fällt beim Point-of-Care-Testing weg. Sinnvoll ist ein Schnelltest deshalb vor allem dort, wo aus dem Ergebnis unmittelbar eine Handlung folgt, wo also in den nächsten Minuten etwas anders gemacht wird als ohne den Test. Führt das Ergebnis ohnehin erst am nächsten Tag zu einer Entscheidung, bringt die Beschleunigung nichts; dann ist die aufwendigere, aber genauere Bestimmung im Labor im Vorteil.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Speziell Point-of-Care-Testing für die Anwendung zuhause bringt oft fehlerhafte Ergebnisse hervor, so zum Beispiel wenn der Anwender nicht nach Packungsbeilage vorgeht. Auch die Spezifität, also die Fähigkeit, Gesunde zuverlässig als gesund zu erkennen, ist geringer als die anderer Methoden. Der Probendurchsatz von Point-of-Care-Testing ist zudem weitaus geringer als der von Labormethoden. Aus diesen Gründen reicht ein Schwangerschaftstest zum Beispiel nicht zur zweifelsfreien Diagnose einer Schwangerschaft aus. Anwenderinnen wird in der Regel eine zusätzliche Abklärung in einer Arztpraxis angeraten.
Das Point-of-Care-Testing kann außerdem nicht jede Art von Wert ermitteln. Eine umfangreiche Diagnose ist über diese Methoden also überhaupt nicht möglich. Gäbe es nur Point-of-Care-Testing, dann wäre die Rate von Fehldiagnosen deutlich höher, als sie es gegenwärtig ist. Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte stimmen ihre Labordiagnostik und ihre Schnelltests heute aber so aufeinander ab, dass die Vorteile beider Methoden einander harmonisch ergänzen.
Ein erheblicher Teil der fehlerhaften Ergebnisse entsteht dabei nicht im Gerät, sondern schon bei der Gewinnung der Probe. Wird die Fingerkuppe kräftig ausgedrückt, mischt sich Gewebeflüssigkeit unter das Blut und verschiebt den Wert; eine feuchte oder eingecremte Haut wirkt ähnlich. Teststreifen reagieren empfindlich auf Wärme, Feuchtigkeit und Licht, weshalb das Röhrchen sofort wieder verschlossen gehört, und ein überschrittenes Verfallsdatum macht ein Ergebnis wertlos. Auch die Menge der aufgetragenen Probe ist vorgegeben: Ist der Tropfen zu klein oder wird nachträglich nachgetropft, zeigt das Gerät zwar einen Wert an, der aber nicht belastbar ist. Bei Streifentests ist zusätzlich ein Ablesefenster vorgegeben: Wird zu früh oder erst lange nach dessen Ablauf abgelesen, kann eine schwache Linie übersehen oder eine nachträglich auftretende Verfärbung fälschlich als Ergebnis gewertet werden.
Hinzu kommen Störgrößen, die dem Anwender nicht auffallen. Der Anteil der Blutzellen am Gesamtblut, der Hämatokrit, ferner eine Sauerstoffzufuhr, hohe Konzentrationen bestimmter Medikamente oder auch Vitamine können je nach Messverfahren das Ergebnis in die eine oder andere Richtung verschieben. Welche Störgrößen für ein bestimmtes Gerät gelten, steht in dessen Begleitunterlagen; sie zu kennen, gehört zur sachgerechten Anwendung. Aus demselben Grund lassen sich Werte, die mit verschiedenen Geräten gewonnen wurden, nicht ohne Weiteres nebeneinanderstellen — für die Beobachtung eines Verlaufs wird deshalb möglichst bei einem Verfahren geblieben.
Für den Einsatz in Praxen, Apotheken und Kliniken gelten daher Anforderungen an die Qualitätssicherung. Die Geräte werden in festgelegten Abständen mit Kontrollproben überprüft, deren Sollwert bekannt ist; die Ergebnisse werden festgehalten, und Abweichungen führen dazu, dass das Gerät bis zur Klärung nicht weiterverwendet wird. Wer misst, wird zuvor eingewiesen. Ein weiterer, oft unterschätzter Punkt ist die Übertragung der Werte: Ergebnisse, die nur auf einem Zettel notiert und nicht in die Krankenakte übernommen werden, gehen dem weiteren Behandlungsverlauf verloren, und dieselbe Bestimmung wird womöglich kurz darauf ein zweites Mal veranlasst. Wirtschaftlich ist zudem zu bedenken, dass die einzelne Bestimmung am Ort der Versorgung meist teurer ausfällt als dieselbe Bestimmung im Labor, wo viele Proben in einem Durchgang bearbeitet werden.
Für die Deutung eines Ergebnisses ist schließlich entscheidend, in welcher Lage überhaupt getestet wurde. Je unwahrscheinlicher die gesuchte Erkrankung im Einzelfall ist, desto größer ist der Anteil der positiven Ergebnisse, hinter denen in Wirklichkeit keine Erkrankung steht — bei einer Reihenuntersuchung ohne konkreten Verdacht wiegt das schwerer als bei der gezielten Abklärung eines begründeten Verdachts. Umgekehrt schließt ein negatives Ergebnis eine Erkrankung nicht in jedem Fall aus, insbesondere dann nicht, wenn zu früh getestet wurde: Manche Marker sind in den ersten Stunden oder Tagen noch nicht nachweisbar. Aus diesen Gründen bleibt bei Selbsttests auf ernsthafte Erkrankungen die Abklärung in einer Arztpraxis der Regelfall, und ein Schnelltest ersetzt weder die Untersuchung noch das Gespräch, aus dem sich erst ergibt, wonach überhaupt gesucht werden sollte.
Quellen
- Neumeister, B., Böhm, B. O. (Hrsg.): Klinikleitfaden Labordiagnostik.
ISBN: 9783437222351
- Dörner, K., Kohse, K. P. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Klinische Chemie und Hämatologie.
ISBN: 9783132402812
- Thomas, L.: Labor und Diagnose.
ISBN: 9783981620801
- Renz, H. (Hrsg.): Praktische Labordiagnostik.
ISBN: 9783111328195
- Hallbach, J.: Klinische Chemie und Hämatologie.
ISBN: 9783132457225
